{"id":11323,"date":"2024-10-14T08:00:46","date_gmt":"2024-10-14T06:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=11323"},"modified":"2024-10-15T13:51:46","modified_gmt":"2024-10-15T11:51:46","slug":"zaeh-halten-sich-die-fehler-der-alten-zum-solo-einstieg-der-geige-in-mozarts-violinkonzert-in-d-dur-kv-218","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/10\/14\/zaeh-halten-sich-die-fehler-der-alten-zum-solo-einstieg-der-geige-in-mozarts-violinkonzert-in-d-dur-kv-218\/","title":{"rendered":"Z\u00e4h halten sich die Fehler der Alten. Zum Solo-Einstieg der Geige in Mozarts Violinkonzert in D-dur KV 218"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11339\" style=\"width: 285px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-2.jpeg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11339\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11339\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-2-240x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"275\" height=\"344\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-2-240x300.jpeg 240w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-2-818x1024.jpeg 818w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-2-768x961.jpeg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-2.jpeg 934w\" sizes=\"(max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11339\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, Violinkonzert D-dur, KV 218,<br \/>hrgs. v. Ferdinand David 1865,<br \/>A-Sm Rara 218\/5<\/p><\/div>\n<p>Man k\u00f6nnte als Urtext-Herausgeber manchmal verzweifeln: Da bietet man der Musikwelt einen gesicherten Notentext, aber diejenigen, denen unsere ganze Arbeit gilt, ignorieren die neuen Erkenntnisse f\u00fcr ihr Spiel und f\u00fcr ihren Unterricht.<\/p>\n<p>Ein Beispiel gef\u00e4llig? Neulich h\u00f6rte ich einen jungen, sehr begabten koreanischen Geiger das D-dur-Konzert KV 218 (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Violinkonzert-Nr.-4-D-dur-KV-218\/HN-680\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 680<\/a>) von Mozart spielen. Abgesehen davon, dass er auf den zumindest in der historisch-informierten Auff\u00fchrungspraxis als \u201ecommon sense\u201c geltenden Standard, als Primarius die Tuttipassagen mitzuspielen und das Orchester zu leiten, leider verzichtete, h\u00f6rten wir im Detail all jene kleinen Notenfehler und subjektiven Bearbeitungserg\u00e4nzungen, die letztlich auf Ferdinand Davids Erstausgabe von 1865 zur\u00fcckgehen.<!--more--><\/p>\n<p>Nehmen wir den Einstieg der Solovioline in Takt 42. Nach wie vor spielt nicht nur unser Geiger \u2013 denn z\u00e4h halten sich die Fehler der Alten \u2013 in etwa so:<\/p>\n<div id=\"attachment_11325\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11325\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11325\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-300x198.png\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"230\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1-300x198.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild1.png 530w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11325\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, Violinkonzert D-dur, KV 218, \u201eSOLO\u201c (T. 42 ff.), Erstausgabe Breitkopf &amp; H\u00e4rtel 1865, hrsg. v. Ferdinand David<\/p><\/div>\n<p>Kurzer Vorschlag und forte. Er spielte die Stelle letztlich so, wie wir es von David Oistrach kennen (an dessen Ton und Verve er freilich nicht herankam):<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"David Oistrakh - Mozart - Violin Concerto No 4 in D major, K 218\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/l3tK0836A8c?start=88&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Bei genauer Lekt\u00fcre (m)einer Urtextausgabe wird man feststellen, dass es sich aber um keine kurze, sondern um eine lange Vorschlagsnote zur ersten Note handelt, die auf den Schlag gespielt werden muss. \u00dcber die angemessene Dynamik w\u00e4re zu verhandeln. In Mozarts Autograph sieht die Stelle n\u00e4mlich wie folgt aus:<\/p>\n<div id=\"attachment_11327\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild2.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11327\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11327\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild2.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"455\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild2.png 605w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/Bild2-300x273.png 300w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11327\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, Violinkonzert D-dur, KV 218, \u201eSolo\u201c (T. 42 ff.), Autograph in Krakau,<br \/><a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/963698\/edition\/924657\/content\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Biblioteka Jagiello\u0144ska<\/a><\/p><\/div>\n<p>Spielt man \u2013 korrekt \u2013 einen langen Vorschlag wirkt der Einstieg in hoher Lage doch gleich viel z\u00e4rtlicher und nicht ganz so \u201ehier komme ich\u201c-auftrumpfend \u00e0 la Oistrach. Und dann bemerkt man, dass die Solo-Violine <em>keine<\/em> dynamische Vorschrift aufweist: die beiden begleitenden Tuttiviolinen hingegen haben piano! Nat\u00fcrlich: die (auch das erste Tutti) er\u00f6ffnende Stelle hat dank der Punktierung etwas Marschartiges. Das kann man sich gut mit Pauken und Trompeten vorstellen. Aber es ist eine Solo-Violine in ziemlich hoher Lage, zart begleitet im piano. Ich meine: das ist eben kein Marsch, sondern eine Art \u201eEinspielen\u201c oder \u201eIntonieren\u201c eines banalen D-dur-Dreiklangs, noch dazu mit sozusagen langem Auftakt auf der einzigen Note <em>e<\/em><sup>3<\/sup>. Quasi Musik, die \u201eunwichtiger\u201c ist als alles, was danach kommt. Also kein Grund, bereits hier solistisch aufzutrumpfen. Liebe Geiger: probiert das doch einmal etwas gem\u00e4\u00dfigter, vielleicht im mezzoforte und eher wie beil\u00e4ufig gespielt. Das jedenfalls lese ich aus Mozarts Autograph heraus.<\/p>\n<p>Wir sehen im Autograph \u00fcbrigens exakt vor Eintritt der Solo-Violine eine Streichung Mozarts. Bei der Interpretation des Konzerts kann es nur helfen, sich zu fragen, was Mozart wohl bewogen haben k\u00f6nnte, diesen unbegleiteten D-dur-Dreiklangsaufschwung nachtr\u00e4glich (wom\u00f6glich erst nach Abschluss der Niederschrift) zu tilgen. Sobald man n\u00e4mlich dar\u00fcber spekuliert, was mit dieser Tilgung musikalisch wom\u00f6glich besser geworden ist, versteht man wieder ein bisschen mehr vom D-dur-Konzert \u2013 und von Mozart \u00fcberhaupt. (Besonders weil Mozarts Handschrift des Werks <a href=\"https:\/\/jbc.bj.uj.edu.pl\/dlibra\/publication\/963698\/edition\/924657\/content\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">kostenlos und bequem online zug\u00e4nglich<\/a> ist, gibt es eigentlich keine Ausrede, sie in Vorbereitung der Interpretation nicht zu studieren.)<\/p>\n<p>Gabriel Banat gibt in seinem aufschlussreichen Vorwort der Faksimile-Ausgabe aller Violinkonzerte dazu einen interessanten Hinweis (<a href=\"https:\/\/store.doverpublications.com\/collections\/calla-editions\/products\/9781606600597\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>The Mozart Violin Concerti: A Facsimile Edition of the Autographs. <\/em><span dir=\"auto\">Mineola, New York<\/span> 2015<\/a>). Einen solchen Dreiklangsaufschwung vor (dem zweiten) Eintritt der Solovioline hatte Mozart bereits ein paar Wochen vor dem D-dur-Konzert geschrieben, n\u00e4mlich im ersten Satz des G-dur-Konzerts KV 216 (= zweiter Soloabschnitt, T. 51):<\/p>\n<div id=\"attachment_11331\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11331\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11331\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"258\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3.jpg 9980w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3-300x155.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3-1024x528.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3-768x396.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2024\/10\/HN_688_F_Mozart_Partitur-3-1536x792.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11331\" class=\"wp-caption-text\">Mozart, Violinkonzert G-dur, KV 216, \u201eSolo\u201c (T. 51 ff.), Urtextausgabe, G. Henle 2002,<br \/>hrsg. v. Wolf-Dieter Seiffert (<a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Violinkonzert-Nr.-3-G-dur-KV-216\/HN-688\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 688<\/a>)<\/p><\/div>\n<p>Banat spekuliert, ob Mozart diese \u201eWiederholung\u201c seiner Idee m\u00f6glicherweise peinlich war, weshalb er sie dann strich. Andererseits spielt die Violine bei ihrem Auftritt auch im nachfolgenden Konzert, A-dur KV 219 (T. 40), ebenfalls einen aufsteigenden Dreiklang. Alle drei Violin-Eintrittsstellen sind (bzw. im Falle von KV 218: waren) also interessanterweise verwandt, aber nicht wie eineiige Zwillinge. Vielleicht haben Sie, liebe Leser, noch eine andere Idee, weshalb Mozart diesen ja an sich nicht falschen Dreiklangstakt im D-dur-Konzert tilgte?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man k\u00f6nnte als Urtext-Herausgeber manchmal verzweifeln: Da bietet man der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2024\/10\/14\/zaeh-halten-sich-die-fehler-der-alten-zum-solo-einstieg-der-geige-in-mozarts-violinkonzert-in-d-dur-kv-218\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[105,87,52,43,88,20,3,303,102,452],"tags":[707,703,119,695,704,690,34,893,706,566],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11323"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11323"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11323\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11355,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11323\/revisions\/11355"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11323"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11323"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11323"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}