{"id":1143,"date":"2012-11-12T08:00:03","date_gmt":"2012-11-12T07:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1143"},"modified":"2015-05-21T13:29:06","modified_gmt":"2015-05-21T11:29:06","slug":"klaviertrio-frage-warum-und-seit-wann-%e2%80%9edarf%e2%80%9c-eigentlich-der-pianist-aus-der-partitur-spielen-die-streicher-aber-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/11\/12\/klaviertrio-frage-warum-und-seit-wann-%e2%80%9edarf%e2%80%9c-eigentlich-der-pianist-aus-der-partitur-spielen-die-streicher-aber-nicht\/","title":{"rendered":"Klaviertrio-Frage: Warum und seit wann \u201edarf\u201c eigentlich der Pianist aus der Partitur spielen, die Streicher aber nicht?"},"content":{"rendered":"<p><strong> <\/strong><\/p>\n<p><strong>Achtung<\/strong>: Dieser Beitrag endet mit einer Preisfrage. Herzliche Einladung zur Teilnahme!<\/p>\n<p>Die Notenausgabe eines Klaviertrios besteht bekanntlich prinzipiell aus einer Klavierpartitur mit zwei eingelegten Solostimmen (Violine und Cello). Nur der Pianist spielt aus der Partitur, bestehend aus gro\u00df gestochener Klavierakkolade und dar\u00fcber platzierten, kleiner gedruckten Streicherstimmen, zuoberst die Violinstimme, darunter der Cellopart. Das ist soweit keine Neuigkeit. Was aber viele Musiker nicht wissen: Diese spezifische Partiturform der heutigen Klaviertrio-Musikalien ist eine Erfindung (und Normierung) des 19. Jahrhunderts. Die originale \u00dcberlieferung bis in die Beethoven-Zeit kennt weder die Klavierpartitur, noch gab es eine einheitliche Notationsweise der Komponisten.<!--more--><\/p>\n<p>Die \u201eklassischen\u201c Komponisten Haydn, Mozart und Beethoven notierten ihre Klaviertrios in jeweils v\u00f6llig voneinander abweichenden Partituranordnungen. Die Normierung des modernen Druckes unterdr\u00fcckt dieses f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Musik nicht unbedeutende grafische Ph\u00e4nomen. Die Reihenfolge n\u00e4mlich, in der diese Begr\u00fcnder einer der wichtigsten modernen Musikgattungen die Instrumente anordneten, l\u00e4sst unmittelbare R\u00fcckschl\u00fcsse auf deren Kompositions- und Klangverst\u00e4ndnis zu:<\/p>\n<p><strong>HAYDN, <\/strong>der Begr\u00fcnder der Gattung, notierte die Klavierakkolade in seiner fr\u00fchen und mittleren Schaffenszeit zuoberst, darunter die Violine und dann das Cello:<\/p>\n<div id=\"attachment_1146\" style=\"width: 610px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Haydn-bearbeitet.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1146\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1146\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Haydn-bearbeitet.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"182\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Haydn-bearbeitet.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Haydn-bearbeitet-300x90.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1146\" class=\"wp-caption-text\">Haydn: Klaviertrio G-dur Hob. XV:5 (1784), Beginn des Finales<\/p><\/div>\n<p><strong>MOZART<\/strong> notierte die Klavierakkolade in der Mitte, die Violine dar\u00fcber, das Cello darunter; so auch der \u00e4ltere Haydn (und Schubert, siehe unten):<\/p>\n<div id=\"attachment_1149\" style=\"width: 616px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Mozart-bearbeitet.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1149\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1149\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Mozart-bearbeitet.jpg\" alt=\"\" width=\"606\" height=\"157\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Mozart-bearbeitet.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Mozart-bearbeitet-300x78.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 606px) 100vw, 606px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1149\" class=\"wp-caption-text\">Mozart: Klaviertrio E-dur KV 542 (1788), Beginn des Kopfsatzes<\/p><\/div>\n<p><strong>BEETHOVEN<\/strong> notierte \u201emodern\u201c, also in der Reihenfolge Violine, Cello, Klavier:<\/p>\n<div id=\"attachment_1151\" style=\"width: 619px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Beethoven-op70_2-bearbeitet.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1151\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1151\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Beethoven-op70_2-bearbeitet.jpg\" alt=\"\" width=\"609\" height=\"174\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Beethoven-op70_2-bearbeitet.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Beethoven-op70_2-bearbeitet-300x85.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 609px) 100vw, 609px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1151\" class=\"wp-caption-text\">Beethoven, Klaviertrio Es-dur op. 70 Nr. 2 (1808), Beginn des Kopfsatzes <\/p><\/div>\n<p><strong>Schubert<\/strong> notierte seine g\u00f6ttlichen Klaviertrios <a href=\"http:\/\/www.schubert-online.at\/activpage\/manuskripte.php?werke_id=259&amp;werkteile_id=35&amp;image=MH_00126_D28_001.jpg&amp;groesse=100&amp;aktion=einzelbild&amp;bild_id=0\" target=\"_blank\">mal wie Mozart<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.schubert-online.at\/activpage\/manuskripte_en.php?werke_id=10050&amp;werkteile_id=&amp;image=ONB_MusHs4373_D897_001.jpg&amp;groesse=100&amp;aktion=einzelbild&amp;bild_id=0\" target=\"_blank\">mal wie Beethoven<\/a>. Im sp\u00e4teren 19. Jahrhundert wird dann Beethovens Schreibweise \u2013 vermutlich dank der kursierenden Druckausgaben \u2013 zur Norm.<\/p>\n<p>Anhand dieser drei v\u00f6llig unterschiedlichen autographen Partituranordnungen kann man meines Erachtens unschwer die musikalische Entwicklung dieser neuen Gattung aus ihren Anf\u00e4ngen bis hin zur Ma\u00dfstab setzenden Ausformung bei Beethoven erkennen: Aus einem mehr oder weniger autarken Klaviersatz, der von den beiden Streichern dienend begleitet wird (Haydn), \u00fcber eine Emanzipation der Streicher, vor allem der Violinstimme als zunehmend wichtigem Dialogpartner des Klaviers (Mozart) bis hin zu der Gleichberechtigung aller drei Musiker (Beethoven).<\/p>\n<p>Ich sage nun nicht, dass wir in k\u00fcnftigen Urtextausgaben zu diesen originalen Partituranordnungen zur\u00fcckkehren sollten, denn die heutige Anordnung hat \u00fcber weit mehr als 150 Jahre ihre Zweckm\u00e4\u00dfigkeit und Praxistauglichkeit erwiesen. Dennoch: solch ein kurzer Blick in die Originale \u00f6ffnet Augen und Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Auch das Spielen des Pianisten aus der Partitur entspricht durchaus nicht der fr\u00fchen Druck\u00fcberlieferung von Klaviertrios. Bis immerhin etwa um 1830 hatte auch der Pianist nur seine Stimme. Hier zuf\u00e4llig ausgew\u00e4hlte, leicht zug\u00e4ngliche Beispiele:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/javanese.imslp.info\/files\/imglnks\/usimg\/5\/53\/IMSLP16852-Haydn_Piano_Trios_Op71.pdf\" target=\"_blank\">Haydn<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/conquest.imslp.info\/files\/imglnks\/usimg\/c\/cd\/IMSLP17429-Mozart_Piano_Trio_No2_K496.pdf\" target=\"_blank\">Mozart<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=15109&amp;template=dokseite_digitales_archiv_de&amp;_eid=1502&amp;_ug=Klavier%20und%20mehrere%20Instrumente&amp;_werkid=1&amp;_dokid=T00012729&amp;_opus=op.%201&amp;_mid=Werke%20Ludwig%20van%20Beethovens&amp;suchparameter=&amp;_sucheinstieg=&amp;_seite=1-1\" target=\"_blank\">Beethoven<\/a><\/p>\n<p>Nun w\u00fcrde ich zu gerne genauer wissen, ab wann sich das Blatt wendete, also ab wann genau eine Klaviertrio-Druckausgabe mit Partitur und eingelegten Stimmen \u00fcblich wurde. Mir dr\u00e4ngt sich der Verdacht auf, dass es kurz nach Beethovens und Schuberts Tod gewesen sein muss, vermutlich im Zusammenhang mit dem Aufkommen der zahlreichen Musiker-Gesamtausgaben-Versuche seit den 1830er-Jahren. Nur ein Beispiel dazu: Beethovens letztes Klaviertrio, das \u201eErzherzog-Trio\u201c op. 97 erschien zuerst bei Steiner, 1816, nat\u00fcrlich als <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=&amp;template=opac_bibliothek_de&amp;_opac=kat_de.pl&amp;_dokid=T00003067\" target=\"_blank\">Stimmendruck<\/a>. Ein recht fr\u00fcher <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=&amp;template=opac_bibliothek_de&amp;_opac=kat_de.pl&amp;_dokid=T00016158\" target=\"_blank\">Nachdruck<\/a> durch den Frankfurter Verlag Franz Philipp Dunst von 1831 zeigt jedoch bereits die neuartige Partiturform. Diese Art der Darstellung scheint auf die Musiker jener Zeit eine so gro\u00dfe \u00dcberzeugungskraft ausge\u00fcbt zu haben, dass sie sich sehr schnell als verbindliche Norm durchsetzte. Felix Mendelssohns Klaviertrio op. 49 beispielsweise, erschienen 1840 bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, zeigt jedenfalls die bis heute \u00fcbliche Form als <a href=\"http:\/\/www.mendelssohn-stiftung.de\/digitale_bibliothek\/mh_q_029_001_pf_s_001.html\" target=\"_blank\">Klavierpartitur mit eingelegten Streicherstimmen<\/a>. Hier noch rasch eine wirklich h\u00f6rens- und sehenswerte <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=n1Q6xyDVBUc\" target=\"_blank\">Mendelssohn-Live-Aufnahme<\/a> mit Lang Lang, Andreas R\u00f6hn und Sebastian Klinger.<\/p>\n<p>Meine oben angek\u00fcndigte <strong>Preisfrage<\/strong> lautet also:<\/p>\n<p>Seit wann genau existieren Klaviertrio-Ausgaben in der heutigen, normierten Form? Wer kennt den fr\u00fchesten \u201emodernen\u201c Klaviertrio-Partiturdruck (mit Stimmen)? Ihre Antwort muss bis zum Jahresende eingegangen sein. Der Finder des fr\u00fchesten Drucks erh\u00e4lt vom G. Henle Verlag eine <a href=\"http:\/\/www.henle.com\/de\/suche\/index.html?Besetzung=Kammermusik&amp;Instrument=Klaviertrios\" target=\"_blank\">Klaviertrio-Ausgabe<\/a> freier Wahl aus unserem reichen Urtext-Fundus.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcrs und viel Spa\u00df beim Mitmachen, verehrte Damen und Herren Experten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Achtung: Dieser Beitrag endet mit einer Preisfrage. 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