{"id":10089,"date":"2022-09-15T11:01:59","date_gmt":"2022-09-15T09:01:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=10089"},"modified":"2022-11-18T16:24:33","modified_gmt":"2022-11-18T15:24:33","slug":"klassiker-des-20-jahrhunderts-neu-entdecken-bartoks-sechs-streichquartette-in-der-gesamtausgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/09\/15\/klassiker-des-20-jahrhunderts-neu-entdecken-bartoks-sechs-streichquartette-in-der-gesamtausgabe\/","title":{"rendered":"Klassiker des 20. Jahrhunderts neu entdecken: Bart\u00f3ks sechs Streichquartette in der Gesamtausgabe"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_10094\" style=\"width: 393px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Aladar_Szekely_Bartok_Kodaly.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10094\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10094\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Aladar_Szekely_Bartok_Kodaly.jpeg\" alt=\"\" width=\"383\" height=\"260\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Aladar_Szekely_Bartok_Kodaly.jpeg 561w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Aladar_Szekely_Bartok_Kodaly-300x204.jpeg 300w\" sizes=\"(max-width: 383px) 100vw, 383px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10094\" class=\"wp-caption-text\">Das Waldbauer-Kerpely-Quartett (stehend) mit B\u00e9la Bart\u00f3k (links sitzend) und Zolt\u00e1n Kod\u00e1ly (rechts sitzend); wikimedia commons<\/p><\/div>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/shop\/wissenschaft\/gesamtausgaben\/bela-bartok\/?setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kritische Gesamtausgabe B\u00e9la Bart\u00f3k<\/a>, die der G. Henle Verlag seit 2017 gemeinsam mit dem ungarischen Verlag <a href=\"https:\/\/www.emb.hu\/de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Editio Musica Budapest<\/a> ver\u00f6ffentlicht, hat es in den ersten f\u00fcnf Jahren auf stolze sieben B\u00e4nde gebracht. Von den <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Klavierwerke+1914-1920_6202&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klavierwerken 1914\u20131920<\/a> \u00fcber die gro\u00dfen p\u00e4dagogischen Zyklen <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=F%C3%BCr+Kinder%2C+Fr%C3%BChfassung+und+revidierte+Fassung_6200&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>F\u00fcr Kinder<\/em><\/a> und <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Mikrokosmos_6203&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Mikrokosmos<\/em><\/a> bis hin zu einem gewichtigen Band mit <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Chorwerke_6205&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Chorwerken<\/a> und dem ber\u00fchmten <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Konzert+f%C3%BCr+Orchester_6201&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Konzert f\u00fcr Orchester<\/em><\/a> decken diese bereits unterschiedlichste Bereiche aus Bart\u00f3ks \u0152uvre ab \u2013 die Kammermusik aber fehlte noch. Um so passender, dass in diesem Fr\u00fchjahr \u2013 p\u00fcnktlich zum Jahr des Streichquartetts bei Henle \u2013 der Band mit den <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Streichquartette_6206&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Streichquartetten Nr. 1\u20136<\/a> erschien. Herausgegeben wurde er von keinem Geringeren als <a href=\"http:\/\/www.zti.hu\/bartok\/ba_en_10_m.htm?0101\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">L\u00e1szl\u00f3 Somfai<\/a> \u2013 dem Gr\u00fcnder der Gesamtausgabe und profundesten Kenner von Bart\u00f3ks \u0152uvre \u2013 in Zusammenarbeit mit einem Bart\u00f3k-Forscher der j\u00fcngeren Generation, Zsombor N\u00e9meth. Aus Anlass des Erscheinens haben die beiden uns freundlicherweise ein Interview gew\u00e4hrt.<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">Annette Oppermann (AO): <\/span><\/strong>Lieber Herr Professor Somfai, die sechs Streichquartette von B\u00e9la Bart\u00f3k entstanden in \u00fcber 30 Jahren und decken damit einen langen Zeitraum in seinem (k\u00fcnstlerischen) Leben ab. Sie k\u00f6nnen gewisserma\u00dfen als Spiegel seines k\u00fcnstlerischen Entwicklung gelten. Wie ist es mit Ihnen, der Sie nach einem langen Forscher-Leben als <em><span style=\"color: #4e8db1\">der<\/span><\/em> Bart\u00f3k-Forscher gelten: Wann trafen Sie das erste Mal auf diese Quartette? Wie kam es zu Ihrer Arbeit mit den Quellen und dem Plan einer Edition?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10095\" style=\"width: 230px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/62-SomfaiL0645.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10095\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10095\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/62-SomfaiL0645.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"255\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/62-SomfaiL0645.jpg 1087w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/62-SomfaiL0645-259x300.jpg 259w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/62-SomfaiL0645-883x1024.jpg 883w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/62-SomfaiL0645-768x890.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10095\" class=\"wp-caption-text\">L\u00e1szl\u00f3 Somfai<\/p><\/div>\n<p><strong>L\u00e1szl\u00f3 Somfai (LS): <\/strong>Ich kann mich nicht an das genaue Datum erinnern, doch den Wunsch, alle Quartette Bart\u00f3ks kennenzulernen, hatte ich schon Mitte der 1950er-Jahre, als ich an der <a href=\"https:\/\/uni.lisztacademy.hu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest<\/a> studierte. Aufgrund der politischen Lage waren in der ungarischen Hauptstadt damals im Wesentlichen nur Auff\u00fchrungen des Ersten und Sechsten (zeitweilig auch des Zweiten) Streichquartetts durch das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/T%C3%A1trai_Quartet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">T\u00e1trai-Quartett<\/a> gestattet. In der Bibliothek konnte ich jedoch auch die \u201emoderneren\u201c mittleren Quartette einsehen.<\/p>\n<p>Danach begannen sich die Zeiten allm\u00e4hlich zu \u00e4ndern; zwei ber\u00fchmte Ensembles aus den USA \u2013 das <a href=\"https:\/\/www.juilliardstringquartet.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Juilliard String Quartet<\/a> (mit Robert Mann) und das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hungarian_Quartet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hungarian String Quartet<\/a> unter Zolt\u00e1n Sz\u00e9kely, der pers\u00f6nlich mit B\u00e9la Bart\u00f3k befreundet gewesen war \u2013 traten in Budapest auf, was auch mir neue Horizonte er\u00f6ffnete. Mir wurde bewusst, dass sich die sechs Streichquartette Bart\u00f3ks nicht nur mit denen von Beethoven messen k\u00f6nnen (vermutlich sogar mehr als die vier von Sch\u00f6nberg), sondern dass sie dieser sehr hochangesehenen Kammermusik-Gattung (zusammen mit Bergs <em>Lyrischer Suite<\/em>) auch ganz neue Perspektiven aufzeigten. W\u00e4hrend meiner Arbeit im <a href=\"http:\/\/www.zti.hu\/bartok\/ba_en.htm?02\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bart\u00f3k-Archiv<\/a> ab 1963 war ich einfach gl\u00fccklich, die Quellen dieser Meisterwerke konsultieren zu k\u00f6nnen; von Anfang an setzte ich mir das Ziel, eine historisch-kritische Bart\u00f3k-Ausgabe zu erstellen \u2013 mit dem Streichquartett-Band als einem der ersten und wichtigsten.<\/p>\n<div id=\"attachment_10096\" style=\"width: 392px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10096\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10096\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"382\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-scaled.jpg 1978w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-232x300.jpg 232w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-791x1024.jpg 791w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-768x994.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-1187x1536.jpg 1187w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/HN6206-BBCCE29_000_Frontispiz-1582x2048.jpg 1582w\" sizes=\"(max-width: 382px) 100vw, 382px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10096\" class=\"wp-caption-text\">BBCCE 29: Frontispiz<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO: <\/span><\/strong>Die Edition in der <em><span style=\"color: #4e8db1\">Kritischen Gesamtausgabe B\u00e9la Bart\u00f3k<\/span><\/em> (<em><span style=\"color: #4e8db1\">B\u00e9la Bart\u00f3k Complete Critical Edition = <span style=\"color: #4e8db1\">BBCCE<\/span><\/span><\/em>) basiert auf den unterschiedlichsten Quellen: Sie haben nicht nur Skizzen, Autographe, revidierte Abschriften, Erstausgaben und revidierte Neuausgaben etc. untersucht, sondern auch sekund\u00e4re Quellen wie Briefe an Freunde oder Listen mit Korrekturen und Hinweisen zur Partitur, die Bart\u00f3k an Musiker oder Verlage geschickt hat. Das lieferte eine ganze Menge wertvoller Informationen f\u00fcr die einf\u00fchrenden Kapitel zum Gesamtausgaben-Band, ging aber auch in zahlreiche Fu\u00dfnoten zur Partitur ein. Was waren die zentralen Probleme bei der Edition? Was k\u00f6nnen Musiker oder Wissenschaftler aus diesen Fu\u00dfnoten lernen?<\/span><\/p>\n<p><strong>LS: <\/strong>Kritische Ausgaben gibt es in unterschiedlicher Form. Pers\u00f6nlich ziehe ich Editionen vor, in denen der Herausgeber die wichtigsten Informationen, m\u00f6gliche Varianten und die erforderlichen Vortragshinweise in Fu\u00dfnoten direkt auf der Partiturseite pr\u00e4sentiert \u2013 eine Ansicht, die von meinem Mitherausgeber und fr\u00fcheren Sch\u00fcler Zsombor N\u00e9meth, der auch als Geiger t\u00e4tig ist, geteilt wird. F\u00fcr Bart\u00f3ks Quartette liegen h\u00e4ufig mehrere authentische Lesarten vor (bisweilen stammen sie aus unterschiedlicher Zeit oder waren f\u00fcr unterschiedliche Musiker bestimmt), und Vortragende haben heute das Recht, ihre eigene Wahl zu treffen.<\/p>\n<div id=\"attachment_10097\" style=\"width: 395px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10097\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10097\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.jpg\" alt=\"\" width=\"385\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.jpg 1973w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132-233x300.jpg 233w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132-797x1024.jpg 797w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132-768x987.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132-1195x1536.jpg 1195w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-37-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132-1593x2048.jpg 1593w\" sizes=\"(max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10097\" class=\"wp-caption-text\">BBCCE 29: Varianten aus dem Autograph in den Fu\u00dfnoten<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO: <\/span><\/strong>Sie sind ja nicht nur ein gro\u00dfer Bart\u00f3k-Forscher, sondern haben sich auch intensiv mit Haydns Musik und den Quellen dazu besch\u00e4ftigt. Die Frage liegt auf der Hand: Gibt es eine Verbindung zwischen Bart\u00f3k und Haydn als Quartett-Komponisten? Oder haben sie nichts gemeinsam?<\/span><\/p>\n<p><strong>LS:<\/strong> Nun, beide waren in vielerlei Hinsicht leidenschaftliche \u201eErneuerer\u201c, beiden ging es im Grunde darum, mit ihrem jeweils n\u00e4chsten Werk ein \u201eneues\u201c Meisterwerk zu erschaffen. Nur dass es bei Bart\u00f3k das n\u00e4chste Streichquartett war, bei Haydn dagegen das n\u00e4chste Opus aus sechs Quartetten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO: <\/span><\/strong>Lieber Herr N\u00e9meth, Bart\u00f3k spielte kein Streichinstrument \u2013 was vielleicht einer der Gr\u00fcnde daf\u00fcr sein k\u00f6nnte, warum seine Quartette so schwer zu spielen sind und die ersten Auff\u00fchrungen mit so gro\u00dfem Aufwand vorbereitet wurden. Der hochinteressanten <em><span style=\"color: #4e8db1\">Einleitung<\/span><\/em> zum Gesamtausgaben-Band kann man entnehmen, dass das Waldbauer-Kerpely-Quartett \u00fcber einhundert Proben zur Vorbereitung der Urauff\u00fchrung des Ersten Quartetts brauchte! Haben Sie eine Vorstellung, worin die besonderen Probleme bestanden? Und hatten die Musiker umgekehrt Einfluss auf Bart\u00f3ks Revision der Partitur, bevor sie in Druck ging?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10098\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10098\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10098\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-scaled.jpg 1920w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Portrait-Nemeth-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10098\" class=\"wp-caption-text\">Zsombor N\u00e9meth (Foto: Vikt\u00f3ria T\u00f3th)<\/p><\/div>\n<p><strong>Zsombor N\u00e9meth (ZN)<\/strong>: In einer Studie zu Bart\u00f3ks Einfluss auf die Violintechnik erkl\u00e4rte Imre Waldbauer, an der Wende zum 20. Jahrhundert seien die besten Kammermusiker Budapests stolz gewesen, wenn es ihnen gelang, die Schwierigkeiten von Brahms&#8217; St\u00fccken zu meistern. Das lag zum Teil nat\u00fcrlich auch daran, dass sich die damaligen Interpreten nur mit St\u00fccken befassten, die sie schon nach wenigen Proben in einem Rutsch durchspielen konnten. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xaQvPhVvQaY\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bart\u00f3ks Erstes Streichquartett<\/a> steckte voller innovativer Ideen, und mit einer halben Stunde Spieldauer war es auch ein recht langes Werk. Es war nicht unspielbar, doch die technische Vorbereitung dauerte sicherlich l\u00e4nger, als es Kammermusiker zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts gewohnt waren. Und man sollte auch nicht vergessen, dass das Durchschnittsalter der Mitglieder des Waldbauer-Kerpely-Quartetts im Jahr 1910 unter 20 Jahren lag!<\/p>\n<p>Bart\u00f3k unterhielt freundschaftliche Beziehungen mit den meisten Ensembles, die seine St\u00fccke auff\u00fchrten, darunter auch mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Imre_Waldbauer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Waldbauer-Kerpely-Quartett<\/a> (dem urspr\u00fcnglichen \u201eHungarian String Quartet\u201c), dem <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hungarian_Quartet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">New Hungarian String Quartet<\/a> (das zun\u00e4chst von S\u00e1ndor V\u00e9gh, sp\u00e4ter von Zolt\u00e1n Sz\u00e9kely geleitet und nach 1945 unter dem Namen Hungarian Quartet bekannt wurde) und dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kolisch-Quartett\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kolisch-Quartett<\/a>. Er besuchte die Proben oder Auff\u00fchrungen dieser Ensembles, um seine Kompositionen zu h\u00f6ren. Im Zuge dieser Besuche oder kurz darauf nahm er zahlreiche kleine Retuschen vor, doch nicht jedes Detail fand seinen Weg in die Erstausgaben der Werke. Aus diesem Grunde war es uns sehr wichtig, alle in den Quellen verzeichneten Hinweise zu nennen, die in Zusammenhang mit fr\u00fchen Auff\u00fchrungen der Werke in unserer Ausgabe stehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_10099\" style=\"width: 386px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10099\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10099\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"376\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-scaled.jpg 1947w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-779x1024.jpg 779w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-768x1010.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-1168x1536.jpg 1168w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/S.-72-aus-HN6206-BBCCE29_13b_Score_inkl-neue-S132.pdf-1558x2048.jpg 1558w\" sizes=\"(max-width: 376px) 100vw, 376px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10099\" class=\"wp-caption-text\">BBCCE 29: Varianten aus fr\u00fchen Auff\u00fchrungen in den Fu\u00dfnoten<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO: <\/span><\/strong>Sie sind ja nicht nur Bart\u00f3k-Forscher, sondern auch ausgebildeter Geiger. Haben Sie bei der Vorbereitung der Ausgabe andere Musiker um Unterst\u00fctzung gebeten? Wurde Ihre Deutung der Quellen in manchen Details (wie der Interpretation von B\u00f6gen oder Akzenten) von den Musikern beeinflusst?<\/span><\/p>\n<p><strong>ZN:<\/strong> Als Violinist habe ich mich in den letzten acht Jahren ausschlie\u00dflich mit Musik des 17. und 18. Jahrhunderts besch\u00e4ftigt. W\u00e4hrend meines Studiums in den Jahren zuvor bin ich nat\u00fcrlich den Werken Bart\u00f3ks begegnet; seine Quartette oder Violinsonaten habe ich jedoch nie gespielt. Bei der Vorbereitung der Gesamtausgabe habe ich mich deshalb mit zwei Mitgliedern des <a href=\"https:\/\/classicus.hu\/en\/classicus-quartet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Classicus-Quartetts<\/a> beraten: dem Geiger und Komponisten <a href=\"https:\/\/classicus.hu\/en\/about-us\/peter-tornyai\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">P\u00e9ter Tornyai<\/a> (der in diesem Ensemble die Bratsche spielt) und dem Cellisten <a href=\"https:\/\/classicus.hu\/en\/about-us\/tamas-zetenyi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tam\u00e1s Z\u00e9t\u00e9nyi<\/a>. Praktischerweise spielten sie in der Saison 2020\/21 (also zu der Zeit, als wir noch intensiv an den <em>BBCCE<\/em>-B\u00e4nden arbeiteten) alle sechs Streichquartette von Bart\u00f3k; entsprechend hatten sie nicht nur aktuelle Erfahrungen mit den Werken selbst, sondern auch mit den bisherigen Ausgaben. Tornyai war dar\u00fcber hinaus so freundlich, den Notentext der Gesamtausgabe Korrektur zu lesen und zu kommentieren.<\/p>\n<p>Aufgrund ihrer Beobachtungen haben wir das Kapitel zur Notation ge\u00e4ndert und erg\u00e4nzt. Einige Fu\u00dfnoten des Herausgebers in unserer Edition gehen auch auf Gespr\u00e4che zur\u00fcck, die ich mit den beiden Musikern f\u00fchrte. Au\u00dferdem sei darauf hingewiesen, dass Professor Somfai vor einigen Jahrzehnten den gro\u00dfen Cellisten <a href=\"https:\/\/www.impresariat-simmenauer.de\/kuenstler\/miklos-perenyi\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mikl\u00f3s Per\u00e9nyi<\/a>, den ber\u00fchmten Geiger und gesuchten Kammermusik-Professor <a href=\"http:\/\/gabortakacsnagy.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G\u00e1bor Tak\u00e1cs-Nagy<\/a> sowie die Mitglieder des <a href=\"https:\/\/manhattanstringquartet.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Manhattan String Quartet<\/a> zu auff\u00fchrungspraktischen Fragen konsultiert hatte. Die\u00a0 daraus gewonnenen Erkenntnisse gingen in unsere Ausgabe selbstverst\u00e4ndlich auch mit ein.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO:<\/span><\/strong> Sie erw\u00e4hnen damit das in jedem Band der Gesamtausgabe enthaltene Kapitel \u201eZu Notation und Auff\u00fchrung\u201c, das f\u00fcr die Musiker h\u00f6chst aufschlussreiche Informationen vereint. Aus den fr\u00fcheren B\u00e4nden kennen wir schon Themen wie Tempo, Metronomangaben, Rubato oder Differenzierungen in der Artikulation \u2013 im Quartett-Band geht es nun auch um die Instrumente und von Bart\u00f3k geforderte Spieltechniken wie das \u201eBart\u00f3k-Pizzicato\u201c oder den Gebrauch von Darm- oder Stahlsaiten. Ist Bart\u00f3k schon ein Thema f\u00fcr die \u201ehistorische Auff\u00fchrungspraxis\u201c?<\/span><\/p>\n<p><strong>ZN<\/strong>: Bart\u00f3k starb 1945, also vor 77 Jahren \u2013 einer Zeitspanne, die genau derjenigen zwischen den Todesjahren Johann Sebastian Bachs und Ludwig van Beethovens entspricht. Man bedenke nur, wie radikal sich die Auff\u00fchrungspraxis zwischen 1750 und 1827 gewandelt hat! Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts blieb die Konstruktion von Streichinstrumenten zwar im Wesentlichen gleich, doch die Ausstattung hat sich in den letzten 120 Jahren deutlich ver\u00e4ndert. Dies deutet nat\u00fcrlich auch auf Ver\u00e4nderungen in der Spieltechnik hin. Damit will ich auf keinen Fall sagen, dass man Bart\u00f3ks Streichquartette jetzt nur noch auf \u201ehistorischen Instrumenten\u201c und in \u201ehistorischer Auff\u00fchrungspraxis\u201c spielen sollte; ich meine lediglich, dass die Ber\u00fccksichtigung historischer Fakten zu originalgetreueren und aufschlussreicheren Interpretationen f\u00fchren kann (insbesondere im Fall der beiden ersten, vor mehr als einem Jahrhundert uraufgef\u00fchrten Quartette). Es ist die Pflicht der Herausgeber, s\u00e4mtliche verf\u00fcgbaren Informationen zur Vortragspraxis zu liefern; die Musiker m\u00fcssen dann ihrerseits entscheiden, was sie davon in ihrem Vortrag \u00fcbernehmen wollen (oder auch nicht).<\/p>\n<div id=\"attachment_10100\" style=\"width: 348px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Kapitel-Boegen-mit-abschliessendem-Staccato-ausschnitt.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10100\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10100\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Kapitel-Boegen-mit-abschliessendem-Staccato-ausschnitt.jpg\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Kapitel-Boegen-mit-abschliessendem-Staccato-ausschnitt.jpg 829w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Kapitel-Boegen-mit-abschliessendem-Staccato-ausschnitt-270x300.jpg 270w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/09\/Kapitel-Boegen-mit-abschliessendem-Staccato-ausschnitt-768x853.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10100\" class=\"wp-caption-text\">BBCCE 29: Auszug aus dem Abschnitt \u201eZu Notation und Auff\u00fchrung\u201c<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO:<\/span><\/strong> Last but not least \u2013 eine Frage an Sie beide: Was sind f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich die wichtigsten Neuerungen in Ihrer kritischen Ausgabe der Streichquartette gegen\u00fcber bisher erschienenen Editionen \u2013 abgesehen von der lange \u00fcberf\u00e4lligen Korrektur mancher Fehler?<\/span><\/p>\n<p><strong>LS:<\/strong> Man werfe nur einen Blick auf das Notenbild und die Gestaltung der Partitur. Die Erstausgaben von Bart\u00f3ks Quartetten wurden zwischen 1909\/10 und 1941 in sehr unterschiedlichen Notenstichen bei verschiedenen Verlagen ver\u00f6ffentlicht, teils mit sehr vollgepackten Seiten. Unsere neue Edition l\u00e4dt mit ihrem einheitlichen Erscheinungsbild dazu ein, einen frischen Blick auf die sechs bekannten Partituren zu werfen. Bedeutender noch ist die Tatsache, dass die schrittweisen Ver\u00e4nderungen in Bart\u00f3ks Notation \u2013 h\u00e4ufig von Verlagslektoren erzwungen, man denke nur an die Tempo- und Metronomangaben \u2013 hier soweit m\u00f6glich vereinheitlicht wurden. Doch als zweifellos wichtigstes neues Element sehe ich den sehr umfangreichen Fu\u00dfnotenapparat, der zur Erl\u00e4uterung von Lesarten, m\u00f6glichen Alternativen und echten Schwierigkeiten dient. Viele Ausf\u00fchrende hassen es, nach Anmerkungen am Ende eines Bandes (oder in einem Zusatzband) zu suchen, und ziehen kurze Erkl\u00e4rungen in einer Fu\u00dfnote direkt auf der entsprechenden Partiturseite vor.<\/p>\n<p><strong>ZN<\/strong>: Das Streichquartett Nr. 6 liegt hier erstmals in einer kritischen Ausgabe vor, und f\u00fcr unsere kritische Ausgabe des Streichquartetts Nr. 1 wurde erstmals Bart\u00f3ks Autograph herangezogen. Im Anhang haben wir Bart\u00f3ks Einf\u00fchrung zum Streichquartett Nr. 4 (das <em>Vorwort<\/em> der fr\u00fchen Ausgaben) abgedruckt, au\u00dferdem die Analyse des Streichquartetts Nr. 5 in einer neuen englischen \u00dcbersetzung.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong><span style=\"color: #4e8db1\">AO: <\/span><\/strong>Ich danke Ihnen beiden sehr herzlich f\u00fcr dieses Interview und k\u00fcndige mit Freude an, dass auch die praktischen Stimmen-Ausgaben der sechs Streichquartette auf Basis der Gesamtausgabe bereits in Vorbereitung sind. Die ersten beiden werden in wenigen Wochen erscheinen, was ich zum Anlass nehmen werde, dann auch \u00fcber die besonderen Herausforderungen zu berichten, vor die Bart\u00f3ks Notentext uns beim Einrichten der Stimmen stellte.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kritische Gesamtausgabe B\u00e9la Bart\u00f3k, die der G. 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