{"id":10527,"date":"2023-06-12T09:24:42","date_gmt":"2023-06-12T07:24:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=10527"},"modified":"2024-09-06T11:44:30","modified_gmt":"2024-09-06T09:44:30","slug":"neues-aus-der-tiefen-lage-koussevitzkys-kontrabasskonzert-op-3-endlich-in-urtext-qualitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2023\/06\/12\/neues-aus-der-tiefen-lage-koussevitzkys-kontrabasskonzert-op-3-endlich-in-urtext-qualitaet\/","title":{"rendered":"Neues aus der tiefen Lage: Koussevitzkys Kontrabasskonzert op. 3 endlich in Urtext-Qualit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_10538\" style=\"width: 229px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10538\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10538 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-219x300.jpg\" alt=\"\" width=\"219\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-219x300.jpg 219w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-748x1024.jpg 748w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-768x1052.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-1121x1536.jpg 1121w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-1495x2048.jpg 1495w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussewitsky_gemeinfrei_Wiki-scaled.jpg 1869w\" sizes=\"(max-width: 219px) 100vw, 219px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10538\" class=\"wp-caption-text\">Serge Koussevitzky (1874-1951)<\/p><\/div>\n<p>Kenner des Henle-Katalogs wissen bereits, dass der Dresdner Kontrabassist <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Tobias-Gloeckler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/a> bei uns regelm\u00e4\u00dfig mit exzellenten Neuausgaben f\u00fcr sein Instrument hervortritt. Nach den klassischen Solokonzerten (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert-E-dur-Krebs-172\/HN-759\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dittersdorf<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert\/HN-979\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Vanhal<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert-Nr.-1-mit-obligater-Violine\/HN-721\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hoffmeister<\/a>) und Solost\u00fccken aus dem 19. Jahrhundert (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Zwoelf-Walzer-fuer-Kontrabass-solo\/HN-847\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dragonetti<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Une-larme-fuer-Kontrabass-und-Klavier\/HN-571\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rossini<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Elefant-aus-Der-Karneval-der-Tiere-fuer-Kontrabass-und-Klavier\/HN-730\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Saint-Sa\u00ebns<\/a>) hat er sich nun an eines der gro\u00dfen romantischen Konzerte gesetzt: Serge Koussevitzkys 1905 in Moskau uraufgef\u00fchrtes Kontrabasskonzert in fis-moll \u2013 eines der wichtigsten Werke \u00fcberhaupt im Repertoire der Bassisten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert-op.-3\/HN-1451\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klavierauszug<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert-op.-3\/HN-7451\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studien-Edition<\/a> der Partitur sind vor wenigen Wochen erschienen; Dirigierpartitur und Orchestermaterial dazu werden vom <a href=\"https:\/\/www.hofmeister-musikverlag.com\/produkt\/konzert-fuer-kontrabass-und-ochester-op-3\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Leipziger Hofmeister-Verlag<\/a> in K\u00fcrze vorgelegt. Damit haben die Kontrabassisten rund um den Globus jetzt eine verl\u00e4ssliche Grundlage f\u00fcr die Besch\u00e4ftigung mit diesem zentralen Werk. Wie sehr diese bisher fehlte, schildert Herausgeber Tobias Gl\u00f6ckler im Gespr\u00e4ch.<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Lieber Herr Gl\u00f6ckler, unglaublich, aber wahr: Jeder Bassist kennt das Kontrabasskonzert op. 3 von Serge Koussevitzky, aber erst 120 Jahre nach der Urauff\u00fchrung erscheint nun die erste Urtext-Ausgabe. Wie sah die Lage denn bisher aus?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10540\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10540\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10540 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Tobias_Gloeckler_cmarkenfotografie-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10540\" class=\"wp-caption-text\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/p><\/div>\n<p>Koussevitzky hat es uns Bassisten wirklich nicht leicht gemacht. Seit Jahrzehnten vertrauen wir auf Notenausgaben, die im Kern alle auf die Erstausgabe des Klavierauszugs von 1906\/07 zur\u00fcckgehen. Leider wimmelte es darin nur so von Fehlern und Ungereimtheiten. In sp\u00e4teren Ausgaben konnten dann zumindest einige der offensichtlichsten Fehler korrigiert werden, vieles blieb aber widerspr\u00fcchlich. Vor allem: Was soll ich spielen, wenn meine Kontrabass-Stimme auf dem Pult deutlich von der \u00fcbergelegten Solostimme im zugeh\u00f6rigen Klavierauszug abweicht? Viele Kontrabassisten haben da sehr gut funktionierende, individuelle L\u00f6sungen gefunden, wie man regelm\u00e4\u00dfig bei Wettbewerben, Probespielen und auf Konzertpodien erleben kann. Trotzdem blieb \u2013 nicht nur bei mir \u2013 immer die Ungewissheit: Hat Koussevitzky das wirklich so gemeint?<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Wie sind Sie als Herausgeber mit diesen Widerspr\u00fcchen umgegangen?<\/span><\/p>\n<p>Nun, zun\u00e4chst habe ich mich auf die Suche nach verl\u00e4sslichen Quellen begeben. Und siehe da: In Koussevitzkys Nachlass in der Library of Congress in Washington findet sich zwar kein Klavierauszug, sehr wohl aber eine handschriftliche Partitur und ein ebenfalls handschriftliches, bisher v\u00f6llig unbeachtetes Stimmenmaterial! Beide Quellen sind auf russischem Papier geschrieben und wurden von Koussevitzky oft (wohl auch schon zur Moskauer Urauff\u00fchrung) benutzt. Damit sind sie \u2013 im Gegensatz zur widerspr\u00fcchlichen Erstausgabe des Klavierauszugs \u2013 eindeutig autorisiert. Die handschriftlichen Quellen offenbaren bereits in der Grundschicht viele interessante und bisher unbekannte Details. Geradezu faszinierend war es dann nachzuverfolgen, wie bei Auff\u00fchrungen Koussevitzkys weitere Eintragungen in Partitur und Stimmensatz erg\u00e4nzt wurden, Dynamik hinzugef\u00fcgt und Fehler korrigiert wurden \u2013 kurz: wie sukzessive auf dem Konzertpodium eine \u201eFassung letzte Hand\u201c entstand. Diese weicht an vielen Stellen \u2013 teilweise sogar substanziell \u2013 von dem ab, was man aus bisherigen Notenausgaben kennt!<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">K\u00f6nnen Sie an ein oder zwei Beispielen zeigen, was das genau hei\u00dft?<\/span><\/p>\n<p>Die ber\u00fchmten Doppelgriff-Passagen am Ende des 1. Satzes springen da sofort ins Auge. Aus dem Klavierauszug ist man gewohnt, dass die erste Passage (T. 128\u2013131) nach 4 Takten schlicht noch einmal wiederholt wird (T. 136\u2013139). In der handschriftlichen Partitur aus Koussevitzkys Nachlass hingegen findet sich eine deutlich spannendere Fassung: Die erste Passage setzt die Doppelgriff-Sequenz zun\u00e4chst konsequent bis zum Ende (T. 131) fort. Erst in der zweiten Passage wird durch einen ge\u00e4nderten Doppelgriff und die dann einstimmige Melodief\u00fchrung am Ende der Passage (T. 139) eine h\u00f6chst effektvolle harmonische und dramaturgische Steigerung erzielt. Da auch das Stimmenmaterial \u00a0in beiden Takten mit der jeweiligen Unterstimme des Soloparts \u00fcbereinstimmt, gibt es keinen Zweifel, dass Koussevitzky beide Passagen genau so spielte:<\/p>\n<div id=\"attachment_10557\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10557\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10557\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"79\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-300x47.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-1024x161.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-768x121.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-1536x242.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_1-2048x323.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10557\" class=\"wp-caption-text\">Solostimme, Satz I, T. 131<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_10559\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10559\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10559\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-1024x185.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"91\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-1024x185.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-300x54.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-768x139.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-1536x278.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_2-2048x371.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10559\" class=\"wp-caption-text\">Solostimme, Satz I, T. 139<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Und dann kamen ja auch noch weitere Quellen ins Spiel, nicht wahr?<\/span><\/p>\n<p>Ja, das stimmt: Zus\u00e4tzlich wurden zwei weitere, einzigartige Quellen einbezogen, n\u00e4mlich die von Koussevitzky selbst 1928 und 1929 auf dem damals v\u00f6llig neuen Medium der Schallplatte eingespielten <a href=\"https:\/\/imslp.org\/wiki\/Double_Bass_Concerto,_Op.3_(Koussevitzky,_Serge)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tonaufnahmen des 2. Satzes<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Screenshot-45.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-10541\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Screenshot-45.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"345\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Screenshot-45.png 1286w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Screenshot-45-300x207.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Screenshot-45-1024x706.png 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Screenshot-45-768x530.png 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage konnte auch endlich die seit Jahrzenten diskutierte Frage befriedigend gekl\u00e4rt werden, ob das Ende des 2. Satz (T. 91 ff.) abweichend vom Klavierauszug eine Oktave h\u00f6her im Flageolett zu spielen sei: Sowohl die Eintragungen in der Partitur als auch die beiden Tonaufnahmen Koussevitzkys belegen eindeutig die oktavierte Spielweise im Flageolett:<\/p>\n<div id=\"attachment_10560\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10560\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10560\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"120\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-300x72.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-1024x246.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-768x185.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-1536x369.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_3-2048x493.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10560\" class=\"wp-caption-text\">Solostimme, Satz II, T. 89 ff.<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Es war aber nicht alles \u201efalsch\u201c in den bisherigen Ausgaben, oder?<\/span><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht! Von den Fehlern und Ungereimtheiten einmal abgesehen, finden sich in der Erstausgabe des Klavierauszugs durchaus musikalisch sinnvolle Varianten zur handschriftlichen Partitur. Ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr ist die Wiederaufnahme des Themas in T. 45 des 1. und 3. Satzes. Die Partitur bringt hier durch die \u00dcberbindung eine rhythmische Ver\u00e4nderung des Themenkopfs, die Erstausgabe bel\u00e4sst ihn dagegen unver\u00e4ndert. Ist das nun ein Schreibfehler in der Partitur oder eine bewusste Variation? Wirklich schwer zu entscheiden\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_10562\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10562\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10562\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-300x88.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"88\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-300x88.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-1024x302.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-768x226.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-1536x453.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_4-2048x604.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10562\" class=\"wp-caption-text\">Solostimme, Satz I, T. 21 f.<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_10563\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10563\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10563 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-300x95.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"95\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-300x95.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-1024x324.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-768x243.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-1536x485.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_5-2048x647.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10563\" class=\"wp-caption-text\">Solostimme, Satz I, T. 45 f.<\/p><\/div>\n<p>Auch im 3. Satz sei auf ein interessantes Detail hingewiesen: Nach einem Zwischenspiel \u00fcbernimmt der Solo-Kontrabass den triumphalen Gestus des Orchesters (T. 65 ff.). Hier hat man ebenfalls die Qual der Wahl: Blendet man sich mit einem Viertel-Auftakt passend zum musikalischen Fluss der Streicher ein (Variante im Klavierauszug) oder betont man mit einem Achtel-Auftakt bewusst den Einsatz des Soloinstruments (wie in der Partitur)? Letzteres korrespondiert perfekt mit den Fl\u00f6ten und setzt deren Linie fort\u2026<\/p>\n<div id=\"attachment_10551\" style=\"width: 265px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10551\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10551\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1-725x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1-725x1024.jpg 725w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1-213x300.jpg 213w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1-768x1084.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1-1088x1536.jpg 1088w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_6-1.jpg 1339w\" sizes=\"(max-width: 255px) 100vw, 255px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10551\" class=\"wp-caption-text\">Studien-Edition HN 7451, S. 54, Satz III, T. 64\u201368<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Wie sind Sie in der Edition mit den verschiedenen Varianten der Solostimme umgegangen?<\/span><\/p>\n<p>Die neue Urtextausgabe folgt prinzipiell den beiden handschriftlichen Quellen aus Koussevitzkys Nachlass. An den Stellen, wo die Tonaufnahmen oder der Klavierauszug musikalisch sinnvolle Varianten bieten, werden diese in Kleinstich (als <em>O<\/em><em>ssia<\/em>) direkt dem Haupttext \u00fcberlegt oder in Fu\u00dfnoten beschrieben. Damit werden die Unterschiede in der \u00dcberlieferung an Ort und Stelle auf einen Blick transparent, ohne dass die umfangreichen <em>Einzelbemerkungen <\/em>konsultiert werden m\u00fcssen. Jeder Kontrabassist kann so die f\u00fcr seine Interpretation optimale Variante frei ausw\u00e4hlen! Ebenso willkommen d\u00fcrfte auch die Tenorschl\u00fcssel-freie Notation in der Solostimme der Neuausgabe sein.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Ergeben sich aus den handschriftlichen Quellen und Koussevitzkys Tonaufnahmen auch auff\u00fchrungspraktische Konsequenzen?<\/span><\/p>\n<p>Ich denke schon. Insbesondere die Tonaufnahmen sind \u00e4u\u00dferst aufschlussreiche historische Dokumente, auch wenn Koussevitzky selbst nie wirklich zufrieden damit war. Neben einer sehr individuellen Spielweise bez\u00fcglich Klang, Vibrato und Portamento \u00fcberraschen besonders Koussevitzkys sehr variable Tempi. Dies betrifft \u00fcbrigens auch die Ecks\u00e4tze, wo in der Partitur (im Gegensatz zum Klavierauszug) ebenfalls h\u00e4ufig wechselnde Tempoangaben notiert sind. Diese Flexibilit\u00e4t im Tempo d\u00fcrfte auff\u00fchrungspraktisch auch heute noch relevant sein. Eine weitere Beobachtung betrifft die unbegleiteten Solopassagen am Beginn des 1. bzw. 3. Satzes, die heute oftmals sehr langsam gespielt werden, manchmal geradezu Ton f\u00fcr Ton buchstabiert. In der Partitur sind hier Bindungen notiert (T. 7, 17), die \u2013 bei aller interpretatorischen Freiheit \u2013 einem zu langsamen Tempo schon bogentechnisch Grenzen setzen. Zudem ist in der Partitur kurz zuvor noch <em>accelerando<\/em> notiert\u2026<\/p>\n<p>Als Kontrabassist hatte ich insgeheim gehofft, in den Handschriften noch irgendwo eine Solokadenz zu entdecken. Leider findet sich nichts dergleichen. In den Quellen gibt es auch sonst keinerlei Anhaltspunkte, dass Koussevitzky bei seinen Auff\u00fchrungen jemals eine Kadenz spielte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Was bedeutet die Quellenlage f\u00fcr den Henle-Klavierauszug?<\/span><\/p>\n<p>Unter Einbeziehung des handschriftlichen Stimmenmaterials wurde zun\u00e4chst eine Orchesterpartitur erstellt, die ebenfalls im Henle Verlag als <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert-op.-3\/HN-7451\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Studien-Edition<\/a> erschienen ist. Auf dieser gesicherten Textbasis entstand dann ein komplett neuer, gut spielbarer <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Kontrabasskonzert-op.-3\/HN-1451\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klavierauszug<\/a> von Christoph Sobanski, der in zwei Tonarten wiedergegeben wird: eine f\u00fcr Solo- und eine f\u00fcr Orchesterstimmung des Kontrabasses. Neben vielen neuen Details findet sich am Endes des 1. Satzes eine handfeste \u00dcberraschung: Die Pianisten m\u00fcssen sich nun nicht mehr den Kopf zerbrechen, wie sie den in bisherigen Klavierausz\u00fcgen <em>attacca<\/em> in den 2. Satz \u00fcbergehenden Satz beenden, wenn (wie h\u00e4ufig bei Pr\u00fcfungen oder Probespielen) nur der 1. Satz gespielt wird. Hierf\u00fcr gibt es in den Quellen einen wirkungsvollen \u201erichtigen\u201c Schluss, der erkennbar auch von Koussevitzky gespielt wurde. Selbstverst\u00e4ndlich wurde dieser <em>Alternative Schluss<\/em> als Option in die Urtextausgabe \u00fcbernommen:<\/p>\n<div id=\"attachment_10549\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10549\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10549\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"262\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-300x157.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-1024x537.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-768x403.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-1536x805.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2023\/06\/Koussevitzky_NB_7-1-2048x1074.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10549\" class=\"wp-caption-text\">Klavierauszug HN 1451, Satz I, T. 143\u2013Ende<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Last but not least: Es gab immer wieder Zweifel, ob das Konzert wirklich von Koussevitzky komponiert wurde. Haben Sie dazu Neuigkeiten parat?<\/span><\/p>\n<p>Nicht wirklich. Es gibt starke Indizien, dass das Konzert zu gro\u00dfen Teilen von Reinhold Gli\u00e8re (1875-1956) geschrieben wurde. Andererseits reklamierte Koussevitzky die Komposition des Konzerts \u00f6ffentlich f\u00fcr sich. Die \u00c4u\u00dferungen von Zeitzeugen ergeben ebenfalls ein widerspr\u00fcchliches Bild (weitere Details dazu finden sich im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/cc\/d6\/bb\/1697725788\/1451-1697725788-sync.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Vorwort<\/em><\/a>). Da trotz Einsicht in verschiedenste Quellen (siehe <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/media\/f8\/37\/6a\/1697725599\/1451-1697725599-sync.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Bemerkungen<\/em><\/a>) und umfangreicher Recherche &#8211; auch in Richtung Gli\u00e8re &#8211; kein eindeutiger Gegenbeweis gefunden wurde, geht die Neuausgabe weiterhin von Koussevitzky als Komponisten des Werkes aus. \u00dcbrigens: F\u00fcr mich als Musiker ist dieses Thema ohnehin eher nebens\u00e4chlich, zumal es nichts am Notentext \u00e4ndert. Wer immer das Werk geschrieben haben mag &#8211; es ist tolle Musik und wir Kontrabassisten sind gl\u00fccklich, dieses Konzert zu haben!<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1;\">Diesem sch\u00f6nen Schlusswort ist nichts hinzuzuf\u00fcgen &#8211; vielen Dank f\u00fcr das Interview, Herr Gl\u00f6ckler!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kenner des Henle-Katalogs wissen bereits, dass der Dresdner Kontrabassist Tobias &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2023\/06\/12\/neues-aus-der-tiefen-lage-koussevitzkys-kontrabasskonzert-op-3-endlich-in-urtext-qualitaet\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,360,3,407,82,102],"tags":[851,628,852,850],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10527"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10527"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10527\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11309,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10527\/revisions\/11309"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10527"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10527"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10527"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}