{"id":10017,"date":"2022-07-04T08:00:51","date_gmt":"2022-07-04T06:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=10017"},"modified":"2022-09-20T15:41:52","modified_gmt":"2022-09-20T13:41:52","slug":"beethovens-korrekturlisten-eine-rare-quellensorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/07\/04\/beethovens-korrekturlisten-eine-rare-quellensorte\/","title":{"rendered":"Beethovens Korrekturlisten \u2013 eine rare Quellensorte"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_10018\" style=\"width: 234px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/beethoven_bunt.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10018\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10018\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/beethoven_bunt.jpg\" alt=\"\" width=\"224\" height=\"269\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/beethoven_bunt.jpg 915w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/beethoven_bunt-250x300.jpg 250w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/beethoven_bunt-852x1024.jpg 852w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/beethoven_bunt-768x923.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10018\" class=\"wp-caption-text\">Ludwig van Beethoven (1770\u20131827)<\/p><\/div>\n<p>Unter den im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Dorfm%C3%BCller\/Gertsch\/Ronge%3A+Ludwig+van+Beethoven_2207\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beethoven-Werkverzeichnis<\/a> gelisteten Quellen zu seinen Kompositionen findet sich gelegentlich ein Abschnitt \u00fcber eine rare, aber nichtsdestotrotz f\u00fcr jede Edition informative Quellensorte: seine Korrekturverzeichnisse oder Korrekturhinweise, die sich meist in Briefen an Verlage oder Vermittler finden. Ein kleiner kursorischer \u00dcberflug.<!--more--><\/p>\n<p>Korrekturverzeichnisse erscheinen in der chronologischen Reihe der zu einer Komposition entstandenen Quellen erst relativ sp\u00e4t. Die uns heute \u00fcberlieferten Dokumente, in denen Beethoven Korrekturen mitteilte, stehen fast ausschlie\u00dflich im Zusammenhang mit der Drucklegung von Werken, an denen die sch\u00f6pferische Arbeit abgeschlossen war. Es handelt sich bei diesen Verzeichnissen im Wesentlichen um die Ergebnisse handwerklicher Arbeit, der T\u00e4tigkeit des Korrekturlesens. In den seltensten F\u00e4llen griff Beethoven an dieser Stelle noch einmal signifikant sch\u00f6pferisch in seine Komposition ein \u2013 und doch geschah dies gelegentlich, wie etwa im Fall der Hammerklaviersonate: Als die Manuskripte zu dieser Sonate bereits nach Leipzig und London zur Drucklegung abgeschickt waren, entschloss sich Beethoven, dem langsamen Satz die ber\u00fchrende, in Ihrer Einfachheit kaum zu \u00fcberbietende eintaktige Einleitung\/\u00dcberleitung voranzustellen. In einem Brief an seinen ehemaligen Sch\u00fcler Ferdinand Ries, der in London die Drucklegung begleitete, schreibt Beethoven im Juni 1819:<\/p>\n<p>\u201eHier lieber R. die t[e]mpos der sonate [\u2026] 3-tes St\u00fcck M. Metronom <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Achtel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-10028\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Achtel.jpg\" alt=\"\" width=\"30\" height=\"27\" \/><\/a>= 92 | hiebey ist zu bemerken, da\u00df der erste Takt noch mu\u00df eingeschaltet werden nemlich: <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp1_.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-10038\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp1_.jpg\" alt=\"\" width=\"368\" height=\"149\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp1_.jpg 1270w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp1_-300x121.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp1_-1024x414.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp1_-768x311.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 368px) 100vw, 368px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0* * *<\/p>\n<p>Als Beethoven um die Wende zum 19. Jahrhundert herum begann, seine Werke nicht nur an Wiener Verleger \u2013 sozusagen vor seiner Haust\u00fcre \u2013 zu verkaufen, stellte er schnell fest, dass die r\u00e4umliche Distanz nach Leipzig, Bonn, Z\u00fcrich, Berlin oder London seine eigenen Schwierigkeiten mit sich brachte. Denn w\u00e4hrend er in Wien die Verleger ohne gro\u00dfen Aufwand aufsuchen und zum Teil vor Ort, zum Teil in seiner eigenen Wohnung die vorbereiteten Notenstiche und Notenfahnen mehrfach Korrektur lesen konnte, weigerten sich die Abnehmer in anderen St\u00e4dten Europas h\u00e4ufig, durch ein Hin- und Hersenden von Vorabdrucken die Ver\u00f6ffentlichung zum Teil um Monate zu verz\u00f6gern. Man ging wohl bewusst das Risiko ein, dass hier und da im Notentext nicht alles perfekt wiedergegeben war. Auch behalf man sich zum Teil vor Ort damit, erfahrene Musiker die Korrekturlesung vornehmen zu lassen bzw. fatalerweise den Notentext zu \u201eentsch\u00e4rfen\u201c, wo er \u2013 was bei Beethoven bekanntlich des \u00d6fteren der Fall war \u2013 etwas \u201ebizarr\u201c daherkam.<\/p>\n<p>Korrekturlisten sind uns daher vor allem aus der Zeit nach 1800 \u00fcberliefert, mit einer einzigen Ausnahme: Im Juni\/Juli 1793 hatte Beethoven offensichtlich in Eisenstadt, also au\u00dferhalb Wiens, Vorabz\u00fcge seiner Variationen \u00fcber \u201eSe vuol ballare\u201c aus Mozarts \u201eFigaro\u201c f\u00fcr Violine und Klavier WoO 40 zur Korrektur erhalten. Er schrieb an einen nicht weiter identifizierbaren Mitarbeiter des Verlags Artaria und meldete in einer langen Liste die Fehler, die er im Stich gefunden hatte (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/?q=Beethoven+Briefwechsel&amp;katalog=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Beethoven Briefwechsel Gesamtausgabe<\/a>, Brief Nr. 10).<\/p>\n<div id=\"attachment_10020\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10020\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10020 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild1.jpg\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"197\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild1.jpg 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild1-300x98.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10020\" class=\"wp-caption-text\">Beethoven an einen Angestellten des Verlags Artaria &amp; Comp., nach dem 19. Juni 1793. Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Beethoven-Hauses in Bonn.<\/p><\/div>\n<p>Hier zeigt sich ein deutliches Muster in Beethovens Vorgehen beim Korrekturlesen. Er arbeitet den Notentext offensichtlich mehrfach durch \u2013 nach einem ersten Durchgang springt er vor und zur\u00fcck und nennt weitere Stellen. Auff\u00e4llig ist, dass er sich zwar intensiv um die prim\u00e4ren Zeichen des Notentextes, Tonh\u00f6he und Rhythmus, k\u00fcmmert, dass er aber zu den sekund\u00e4ren Zeichen, vor allem zur Dynamik und Artikulation, keinerlei Fehler meldet. Stattdessen st\u00f6ren ihn marginale Details. So moniert er in dem abgebildeten Abschnitt oben, dass an einer Sextolenfigur die Ziffer \u201e6\u201c zwei Mal gestochen wurde.<\/p>\n<p>Wie wichtig ihm verst\u00e4ndlicherweise die Ausf\u00fchrung der Korrektur war, stellt er in besagtem Schreiben am Ende fest: \u201esie sind sehr geplagt mit dieser Kleinigkeit [gemeint ist wohl: Kleinlichkeit], unterdessen sehn sie selbst, da\u00df es wichtige Fehler sind. Ich bitte sie, ja doch zu eilen, da\u00df alles dieses [\u2026] ge\u00e4ndert wird. sollten schon einige verkauft seyn, so mu\u00df artaria sorgen, da\u00df er die exemplare wider bekommt, und die Fehler Corrigirt.\u201c Tats\u00e4chlich sind s\u00e4mtliche im Brief geforderte \u00c4nderungen in den bekannten Exemplaren der Originalausgabe ausgef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">* * *<\/p>\n<div id=\"attachment_10021\" style=\"width: 254px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/FerdinandRies.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10021\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10021 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/FerdinandRies.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"282\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10021\" class=\"wp-caption-text\">Ferdinand Ries (1784\u20131838)<\/p><\/div>\n<p>1803 nahm Beethoven den Bonner Ferdinand Ries als Sch\u00fcler auf, besch\u00e4ftigte ihn aber schon bald als \u201eM\u00e4dchen f\u00fcr alles\u201c, besonders auch bei der Organisation von Notenmaterial f\u00fcr Auff\u00fchrungen und bei der Drucklegung seiner Werke. Beethoven hatte zum Beispiel 1802 seine Klaviersonaten op. 31 an den Z\u00fcricher Verleger N\u00e4geli verkauft (sie erschienen im Folgejahr), eine ungew\u00f6hnliche Partnerwahl, die bald Beethovens Rage entfachen sollte. Denn N\u00e4geli hatte nicht nur keine Vorabz\u00fcge zur Korrektur gesandt, sondern sich in der 1. Sonate auch erlaubt, Beethovens Notentext zu \u201everbessern\u201c. Ferdinand Ries schreibt dazu in seinen biographischen Notizen:<\/p>\n<p>\u201eSpielen Sie die Sonaten einmal durch,\u201c sagte er [Beethoven] zu mir, wobei er am Schreibpulte sitzen blieb. Es waren ungemein viele Fehler darin, wodurch Beethoven schon sehr ungeduldig wurde. Am Ende des ersten Allegro\u2019s, in der Sonate in G dur, hatte aber N\u00e4geli sogar vier Tacte hinein componirt, n\u00e4mlich nach dem vierten Tacte des letzten Halts: <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-10027\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp2.jpg\" alt=\"\" width=\"386\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp2.jpg 561w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/07\/Nbsp2-300x129.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 386px) 100vw, 386px\" \/><\/a> Als ich diese spielte, sprang Beethoven w\u00fcthend auf, kam herbei gerannt und stie\u00df mich halb vom Clavier, schreiend: \u201e Wo steht das, zum Teufel?\u201c \u2013 Sein Erstaunen und seinen Zorn kann man sich kaum denken, als er es so gedruckt sah. Ich erhielt den Auftrag, ein Verzeichni\u00df aller Fehler zu machen und die Sonaten auf der Stelle an [den Verlag] Simrock in Bonn zu schicken, der sie nachstechen und zusetzen sollte: Edition tr\u00e8s correcte.\u201c (Franz Gerhard Wegeler und Ferdinand Ries, Biographische Notizen \u00fcber Ludwig van Beethoven, Coblenz 1838)<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich erkl\u00e4rte sich Nikolaus Simrock in Bonn bereit, diese Sonaten ebenfalls herauszugeben, und Beethovens Bruder Kaspar Karl konnte ihm den Umfang des entstandenen Korrekturverzeichnisses im Mai 1803 mitteilen: \u201eschreiben Sie uns damit wir Ihnen ein Verzeichni\u00df von einigen 80 fehler schicken welche darinnen sind.\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 139) Das Verzeichnis selbst ist bedauerlicherweise verschollen und auch ein Exemplar der Originalausgabe mit eingetragenen Korrekturen, aber wir wissen von Ferdinand Ries, dass er die gesamte Organisation inklusive Korrekturlesungen mit Simrock \u00fcbernahm und im Dezember melden konnte: \u201eauch f\u00fcr die 2 Z\u00fcricher Sonaten l\u00e4\u00dft er [Beethoven] Ihnen herzlich danken. Sie freuen ihn sehr und er w\u00fcnscht gewi\u00df mehrere Exemplare davon anbringen zu k\u00f6nnen.\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 173)<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">* * *<\/p>\n<p>Ab 1805 musste Beethoven auf Ferdinand Ries\u2019 Dienste vor Ort in diesen Angelegenheiten zun\u00e4chst verzichten, denn sein Sch\u00fcler verlie\u00df Wien und reiste zur\u00fcck nach Bonn. Der Komponist hatte sich nun selbst um die Organisation von Korrekturg\u00e4ngen zu k\u00fcmmern, und es entspann sich zum Beispiel mit dem Leipziger Verlag Breitkopf &amp; H\u00e4rtel eine intensive Korrespondenz. Zwischen 1809 und 1812 erschienen dort die Opera 67 bis 86, also eine sehr beachtliche Gruppe von bedeutendsten Werken aus der Feder des Komponisten, darunter die 5. und 6. Symphonie, das 5. Klavierkonzert, Fidelio, Christus am \u00d6lberge und die C-dur-Messe. Beethoven beschwerte sich Breitkopf gegen\u00fcber immer wieder dar\u00fcber, dass man ihm nicht von allen Drucken Vorabz\u00fcge zur Korrektur sandte. So etwa am 21. August 1810: \u201e\u00fcbrigens, denn ich wei\u00df es, das Manuscript mag so richtig seyn, wie es will, Es werden doch Mi\u00dfdeutungen gemacht, w\u00fcnschte ich doch die Exemplare vorher zu sehen, damit ihre sch\u00f6nen Auflagen auch hierbey mehr gew\u00e4nnen\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 465). \u00a0In einem Brief vom 15. Oktober 1810 wird der Ton bereits sch\u00e4rfer, Beethoven erkl\u00e4rt sich in gr\u00f6\u00dferem Detail:<\/p>\n<p>\u201esorgen sie ja und gehn sie doch ein, weswegen ich sie oft gebeten, schiken sie ein probe exemplar, aber auch die Manuskripte, man klagt \u00fcber die Unrichtigkeit des Stichs, und ich habe bemerkt, da\u00df auch die kl\u00e4rste schrift gemi\u00dfdeutet wird \u2013 wir haben noch neulich die 4stimmigen Ges\u00e4nge und andere von Haiden von ihnen gestochen durchgegangen und habe unglaubliche Fehler und auch viele derer gefunden [\u2026] warum ich die Manuskripte begehre mit dem probe exemplar ist, weil ich beynahe keins besize, weil wohl hier und da ein guter Freund mich darum begehrt [\u2026] Es ist auch unangenehm f\u00fcr den autor sein Werk nicht korrekt zu wissen\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 474).<\/p>\n<p>Breitkopf schickte dennoch vorerst weiterhin die Drucke erst nach Erscheinen, in den ersten Monaten des Jahres 1811 gingen dann doch schlie\u00dflich Vorabz\u00fcge an Beethoven, etwa zum 5. Klavierkonzert op. 73, zur Fantasie op. 80 und zur Klaviersonate op. 81a. Doch Beethoven traute dem Braten zurecht nicht:<\/p>\n<p>\u201eDa\u00df sie das Konzert schon an das Industrie Komptoir [Musikalienh\u00e4ndler und -verleger], und wer wei\u00df, wo sonst noch \u00fcberall hinschicken ist mir gar nicht recht, ehe sie die Correctur erhalten haben, warum wollen sie denn kein werk ohne fehler herausgeben, schon vorgestern ist die Korrektur des Konzerts von hier fort, wenn nun das Industrie-Komptoir das Konzert erh\u00e4lt mu\u00df ich die Fehler [vermutlich fortzusetzen: \u201e\u00f6ffentlich bekannt machen\u201c oder \u201ein den Exemplaren dort mit Tinte korrigieren lassen\u201c] Nb: fehler gib[t\u2019s] im K. genug k\u00fcnftigen Sonnabend wird die Fantasie Korrektur ebenfalls samt meiner Partitur abgeschickt, welche letztere ich mir aber gleich wieder erbitte\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 495)<\/p>\n<p>Drei Tage sp\u00e4ter folgt dann ein weiterer Brief an die Leipziger Verleger, er ist inzwischen ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt wegen Beethovens starkem Ausbruch gleich zu Beginn:<\/p>\n<p>\u201eFehler\u2013Fehler\u2013sie sind selbst ein einziger Fehler \u2013 da mu\u00df ich meinen Kopisten hinschicken, dort mu\u00df ich selbst hin, wenn ich will, da\u00df meine Werke \u2013 nicht als Blo\u00dfe Fehler erscheinen \u2013 das Musick-tribunal in L.[eipzig] bringt wie es scheint, nicht einen einzigen ordentlichen Korrektor hervor, dabey schicken sie noch, ehe sie die K.[orrekturen] erhalten die Werk ab\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 496).<\/p>\n<div id=\"attachment_10022\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10022\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10022 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild2.jpg\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"744\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild2.jpg 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild2-244x300.jpg 244w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10022\" class=\"wp-caption-text\">Beginn des Briefes vom 6. Mai 1811 an Breitkopf &amp; H\u00e4rtel<\/p><\/div>\n<p>Es ist jedoch nur fair, auch aus dem weiteren Teil dieses Briefes zu zitieren, denn Beethovens Ausbruch wandelte sich doch bald zu gem\u00e4\u00dfigteren T\u00f6nen:<\/p>\n<p>\u201eleben sie wohl, ich hoffe Be\u00dferung [\u2026] Fehlen sie so viel sie wollen, la\u00dfen sie so viel Fehler wie sie wollen \u2013 sie sind bey mir doch hochgesch\u00e4tzt, dies ist ja der Gebrauch bey den Menschen, da\u00df man sie, weil sie nicht noch gro\u00dfre Fehler gemacht haben, sch\u00e4zt \u2013 ihr ergebenster Diener Beethowen.\u201c<\/p>\n<p>Beigelegt war diesem Brief \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 ein weiteres Korrekturverzeichnis!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">* * *<\/p>\n<p>Ab April 1813 bis ins Jahr 1824 lebte Ferdinand Ries in London \u2013 und wurde kurzerhand erneut von Beethoven als Helfer in vielen Verlagsangelegenheiten eingespannt. Denn der Komponist war schon einige Jahre zuvor dazu \u00fcbergegangen, seine Werke gewinnbringend nicht nur an einen Verleger, sondern an mehrere in verschiedenen L\u00e4ndern gleichzeitig zu verkaufen. Muzio Clementi etwa hatte die Gruppe der Werke Opus 73 bis 82, die Beethoven \u2013 wie oben berichtet \u2013 auch an Breitkopf ver\u00e4u\u00dfert hatte, f\u00fcr London gekauft und lie\u00df sie 1810\/11 dort parallel erscheinen. Daher war es f\u00fcr Beethoven naheliegend, Ries um die Vermittlung weiterer Kompositionen in London zu bitten: \u201eich w\u00fcnschte, da\u00df sie s\u00e4hen folgende 2 Werke, eine gro\u00dfe Solo Sonate f\u00fcr Klawier und eine von mir selbst umgeschaffene Klawier Sonate in ein Quintett f\u00fcr 2 Violin 2 Bratschen 1 Violonschell an einen Verleger in London anzubringen.\u201c (Briefwechsel Brief Nr. 1258, kurz vor dem oder am 19. Mai 1818) Bei der erw\u00e4hnten Klaviersonate handelte es sich um keine geringere als die Hammerklaviersonate op. 106. Beethoven verkaufte sie parallel auch an den Wiener Verleger Artaria. Um beide Verlage zu bedienen, musste er nun \u00fcber seinen Kopisten Schlemmer und dessen Gehilfen Abschriften seines Autographs anfertigen lassen. Dies gelang mehr schlecht als recht:<\/p>\n<p>\u201elieber R. verzeihen sie mir vielmahl die Ungelegenheiten, welche ich ihnen mache, unbegreiflich ist es mir, wie sich in die Abschrift der Sonate so viele Fehler einfinden konnten, die Eile mag mit schuld haben, u. da\u00df der Copist sie nicht selbst sondern von einem andern Copiren lie\u00dfe, erst beym durchspielen des hiesigen abgeschriebenen Exenplars fanden sich die Fehler, manche sind auch vieleicht schon fr\u00fcher corrigert worden\u201c (Briefwechsel Brief. Nr. 1295 vom 19. M\u00e4rz 1819).<\/p>\n<p>Diesem Brief nun lag wohl das umfangreichste Korrekturverzeichnis bei, das uns von Beethoven erhalten ist. Leider ist das Verzeichnis nur noch fragmentarisch \u00fcberliefert, es wird sch\u00e4tzungsweise 150 Korrekturhinweise aufgelistet haben, von denen 114 heute noch vorhanden sind. Auch hier, wie schon im Verzeichnis an Artaria von 1793, lohnt sich ein genauerer Blick in die Art der Korrekturen, die Beethoven aufzeichnete. Der \u00fcberwiegende Teil bezieht sich auf Tonh\u00f6henkorrekturen oder -klarstellungen durch Akzidentien (in 50 Takten erg\u00e4nzt bzw. streicht Beethoven fehlende bzw. falsche Zeichen, in 28 Takten werden Warnungsakzidentien erg\u00e4nzt). Die weiteren Korrekturen betreffen \u2013 sortiert nach H\u00e4ufigkeit \u2013 Noten- und Pausenerg\u00e4nzungen bzw. -streichungen, Notenwerte bzw. Rhythmus, Notenstellung (inklusive Halsrichtung und Balkung), Pedal, Triller, Tempo und Taktstriche. In der gesamten Liste findet sich nicht eine einzige Anweisung zu Dynamik- oder Artikulationszeichen, ganz wie 26 Jahre zuvor zu den Variationen WoO 40.<\/p>\n<div id=\"attachment_10023\" style=\"width: 615px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild3.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10023\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10023 size-full\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild3.jpg\" alt=\"\" width=\"605\" height=\"727\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild3.jpg 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/06\/Bild3-250x300.jpg 250w\" sizes=\"(max-width: 605px) 100vw, 605px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10023\" class=\"wp-caption-text\">Teil des Fehlerverzeichnisses im Brief an Ferdinand Ries vom 19. M\u00e4rz 1819<\/p><\/div>\n<p>Beethovens Korrekturverzeichnisse: Wie man sieht, eine ungew\u00f6hnliche, seltene, aber f\u00fcr jeden Editor seiner Werke wichtige Quellensorte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter den im Beethoven-Werkverzeichnis gelisteten Quellen zu seinen Kompositionen findet &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/07\/04\/beethovens-korrekturlisten-eine-rare-quellensorte\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,423,291],"tags":[7,838],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10017"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10017"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11251,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10017\/revisions\/11251"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}