{"id":11640,"date":"2025-05-12T08:00:41","date_gmt":"2025-05-12T06:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=11640"},"modified":"2025-06-04T15:02:24","modified_gmt":"2025-06-04T13:02:24","slug":"eine-kleine-sensation-chopins-neu-entdeckter-walzer-a-moll-interview-mit-jeffrey-kallberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2025\/05\/12\/eine-kleine-sensation-chopins-neu-entdeckter-walzer-a-moll-interview-mit-jeffrey-kallberg\/","title":{"rendered":"Eine kleine Sensation: Chopins neu entdeckter Walzer a-moll. Interview mit Jeffrey Kallberg"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1a.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft wp-image-11646\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1a.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"207\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1a.jpg 1128w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1a-290x300.jpg 290w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1a-989x1024.jpg 989w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1a-768x795.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a>Im Fr\u00fchjahr 2024 wurde in der <a href=\"https:\/\/www.themorgan.org\/press\/2024\/chopin-manuscript\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Morgan Library &amp; Museum<\/a> ein neues Werk von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin entdeckt, das allerdings erst im Herbst mit aller Welt geteilt wurde \u2013 f\u00fcr die Musikwelt durchaus eine kleine Sensation! In einer einzigartigen Zusammenarbeit mit der Morgan Library und deren Kurator Robinson McClellan, dem Chopin-Experten Jeffrey Kallberg und dem weltbekannten Pianisten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wQ7ffhADiiI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lang Lang<\/a> (der den Walzer akustisch aus der Taufe hob) ist dieser Walzer a-moll inzwischen erstmals im Urtext erschienen, und zwar im <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Walzer-a-moll-mit-Faksimile\/HN-1303\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G. Henle Verlag<\/a>, inklusive Faksimile des Autographs. Jeffrey Kallberg war von Anfang an in die aufregende Entdeckungsgeschichte eingebunden, mit ihm habe ich das folgende Interview gef\u00fchrt.<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">Norbert M\u00fcllemann (NM): Lieber Jeff \u2013 das muss ein historischer Moment gewesen sein! Wie war das? Wie haben Sie von der Entdeckung erfahren? War Ihnen von Anfang an klar, dass es sich um ein echtes Chopin-Autograph handelt?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_11648\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11648\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11648\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-scaled.jpg 1920w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/B1-1536x2048.jpg 1536w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11648\" class=\"wp-caption-text\">links: Robinson McClellan, rechts: Jeffrey Kallberg, \u00a9 The Morgan Library and Museum<\/p><\/div>\n<p>Jeffrey Kallberg (JK): Ich war gerade auf einer Forschungsreise nach Basel, wo ich einige Chopin-Skizzen untersuchen wollte, und machte einen kurzen Abstecher nach Stra\u00dfburg. Dort erhielt ich unerwartet eine E-Mail von Robinson McClellan, Associate Curator of Musical Manuscripts an der Morgan Library &amp; Museum in New York. Er sprach von einem Manuskript, das er gefunden hatte, und schickte auch Fotos mit. Als ich mir die Fotos ansah, war ich \u00fcberrascht. Eigentlich kenne ich alle autographen Manuskripten von Chopin, einschlie\u00dflich derer, die sich in Bibliotheken, Privatsammlungen und Auktionsh\u00e4user befinden, aber dieses \u2013 und auch das Musikst\u00fcck \u2013 hatte ich noch nie gesehen! Ich betrachtete das Manuskript auf dem Monitor meines Laptops und war erst einmal verwirrt: Die Notenschrift sah zwar aus wie von Chopins Hand, wirkte aber gleichzeitig irgendwie verzerrt. Dann las ich genauer, was Robin mir an Informationen geschickt hatte, und stellte fest, wie klein das Manuskript ist (etwa so gro\u00df wie eine Postkarte). Ich verkleinerte das Bild auf meinem Laptop auf die Originalgr\u00f6\u00dfe des Manuskripts und konnte erkennen, dass es sich eindeutig um Chopins Schrift handelte.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Bei den ersten Pressemeldungen war man sich ja noch nicht sicher. Es bestand die M\u00f6glichkeit, dass Chopin hier den Walzer eines anderen Komponisten notiert hat. Was spricht daf\u00fcr, dass es sich hier wirklich um einen \u201ewaschechten\u201c Chopin handelt?<\/span><\/p>\n<p>JK: Solide Wissenschaft lebt von der Skepsis. Man wusste fast nichts \u00fcber die Herkunft des Manuskripts, und zum Zeitpunkt seiner Entdeckung waren auch keine anderen Chopin-Manuskripte bekannt, die auf genau der gleichen Sorte Notenpapier geschrieben waren wie der Walzer. Deswegen war es mir wichtig zu betonen, dass einige Aspekte des Fundes immer noch Zweifel an Chopins Urheberschaft zulie\u00dfen. Das betraf \u00fcbrigens auch das St\u00fcck selbst: Die zweite und dritte Phrase des Walzers klingen, als k\u00f6nnten sie nur von Chopin stammen, aber die erste Phrase mutet etwas seltsam an.<\/p>\n<p>Weitere Nachforschungen ergaben schlie\u00dflich, dass die Eingangsphrase und insbesondere der <strong><em>fff<\/em><\/strong>-\u201eAusbruch\u201c f\u00fcr Chopin doch nicht so ungew\u00f6hnlich waren, wie anfangs angenommen. Ich habe \u00fcber 40 \u00e4hnliche Beispiele in seiner Musik gefunden, vor allem in Werken aus der Warschauer Zeit und aus seinen ersten Jahren in Paris. Um einen Vergleich mit unserem Walzer ziehen zu k\u00f6nnen, waren\u00a0vor allem solche von Interesse, in denen <strong><em>fff<\/em><\/strong>-Bezeichnungen auf Dissonanzen fallen und der Diskant dazu in hoher Lage erklingt. Zwei Stellen bei Chopin haben eine frappierende \u00c4hnlichkeit mit dem <strong><em>fff<\/em> <\/strong>im Walzer. Die eine findet sich im ersten Satz des e-moll-Konzerts, Takt 210 (kurz vor dem Einsatz des Seitenthemas), die andere in Takt 124 der g-moll-Ballade (direkt vor Beginn der \u201eScherzando\u201c-Passage). Dies l\u00e4sst vermuten, dass eine bestimmte Konstellation der Lagen \u2013 ein Akkord oder eine Oktave im Diskant etwa zweieinhalb Oktaven \u00fcber <em>c<\/em><sup>1<\/sup>, dazu eine Bassbegleitung, die zwei Oktaven unter <em>c<\/em><sup>1<\/sup> liegt und eine Dissonanz erzeugt \u2013 vielleicht der Ausl\u00f6ser f\u00fcr Chopin war, diese relativ seltene dynamische Bezeichnung zu verwenden.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Nachdem Sie uns Ihr h\u00f6chst lesenswertes und informatives Vorwort f\u00fcr unsere Ausgabe geschrieben hatten und die Edition schon gedruckt war, haben Sie neue Erkenntnisse zur Entstehung gewonnen \u2013 k\u00f6nnen Sie uns kurz erz\u00e4hlen, worum es bei diesen Neuigkeiten geht?<\/span><\/p>\n<p>JK: Erstaunlicherweise haben wir mehr \u00fcber den Walzer erfahren, als das bekannte Berliner Auktionshaus J. A. Stargardt k\u00fcrzlich ein Chopin-Manuskript des Liedes \u201ePose\u0142\u201c (Der Bote) versteigerte.<\/p>\n<p>Worin besteht die Verbindung zum Walzer? Erstens schrieb Chopin \u201ePose\u0142\u201c auf genau dem gleichen Papier, das er f\u00fcr den Walzer verwendete. Dies ist die erste exakte \u00dcbereinstimmung mit dem Manuskript des Walzers. Somit sind alle Bedenken, dass das Fehlen anderer Manuskripte dieser Art eventuell auf eine F\u00e4lschung schlie\u00dfen lassen k\u00f6nnte, ausger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Zweitens ist das \u201ePose\u0142\u201c-Manuskript zwar seit 1956 bekannt (damals wurde es zum letzten Mal versteigert), aber von der Titelseite stand nur ein recht d\u00fcrftiges Foto zur Verf\u00fcgung. Nun zeigte sich, dass sich auf der R\u00fcckseite eine Notiz von Chopins Hand befindet, die auf Polnisch lautet: \u201e\u017bal mi \u017ce dzi\u015b drugiej strony zapisa\u0107 nie mog\u0119. \u2013 Gdyby by\u0142 czas napisa\u0142bym \u017co\u0142nierza, pierwsz\u0105 pie\u015b\u0144. \u2013 dostaniecie go a walca co Linosiowi tak dawno obieca\u0142em\u201c (\u201eIch bedaure, dass ich die zweite Seite heute nicht schreiben kann. \u2013 H\u00e4tte ich Zeit, w\u00fcrde ich \u201aDer Soldat\u2018 schreiben, das erste Lied. \u2013 Du wirst es bekommen, und auch den Walzer, den ich Linosch vor so langer Zeit versprochen habe.\u201c)<\/p>\n<div id=\"attachment_11650\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Stefan_Witwicki.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11650\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11650\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Stefan_Witwicki.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"235\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Stefan_Witwicki.jpg 487w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Stefan_Witwicki-255x300.jpg 255w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11650\" class=\"wp-caption-text\">Stefan Witwicki (1801\u20131847)<\/p><\/div>\n<p>Diese Notiz ist h\u00f6chst aufschlussreich! 1) Chopin hatte eine \u201ezweite Seite\u201c zu \u201ePose\u0142\u201c (einem Strophengedicht) geschrieben; 2) er plante, ein Lied \u00fcber das erste Gedicht aus Stefan Witwickis <em>Piosnki Sielski<\/em> zu schreiben, das \u201e\u017bolnierz\u201c (Der Soldat) hei\u00dft; 3) er hatte vor, die \u201ezweite Seite\u201c und \u201eden Walzer\u201c zu schicken \u2013 sicherlich den Morgan-Walzer! und 4) \u201eden Walzer\u201c hatte er \u201eLinosch\u201c versprochen; dies ist der Kosename f\u00fcr \u201eLinowski\u201c, also J\u00f3zef Linowski, Chopins Kommilitonen in der Kompositionsklasse von Joseph Elsner am Konservatorium. Wenn wir nun auch noch die von der Vorderseite ableitbaren Informationen und den gesicherten Umstand in Betracht ziehen, dass Chopin sein Exemplar von Witwickis Gedichtsammlung am 5. September 1830 erhielt (es hat sich ein Foto des Exemplars erhalten, das Witwicki Chopin an diesem Tag \u00fcberreichte), k\u00f6nnen wir die Entstehungszeit des Walzer-Manuskripts allm\u00e4hlich genauer eingrenzen, n\u00e4mlich nicht vor September 1830.<\/p>\n<div id=\"attachment_11651\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11651\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11651\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"282\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin.jpg 1411w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin-213x300.jpg 213w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin-726x1024.jpg 726w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin-768x1083.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/Ludwika_Chopin-1090x1536.jpg 1090w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11651\" class=\"wp-caption-text\">Ludwika J\u0119drzejewicz, geb. Chopin (1807\u20131855)<\/p><\/div>\n<p>Bei der weiteren Untersuchung des Liedmanuskripts und seiner Zusammenh\u00e4nge fand ich heraus, dass zwei sp\u00e4tere Manuskripte existieren, die zwar nicht von Chopins Hand stammen, die aber beide eindeutig auf dem kurz zuvor verkauften Autograph basieren. Chopin schrieb das Lied in einer Art \u201eschematischer\u201c Darstellung nieder \u2013 er notierte es nicht vollst\u00e4ndig aus, sondern verwendete Anweisungen (auf Polnisch), anhand derer das ganze Lied \u201erekonstruiert\u201c und gespielt (und\/oder gesungen) werden konnte. Beide Abschriften weisen fast genau die gleiche \u201eschematische\u201c Struktur auf. Und beide werden mit Chopins Schwester Ludwika in Verbindung gebracht. Tats\u00e4chlich hat Ludwika selbst die erste Abschrift angefertigt und mit anderen von ihr kopierten Werken Chopins zu einem Album zusammengestellt, das sie Maria Wodzi\u0144ska (sie w\u00e4re fast Chopins Verlobte geworden) zusandte. Die zweite Abschrift (die, nicht ganz nachvollziehbar, sogar Chopins Anmerkungen dazu enth\u00e4lt, wo der Gesangstext in der ersten Ausgabe von Witwickis Gedichtband zu finden ist) entstand im Rahmen der postumen Ver\u00f6ffentlichung von Chopins Liedern, an der Ludwika ma\u00dfgeblich beteiligt war. Vielleicht schickte Chopin \u201ePose\u0142\u201c und folglich (das identische Papier w\u00fcrde dies nahelegen) auch den Morgan-Walzer also an Ludwika?<\/p>\n<p>Die Antwort darauf gibt ein Brief aus Wien, den Chopin an seine Familie schrieb, und zwar (wie Recherchen ergeben haben) wahrscheinlich am 22. Dezember 1830: \u201eIch wollte Euch einen Walzer schicken, den ich komponiert habe, aber es ist schon sp\u00e4t; Ihr werdet ihn noch bekommen.\u201c Dieser Satz \u00e4hnelt stark demjenigen auf der R\u00fcckseite des \u201ePose\u0142\u201c-Manuskripts.<\/p>\n<p>Somit kann man fast gesichert davon ausgehen, dass Chopin \u201ePose\u0142\u201c und den Morgan-Walzer auf dem gleichen, in Wien gekauften Papier schrieb. Die Manuskripte stammen aus der Zeit um Weihnachten 1830, vielleicht etwa einen Monat fr\u00fcher oder sp\u00e4ter. Beide wurden in L\u00e4ngsrichtung gefaltet, was darauf schlie\u00dfen l\u00e4sst, dass sie in einem Umschlag per Post verschickt wurden. Und sie gingen an Mitglieder von Chopins Familie, wobei sie vermutlich am ehesten f\u00fcr seine Schwester Ludwika (das musikalischste Familienmitglied) gedacht waren. Die Tatsache, dass Familienmitglieder die Manuskripte erhalten sollten, erkl\u00e4rt, warum sie weder signiert noch datiert sind. So etwas war nur bei Widmungsmanuskripten \u00fcblich: Signieren und Datieren \u2013 das tat man f\u00fcr gesellschaftlich hochgestellte Bekannte oder Komponistenkollegen, aber nicht f\u00fcr die eigene Familie.<\/p>\n<p>Dass so kurz nach der Entdeckung eines v\u00f6llig unbekannten Manuskripts ein weiteres auftaucht, das noch dazu so viel an Informationen dar\u00fcber liefert, ist tats\u00e4chlich beispiellos.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Das Autograph hat, wie bereits erw\u00e4hnt, ein (zumindest f\u00fcr unsere modernen Augen) sehr ungew\u00f6hnliches Format: Es ist kaum postkartengro\u00df, und in unserem Faksimile haben wir streng darauf geachtet, diese Originalgr\u00f6\u00dfe genau wiederzugeben. Haben Sie eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Format?<\/span><\/p>\n<p>JK: Das sehr kleine Format des Manuskripts (etwa ein F\u00fcnftel der Gr\u00f6\u00dfe von Chopins normalen Musikautographen) verr\u00e4t seine Bestimmung als \u201eWidmungsmanuskript\u201c. Derlei diente Chopin meist als Geschenk. Widmungsmanuskript (und Autographenalben im Allgemeinen) waren in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sehr beliebt. Nur f\u00fcr die Augen weniger Vertrauter gedacht, wurde das jeweilige St\u00fcck gern auf kleinen Bl\u00e4ttern niedergeschrieben, wie im Falle des Walzers. Wenn Chopin Manuskripte seiner Musik verschenkte, benutzte er zwar meistens normalgro\u00dfes Papier (vor allem ab Mitte der 1830er Jahre); wenn er aber kleine Formate verwendete, dann fast ausschlie\u00dflich zum Verschenken.<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Es handelt sich um ein ganz kurzes, ja fast lapidares St\u00fcck. Gibt es etwas, das diese Komposition dennoch organisiert, strukturiert, zusammenh\u00e4lt und damit als Miniatur kunstvoll macht?<\/span><\/p>\n<p>JK: Der Walzer ist trotz seiner K\u00fcrze sicherlich ein \u201evollg\u00fcltiges\u201c Werk. Das chromatisch absteigende Dreitonmotiv, das wie beil\u00e4ufig die ersten Takte durchzieht, kehrt, sowohl in seiner Urform als auch in seiner Umkehrung, in allen Phrasen des St\u00fccks wieder. Es erscheint im \u201eDoppelschlag\u201c der Melodie in der zweiten Phrase, im hohen Oktavmotiv vor Beginn der dritten Phrase und (mit entschieden abschlie\u00dfendem Gestus) im vorletzten Takt des Walzers.<\/p>\n<div id=\"attachment_11652\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11652\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11652\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB1.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"379\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB1.jpg 943w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB1-300x227.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB1-768x582.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11652\" class=\"wp-caption-text\">G. Henle Urtext<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Gab es bei der eigentlichen Edition irgendwelche Probleme oder Stellen, die nicht eindeutig zu l\u00f6sen waren?<\/span><\/p>\n<p>JK: Wie Chopin die Triolenfigur in der zweiten und dritten Phrase notiert, ist verwunderlich. Unter metrischen Gesichtspunkten ist die Notation offenkundig falsch. Wollte er Triolenachtel schreiben, oder deutet die Sechzehnteltriole auf eine \u00fcbergebunden zu denkende, aber nicht notierte Achtelnote hin (vielleicht \u00e4hnlich der Vorschlagsfigur in Takt 12)? Oder wollte Chopin mit den Triolensechzehnteln ein schnelles Tempo f\u00fcr den Walzer andeuten? Seine uneindeutige Notation l\u00e4sst den Ausf\u00fchrenden eine gewisse interpretatorische Freiheit. Und daher haben wir beschlossen, die Stelle so aus dem Autograph zu \u00fcbernehmen und mit einer erkl\u00e4renden Fu\u00dfnote zu versehen.<\/p>\n<div id=\"attachment_11653\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB-2.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11653\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11653\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB-2.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"205\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB-2.jpg 809w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB-2-300x123.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/05\/NB-2-768x314.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11653\" class=\"wp-caption-text\">links: Chopins Autograph, rechts und unten: G. Henle Urtext<\/p><\/div>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Und schlie\u00dflich eine ganz pers\u00f6nliche Frage: Wie gef\u00e4llt Ihnen der Walzer? Ist er Ihnen ans Herz gewachsen? Haben Sie schon eine \u201eGeschichte\u201c mit diesem St\u00fcck Musik?<\/span><\/p>\n<p>JK: Ich danke Ihnen f\u00fcr diese Frage! Ich betrachte diesen neuen Walzer als ein kleines Juwel. Er kann sowohl unseren Kenntnisstand \u00fcber Chopins Konzept dieser Gattung zu Beginn seiner Laufbahn voranbringen als auch unsere Vorstellung davon konkretisieren, welche Bedeutung die \u201eKleinformen\u201c f\u00fcr diesen Komponisten hatten, der sich sp\u00e4ter zu einem wahren Meister der musikalischen Miniatur entwickelte (ber\u00fchmtestes Beispiel sind wohl seine Pr\u00e9ludes op. 28).<\/p>\n<p><span style=\"color: #6f90a7;\">NM: Lieber Jeff, vielen Dank f\u00fcr dieses Interview!<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Fr\u00fchjahr 2024 wurde in der Morgan Library &amp; Museum &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2025\/05\/12\/eine-kleine-sensation-chopins-neu-entdeckter-walzer-a-moll-interview-mit-jeffrey-kallberg\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,304,301,465,3,407,102],"tags":[703,4,74,900,899],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11640"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11640"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11640\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11706,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11640\/revisions\/11706"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11640"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11640"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11640"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}