{"id":10371,"date":"2023-01-09T08:00:14","date_gmt":"2023-01-09T07:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=10371"},"modified":"2023-01-03T13:33:30","modified_gmt":"2023-01-03T12:33:30","slug":"verschlungene-pfade-auf-der-suche-nach-janaceks-urtext","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2023\/01\/09\/verschlungene-pfade-auf-der-suche-nach-janaceks-urtext\/","title":{"rendered":"Verschlungene Pfade: auf der Suche nach Jan\u00e1\u010deks Urtext"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10394\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505.jpg\" alt=\"\" width=\"205\" height=\"270\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505.jpg 585w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-227x300.jpg 227w\" sizes=\"(max-width: 205px) 100vw, 205px\" \/><\/a>Nein, die \u00dcberschrift ist kein Tippfehler. Die k\u00fcrzlich erschienene Jan\u00e1\u010dek-Ausgabe hei\u00dft nat\u00fcrlich <em>Auf verwachsenem Pfade<\/em> (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/?Titel=Auf+verwachsenem+Pfade_1505\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1505<\/a>). Wenn man sich aber als Herausgeber und Lektor auf die Suche nach dem g\u00fcltigen Urtext dieses Werkes macht, muss man sich wahrlich auf verschlungene Pfade begeben. Aber beginnen wir von vorn.<!--more--><\/p>\n<p>Unter den zahlreichen Projekten, die \u00fcber meinen Schreibtisch wandern, gibt es immer wieder solche, die ich als besondere Herzensangelegenheiten bezeichnen w\u00fcrde. Der <em>Verwachsene Pfad<\/em> geh\u00f6rt sicher dazu. Nachdem im G. Henle Verlag ja schon einige repr\u00e4sentative <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/suche\/?q=Jan%C3%A1cek%2C+Leos&amp;catalogue=1&amp;setgeolang=de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Urtext-Ausgaben von Werken Jan\u00e1\u010deks<\/a> erschienen sind (immer in Kooperation mit der <a href=\"https:\/\/www.universaledition.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Universal Edition, Wien<\/a>), habe ich mich besonders darauf gefreut, endlich den <em>Verwachsenen Pfad<\/em> angehen zu k\u00f6nnen, sicher <a href=\"https:\/\/www.leosjanacek.eu\/de\/leben\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jan\u00e1\u010deks<\/a> bedeutendstes Klavierwerk. Herausgegeben werden unsere Jan\u00e1\u010dek-Ausgaben von <a href=\"https:\/\/www.albatrosmedia.eu\/writer\/jiri-zahradka\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ji\u0159\u00ed Zahr\u00e1dka<\/a>, dem wichtigsten Experten weltweit und Leiter der Jan\u00e1\u010dek-Abteilung des M\u00e4hrischen Museums in Br\u00fcnn \u2013 wo daher alles begann. Zusammen mit Heinz Stolba von der Universal Edition trafen wir uns dem Anlass entsprechend im <a href=\"https:\/\/www.leosjanacek.eu\/de\/leos-janacek-haus\/#\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jan\u00e1\u010dek-Haus<\/a>, das nicht nur ein Museum mit originalen R\u00e4umen beherbergt, sondern auch ein einzigartiges Archiv mit allen relevanten Quellen zu Leben und Werk des Komponisten. Bei diesem Treffen pr\u00e4sentierte Zahr\u00e1dka uns das originale Quellenmaterial f\u00fcr den <em>Verwachsenen Pfad<\/em> (Manuskripte und Drucke), und wir hatten Gelegenheit die editorischen Grunds\u00e4tze, aber auch Inhalt und Umfang unserer Ausgabe zu diskutieren. Denn wie so oft bei Jan\u00e1\u010dek hat der Klavierzyklus eine lange und verworrene Entstehungsgeschichte, in deren Verlauf immer wieder Einzelst\u00fccke hinzukomponiert, verworfen, f\u00fcr eine zweite Reihe vorgesehen und dann aber doch nicht vollendet wurden. Wir waren uns schnell einig, dass unsere Ausgabe alles musikalische Material enthalten muss, das im Zusammenhang mit dem <em>Verwachsenen Pfad<\/em> \u00fcberliefert ist \u2013 keine leichte Aufgabe.<\/p>\n<div id=\"attachment_10373\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Leos_Janacek_el_1914.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10373\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10373\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Leos_Janacek_el_1914.png\" alt=\"\" width=\"230\" height=\"245\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Leos_Janacek_el_1914.png 976w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Leos_Janacek_el_1914-282x300.png 282w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Leos_Janacek_el_1914-961x1024.png 961w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Leos_Janacek_el_1914-768x818.png 768w\" sizes=\"(max-width: 230px) 100vw, 230px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10373\" class=\"wp-caption-text\">Leo\u0161 Jan\u00e1\u010dek (1854\u20131928)<\/p><\/div>\n<p>Dies ist nicht der Ort, die Entstehungsgeschichte zu duplizieren, die Zahr\u00e1dka musterg\u00fcltig und detailliert in unserem <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/foreword\/1505.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vorwort<\/a> ausbreitet. Nur soviel sei gesagt: Die Miniaturen entstanden urspr\u00fcnglich f\u00fcr Harmonium, zun\u00e4chst nur sechs St\u00fccke, von denen f\u00fcnf 1901\/1902 im Druck erschienen. Erst Jahre sp\u00e4ter befasste sich der Komponist erneut mit diesem Werk, das er nun ausdr\u00fccklich als Klavierzyklus bezeichnete. Zudem komponierte er neue St\u00fccke hinzu, sodass der Zyklus 1908 schlie\u00dflich zehn St\u00fccke umfasste, die \u00fcbrigens erst in dieser Zeit ihre poetischen Titel erhielten (der Titel <em>Auf verwachsenem Pfade<\/em> f\u00fcr den Gesamtzyklus hingegen stand schon in der fr\u00fchesten erhaltenen Quelle aus der Zeit um 1900 fest). Bis zur Ver\u00f6ffentlichung der nun zehnteiligen Sammlung vergingen jedoch noch einmal drei Jahre. Merkw\u00fcrdigerweise ist aus dem Erscheinungsjahr 1911 \u00fcberliefert, dass sich Jan\u00e1\u010dek nun schon mit einer \u201ezweiten Reihe\u201c besch\u00e4ftigte, die sogar in einer Zeitschrift angek\u00fcndigt wurde. Diese blieb aber Torso, nur ein einziges St\u00fcck dieser neuen Reihe erschien im Druck, ein zweites ist in einem Manuskript erhalten. Ein drittes blieb unvollendet.<\/p>\n<p>Wie sollten wir damit umgehen? Uns schien die beste L\u00f6sung, zun\u00e4chst die zehn St\u00fccke der ersten Reihe zu ver\u00f6ffentlichen und daran die zwei vollendeten St\u00fccke der zweiten Reihe anzuschlie\u00dfen. In einem Anhang bringt unsere Ausgabe zwei St\u00fccke, die Jan\u00e1\u010dek sozusagen unterwegs auf dem Pfad aus der ersten Reihe beiseitegelegt hatte. Und auch das unvollendete St\u00fcck aus der zweiten Reihe steht bei uns im Anhang \u2013 in der Form, wie Jan\u00e1\u010dek es zun\u00e4chst sauber abschreiben lie\u00df, bevor er begann, in dieses Manuskript mit Bleistift \u00c4nderungen einzutragen. Die Korrekturen sind n\u00e4mlich kaum leserlich, widerspr\u00fcchlich und l\u00fcckenhaft, sodass sich eine endg\u00fcltige Form des St\u00fcckes nicht rekonstruieren l\u00e4sst. Uns erschien es wichtig, auch diesen Eindruck zu vermitteln, weshalb unsere Ausgabe im Anschluss an den Notentext eine vierseitige Reproduktion der Originalquelle des unvollendeten St\u00fcckes enth\u00e4lt. So k\u00f6nnen sich alle ein Bild davon machen, was den Komponisten hier m\u00f6glicherweise umtrieb.<\/p>\n<p>Es war also schon eine Herausforderung, allein den Inhalt der Ausgabe zu bestimmen. Eine noch schwierigere Aufgabe war jedoch eindeutig das editorische Vorgehen, denn wie der Entstehungsprozess vermuten l\u00e4sst, ist die Quellenlage un\u00fcbersichtlich. Nur ein St\u00fcck ist als Autograph erhalten (aus der zweiten Reihe), aber zahlreiche Abschriften, Drucke aus verschiedenen Stadien und auch Korrekturfahnen mit Jan\u00e1\u010deks Eintragungen zeugen von der jahrelangen Besch\u00e4ftigung mit diesem Zyklus. Obwohl wir eine vom Komponisten autorisierte Erstausgabe zumindest der ersten Reihe besitzen, wirft der Notentext an unz\u00e4hligen Stellen Fragen auf, die es zu kl\u00e4ren gilt.<\/p>\n<div id=\"attachment_10379\" style=\"width: 190px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10379\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10379\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"221\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-scaled.jpg 2080w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-244x300.jpg 244w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-832x1024.jpg 832w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-768x945.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-1248x1536.jpg 1248w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/AutographoBU-min-1664x2048.jpg 1664w\" sizes=\"(max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10379\" class=\"wp-caption-text\">Br\u00fcnn, M\u00e4hrisches Landesmuseum, Institut f\u00fcr Musikgeschichte, Jan\u00e1cek-Archiv, Signatur A 7449. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.<\/p><\/div>\n<p>Eine Ursache f\u00fcr die vielen Unklarheiten mag Jan\u00e1\u010deks schwer lesbare Handschrift sein. Um Ihnen ein Bild davon zu vermitteln, rechts eine Seite des Autographs von Nr. 2 aus der zweiten Reihe. Vieles ist hier nur skizzenhaft angedeutet. Die Aufgabe von Kopisten war es, diese Autographe in deutlich lesbare Manuskripte zu \u00fcbertragen, wobei nat\u00fcrlich Fehler passierten. Die Abschriften wurden von Jan\u00e1\u010dek durchgesehen, teils erneut abgeschrieben, schlie\u00dflich dem Verlag zum Druck \u00fcbergeben. Im Herstellungsprozess unterliefen dem Notenstecher wiederum Fehler, die Jan\u00e1\u010dek durch Korrekturlesungen zu beseitigen versuchte. Erhaltene Korrekturfahnen zeugen davon, dass der Komponist tats\u00e4chlich sehr genau hinschaute. Aber alle Fehler sah er nicht und alle Unklarheiten beseitigte er auch nicht; missverst\u00e4ndliche Korrekturen sorgten gar f\u00fcr neue Verwirrung.<\/p>\n<div id=\"attachment_10382\" style=\"width: 288px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10382\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" id=\"abb\" class=\"wp-image-10382\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"278\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-scaled.jpg 1978w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-232x300.jpg 232w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-791x1024.jpg 791w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-768x994.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-1187x1536.jpg 1187w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Nr-5-Revi-min-1582x2048.jpg 1582w\" sizes=\"(max-width: 278px) 100vw, 278px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10382\" class=\"wp-caption-text\">Korrekturabzug mit Jan\u00e1\u010deks Annotationen; Br\u00fcnn, M\u00e4hrisches Landesmuseum, Institut f\u00fcr Musikgeschichte, Jan\u00e1cek-Archiv, Signatur A 7428. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.<\/p><\/div>\n<p>So kommt es dazu, dass unser Herausgeber Zahr\u00e1dka bei vielen Textfragen von der autorisierten Erstausgabe ausgehend immer wieder durch alle Quellenschichten zur\u00fcckgehen musste. Er bewies dabei arch\u00e4ologisches Gesp\u00fcr, denn stets ging es darum, \u00e4ltere Werkschichten freizulegen und dadurch Antworten auf unsere Fragen an den \u00fcberlieferten Notentext zu finden. Zwei Beispiele m\u00f6chte ich herausgreifen.<\/p>\n<p>In Nr. 2 aus Reihe I sind in T. 33 und 34 Noten in der Unterstimme der rechten Hand unklar. Es geht um die Noten <em>ges<\/em><sup>1<\/sup> und <em>f<\/em><sup>1<\/sup>, beide unmittelbar um den Taktstrich herum.<\/p>\n<div id=\"attachment_10386\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10386\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10386\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"303\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-300x182.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-1024x621.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-768x466.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-1536x932.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/HN-1505-S.-5-2048x1243.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10386\" class=\"wp-caption-text\">Aus Nr. 2: Ein verwehtes Blatt<\/p><\/div>\n<p>In den \u00e4ltesten Quellen \u2013 den beiden Abschriften zur Harmoniumfassung \u2013 steht in T. 33 <em>ges<\/em><sup>1<\/sup>, wie in unserer Ausgabe. In der Erstausgabe der Harmoniumfassung und in allen nachfolgenden Quellen steht allerdings <em>es<\/em><sup>1<\/sup>. Eine nachtr\u00e4gliche \u00c4nderung Jan\u00e1\u010deks? Im Korrekturabzug, den Jan\u00e1\u010dek sah, steht jedenfalls <em>es<\/em><sup>1<\/sup>, unkorrigiert. In T. 34 steht in der Erstausgabe des Gesamtzyklus als erste untere Note <em>des<\/em><sup>2<\/sup> (gleiche Note wie Oberstimme! So auch im Korrekturabzug, wiederum unkorrigiert). Alle fr\u00fcheren Quellen haben jedoch <em>f<\/em><sup>1<\/sup>. In beiden F\u00e4llen haben wir den fr\u00fchen Quellen den Vorzug gegeben, weil wir glauben, dass es sich bei den sp\u00e4teren Lesarten um Versehen handelt, die Jan\u00e1\u010dek schlichtweg durchgingen. Fu\u00dfnoten in unserer Ausgabe machen jedoch auf beide Alternativen aufmerksam.<\/p>\n<p>Das zweite Beispiel stammt aus Nr. 5, Reihe I. In T. 10 lautet die 2. Note der rechten Hand in der Erstausgabe eindeutig <em>es<\/em><sup>2<\/sup>. In der Abschrift hingegen (in diesem Fall die einzige fr\u00fchere Quelle) steht ein <em>e<\/em><sup>2<\/sup>, mit Warnvorzeichen \u266e. Was ist richtig? Die fr\u00fche Fassung oder die sp\u00e4te? Ein Blick in den Korrekturabzug enth\u00fcllt Erstaunliches. Der Stecher der Erstausgabe hatte n\u00e4mlich urspr\u00fcnglich ein <em>e<\/em><sup>2<\/sup> gestochen, allerdings ohne Warnvorzeichen. Jan\u00e1\u010dek erg\u00e4nzte im Fahnenabzug ein Korrekturzeichen vor dieser Note und schrieb in den entsprechenden Randvermerk eindeutig ein \u266e.<\/p>\n<div id=\"attachment_10388\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10388\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10388\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"74\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-300x44.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-1024x152.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-768x114.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-1536x228.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/01\/Ausschn.-Nr.-5-Revi-2048x304.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10388\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus <a href=\"#abb\">Abb. oben<\/a><\/p><\/div>\n<p>Der Stecher, der Jan\u00e1\u010deks Korrekturen umsetzte, verlas sich aber offensichtlich, achtete nicht auf den Randvermerk und interpretierte das Korrekturzeichen als \u266d. So erschien die Erstausgabe und auch ein Nachdruck (zu Jan\u00e1\u010deks Lebzeiten) mit <em>es<\/em><sup>2<\/sup>, ohne dass der Komponist protestiert h\u00e4tte. Das <em>es<\/em><sup>2<\/sup> hat durch T. 2 eine gewisse Plausibilit\u00e4t, aber der abweichende harmonische Kontext und Jan\u00e1\u010deks Eintragung im Korrekturabzug lassen keinen Zweifel, dass eigentlich <em>e<\/em><sup>2<\/sup> gemeint ist.<\/p>\n<p>Dies sind nur zwei Beispiele f\u00fcr die wahrhaftig \u201everschlungenen Pfade\u201c, die unser Herausgeber Zahr\u00e1dka gehen musste, um aus der Quellenlage einen zuverl\u00e4ssigen Urtext zu destillieren. Insgesamt haben wir uns jedoch bem\u00fcht, m\u00f6glichst viele Eigenheiten der Notation Jan\u00e1\u010deks sp\u00fcrbar werden zu lassen. So bewahren wir manche rhythmische Notation, die nach modernen Ma\u00dfst\u00e4ben ungew\u00f6hnlich erscheint, bewusst, wenn die Ausf\u00fchrung eindeutig ist. Auch Noten, die nach harmonischem Kontext eigentlich enharmonisch umgedeutet werden m\u00fcssten, haben wir so wie vom Komponisten notiert belassen. Jan\u00e1\u010deks ganz individuelle Tonsprache, die sich mitunter auch in eigenwilliger Notation ausdr\u00fcckt, wird so in dieser neuen Urtextausgabe transparent.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfer Dank an Ji\u0159\u00ed Zahr\u00e1dka und Heinz Stolba daf\u00fcr, dass wir uns gemeinsam auf diesen <em>Verwachsenen Pfad\u00a0<\/em>(<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ArITgyn7IAk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier in einer sch\u00f6nen Aufnahme von Ivan Kl\u00e1nsk\u00fd<\/a>) begeben konnten!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u273c<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Pianist <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/der-verlag\/autoren\/lars-vogt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lars Vogt<\/a> steuerte den Fingersatz f\u00fcr diese Ausgabe bei. Tragischerweise verstarb er, kurz nachdem er mir seine letzten Korrekturen \u00fcbermittelte hatte. Diese Musik bleibt f\u00fcr mich immer mit Lars Vogt verbunden!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nein, die \u00dcberschrift ist kein Tippfehler. 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