{"id":10949,"date":"2024-03-11T08:00:31","date_gmt":"2024-03-11T07:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=10949"},"modified":"2024-03-19T11:07:44","modified_gmt":"2024-03-19T10:07:44","slug":"schoenbergs-verklaerte-nacht-in-einer-urtext-ausgabe-der-besonderen-art","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/03\/11\/schoenbergs-verklaerte-nacht-in-einer-urtext-ausgabe-der-besonderen-art\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nbergs \u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c in einer Urtext-Ausgabe der besonderen Art"},"content":{"rendered":"<p>Der <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Schoenberg-2024\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">150. Geburtstag Arnold Sch\u00f6nbergs<\/a> wird <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright wp-image-10990\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr.jpg 1080w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr-169x300.jpg 169w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr-576x1024.jpg 576w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr-768x1365.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Schoenberg_Hochformat_gr-864x1536.jpg 864w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>bei Henle geb\u00fchrend gefeiert: p\u00fcnktlich zu Jahresbeginn ist mit der <em>Verkl\u00e4rten Nacht<\/em> f\u00fcr Streichsextett (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Verklaerte-Nacht-Streichsextett-Opus-4\/HN-1565\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1565<\/a>) eines seiner popul\u00e4rsten Werke endlich auch im blauen Urtext-Umschlag erschienen. Unterst\u00fctzt hat mich bei diesem Editionsprojekt einer <em>der<\/em> Sch\u00f6nberg-Spezialisten schlechthin: der Bratschist des ehemaligen Sch\u00f6nberg-Quartetts <a href=\"https:\/\/www.henkguittart.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Henk Guittart<\/a>, der auch als Dirigent viele Auff\u00fchrungen von <em>Verkl\u00e4rte Nacht<\/em> geleitet hat. Noch bevor ich mit der Edition begonnen hatte, pr\u00e4sentierte er mir bereits lange Listen mit Fragen und Korrekturen zur Partitur, die aus seiner jahrzehntelangen Vertrautheit mit dem Werk resultierten. Im vergangenen Jahr haben wir dann unz\u00e4hlige Emails ausgetauscht mit \u00dcberlegungen zur Quellenlage im Allgemeinen und zu vielen Details der Partitur \u2013 denn genau in diesem Spannungsfeld zwischen Quellentreue und Praktikabilit\u00e4t galt es, einen Notentext zu konstituieren, der Urtext-Kriterien erf\u00fcllt, aber den Interpreten auch eine optimale Grundlage zum Musizieren an die Hand gibt. Warum das gar nicht so einfach war, haben wir im folgenden Interview noch einmal Revue passieren lassen.<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Annette Oppermann (AO): Lieber Herr Guittart, ich begr\u00fc\u00dfe Sie mit einem herzlichen Dankesch\u00f6n! Ihr Beitrag zu unserer Sch\u00f6nberg-Ausgabe ist wahrlich nicht mit Gold aufzuwiegen \u2013 durch Ihre Geduld und Ausdauer bei der Kl\u00e4rung all der editorischen Detailfragen, k\u00f6nnen wir in unserer Urtext-Ausgabe erstmals viele neue und wichtige Informationen f\u00fcr die Ausf\u00fchrenden bereitstellen, \u00fcber die wir im Folgenden sprechen wollen. Zum Einstieg aber eine ganz pers\u00f6nliche Frage: Wann und wie sind Sie eigentlich mit Sch\u00f6nbergs <em><span style=\"color: #6f90a7\">Verkl\u00e4rter Nacht<\/span><\/em> erstmals in Ber\u00fchrung gekommen?<\/span><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Henk-Guittart-2021-B-1.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-10985\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Henk-Guittart-2021-B-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"263\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Henk-Guittart-2021-B-1.jpeg 456w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Henk-Guittart-2021-B-1-285x300.jpeg 285w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a>Henk Guittart (HG): Liebe Frau Oppermann, unsere Zusammenarbeit war auch f\u00fcr mich sehr wichtig und interessant! Zu Ihrer Frage: Ich habe die <em>Verkl\u00e4rte Nacht<\/em> zum ersten Mal im Jahr 1971 geh\u00f6rt, also im Alter von 18 Jahren, auf einer Platte, wo Zubin Mehta das Israel Philharmonic Orchestra dirigierte. Ich wei\u00df nur noch, wie sehr ich beeindruckt war, und dass dieses Werk, zusammen mit <em>Pierrot lunaire<\/em> (was ich im selben Jahr als junger Bratschist im Vorl\u00e4ufer vom sp\u00e4ter von mir gegr\u00fcndeten Sch\u00f6nberg Ensemble einstudierte), f\u00fcr mich eine lebenslange Begeisterung, Liebe und Faszination f\u00fcr die Musik Arnold Sch\u00f6nbergs in die Wege geleitet hat.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: Die <em><span style=\"color: #6f90a7\">Verkl\u00e4rte Nacht<\/span><\/em> hat Sch\u00f6nberg lange besch\u00e4ftigt: Zun\u00e4chst hat er das 1899 entstandene Sextett gr\u00fcndlich f\u00fcr die Drucklegung im Jahr 1905 \u00fcberarbeitet. 1916\/17 schuf er eine erste Fassung f\u00fcr Kammerorchester, die sehr erfolgreich war. Sie erweitert die Partitur um eine siebte Stimme (Kontrabass), bel\u00e4sst den musikalischen Grundtext aber im Wesentlichen unver\u00e4ndert. 1943 revidierte er diese f\u00fcr eine amerikanische Neuausgabe. Mit der Revision wollte Sch\u00f6nberg die klanglichen Schw\u00e4chen der fr\u00fcheren Kammerorchester-Version, vor allem im Bereich von Tempo und Artikulation, beheben. Aber es gab auch pekuni\u00e4re Motive: Der in Deutschland 1933 mit Auff\u00fchrungsverbot belegte Komponist war in die USA emigriert und erhielt dort keine Tantiemen aus den (vergleichsweise h\u00e4ufigen!) Auff\u00fchrungen dieses Orchesterwerks.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10966\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10966\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10966\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich-1024x695.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich-1024x695.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich-300x204.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich-768x521.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich-1536x1042.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Erstausgaben-Vergleich-2048x1390.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10966\" class=\"wp-caption-text\">links: Erstausgabe der Fassung f\u00fcr Sextett (1905); rechts: Erstausgabe der Fassung f\u00fcr Kammerorchester (1943)<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Diese 1943 erschienene Orchesterpartitur gilt heute vielen Kammermusikern als wichtige Informationsquelle bei der Einstudierung des Sextetts \u2013 so zum Beispiel Henk Guittart, der das Werk nicht nur unz\u00e4hlige Male gespielt und dirigiert, sondern auch k\u00fcrzlich eine Bearbeitung f\u00fcr Klaviertrio davon erstellt hat. Warum ist die Fassung von 1943 auch f\u00fcr die Auff\u00fchrung des Sextetts so wichtig?<\/span><\/p>\n<p>HG: Weil es gewisserma\u00dfen das letzte Wort Sch\u00f6nbergs ist \u00fcber diese Musik. Ich bin deshalb auch der Meinung, dass die fr\u00fche Fassung von 1917 \u00fcberfl\u00fcssig oder sogar ung\u00fcltig ist. Das hei\u00dft auch, dass solche Kammerorchesterauff\u00fchrungen nicht die Absicht des Komponisten vertreten. Die Partitur von 1943 besteht aus einer sehr gro\u00dfen Besetzung, mit mindestens 64 Streichern, wobei Sch\u00f6nberg wunderbare Klangschichten kreiert, mit Abwechslung zwischen Tutti und solistischen Besetzungen, wie auch ab und zu das originale Sextett! Alle Korrekturen und \u00c4nderungen, die er in der Partitur von 1943 umgesetzt hat, zeigen seine Erfahrungen aus der Praxis, die er wohl aus Sextett- und Orchester-Auff\u00fchrungen, auch als Dirigent, gesammelt hat. Meiner Meinung nach sind fast alle \u00c4nderungen rein musikalische Verbesserungen, nur ganz wenige haben zu tun mit der Verwandlung von Kammermusik in eine gro\u00dfe Besetzung. Als wir im Jahr 1981 dann als erweitertes Sch\u00f6nberg-Quartett zum ersten Mal die Sextett-Fassung einstudiert haben, war es f\u00fcr mich klar, dass wir die Partitur von 1943 als Ausgangspunkt nehmen sollten. Walter Levin, Primgeiger des LaSalle Quartetts, erz\u00e4hlte uns sp\u00e4ter, dass sein Ensemble das auch getan hat. Ich glaube aber, dass bis jetzt nur wenige Kollegen uns in dieser Richtung gefolgt sind. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass die neue Henle-Ausgabe dazu beitragen wird, dass die wirklichen Verbesserungen von Sch\u00f6nbergs Hand jetzt weitere Verbreitung finden.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: In unserer Urtext-Ausgabe haben wir uns allerdings trotzdem f\u00fcr eine klare Abgrenzung zur Orchesterfassung entschieden, da Sch\u00f6nberg an der Sextett-Partitur nie Zweifel ge\u00e4u\u00dfert und sogar ausdr\u00fccklich die solistische Freiheit der Ausf\u00fchrenden des Kammermusik-Werks gegen\u00fcber der Orchesterfassung beschrieben hat. Nur in einer Hinsicht haben wir eine Ausnahme gemacht: bei den Metronomangaben. Die \u00fcberreich bezeichnete Partitur des Sextetts enth\u00e4lt vom \u201eSehr langsam\u201c des Beginns bis zum \u201eSehr gro\u00df\u201c des letzten Abschnitts auf fast jeder Seite eine oder mehrere Tempoangaben, deren exakte Umsetzung durchaus Fragen aufwirft.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10969\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10969\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10969\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"495\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-scaled.jpg 1810w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-212x300.jpg 212w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-724x1024.jpg 724w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-768x1086.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-1086x1536.jpg 1086w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.16-1448x2048.jpg 1448w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10969\" class=\"wp-caption-text\">\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c, Ausschnitt T. 173\u2013187<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Dass auch Sch\u00f6nberg hier mehr Information f\u00fcr sinnvoll hielt, belegt sein Handexemplar der Sextett-Partitur, in dem er (leider nur bis T. 181) Metronomzahlen eintrug. Daher haben wir die 1943 f\u00fcr die Orchesterfassung realisierte vollst\u00e4ndige Metronomierung als eine authentische auff\u00fchrungspraktische Information, die auch f\u00fcr die Sextett-Version interessante Vergleichswerte liefert, in unsere Edition (selbstverst\u00e4ndlich mit entsprechender Kennzeichnung) aufgenommen.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10962\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10962\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10962\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"340\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23.jpg 2187w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23-300x204.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23-1024x697.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23-768x523.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23-1536x1046.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/H1_op4_E1_22_23-2048x1394.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10962\" class=\"wp-caption-text\">Sch\u00f6nbergs Handexemplar der Erstausgabe des Sextetts, T. 175\u2013203<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Hingegen konnte ich mich nicht entschlie\u00dfen, die grundlegende Revision von Dynamik und Artikulation zu \u00fcbernehmen \u2013 was Sie, Henk Guittart aber durchaus als sinnvoll empfanden. Aus welchem Grund?<\/span><\/p>\n<p>HG: Weil ich fest daran glaube, dass die Fassung von 1943 gerade was Artikulation und Dynamik betrifft viele Verbesserungen enth\u00e4lt. Wobei ich selbstverst\u00e4ndlich verstehe, dass man diese \u00c4nderungen eben nicht in eine Urtext-Ausgabe des Sextetts \u00fcbernehmen kann.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: Zumal dies bedeutet h\u00e4tte, dass wir die authentische Schicht von Dynamik und Artikulation der Sextett-Fassung gar nicht mehr h\u00e4tten zeigen k\u00f6nnen \u2013 was sich mit dem Urtext-Gedanken definitiv nicht vereinbaren l\u00e4sst. So habe ich die sp\u00e4te Orchesterfassung in meiner Edition nur im Ausnahmefall zurate gezogen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Aber Ihre Perspektive auf das Werk hat uns eben auch \u00fcberzeugt. Und so haben wir uns in der digitalen Version unserer Urtext-Ausgabe der <em><span style=\"color: #6f90a7\">Verkl\u00e4rten Nacht<\/span><\/em> f\u00fcr eine ganz neue L\u00f6sung entschieden. Hier liefern Sie unseren Nutzern im Anhang eine bezeichnete Version unserer Urtext-Partitur, die sich st\u00e4rker an der Orchesterfassung 1943 orientiert. Welchen Prinzipien sind Sie dabei gefolgt, Herr Guittart?<\/span><\/p>\n<p>HG: Die Dynamik und Artikulation sind fast vollst\u00e4ndig \u00fcbernommen aus der Partitur von 1943, Kriterium war jeweils die Frage, ob die \u00c4nderung auch f\u00fcr die Kammermusikfassung richtig w\u00e4re. Es gab nur ein paar Ausnahmen. Meiner Meinung nach wird so die Sextett-Fassung noch klarer und durchsichtiger. Auch die von Sch\u00f6nberg in der sp\u00e4ten Orchesterfassung eingef\u00fchrte Kennzeichnung von Haupt- und Nebenstimmen habe ich gerne \u00fcbernommen, weil es die Transparenz schon sehr f\u00f6rdert.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: Um die Abweichungen zum Urtext auch in dieser Version klar zu erfassen, haben wir ein Experiment gewagt: die Kennzeichnung der \u00c4nderungen durch rote Farbe. Im Druck sehr aufwendig, aber in digitaler Form \u2013 nach einigen Versuchen \u2013 vergleichsweise leicht herzustellen.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_10971\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-10971\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-10971\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-1024x752.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-1024x752.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-300x220.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-768x564.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-1536x1129.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Seitenvergleich-2048x1505.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-10971\" class=\"wp-caption-text\">links: Henle Urtext gedruckte Ausgabe; rechts: Henle Library App, Anhang<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">Verraten sei aber auch, dass diese Anhang-Partitur ein paar Tricks aus der Praxis enth\u00e4lt.<\/span><\/p>\n<p>HG: Ja, zum Beispiel habe ich in Takt 47 und 49 in Bratsche 1 ein diminuendo-Zeichen erg\u00e4nzt. Das konnte ich bis vor kurzem nur damit begr\u00fcnden, dass ich es musikalisch richtig fand. Aber seitdem ich die Aufnahme von 1929 geh\u00f6rt habe, in der Sch\u00f6nberg selber dirigiert, glaube ich noch fester daran, dass es nicht schadet, um es als Empfehlung hineinzuschreiben.<\/p>\n<div id=\"attachment_11018\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11018\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11018\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App.png 1899w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App-300x151.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App-1024x514.png 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App-768x385.png 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-4-App-1536x771.png 1536w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11018\" class=\"wp-caption-text\">Henle Library App, Anhang, T. 43\u201349<\/p><\/div>\n<p>In Takt 330 glaube ich, dass die letzte Note in Bratsche 1 <em>ges<\/em><sup>1<\/sup> sein sollte, und nicht <em>es<\/em><sup>1<\/sup>. Ich habe das immer so gespielt, weil es mir logisch schien. Aber es steht so in keiner Quelle. Jetzt steht es aber zu lesen in meiner Partitur.<\/p>\n<div id=\"attachment_11043\" style=\"width: 350px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Abbildung_1.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11043\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11043\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Abbildung_1.png\" alt=\"\" width=\"340\" height=\"196\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Abbildung_1.png 1226w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Abbildung_1-300x173.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Abbildung_1-1024x591.png 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/Abbildung_1-768x443.png 768w\" sizes=\"(max-width: 340px) 100vw, 340px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11043\" class=\"wp-caption-text\">Henle Library App, Anhang, T. 329\u2013330<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: Ja, dies ist einer der seltenen F\u00e4lle, wo in der Anhangs-Partitur sogar ein Ton ver\u00e4ndert wurde. In der Urtext-Ausgabe hingegen steht das <em><span style=\"color: #6f90a7\">es<\/span><\/em><sup><span style=\"color: #6f90a7\">1<\/span><\/sup>, aber mit einem Hinweis auf die <em><span style=\"color: #6f90a7\">Bemerkungen<\/span><\/em>, in denen dargelegt wird, dass der Dezimabstand zur 1. Note der absteigenden Skala (statt Oktavabstand wie sonst in T 330 f.) merkw\u00fcrdig und m\u00f6glicherweise ein Schreibversehen Sch\u00f6nbergs ist, das sich durch alle Quellen zieht. \u00dcbrigens bis in die Orchesterfassung von 1943!<\/span><\/p>\n<p>HG: Dann gibt es noch auch Stellen, zu denen es in meiner Anhangs-Partitur eine konkrete Empfehlung zur leichteren Ausf\u00fchrung gibt. Obwohl ich finde, dass der Komponist grunds\u00e4tzlich immer recht hat, kann ich nicht verstehen, warum die Violoncelli im Takt 226 die Doppelgriffe wechseln sollten, wo alle andere Instrumente eben nicht wechseln. Es bringt keine andere Farbe, nur eine m\u00f6gliche Unsicherheit f\u00fcr beide Celli. Daher schlage ich hier einen Stimmtausch vor, der das Problem l\u00f6st.<\/p>\n<div id=\"attachment_11027\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11027\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11027\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"472\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch.jpg 2048w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch-300x283.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch-1024x967.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch-768x725.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/T.-220-mit-Kommentar-deutsch-1536x1451.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11027\" class=\"wp-caption-text\">Henle Library App, Anhang, T. 220\u2013236<\/p><\/div>\n<p>Auch f\u00fcr den Akkord in Takt 416 w\u00fcrde ich in der Praxis eine andere L\u00f6sung empfehlen: das <em>a<\/em><sup>1<\/sup> der Geige 1 k\u00f6nnte von der Bratsche 1 \u00fcbernommen werden, deren <em>a<\/em><sup>2<\/sup> daf\u00fcr die Geige 1 \u00fcbernehmen k\u00f6nnte. Damit ist die \u2013 in dieser hohen Lage manchmal unangenehme \u2013 Quinte in der Bratsche vermieden, und die (nach etwa einer halben Stunde) m\u00f6glicherweise zu tiefe leere A-Saite der Geige 1 ist dann auch kein Problem mehr. Solche Vorschl\u00e4ge stehen nicht in meiner Partitur, weil das meiner Meinung nach eine zu starke \u00c4nderung w\u00e4re. Aber ich nenne sie hier gerne als Geheimtipps f\u00fcr aufmerksame Leserinnen und Leser dieses Blogs&#8230;<\/p>\n<div id=\"attachment_11022\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11022\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11022\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"499\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-1024x1022.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-768x767.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-1536x1533.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-40-neu-2048x2044.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11022\" class=\"wp-caption-text\">\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c, Ausschnitt T. 413\u2013418<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: Vielen Dank daf\u00fcr! Sind also alle Fragen zur <em><span style=\"color: #6f90a7\">Verkl\u00e4rten Nacht<\/span><\/em> gekl\u00e4rt? Oder gibt es selbst f\u00fcr Sie noch Stellen, f\u00fcr die Sie keine schl\u00fcssige Antwort finden?<\/span><\/p>\n<p>HG: Ja! Ich verstehe nicht richtig, was Sch\u00f6nberg gemeint hat mit dem <em>forte<\/em> in Takt 21. In Takt 20 steht ja schon <em>forte<\/em> und dann ein <em>crescendo<\/em> zum <em>forte<\/em>? Hei\u00dft das <em>subito meno forte<\/em> auf der Eins von Takt 21? Das haben wir mal ausprobiert, und dann klingt es wirklich etwas parf\u00fcmiert. Oder bezeichnet es einen H\u00f6hepunkt? So empfinde ich es \u2013 und erst k\u00fcrzlich habe ich festgestellt, dass es sich so auch in Sch\u00f6nbergs Aufnahme von 1929 anh\u00f6rt. Aber letztlich bleibt die Notierung r\u00e4tselhaft.<\/p>\n<div id=\"attachment_11024\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11024\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11024\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-300x138.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-1024x472.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-768x354.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-1536x708.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/03\/S.-2-2-2048x944.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11024\" class=\"wp-caption-text\">\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c, Ausschnitt T. 19\u201323<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7\">AO: Und mit diesem R\u00e4tsel schlie\u00dfen wir diesen Blog zu unserer besonderen Ausgabe der <em><span style=\"color: #6f90a7\">Verkl\u00e4rten Nacht<\/span><\/em>. Herzlichen Dank f\u00fcr das Interview!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 150. Geburtstag Arnold Sch\u00f6nbergs wird bei Henle geb\u00fchrend gefeiert: &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/03\/11\/schoenbergs-verklaerte-nacht-in-einer-urtext-ausgabe-der-besonderen-art\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[552,731,553,6,551,874,20,3,841,875],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10949"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=10949"}],"version-history":[{"count":56,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10949\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11044,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10949\/revisions\/11044"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=10949"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=10949"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=10949"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}