{"id":10911,"date":"2024-02-12T08:00:51","date_gmt":"2024-02-12T07:00:51","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=10911"},"modified":"2024-02-14T13:13:51","modified_gmt":"2024-02-14T12:13:51","slug":"elgar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/02\/12\/elgar\/","title":{"rendered":"Elgars Streicherserenade: Fr\u00fchlingssonnenschein im Henle-Urtext-Gewand. Interview mit Rupert Marshall-Luck"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10925\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-300x220.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-1024x750.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-768x563.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-1536x1125.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Elgar-Serenade-2048x1501.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Der Beginn des Jahres 2024 ist ein besonderer Moment f\u00fcr den G. Henle Verlag, denn wir haben soeben ein neues Programmsegment in unseren Katalog aufgenommen: Musik f\u00fcr Kammerorchester. Aus verschiedenen Kontexten, teils \u00fcber unsere Gesamtausgaben, teils Werke betreffend, die sowohl kammermusikalisch also auch \u201echorisch\u201c musiziert werden k\u00f6nnen (etwa <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Divertimento-Eine-kleine-Nachtmusik-KV-525\/HN-1005\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mozarts \u201eKleine Nachtmusik\u201c<\/a>), hatten wir zwar auch schon zuvor Orchesterwerke und teils sogar Auff\u00fchrungsmaterial im Programm.<!--more--> Mit Beginn 2024 bieten wir aber nun komplette Pakete an, bestehend aus:<\/p>\n<ul>\n<li>Dirigierpartitur im vergr\u00f6\u00dferten Format<\/li>\n<li>Studien-Edition<\/li>\n<li>Stimmen-Set (3.3.2.2.1) im Urtext-Format, wobei alle Stimmen auch als Einzel-Exemplare erh\u00e4ltlich sind<\/li>\n<\/ul>\n<p>Den Auftakt bilden drei neue Urtextausgaben von bedeutenden Streicherserenaden: Dvoraks Opus 22\u00a0 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Serenade-E-dur-op.-22-fuer-Streichorchester\/HN-3300\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 3300<\/a>), Tschaikowskys Opus 48 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Serenade-C-dur-op.-48-fuer-Streichorchester\/HN-1550\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1550<\/a>) und Elgars Opus 20 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Serenade-e-moll-op.-20-fuer-Streichorchester\/HN-3310\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 3310<\/a>). Mit Rupert Marshall-Luck, dem britischen Geiger, Elgar-Experten und Herausgeber unserer Elgar-Serenade, habe ich mich \u00fcber die Besonderheiten dieser Edition unterhalten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Norbert M\u00fcllemann (NM): Lieber Rupert, vielen Dank erst einmal f\u00fcr Deine Edition dieses Streich-Orchester-Klassikers! Die Elgar-Serenade geh\u00f6rt sicherlich zu den am meisten gespielten St\u00fccken dieses Genres (Elgars Verleger der Erstausgabe konnte das noch nicht ahnen: Er bezeichnete die Serenade als eine \u201eArt von Musik, die praktisch unverk\u00e4uflich\u201c sei). Welche Bedeutung hat dieses wunderbare Werk f\u00fcr Dich pers\u00f6nlich?<\/span><\/p>\n<p>Rupert Marshall-Luck (RML): Nach <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-10929\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-scaled.jpg 2213w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-259x300.jpg 259w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-885x1024.jpg 885w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-768x889.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-1328x1536.jpg 1328w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/RGML_publicity_photograph__colour-1770x2048.jpg 1770w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>meinem Empfinden hat die Serenade einen deutlichen \u201eFreiluftcharakter\u201c \u2013 sie erinnert an eine steife Brise oben auf den H\u00fcgeln und an Fr\u00fchlingssonnenschein. Ich gehe sehr gern wandern; wahrscheinlich l\u00f6st der expressive Aspekt des Werks deshalb so viel in mir aus. Er wird besonders im ersten Satz deutlich, der eine wunderbare Lebendigkeit verstr\u00f6mt: Selbst an den gesanglichsten Stellen verleihen Achtel\u00fcberbindungen, die Off-Beats erzeugen, der Hauptmelodie ein inneres Pulsieren. Der zweite Satz ist von besonders tiefem, warmem Ausdruck: Klangaufteilung und Artikulation sind perfekt auf Streicher abgestimmt, sodass sich ein herrliches Gef\u00fchl der Leichtigkeit einstellt, frei von jeder Anstrengung. Der dritte Satz hat, wie der erste, einen spannungsgeladenen und gleichzeitig lyrischen Charakter, aber noch etwas anderes teilt sich mir hier mit: ein unterschwelliges Sehnen, wie es aus so vielen sp\u00e4teren Werken Elgars spricht \u2013 zum Beispiel aus der As-dur-Symphonie oder dem zweiten Satz des Violinkonzerts.<\/p>\n<p>Elgar selbst hielt anscheinend gro\u00dfe St\u00fccke auf dieses Werk; \u00fcber die Fr\u00fchfassung, die <em>Three Sketches<\/em> f\u00fcr Streichorchester, schrieb er: \u201eIch mag sie (die ersten St\u00fccke, \u00fcber die ich das je gesagt habe)\u201c, und die Serenade war eines der letzten St\u00fccke, die er (am 23. Juli 1933) aufgenommen hat. Seine fr\u00fche Begeisterung erhielt jedoch insofern einen empfindlichen D\u00e4mpfer, als das Werk sp\u00e4ter vom ersten Verlag, dem er es anbot, Novello, abgelehnt wurde. Bekanntlich konnte er w\u00e4hrend seiner gesamten Laufbahn nur schwer mit Ablehnung im beruflichen Bereich umgehen, und man kann sich leicht ausmalen, dass Novellos Einsch\u00e4tzung f\u00fcr ihn schwer zu ertragen war, auch wenn sie mit der Wirtschaftlichkeit und nicht mit dem (unverkennbar hohen) k\u00fcnstlerischen Wert der Serenade zusammenhing.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">NM: Die Quellen\u00fcberlieferung ist f\u00fcr eine Urtextausgabe als ausreichend, allerdings nicht als ideal zu bezeichnen. Zwar sind drei Autographe \u00fcberliefert, die Material aus allen drei S\u00e4tzen in unterschiedlich finaler Form festhalten, die reinschriftliche Stichvorlage f\u00fcr die Partitur (oder die Stimmen) ist jedoch nicht erhalten. Die Erstausgabe ist eindeutig von Elgar autorisiert. Was hat diese Quellenlage f\u00fcr die Edition bedeutet? K\u00f6nnen wir uns immer sicher sein, den Notentext so wiederzugeben, wie ihn Elgar sich vorstellte?<\/span><\/p>\n<p>RML: Ja, richtig \u2013 manchmal sind solche \u201eL\u00fccken\u201c im Quellenmaterial ausgesprochen frustrierend, vor allem, wenn die Einsicht in eine der fehlenden Quellen ein Problem, das ansonsten ein hohes Ma\u00df an \u00dcberlegung erfordert, ganz einfach l\u00f6sen k\u00f6nnte! Bei dieser Edition sahen wir uns einmal mit genau dieser Situation konfrontiert: Vom dritten Satz existiert eine autographe, fast vollst\u00e4ndige Quelle, und Elgar hat dort einige T\u00f6ne mit Flageolett-Zeichen markiert, die nicht in die Erstausgabe \u00fcbernommen wurden. Flageolettt\u00f6ne auf Streichinstrumenten klingen v\u00f6llig anders als normal gegriffene T\u00f6ne. Deswegen musste man dar\u00fcber nachdenken, ob diese Zeichen einfach \u00fcbersehen wurden, oder ob Elgar es sich anders \u00fcberlegt hatte. Es l\u00e4sst sich nicht mit Bestimmtheit sagen, zu welchem Zeitpunkt diese Markierungen \u201everschwanden\u201c (oder getilgt wurden), denn es liegen keine Quellen vor, die die \u201eL\u00fccke\u201c zwischen Autograph und der fertigen Druckfassung \u201ef\u00fcllen\u201c. Letztlich entschieden wir uns daf\u00fcr, die Flageolett-Zeichen in unsere Edition aufzunehmen, aber in den <em>Einzelbemerkungen<\/em> unseres Kritischen Berichts ausdr\u00fccklich zu erw\u00e4hnen, damit unser Vorgehen f\u00fcr Benutzer der Edition nachvollziehbar ist.<\/p>\n<p>Die zweite sehr wichtige Entscheidung, die wir f\u00e4llen mussten, betrifft die zahlreichen Diskrepanzen bez\u00fcglich der dynamischen Zeichen im Partitur-Erstdruck und in den Einzelstimmen; besonders problematisch waren Platzierung und L\u00e4nge der Gabeln. Am Anfang der \u00dcberlegungen stand die Frage, ob die Partitur oder der Stimmensatz den Notentext generell gr\u00fcndlicher und konsequenter wiedergibt \u2013 was nicht bedeutet, dass die Lesart der fraglichen Quelle <em>immer<\/em> \u00fcbernommen wird, aber dies ist zumindest ein sinnvoller Ansatzpunkt, von dem aus man andere Alternativen in Betracht ziehen kann. In unserer Ausgabe haben wir zumeist der Lesart in den Einzelstimmen den Vorzug gegeben, aber es gab F\u00e4lle, in denen dies zu Inkonsequenzen der dynamischen Abstufungen zwischen den einzelnen Instrumenten gef\u00fchrt h\u00e4tte, und dann wurde stattdessen zumeist die Lesart der Partitur benutzt.<\/p>\n<p>Es liegt eine weitere, recht aufschlussreiche Quelle zu diesem Werk vor: eine von Elgar selbst eingerichtete Fassung f\u00fcr Klavier vierh\u00e4ndig, die ungef\u00e4hr zeitgleich mit der viel bekannteren Bearbeitung f\u00fcr Streichinstrumente erschien, dann aber weitgehend in Vergessenheit geriet. Gleichwohl leistete sie gute Dienste bei der Entscheidung, wo eine Dynamikangabe platziert werden und wie lange sie gelten sollte. Au\u00dferdem gibt diese Fassung an vielen Stellen Auskunft \u00fcber Elgars Absichten bez\u00fcglich der Klangschichtung innerhalb der Faktur des musikalischen Satzes.<\/p>\n<p>Insgesamt glaube ich, dass die Verschiedenartigkeit des verf\u00fcgbaren Quellenmaterials uns gestattete, mit gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Sicherheit den Notentext so wiederzugeben, wie es Elgar beabsichtigte. Die Einrichtung einer wissenschaftlich-kritischen Ausgabe f\u00fchlt sich mitunter an, als w\u00fcrde man ein arch\u00e4ologisches Artefakt zusammensetzen, aber es ist ein faszinierender, \u00e4u\u00dferst anregender Prozess. Es ist immer wieder ein gewisses Ma\u00df an Interpretation n\u00f6tig \u2013 keine Quellenlage ist perfekt, nicht immer geht alles aus der Notation hervor, und nat\u00fcrlich ist es m\u00f6glich, aus demselben Material unterschiedliche Schlussfolgerungen zu ziehen. Deshalb ist der Kritische Bericht so wichtig, denn dort wird jede Entscheidung des Herausgebers offen dargelegt.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">NM: Im Verlauf unserer Zusammenarbeit an diesem St\u00fcck hat sich ein Problem immer wieder gestellt: Die Hauptquelle \u00fcberliefert Parallelstellen in abweichender Form. Oder, \u00e4hnlich schwierig: In der Partitur-Vertikalen sind Dynamikangaben nicht f\u00fcr alle Stimmen gleicherma\u00dfen notiert. Du hast daf\u00fcr pl\u00e4diert, diese Abweichungen nicht anzugleichen, den Text nicht einzuebnen, sondern diese Stellen gem\u00e4\u00df Hauptquelle wiederzugeben, inklusive der \u201eLeerstellen\u201c oder Diskrepanzen. Ich habe mich gern davon \u00fcberzeugen lassen \u2013 kannst Du unseren Lesern noch einmal kurz erkl\u00e4ren, welche Deine Gr\u00fcnde waren?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10931\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Edward_Elgar_1905.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10931\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10931\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Edward_Elgar_1905.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Edward_Elgar_1905.jpg 640w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Edward_Elgar_1905-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Edward_Elgar_1905-150x150.jpg 150w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10931\" class=\"wp-caption-text\">Edward Elgar (ca. 1905)<\/p><\/div>\n<p>RML: Elgar ging bei der Klangschichtung seiner Musik akribisch vor (und das nicht nur in diesem Werk, sondern in seinem gesamten Schaffen); er hatte immer eine ganz klare Vorstellung von Art und Tiefe der Satzstruktur, die er erzielen wollte \u2013 wie man also eine einzelne Linie oder mehrere Stimmen im Verh\u00e4ltnis zu den anderen hervorheben sollte \u2013, und er \u00fcberlegte f\u00fcr jede Stelle aufs Neue. Er verf\u00fcgte \u00fcber ein betr\u00e4chtliches Fachwissen als Geiger und wusste ganz genau, wie Streichinstrumente funktionieren, welche Art von Bogenf\u00fchrung welchen Klang hervorbringt, ja sogar, welcher Fingersatz den gew\u00fcnschten H\u00f6reindruck erzeugt. Deswegen glaube ich, dass Elgar, wenn er z. B. f\u00fcr ein und dieselbe Stelle in den Noten unterschiedliche Bogenstriche f\u00fcr verschiedene Instrumente vorschreibt, bestimmte Gr\u00fcnde daf\u00fcr hatte, und deshalb sollten diese scheinbaren Diskrepanzen in der Ausgabe auch erhalten bleiben.<\/p>\n<p>Wie Du sagst, stellte sich auch an Parallelstellen das Problem unterschiedlicher Bogenf\u00fchrung, Artikulation und Dynamik, und aus den eben genannten Gr\u00fcnden halte ich es f\u00fcr wahrscheinlich, dass diese Diskrepanzen f\u00fcr Elgar einen bestimmten Zweck hatten. Sie erm\u00f6glichen es den H\u00f6rern, eine bestimmte Stelle aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten: Vielleicht erh\u00e4lt eine Linie eine andere Kontur, weil durch den Bogenstrich ein anderer Melodieton akzentuiert wird; oder ein bestimmtes Motiv bekommt durch eine ver\u00e4nderte Artikulation einen neuen Charakter. Die Noten sind die gleichen, aber die wahrgenommene Form ist eine andere, so wie eine Skulptur einen anderen Anblick bietet, wenn man beim Betrachten die Perspektive wechselt.<\/p>\n<p>Es gibt auch einige Stellen, an denen die Dynamik offensichtlich \u201efehlt\u201c, d. h., die Dynamik in einer Stimme wird scheinbar durch die anderen Stimmen impliziert, aber nicht explizit notiert. Wir haben \u00fcberlegt, die Dynamikzeichen in solchen F\u00e4llen editorisch zu erg\u00e4nzen, uns dann aber doch dagegen entschieden. Oft h\u00e4tte es n\u00e4mlich mehr als eine plausible M\u00f6glichkeit gegeben, das Notierte umzusetzen, und wir waren der Meinung, dass sich das \u201eVorschreiben\u201c einer bestimmten Umsetzung zu weit auf das Gebiet der Interpretation begeben w\u00fcrde \u2013 einen Bereich, den die Ausf\u00fchrenden viel besser untersuchen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">NM: Eines der immer wiederkehrenden Probleme bei Orchesterpartituren mit Streichinstrumenten sind diejenigen Stellen, an denen eine Gruppe geteilt wird, also die ber\u00fchmten <em><span style=\"color: #6f90a7\">Divisi<\/span><\/em>&#8211; und <em><span style=\"color: #6f90a7\">Tutti<\/span><\/em>-Stellen. Wie sieht das in den Quellen aus, wie notierte Elgar diese Passagen? Ist immer klar, ob <em><span style=\"color: #6f90a7\">Divisi<\/span><\/em> oder <em><span style=\"color: #6f90a7\">Tutti<\/span><\/em> gemeint ist? Wie hast Du das in Deiner Neuausgabe gel\u00f6st?<\/span><\/p>\n<p>RML: In einem orchestralen Streichersatz kann man eine sattere Textur erzielen, wenn man der einen H\u00e4lfte einer Stimmgruppe in einem bestimmten Abschnitt eine Linie zuweist und gleichzeitig die andere H\u00e4lfte eine andere Linie spielen l\u00e4sst. Manchmal bezieht sich eine solche Satzart nur auf eine oder zwei Noten einer Phrase; mitunter wird aber auch eine l\u00e4ngere Passage so gesetzt. In der Serenade kennzeichnet Elgar eine derartige Teilung auf drei Arten: Er schreibt ausdr\u00fccklich die Anweisung \u201edivisi\u201c; er \u201emarkiert\u201c die geteilten Abschnitte durch unterschiedliche Halsung; oder er schreibt (in diesem Werk weniger h\u00e4ufig) die beiden getrennten Stimmen jeweils in eigene Notensysteme. Manchmal weicht die Notation der Erstausgabe zwischen der Partitur und den Stimmen ab, wobei die eine Quelle <em>Divisi <\/em>angibt, die andere hingegen keine ausdr\u00fcckliche Anweisung enth\u00e4lt. In diesen F\u00e4llen standen wir vor der Entscheidung, welche Lesart die ma\u00dfgebliche sein sollte, und oft bedeutete dies, den weiteren musikalischen Verlauf des St\u00fccks zu untersuchen \u2013 die Klangdichte, die sich aus der Textur der jeweiligen Passage ergibt. Beispielsweise haben die ersten Violinen gegen Ende des zweiten Satzes drei Pizzicato-Akkorde. Diese sind in der Partitur jeweils mit einem gemeinsamen Notenhals notiert (was <em>Unisono<\/em> bedeutet), in der Stimme hingegen mit getrennten H\u00e4lsen (d. h. <em>Divisi<\/em>).<\/p>\n<div id=\"attachment_10932\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10932\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10932\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"403\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-300x242.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-1024x826.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-768x619.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-1536x1238.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-1-2048x1651.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10932\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, Partitur, 2. Satz, T. 62\u201379<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_10933\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10933\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10933\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"130\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen.png 10711w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen-300x78.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen-1024x266.png 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen-768x199.png 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen-1536x399.png 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-2-mit-Rahmen-2048x532.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10933\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, erste Violine, 2. Satz, T. 64\u201379<\/p><\/div>\n<p>Welche Lesart hat Elgar nun beabsichtigt? Das Motiv w\u00e4re v\u00f6llig problemlos als Doppelgriff ausf\u00fchrbar \u2013 d. h. jeder Musiker in der Gruppe spielt beide Noten jedes Akkordes; der spieltechnische Aspekt macht also keineswegs eine <em>divisi<\/em>-Aufteilung zwingend erforderlich. Allerdings ergibt sich, wenn man auf einem Streichinstrument Pizzicato-Doppelgriffe spielt, immer ein gewisses \u201eKlappern\u201c zwischen den T\u00f6nen: Aufgrund der Gegebenheiten des Instruments werden die beiden Noten nie genau gleichzeitig erklingen. In diesem speziellen Kontext f\u00e4llt jeder der Pizzicato-T\u00f6ne in der ersten Geige mit (einzelnen) Pizzicato-T\u00f6nen des Kontrabasses zusammen, und die w\u00fcrden im Zusammenspiel nicht genau gleichzeitig erklingen, wenn die ersten Geigen <em>non divisi<\/em> spielen. Hier war also offenbar die Lesart in der ersten Geigenstimme die beabsichtigte und nicht diejenige in der Partitur.<\/p>\n<div id=\"attachment_10934\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10934\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10934\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"209\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a.png 10866w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a-300x125.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a-1024x427.png 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a-768x321.png 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a-1536x641.png 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/02\/Notenbeispiel-3a-2048x855.png 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10934\" class=\"wp-caption-text\">Henle Edition, 2. Satz, T. 66\u201372<\/p><\/div>\n<p>Auch bei Stellen, an denen eindeutig <em>divisi<\/em> gemeint ist, bestand eine weitere Schwierigkeit darin, die Platzierung von Dynamik und Artikulationszeichen zu kl\u00e4ren, die manchmal in geteilten Stimmen unterschiedlich sein soll. Elgar schreibt solche Auff\u00fchrungshinweise gern sowohl \u00fcber als auch unter das Notensystem, und manchmal ist es n\u00f6tig, sich an diese Praxis zu halten. Wo aber Dynamik und Artikulation zwischen den Stimmen identisch sind, schien es \u00fcberfl\u00fcssig, diese Verdopplung haargenau so in unsere Ausgabe zu \u00fcbernehmen. Wir haben versucht, zwischen der getreuen Wiedergabe von Elgars Notation und der Reinhaltung des Satzbildes einen Mittelweg zu finden \u2013 und ich denke, das ist uns gelungen!<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">NM: Wenn Du es kurz auf einen Punkt bringen k\u00f6nntest: Was unterscheidet unsere Ausgabe von denjenigen, die bis jetzt auf dem Markt sind, und was sind die wichtigsten Vorz\u00fcge?<\/span><\/p>\n<p>RML: Die genaue Pr\u00fcfung aller verf\u00fcgbaren Quellen und die sorgf\u00e4ltige Abw\u00e4gung all unserer Entscheidungen haben meiner Meinung nach eine Ausgabe hervorgebracht, die dem von Elgar beabsichtigten Notentext so nahe kommt wie irgend m\u00f6glich. Wie schon erw\u00e4hnt, haben wir der Versuchung widerstanden, den Text zu \u201egl\u00e4tten\u201c und \u201eaufzur\u00e4umen\u201c, um offensichtliche Diskrepanzen auszumerzen. Es war uns lieber, diese gar nicht als Diskrepanzen zu betrachten, sondern als Fixierung eines von Elgar durchgeplanten Satzgewebes. Unsere Lesart wird sich bei Auff\u00fchrungen bew\u00e4hren und, wie wir glauben, zu Darbietungen dieses wunderbaren Werks f\u00fchren, die eine zus\u00e4tzliche Tiefe und Energie offenbaren \u2013 ein frische, vitale Ann\u00e4herung an die Musik.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt wird die Ausgabe nat\u00fcrlich im wundersch\u00f6nen Notensatz von Henle pr\u00e4sentiert. Ich benutze Henle-Ausgaben, seit ich als Junge Geige lernte, und meiner Meinung nach ist die Qualit\u00e4t des Henle-Notensatz v\u00f6llig einzigartig \u2013 er ist wunderbar klar, Noten- und Textschrift sind ideal proportioniert, und die Abst\u00e4nde zwischen den Noten selbst sowie die Anordnung der Notensysteme auf der Seite sind perfekt gehandhabt. Auch die Druckqualit\u00e4t ist immer ausgezeichnet, alle Linien und R\u00e4nder sind gestochen scharf, die Notenk\u00f6pfe sind von satter F\u00e4rbung, und sogar Gewicht und Farbe des Papiers wurden sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlt. All dies bedeutet, dass Orchestermusiker, Dirigenten und Wissenschaftler gleicherma\u00dfen ihre Freude an dieser Edition haben werden. Sch\u00f6ne Musik verdient einen sch\u00f6nen Notensatz \u2013 und Elgars Serenade in dieser Henle-Ausgabe vereint beides!<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">NM: Vielen Dank!<\/span><\/p>\n<p>RML: Mit dem gr\u00f6\u00dften Vergn\u00fcgen!<\/p>\n<p>Und f\u00fcr alle, die das bezaubernde Werk nicht im Ohr haben, hier noch ein H\u00f6reindruck:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Elgar: Serenade for Strings - Concertgebouw Chamber Orchestra - Live concert HD\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/f4XK0oF88hc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Beginn des Jahres 2024 ist ein besonderer Moment f\u00fcr &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/02\/12\/elgar\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,321,88,20,3,33,872,102],"tags":[703,121,704,690,873,706],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10911"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10911"}],"version-history":[{"count":22,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10911\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10945,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10911\/revisions\/10945"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10911"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10911"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10911"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}