{"id":10216,"date":"2022-11-14T08:00:24","date_gmt":"2022-11-14T07:00:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=10216"},"modified":"2023-02-18T22:51:02","modified_gmt":"2023-02-18T21:51:02","slug":"mendelssohn-f-moll-streichquartett-175-todestag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/11\/14\/mendelssohn-f-moll-streichquartett-175-todestag\/","title":{"rendered":"\u201eAusdruck seines tiefersch\u00fctterten Seelenlebens\u201c \u2013 zu Felix Mendelssohn Bartholdys f-moll-Streichquartett anl\u00e4sslich seines 175. Todestags"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_10235\" style=\"width: 361px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/digital.bodleian.ox.ac.uk\/objects\/f8e5e3a9-acd0-4e30-b90a-535f4c26e506\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10235\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10235 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Hensel-Zeichnung-300x276.jpg\" alt=\"\" width=\"351\" height=\"323\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Hensel-Zeichnung-300x276.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Hensel-Zeichnung.jpg 719w\" sizes=\"(max-width: 351px) 100vw, 351px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10235\" class=\"wp-caption-text\">Mendelssohn auf dem Totenbett, gezeichnet von Wilhelm Hensel<br \/>Bodleian Library MS. M. Deneke Mendelssohn b. 1 (CC-BY-NC 4.0)<\/p><\/div>\n<p>Unser Henle-Blog hat sich in diesem Jahr gr\u00f6\u00dftenteils mit zwei Themenbereichen befasst: zum einen stellten wir die Gattung Streichquartett unter dem Motto \u201e<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/service\/neues-aus-dem-verlag\/henle4strings\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Henle4Strings<\/a>\u201c in den Mittelpunkt, und daneben erinnerten wir an mehrere Gedenktage gro\u00dfer Komponisten (<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/02\/14\/alexander-skrjabin-zum-150-geburtstag-i\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Skrjabin<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/04\/11\/eine-unklare-stelle-in-brahms-vier-ernsten-gesaengen-op-121\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Brahms<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/05\/23\/zwischen-den-stuehlen-ein-portraet-cesar-francks-zum-200-geburtstag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franck<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/06\/06\/johann-kuhnau-zum-300-todestag\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kuhnau<\/a>) oder ihrer Werke (Bachs <em><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2022\/10\/31\/wenn-das-kein-grund-zum-feiern-ist-300-jahre-wtk-i\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wohltemperiertes Klavier<\/a><\/em>). Zum Jahresende f\u00fcgen sich diese beiden Str\u00e4nge in bester kontrapunktischer Manier zusammen: der heutige Blogbeitrag ist dem 175. Todestag Felix Mendelssohn Bartholdys gewidmet, der am 4. November 1847 starb, kurz vor seinem Tod aber noch sein letztes bedeutendes Werk fertigstellen konnte \u2013 das f-moll-Streichquartett op. post. 80.<!--more--><\/p>\n<p>Genaugenommen begehen wir 2022 gleich <em>zwei<\/em> Mendelssohn-Gedenkjahre, denn auch Felix\u2019 Schwester Fanny Hensel (geb. Mendelssohn) starb 1847, ein halbes Jahr vor ihrem Bruder, am 14. Mai. Im Henle-Katalog findet sich \u00fcbrigens auch ein Band mit bezaubernden Klavierwerken, die wir aus ihrem Nachlass erstmals herausgegeben haben, und auf die an dieser Stelle ausdr\u00fccklich hingewiesen sei (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Ausgew%C3%A4hlte+Klavierwerke+_392\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 392<\/a>).<\/p>\n<p>Welch schweren Schicksalsschlag Fannys v\u00f6llig unerwarteter Tod f\u00fcr Felix bedeutete, der seine \u00e4ltere Schwester abg\u00f6ttisch liebte, l\u00e4sst sich kaum ermessen. Nach zeitgen\u00f6ssischen Berichten sank er beim Erhalt der Nachricht mit einem Schrei ohnm\u00e4chtig zu Boden. Ohnehin gesundheitlich schwer angegriffen durch anstrengende Konzertreisen und chronische \u00dcberarbeitung, war Felix Mendelssohn anschlie\u00dfend nur noch ein Schatten seiner selbst. Der englische Musikschriftsteller Henry Chorley, der ihn im August 1847 besuchte, beschreibt ihn als gebeugt gehenden, stark gealterten Menschen, der von Todesahnungen heimgesucht wurde.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-10221 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Chorley-1024x483.jpg\" alt=\"\" width=\"444\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Chorley-1024x483.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Chorley-300x141.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Chorley-768x362.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Chorley.jpg 1209w\" sizes=\"(max-width: 444px) 100vw, 444px\" \/><br \/>\nHenry F. Chorley: <em>Modern German Music<\/em>, London 1854, Kapitel \u201eThe Last Days of Mendelssohn\u201c, S. 387.<\/p>\n<p>Erholung suchte Mendelssohn in der Schweiz, wohin er mit seiner Familie und seinem Bruder Paul reiste. Die Zeit von Ende Juni bis Mitte September verbrachte er zuerst in Thun, dann in Interlaken. Entgegen manchen biographischen Darstellungen, nach denen Mendelssohns Schaffenskraft nach Fannys Tod zum Erliegen kam, l\u00e4sst sich durchaus eine bald wieder einsetzende Produktivit\u00e4t feststellen. Zur Arbeit an seinem letzten Streichquartett f-moll finden sich erste Hinweise bereits am 6. Juli, als Mendelssohn in seinem Tagebuch musikalische Notizen zu einem \u201eAllegro f\u00fcr Quartett\u201c macht, der Beginn des sp\u00e4teren Scherzos. Ab Ende Juli finden sich in Mendelssohns Korrespondenz wieder vermehrt Anspielungen darauf, dass er \u201eNoten schreibe\u201c. Henry Chorley berichtet von seinen Gespr\u00e4chen mit dem Komponisten: \u201eHe had composed much music, he said, since he had been at Interlachen; and mentioned that stupendous <em>quartett<\/em> in F minor [\u2026] besides some English service-music for the Protestant church.\u201c Zu erg\u00e4nzen ist hier Mendelssohns intensive Arbeit an seinem Opernprojekt <em>Die Lorelei<\/em>, das Fragment blieb, zu dem er aber immerhin mehrere vollst\u00e4ndige Nummern und umfangreiche Skizzen und Entw\u00fcrfe notierte.<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-10222\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende-300x152.jpg\" alt=\"\" width=\"336\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende-300x152.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende-1024x520.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende-768x390.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende-1536x779.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph_Ende-2048x1039.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 336px) 100vw, 336px\" \/><\/a> Das Autograph des f-moll-Streichquartetts ist auf der letzten Seite datiert mit \u201eInterlaken September 1847\u201c, und es ist wohl keine unangemessene Spekulation, in dem hochdramatischen Werk voller schmerzlicher Ausbr\u00fcche und Stimmungsschwankungen eine Art musikalische Trauerbew\u00e4ltigung zu sehen.<\/p>\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr ins heimatliche Leipzig Mitte September 1847 traf sich Mendelssohn h\u00e4ufig mit seinem engen Freund, dem Pianisten und Komponisten Ignaz Moscheles. Dessen Tagebucheintr\u00e4gen verdanken wir weitere pers\u00f6nliche Einblicke in die letzten Tage des Komponisten. Am 5. Oktober 1847 notiert Moscheles: \u201eDen ganzen Nachmittag bei Mendelssohn bei freundlichster Aufnahme und gem\u00fcthlichen Mittheilungen \u00fcber hiesige Kunstverh\u00e4ltnisse. Er spielte mir sein letztes Quartett vor; alle vier St\u00fccke in F-moll. <em>[Anmerkung: das Adagio steht in der Paralleltonart As-dur]<\/em>. Der leidenschaftliche Charakter des Ganzen und die d\u00fcstere Tonart schienen mir ein Ausdruck seines tief&shy;ersch\u00fctterten Seelenlebens; er k\u00e4mpfte noch mit dem Schmerz \u00fcber den Verlust seiner Schwester.\u201c (<em>Aus Moscheles\u2019 Leben<\/em>, Bd. 2, Leipzig 1873, <a href=\"https:\/\/www.digitale-sammlungen.de\/de\/view\/bsb11123147?page=261\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">S. 177<\/a>)<\/p>\n<p>Bei einem gemeinsamen Spaziergang wenige Tage sp\u00e4ter antwortete Mendelssohn auf die Frage nach seinem Befinden: \u201eWie es mir geht? Grau in grau geht es mir.\u201c Sein letztes Quartett, das er Moscheles nur am Klavier vorgespielt hatte, sollte er nicht mehr in realer Gestalt zu h\u00f6ren bekommen \u2013 nach mehreren Schlaganf\u00e4llen starb er am Abend des 4. November. Bis zur postumen Urauff\u00fchrung des f-moll-Quartetts verging ein ganzes Jahr: es wurde zu seinem Gedenken am 1. Todestag, dem 4. November 1848, erstmals aufgef\u00fchrt und weitere zwei Jahre sp\u00e4ter im Druck ver\u00f6ffentlicht. F\u00fcr unsere Urtextausgabe (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Streichquartett+f-moll+op.+post.+80_678\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 678<\/a>) ist folglich das Autograph die einzige relevante Quelle. Das Manuskript befindet sich heute in der Krakauer Biblioteka Jagiello\u0144ska und kann auf <a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/374132\/edition\/356471\/content\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">deren Website<\/a> in ausgezeichneter Qualit\u00e4t studiert werden:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/374132\/edition\/356471\/content\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone wp-image-10219 size-large\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph-815x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"804\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph-815x1024.jpg 815w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph-239x300.jpg 239w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph-768x965.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph-1222x1536.jpg 1222w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus80_Autograph.jpg 1335w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a>Krakau, Biblioteka Jagiello\u0144ska, Mus. ms. autogr. Mendelssohn 44\/9<\/p>\n<p>Wir besitzen also gl\u00fccklicherweise die komplette Niederschrift des Streichquartetts. Doch ist das Quartett auch \u201evollendet\u201c? Die Quellensituation scheint ja auf den ersten Blick ideal zu sein: Ein vom Komponisten vollst\u00e4ndig notiertes und trotz zahlreicher Korrekturen gut leserliches Partiturautograph \u2013 was k\u00f6nnte es authentischeres geben?<\/p>\n<p>Doch die Sache stellt sich etwas problematischer dar, wenn man Mendelssohns \u00fcbliche Arbeitsweise kennt (worin er vielen anderen Komponisten \u00e4hnelt). Die erste Niederschrift stellte in der Regel nur den ersten Schritt eines l\u00e4ngeren Prozesses dar, der bis zur endg\u00fcltigen Ver\u00f6ffentlichung im Druck noch etliche \u00dcberarbeitungen und \u00c4nderungen mit sich brachte.<\/p>\n<p>Seine rund 10 Jahre zuvor entstandenen drei Streichquartette Opus 44 geben ein anschauliches Beispiel daf\u00fcr, wie lange sich das kompositorische Weiterarbeiten hinzog. Das Autograph des e-moll-Quartetts op. 44 Nr. 2, das als erstes der Sammlung entstand, ist auf der letzten Notenseite datiert auf den 18. Juni 1837, den Abschluss der Komposition. Doch schon einen Monat sp\u00e4ter erfahren wir aus einem Brief Mendelssohns an seinen Freund Ferdinand Hiller, den er kurz zuvor getroffen hatte: \u201eDie \u00c4nderungen in dem Violinquartett aus e moll habe ich gro\u00dfentheils nach Deinem Rathe gemacht, und es hat sehr dabei gewonnen [\u2026]\u201c (23. Juli 1837). Die intensiven Umarbeitungen, Streichungen, Erg\u00e4nzungen und Einklebungen im Autograph, die man im <a href=\"https:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht?PPN=PPN728225018&amp;PHYSID=PHYS_0167&amp;DMDID=DMDLOG_0019\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Digitalisat der Berliner Staatsbibliothek<\/a> ausgiebig studieren kann stehen sicherlich in Verbindung mit dieser erw\u00e4hnten Umarbeitung, k\u00f6nnen aber zum Teil auch auf die darauffolgende Probenphase f\u00fcr die Urauff\u00fchrung durch Ferdinand David und seinen Quartettkollegen zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus44-2_Schluss_Andante.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10227 size-large\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus44-2_Schluss_Andante-1024x696.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus44-2_Schluss_Andante-1024x696.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus44-2_Schluss_Andante-300x204.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus44-2_Schluss_Andante-768x522.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus44-2_Schluss_Andante.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Streichquartett e-moll op. 44 Nr. 2, <em>Andante<\/em>, Schlusstakte mit Streichungen und Korrekturen.<br \/>\nStaatsbibliothek Berlin, <a href=\"https:\/\/digital.staatsbibliothek-berlin.de\/werkansicht?PPN=PPN728225018&amp;PHYSID=PHYS_0165&amp;DMDID=DMDLOG_0019\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mus.ms.autogr. Mendelssohn Bartholdy, F. 29<\/a><\/p>\n<p>Nicht viel anders ist die Situation bei den beiden Schwesterwerken in Es-dur und D-dur, die Mendelssohn in den folgenden Monaten und im Jahr darauf komponierte. F\u00fcr alle drei Quartette aus Opus 44 wurden f\u00fcr die Auff\u00fchrungen handschriftliche Stimmen erstellt, die anschlie\u00dfend als Stichvorlagen f\u00fcr die Erstausgabe bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel dienten. Nat\u00fcrlich nicht, ohne dass Mendelssohn darin vorher noch inhaltliche \u00c4nderungen eintrug\u2026 Bei der \u00dcbersendung der Stimmen an den Verlag entschuldigte sich Mendelssohn dementsprechend:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">\u201e[Sie] erhalten hiebei das Manuscript meiner Drei Violinquartette; entschuldigen Sie, da\u00df es damit so lange gedauert hat \u2013 ich habe aber an den Stimmen gekratzt und gemalt, da\u00df mir fast die Geduld verging; jetzt, hoffe ich, sollen sie richtig sein.\u201c (Brief vom 16. November 1838)<\/p>\n<p>Doch auch in der darauffolgenden Korrekturphase der Druckfahnen nahm der Komponist immer noch weitere \u00c4nderungen vor, wie aus diesen zwei zerknirschten Begleitbriefen hervorgeht:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">\u201eHiebei die Correctur des d dur Quartetts. Ich habe leider wieder meiner \u00fcbeln Gewohnheit nachgehangen und noch 3\u20134 Stellen ver\u00e4ndert, aber da ist nun einmal Hopfen und Malz an mir verloren, und ich kann nichts thun als um Entschuldigung bitten.\u201c (Brief vom 31. Januar 1839)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px\">\u201e[Sie] erhalten hiebei die letzte Correctur meiner 3 Quartette. [\u2026] Entschuldigen Sie g\u00fctigst, da\u00df ich so oft und so lange nachcorrigire; es ist eine b\u00f6se Gewohnheit, die ich gern ablegen m\u00f6chte und nicht kann.\u201c (Brief vom 25. Februar 1839)<\/p>\n<p>Exemplarisch f\u00fcr Mendelssohns \u00c4nderungswut sei folgende Stelle aus dem Scherzo des Es-dur-Quartetts op. 44 Nr. 3 vorgestellt, wo der Komponist offenbar damit rang, die parallele Stimmf\u00fchrung der beiden Violinen in Terzen mit der motorischen Bewegung der Viola in Einklang zu bringen. Im Autograph l\u00e4sst die Viola in T. 6 auf der 5. Z\u00e4hlzeit ein Achtel aus, um eine Dissonanz mit dem tonartfremden <em>e<\/em> der 2. Violine zu vermeiden:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10228 size-large\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph-1024x410.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph-1024x410.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph-300x120.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph-768x308.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph-1536x615.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-Autograph-2048x820.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bei den Proben des David-Quartetts f\u00fcr die Urauff\u00fchrung wurde offenbar eine Variante erprobt, die auch in die Erstausgabe der Stimmen \u00fcbernommen wurde: Hier beh\u00e4lt die Viola die durchgehende Achtelfiguration bei, was spielpraktisch schl\u00fcssiger wirkt, aber durch das <em>es<\/em> auf Z\u00e4hlzeit 5 eine harte Reibung mit dem <em>e<\/em> der 2. Violine erzeugt:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10229 size-large\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen-1024x357.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen-1024x357.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen-300x105.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen-768x268.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen-1536x536.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Stimmen-2048x714.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die sp\u00e4tere Erstausgabe der Partitur enth\u00e4lt eine neue L\u00f6sung des Problems: nun weicht die 2. Violine auf das <em>g<\/em> aus, wodurch die Dissonanz zur Viola vermieden wird, allerdings auf Kosten der Parallelf\u00fchrung in Unterterzen zur 1.Violine analog T. 5:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10230 size-large\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur-1024x504.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur-1024x504.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur-300x148.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur-768x378.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur-1536x756.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2022\/11\/Opus-44-3-EA-Partitur.jpg 1800w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In diesem Punkt scheint die Partitur den besten Text zu bieten, allerdings ist auch sie voller Ungereimtheiten und \u201eVerschlimmbesserungen\u201c, die wahrscheinlich auf Eingriffe eines damaligen Verlagslektors zur\u00fcckgehen, so dass unsere Urtextausgabe (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Streichquartette+op.+44_443\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 443<\/a>) doch die Erstausgabe der Stimmen als Hauptquelle w\u00e4hlte (im obigen Beispiel aber der Partiturlesart folgt).<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum letzten Quartett f-moll, das seine Opuszahl 80 erst bei der postumen Ver\u00f6ffentlichung 1850 erhielt: wie h\u00e4tte es wohl ausgesehen, wenn Mendelssohn es selbst in Druck gegeben h\u00e4tte\u2026? Sicher w\u00e4re dies erst nach ausgiebigen Proben und nach der Urauff\u00fchrung geschehen, und mit Sicherheit h\u00e4tte Mendelssohn an vielen Stellen noch letzte Hand angelegt. Aber selbst, wenn Mendelssohn l\u00e4nger gelebt h\u00e4tte, auch noch viele Jahre l\u00e4nger, ist nicht einmal gewiss, ob er sich \u00fcberhaupt jemals zu einer finalen Druckfassung des Quartetts entschlie\u00dfen h\u00e4tte k\u00f6nnen. Das beste Beispiel eines solch \u201evollendet-unvollendeten\u201c Meisterwerks bietet seine ber\u00fchmte Symphonie A-dur, komponiert bereits 1833. Die sogenannte \u201eItalienische\u201c, eines der beliebtesten Werke im romantischen sinfonischen Repertoire, wurde von Mendelssohn zeitlebens nie f\u00fcr publikationsreif erachtet, und seine tiefgreifenden Revisionsarbeiten daran blieben ein unvollendeter Torso. Die meisten Konzertg\u00e4nger wissen vermutlich nicht, dass die Italienische Symphonie bis heute nur in der von Mendelssohn verworfenen Erstfassung von 1833 aufgef\u00fchrt wird. Doch andererseits: wer w\u00fcrde diese von Anfang bis Ende hinrei\u00dfende Symphonie als \u201eunfertig\u201c oder \u00fcberarbeitungsbed\u00fcrftig betrachten? Gleiches gilt ganz sicher auch f\u00fcr das f-moll-Quartett, das seit 175 Jahren die H\u00f6rer in seinen Bann zieht. H\u00f6ren Sie es sich zu diesem Gedenktag doch wieder einmal an \u2013 zum Beispiel in dieser packenden Live-Aufnahme unserer Freunde vom Aris Quartett:<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Aris Quartett - F. 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