{"id":11048,"date":"2024-04-08T08:00:27","date_gmt":"2024-04-08T06:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=11048"},"modified":"2024-04-03T13:25:44","modified_gmt":"2024-04-03T11:25:44","slug":"zur-zweiten-naivitaet-mozarts-alfred-einstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/04\/08\/zur-zweiten-naivitaet-mozarts-alfred-einstein\/","title":{"rendered":"Zur \u201ezweiten Naivit\u00e4t\u201c Mozarts (Alfred Einstein)"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11062\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Alfred_Einstein.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11062\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11062\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Alfred_Einstein.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"320\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Alfred_Einstein.jpg 330w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Alfred_Einstein-211x300.jpg 211w\" sizes=\"(max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11062\" class=\"wp-caption-text\">Alfred Einstein<br \/>*1880 M\u00fcnchen \u2013 \u20201952 El Cerrito<br \/>\u00a9 Smith College Archives<\/p><\/div>\n<p>Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Alfred Einsteins Mozart-Biographie<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\"><strong><sup>[i]<\/sup><\/strong><\/a> zum ersten Mal gelesen habe. H\u00f6chstwahrscheinlich w\u00e4hrend meiner ersten Semester am M\u00fcnchener Musikwissenschaftlichen Institut der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t, in denselben R\u00e4umen also, in denen Alfred Einstein ca. 80 Jahre vor mir dort ebenfalls Musikwissenschaft studiert hatte. Ende der 1930er-Jahre musste er als Jude mit seiner Familie aus M\u00fcnchen fliehen und emigrieren. Im Internet fand ich eine bewegende biografische <a href=\"https:\/\/www.mozartsocietyofamerica.org\/wp-content\/uploads\/newsletters\/MSA-AUG-03.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erinnerung<\/a> von Einsteins Tochter Eva. Ihr, sowie Einsteins Ehefrau Hertha und seiner Schwester Bertha ist die Mozart-Biografie gewidmet: \u201eMeinen \u201aDrei Damen\u2018\u201c hei\u00dft es moz\u00e4rtlich im Frontispiz.<!--more--><\/p>\n<p>Was ich aber wei\u00df: Seit meiner ersten Lekt\u00fcre dieses Buches bin ich ein gl\u00fchender Verehrer von Einsteins Diktion. Er schreibt immer aus Liebe und Begeisterung zur Sache, auch aus der Warte gro\u00dfer Menschenkenntnis, n\u00e4mlich pers\u00f6nlich wertend, empathisch, manchmal dick auftragend hymnisch, gerne auch mal etwas herablassend. Ihm geht es allein um den Wesenskern (er sagt \u201eCharakter\u201c) der Person Mozart und seiner Kompositionen. Dank seines immensen Wissens ist Einsteins Mozart-Buch au\u00dferdem auf jeder Seite informativ. Geschenkt, dass heute nicht mehr alle seine faktischen Behauptungen \u201ehaltbar\u201c sind. Einstein w\u00e4re der Erste gewesen, Erkenntnisse der Mozart-Forschung anzuerkennen<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\"><strong><sup>[ii]<\/sup><\/strong><\/a>. Vor allem aber: Sein Stil ist unpr\u00e4tenti\u00f6s, abhold jeglicher geschwurbelter Fach-Pr\u00e4potenz. Das imponiert mir. Abgesehen davon, hat Alfred Einstein die dritte Auflage des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K%C3%B6chelverzeichnis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">K\u00f6chelverzeichnis<\/a> grundlegend \u00fcberarbeitet (1937) und er hat als Erster eine auf philologisch \u00fcberpr\u00fcfbaren Beinen stehende Edition der \u201eZehn ber\u00fchmten Streichquartette\u201c herausgebracht (1945)<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\"><strong><sup>[iii]<\/sup><\/strong><\/a> \u2013 nur als Beispiele seiner viel umfassenderen Lebensleistung.<\/p>\n<p>Die von mir antiquarisch erworbene deutsche Erstausgabe (1947) von <em>Mozart. Sein Charakter, sein Werk<\/em> ist eines der sehr wenigen B\u00fccher, welches ich mehrmals komplett gelesen habe. Kostproben?<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIn Dingen der Kunst kennt Mozart keine Kompromisse; und seine helle Beobachtungsgabe l\u00e4\u00dft ihn \u2013 wie das auch bei Kindern so ist \u2013 eher die l\u00e4cherlichen und schwachen Seiten eines Menschen entdecken als die wertvolleren.\u201c <em>(S. 126)<\/em><\/p>\n<p>\u201eMozarts Musik, in der so manches den Zeitgenossen \u201at\u00f6nern\u2018 erschien, hat sich l\u00e4ngst in Gold verwandelt, leuchtend im Licht, wenn auch von immer wechselndem Glanz f\u00fcr jede neue Generation.\u201c <em>(S. 613)<\/em><\/p>\n<p>\u201eDie Prager Sinfonie enth\u00e4lt, im langsamen Satz, noch ein weiteres Beispiel f\u00fcr die wundersame Verschmelzung von \u201aGalant\u2018 und \u201aGelehrt\u2018, die Mozart am Ende seines Lebens erreicht hat \u2026 <em>[KV 504, 2. Satz, T. 8 ff.]<\/em> Es gibt dergleichen Dinge bei Mozart hundert und tausend; sie sind <strong>Zeugnisse jener \u201azweiten Naivit\u00e4t\u2018,<\/strong> f\u00fcr die nur ein paar Meister in allen K\u00fcnsten pr\u00e4destiniert waren und die eigentlich ein langes Leben voraussetzen \u2013 bei Mozart sind sie umso wunderbarer, als er nur sechsunddrei\u00dfig Jahre alt wurde\u201c. <em>(S. 220)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Da f\u00e4llt er, der Begriff von der \u201ezweiten Naivit\u00e4t\u201c. Einstein verwendet ihn an mehreren Stellen des Buches (ich habe nicht gez\u00e4hlt, wie oft), an denen es um das \u201eSp\u00e4twerk\u201c Mozarts geht.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\"><strong><sup>[iv]<\/sup><\/strong><\/a> Im Kapitel zu den Klavierkonzerten kommt er beschreibend gleich zweimal auf die \u201ezweite Naivit\u00e4t\u201c zu sprechen:<\/p>\n<p>Das Seitenthema im Kopfsatz des <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Klavierkonzert-Nr.-21-C-dur-KV-467\/HN-766\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">C-dur-Klavierkonzertes KV 467<\/a> sei \u201evon einer letzten Einfachheit, nur den gro\u00dfen Menschen m\u00f6glich, Menschen im Besitz jener <em>zweiten<\/em> Naivit\u00e4t, der letzten Errungenschaft k\u00fcnstlerischer und menschlicher Erfahrung\u201c (S. 410):<\/p>\n<div id=\"attachment_11066\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild2.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11066\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11066\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild2.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"85\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild2.png 600w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild2-300x51.png 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11066\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, KV 467, 1. Satz (Allegro vivace), Takt 128 ff. (HN 467)<\/p><\/div>\n<p>In Einsteins Beschreibung von Mozarts letztem <strong>Klavierkonzert in B-dur KV 595<\/strong> \u2013 ich ediere das Werk derzeit f\u00fcr den G. Henle Verlag \u2013 f\u00e4llt ebenfalls der ungew\u00f6hnlich suggestive Begriff: \u201eDies letzte Klavierkonzert ist auch wiederum ein Werk letzter Meisterschaft in der Erfindung \u2013 Erfindung von jener uns bekannten [!] \u201azweiten Naivit\u00e4t\u2018 \u2026 Sie ist so vollkommen, da\u00df die Frage des Stils wesenlos geworden ist. Der Abschied ist zugleich die Gewi\u00dfheit der Unsterblichkeit\u201c. (S. 419):<\/p>\n<div id=\"attachment_11067\" style=\"width: 410px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild3.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11067\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11067\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild3.png\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"147\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild3.png 425w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild3-300x110.png 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11067\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, KV 595, 3. Satz (Rondo. Allegro), T. 1\u20138, <a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/378506\/edition\/360449\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Autograph<\/a><\/p><\/div>\n<p>Und bei der Beschreibung des Larghettos aus dem <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Klavierkonzert-c-moll-KV-491\/HN-787\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">c-moll-Konzert KV 491<\/a> verkneift sich Einstein zwar den Begriff, meint ihn aber, wenn er sagt, diese Musik bewege sich \u201ein der reinsten und r\u00fchrendsten Region \u2026und [sei] von einer letzten Simplizit\u00e4t des Ausdrucks.\u201c (S. 414)<\/p>\n<div id=\"attachment_11070\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild4.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11070\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11070\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild4.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"114\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild4.png 601w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Bild4-300x68.png 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11070\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, KV 491, 2. Satz (Larghetto), T. 1\u20134 (HN 787)<\/p><\/div>\n<p>Alfred Einstein gelingt es meines Erachtens dank dieser Formulierung verbl\u00fcffend, ein zentrales Wesensph\u00e4nomen der Musik des sp\u00e4ten Wiener Mozart \u00fcberzeugend auf den Punkt zu bringen, ohne sich in (meist ohnehin ungenie\u00dfbares) musikanalytisches Kleinklein begeben zu m\u00fcssen. Die \u201ezweite Naivit\u00e4t\u201c mag zwar terminologisch diffuser sein als etwa \u201eQuartsextakkord\u201c, aber sie hat damit die Macht, unsere kindliche Freude und erwachsene Ersch\u00fctterung dar\u00fcber beim H\u00f6ren oder Spielen zahlreicher Stellen in Mozarts Musik besser einordnen und tiefer verstehen zu k\u00f6nnen. \u201eQuartsextakkord\u201c nicht.<\/p>\n<p>Wenn Einstein speziell Mozarts Bef\u00e4higung zu dieser \u201ezweiten Naivit\u00e4t\u201c als \u201eletzte Einfachheit, nur den gro\u00dfen Menschen m\u00f6glich \u2026 [als] letzte Errungenschaft k\u00fcnstlerischer und menschlicher Erfahrung\u201c bezeichnet (S. 410), liest sich das, zugegebenerma\u00dfen, mindestens mystisch, wenn nicht gar pseudo-religi\u00f6s. Und tats\u00e4chlich stammt der Begriff gar nicht von Einstein, sondern aus einem einflussreichen theologischen Diskurs des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Dazu gleich mehr.<\/p>\n<p>Intuitiv wusste ich bereits beim ersten Lesen sofort, was Einstein mit \u201ezweiter Naivit\u00e4t\u201c meint: Unsere ganz urspr\u00fcngliche, \u201eerste\u201c, also kindliche Naivit\u00e4t staunt, ist unschuldig, harmlos, schlicht, arglos, unverstellt, nat\u00fcrlich, gesund, vertrauensselig, mitteilsam und oft genug auch originell. Wer Kinder hat, wei\u00df, wovon ich spreche. Viele Melodien des sp\u00e4ten Mozart sprechen uns genau in diesem Sinne unmittelbar an, ber\u00fchren uns im Innersten, weil sie offenkundig nicht (mehr) \u201ekonstruiert\u201c sind (zum Beispiel durch Kontrapunkt, komplexe Harmonisierung, \u00dcberraschungseffekte etc.), sondern eben gerade von einem <em>erwachsenen<\/em> Komponisten stammen, der einerseits als Mensch l\u00e4ngst schon seine kindliche Unschuld verloren hat (u.a. durch Reflexionsf\u00e4higkeit und Leid- und Verlusterfahrung), andererseits als K\u00fcnstler seine Wunderkind-Naivit\u00e4t hinter sich lassen musste. Und wir H\u00f6rer empfinden intuitiv und schmerzhaft-sehnsuchtsvoll den Verlust unserer eigenen unschuldigen Kindheit \u2013 sofern wir uns \u00fcberhaupt eine Offenheit f\u00fcr solch tiefen emotionalen Zugang zur Musik bewahren konnten.<\/p>\n<p>Einstein hat recht: es gibt zahllose solcher uns tief betroffen machender Stellen \u201ezweiter Naivit\u00e4t\u201c in Mozarts \u0152uvre. W\u00fcrde man genauer in sie hineinleuchten mit unserer musik\u00adanalytischen Taschenlampe, k\u00f6nnten wir das Raffinement solcher Erfindung und seiner genialen Verarbeitung ganz gut umschreiben, aber damit wohl nie wirklich bis zu ihrem Wesenskern durchdringen. Einstein w\u00e4hlt hierf\u00fcr an zahllosen Stellen die recht vage Formulierung einer \u201eVerschmelzung von \u201aGalant\u2018 und \u201aGelehrt\u2018\u201c.<\/p>\n<p>Meine Beobachtung nun ist, dass dieses \u201eMaterial\u201c aus einer Art Mozartschen \u201eUrquelle\u201c gesch\u00f6pft zu sein scheint. Denn zahlreiche der vordergr\u00fcndig \u201enaiven\u201c Melodien weisen untereinander Verwandtschaftsbeziehungen auf: sie gleichen sich musikalisch stark. Ich gebe im Folgenden nur ein einziges Beispiel daf\u00fcr, n\u00e4mlich den ber\u00fchrenden Anfang des Klarinettenkonzerts KV 622 \u2013 eines von Mozarts allerletzten Werken. Und ich setze zwei Melodie-Verwandte anderer Werke hintan, die f\u00fcr mich aus derselben reinen, geheimen Quelle \u201ezweiter Naivit\u00e4t\u201c stammen. Die Notenbeispiele m\u00f6gen f\u00fcr sich sprechen:<\/p>\n<div id=\"attachment_11077\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11077\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11077\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"133\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-300x80.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-1024x272.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-768x204.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-1536x408.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_729_D_Mozart_Partitur-1-2048x544.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11077\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, KV 622, 1. Satz (Allegro), T. 1\u20134 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Klarinettenkonzert-A-dur-KV-622\/HN-729\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 729<\/a>)<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_11081\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11081\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11081\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"110\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-300x66.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-1024x224.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-768x168.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-1536x337.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/Mozart-KV-466-1-2048x449.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11081\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, KV 466, 2. Satz (\u201eRomanze\u201c), T. 1\u20134 (B\u00e4renreiter Urtext)<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_11078\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11078\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11078\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"267\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-scaled.jpg 2560w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-300x160.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-1024x547.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-768x410.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-1536x821.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/04\/HN_9625_C_Mozart-2_Pf-2048x1094.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11078\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, KV 563, 1. Satz (Allegro), T. 27 ff. (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Divertimento-KV-563-Fragment-KV-Anh.-66\/HN-9625\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 9625<\/a>)<\/p><\/div>\n<p>Und jetzt kommt \u201eauf die Letzt\u201c, wie sich Mozart ausdr\u00fccken w\u00fcrde, noch eine \u00fcberraschende Wende. Denn der Ausdruck \u201ezweite Naivit\u00e4t\u201c stammt gar nicht von Alfred Einstein. Er wurde vor ziemlich genau 100 Jahren, n\u00e4mlich 1925, vom Religionsphilosophen Peter Wust (1884\u20131940) gepr\u00e4gt. Der im Internet als <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/funda\/de\/assets\/public\/files\/Publikationen\/Negel\/pdf\/welt-als-gabe_zweitenaivitaet.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF<\/a> downloadbare, grandios geschriebene einschl\u00e4gige Essay aus der Feder des Fundamentaltheologen Joachim Negel sei allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs ans Herz gelegt, sofern sie sich f\u00fcr philosophische, religionsp\u00e4dagogische oder theologische Fragestellungen interessieren<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\"><strong><sup>[v]<\/sup><\/strong><\/a>.<\/p>\n<p>Es geht im theologischen Diskurs der \u201ezweiten Naivit\u00e4t\u201c um das Kernproblem des unm\u00f6glich gewordenen Glauben-K\u00f6nnens an einen (Sch\u00f6pfer-) Gott in post-aufkl\u00e4rerischen Zeiten. Vernunft, Skepsis und naturwissenschaftliche Erkenntnisse stehen fundamental gegen die Naivit\u00e4t des Glaubens. Bibelworte, sofern sie \u00fcberhaupt noch in unserer modernen Zeit eine Rolle spielen, werden \u00fcblicherweise kopfsch\u00fcttelnd als l\u00e4ngst entmythologisierte Geschichten aus der Kinder-M\u00e4rchenstunde entlarvt und bieten somit keinen mittelbaren Zugang mehr zu Gott oder zum Glauben. Die \u201ezweite Naivit\u00e4t\u201c m\u00f6chte nun dem modernen, aufgekl\u00e4rten, in h\u00f6chstem Grade misstrauischen Erwachsenen den Weg zur\u00fcck \u2013 oder besser hinab \u2013 zum gewisserma\u00dfen wieder kindlichen, staunenden Glauben er\u00f6ffnen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNachdem er alles Lernbare gelernt, alles Wi\u00dfbare erfahren und alles Fragbare gefragt hatte, stieg die Glaubenswelt, in Innersten unzerst\u00f6rt, wieder in ihm auf, und er ergriff sie mit wiedergewonnener Kindlichkeit \u2026 eine neue seelische Haltung, die der zweiten Naivit\u00e4t\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>\u2013 ein Satz des deutschst\u00e4mmigen, israelischen Religionsphilosophen Ernst Akiba Simon (1900\u20131988), den man im Essay Negels in Fu\u00dfnote 28 findet und dem auch ein eigenes Kapitel gewidmet ist. Denn Simon entwickelte den Gedankengang der \u201ezweiten Naivit\u00e4t\u201c in den 1930er-Jahren, erstaunlicherweise ohne Peter Wusts Wortsch\u00f6pfung und dessen grundlegende \u00dcberlegungen zu kennen. (Und, um das Angelesene hier noch notwendig abzurunden: Der bekannteste Repr\u00e4sentant und prominenteste Vertreter der \u201eZweiten Naivit\u00e4t\u201c war dann kurz darauf der vielgelesene franz\u00f6sische Philosoph Paul Ric\u0153ur [1913\u20132005].)<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Alfred Einstein. Was ich <em>vor<\/em> meiner Besch\u00e4ftigung mit dem also weit \u00fcber eine suggestive rhetorische Figur hinausweisenden Diskurs gar nicht bemerkt hatte: Einstein setzt sie in seiner Mozart-Biografie jedes Mal in Anf\u00fchrungszeichen oder kursiviert sie. Ich habe das immer als ein \u201esozusagen\u201c verstanden, vielleicht wollte er aber damit den Begriff als Zitat kenntlich machen? Einstein deckt jedoch seine Quelle nicht auf. Das f\u00fcr einen gro\u00dfen Leserkreis geschriebene Buch hat kaum Fu\u00dfnoten und kein Sekund\u00e4rliteratur-Verzeichnis; wenn \u00fcberhaupt, gibt Einstein seine Zitat-Quelle an Ort und Stelle an. Wir k\u00f6nnten also spekulieren, welchen Autor der umfassend gebildete Alfred Einstein wohl rezipiert haben k\u00f6nnte. Ich vermute am ehesten die Schriften oder Ideen des Ernst Akiba Simon, der, etwa gleichaltrig, wegen der nationalsozialistischen Barbarei ebenfalls aus Deutschland fliehen musste. Einsteins Nachlass k\u00f6nnte hierzu wom\u00f6glich Auskunft geben. Er wird in der Musikbibliothek der <a href=\"https:\/\/guides.lib.berkeley.edu\/music_library_archives\/collections\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Universit\u00e4t Berkeley\/USA<\/a> (\u201eHargrove Music Library\u201c) aufbewahrt; die online gebotenen Kurzregesten bleiben bei den Namen Wust, Ric\u0153ur und vor allem Simon jedoch stumm. Meine entsprechenden Anfragen blieben leider unbeantwortet.<\/p>\n<p>Die bewusste oder unbewusste \u00dcbertragung der Formulierung \u201ezweite Naivit\u00e4t\u201c aus der theologischen in die musik-hermeneutische Sph\u00e4re, insbesondere in dem so hellsichtigen Bezug zu Mozarts Kreativit\u00e4t, bleibt in jedem Fall, soweit ich sehe, das alleinige Verdienst Alfred Einsteins.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Alfred Einstein<em>, Mozart. Sein Charakter, sein Werk<\/em>, Stockholm: Bermann-Fischer-Verlag 1947; Volltext verf\u00fcgbar <a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/Musik\/M\/Einstein,+Alfred\/Mozart.+Sein+Charakter,+sein+Werk\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>. Einsteins Vorwort ist sicherlich nicht zuf\u00e4llig auf den 9. Mai 1945 (Ende des II. Weltkriegs) datiert.<br \/>\nEnglische Originalausgabe: Alfred Einstein, <em>Mozart. <\/em><em>His Character, His Work<\/em>, \u00fcbersetzt von Arthur Mendel und Nathan Broder, New York: Oxford University Press 1945; Taschenbuch-Reprint ebd. 1962 und sp\u00e4ter. Leseprobe verf\u00fcgbar <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=Ep4PXMszMv4C&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>. Das Buch wurde von Einstein nat\u00fcrlich auf Deutsch geschrieben (s. a. Eva Einsteins <a href=\"https:\/\/www.mozartsocietyofamerica.org\/wp-content\/uploads\/newsletters\/MSA-AUG-03.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erinnerung<\/a>).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Ein Beispiel: Zum fragmentarischen Allegro in g-moll KV 312, komponiert vermutlich 1790\/91 (KV<sup>6<\/sup>: 590d), gibt Alfred Einstein klaglos zu, er habe es in seinem KV<sup>3<\/sup> \u201eleider v\u00f6llig falsch placiert\u2026, als ich es unter die \u201aM\u00fcnchner\u2018 Klaviersonaten stellte\u201c (S. 339).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> W. A. Mozart, <em>The ten celebrated string quartets. First authentic edition in score based on autographs in the British Museum and on early prints<\/em>, ed. by Alfred Einstein, London: Novello 1945.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> In der englischen Ausgabe: \u201esecond na\u00efvet\u00e9\u201c. Im Zusammenhang mit dem \u201eAve verum\u201c KV 618 formuliert er: \u201ezweite Einfachheit\u201c (S. 465).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Joachim Negel, <em>Zweite Naivit\u00e4t. Begriffsgeschichtliche und systematische Erw\u00e4gungen zu einem vielbem\u00fchten, aber selten verstandenen Konzept<\/em>, in: Thomas M\u00f6llenbeck und Ludger Schulte (Hg.), <em>Weisheit \u2013 Spiritualit\u00e4t der Menschheit<\/em>, M\u00fcnster: Aschendorff 2021, S. 279\u2013305; Volltext verf\u00fcgbar <a href=\"https:\/\/www.unifr.ch\/funda\/de\/assets\/public\/files\/Publikationen\/Negel\/pdf\/welt-als-gabe_zweitenaivitaet.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann mich nicht erinnern, wann ich Alfred Einsteins Mozart-Biographie[i] &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/04\/08\/zur-zweiten-naivitaet-mozarts-alfred-einstein\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[421,3,303],"tags":[876,878,96,877],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11048"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11048"}],"version-history":[{"count":45,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11048\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11107,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11048\/revisions\/11107"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}