{"id":1173,"date":"2012-11-26T08:00:47","date_gmt":"2012-11-26T07:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1173"},"modified":"2015-05-21T13:33:21","modified_gmt":"2015-05-21T11:33:21","slug":"eine-handschrift-gibt-ratsel-auf-zum-autograph-von-gabriel-faures-violinsonate-op-13","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/11\/26\/eine-handschrift-gibt-ratsel-auf-zum-autograph-von-gabriel-faures-violinsonate-op-13\/","title":{"rendered":"Eine Handschrift gibt R\u00e4tsel auf. Zum Autograph von Gabriel Faur\u00e9s Violinsonate op. 13"},"content":{"rendered":"<p>Eigenh\u00e4ndigen Handschriften von musikalischen Werken ist eine Aura zu Eigen, der man sich nur schwer entziehen kann: Sie faszinieren zum einen durch die Wiedergabe der charakteristischen Handschrift eines Komponisten (vgl. Abb. 1), zum anderen erm\u00f6glichen sie einen unmittelbaren Blick in dessen Werkstatt, vorausgesetzt es handelt sich nicht um Reinschriften, sondern um Arbeitsmanuskripte mit Korrekturen, Streichungen und Erg\u00e4nzungen.<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_1176\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb-1-Violinschl\u00fcssel.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1176\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1176\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb-1-Violinschl\u00fcssel.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"115\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb-1-Violinschl\u00fcssel.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb-1-Violinschl\u00fcssel-300x49.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1176\" class=\"wp-caption-text\">Der Violinschl\u00fcssel in der Handschrift verschiedener Komponisten, von links nach rechts: J. S. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Brahms, Debussy, Ravel<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr Urtext-Ausgaben steht nat\u00fcrlich der Quellenwert der Autographe im Vordergrund. Als grobe Faustregel gilt dabei: Je \u00e4lter das zu edierende Werk, desto wichtiger ist die eigenh\u00e4ndige Handschrift. Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde nur ein Bruchteil der komponierten Werke zu Lebzeiten gedruckt, und selbst dann h\u00e4ufig ohne die Autorisierung der Autoren. Insofern stellen Abschriften oder Drucke gegen\u00fcber dem Autograph h\u00e4ufig mit M\u00e4ngel behaftete und daher schlechtere Quellen dar; sie enthalten unkorrigierte Fehler oder \u2013 noch schlimmer \u2013 unautorisierte Eingriffe der Schreiber oder Bearbeiter. Mit der allm\u00e4hlichen Durchsetzung des Copyright-Gedankens im ausgehenden 18. Jahrhundert wurde der Druck f\u00fcr Komponisten endg\u00fcltig zur bevorzugten Vervielf\u00e4ltigungsform, wobei sich auch die Kontrolle des korrekten Notenstichs durch Druckfahnen durchsetzte. Damit er\u00f6ffnete sich f\u00fcr die Komponisten allerdings eine M\u00f6glichkeit zu neuen Ab\u00e4nderungen, die den Quellenwert des Autographs entsprechend zur\u00fcckstuften (vgl. Abb. 2).<\/p>\n<div id=\"attachment_1180\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Chopin_Et\u00fcde-op.-10-Nr-2-.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1180\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1180\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Chopin_Et\u00fcde-op.-10-Nr-2-.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"342\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Chopin_Et\u00fcde-op.-10-Nr-2-.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Chopin_Et\u00fcde-op.-10-Nr-2--300x146.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1180\" class=\"wp-caption-text\">Korrekturfahne zu Chopins Et\u00fcde op. 10 Nr. 2 mit autographen Korrekturen und Erg\u00e4nzungen<\/p><\/div>\n<p>Insofern verwundert nicht, wenn f\u00fcr die Musik des 19. und 20. Jahrhundert, von Ausnahmen abgesehen, die Erstausgabe gegen\u00fcber dem Autograph die wichtigere Quelle ist. Dies gilt im Allgemeinen auch f\u00fcr die Werke von Gabriel Faur\u00e9, selbst wenn man in Rechnung stellen muss, dass die Drucke vor allem der Verlage Choudens und Hamelle zahlreiche Fehler enthalten, der Komponist demnach nur ein sehr fl\u00fcchtiger Korrektor der Fahnen war.<\/p>\n<p>Einen besonderen Fall stellt das erhaltene Autograph zu Faur\u00e9s 1. Violinsonate A-dur op. 13 dar (Paris, Biblioth\u00e8que nationale de France, Signatur: Ms. 20298). Es wurde zun\u00e4chst als sorgf\u00e4ltige Reinschrift begonnen, geriet dann jedoch zum vielfach \u00fcberarbeiteten, zunehmend rudiment\u00e4ren Arbeitsmanuskript, so dass der Finalsatz im Stadium des Entwurfs verblieb. In den ausgearbeiteten Teilen der Handschrift lassen sich zwei \u00dcberarbeitungsschichten unterscheiden: eine, die in der Erstausgabe ber\u00fccksichtigt ist, sowie eine weitere, deren \u00c4nderungen in den Drucken fehlen. Da Faur\u00e9 durch die Vermittlung seines Freundes Camille Clerc die Verlegung des neuen Werks noch vor der ersten \u00f6ffentlichen Auff\u00fchrung bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel erreichte, lie\u00df er im Oktober 1876 eine heute verlorene neue Reinschrift als Stichvorlage nach Leipzig versenden. Der Druck erschien im Februar 1877, einige Wochen nach der Urauff\u00fchrung am 27. Januar.<\/p>\n<p>Um dem R\u00e4tsel des verschiedene Stadien der Ausarbeitung zeigenden Autographs n\u00e4her zu kommen, muss man sich die Frage stellen, welche Quelle f\u00fcr die Urauff\u00fchrung benutzt wurde. Faur\u00e9s Manuskript zeigt zwar Auff\u00fchrungsspuren, u.a. ein \u201eVolti\u201c im Finalsatz (Abb. 3), aber selbst f\u00fcr versierte Komponisten erscheint dessen Ausarbeitung hier derart l\u00fcckenhaft, dass das Autograph kaum als Spielvorlage f\u00fcr eine \u00f6ffentliche Auff\u00fchrung, sondern lediglich als Erprobung f\u00fcr noch unfertige Passagen gedient haben kann.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-3-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-49.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1184\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-3-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-49.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"294\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-3-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-49.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-3-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-49-300x126.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Da aus dem Briefwechsel zwischen Faur\u00e9 und Clerc sowie Clerc und Breitkopf &amp; H\u00e4rtel bekannt ist, dass der Verlag auf Wunsch des Komponisten diesem eine Kopie der zugesandten Stichvorlage schickte \u2013 da er keine Abschrift mehr habe, die mit dem nach Leipzig gesandten Manuskript \u00fcbereinstimme \u2013, d\u00fcrfte diese heute verlorene Kopie als Vorlage bei der Urauff\u00fchrung genommen worden sein. In sie wurden mutma\u00dflich auch alle \u00c4nderungen eingetragen, die sich aus der Mitte Januar 1877 erfolgten Lesung der Korrekturfahnen ergaben.<\/p>\n<p>Die R\u00e4tsel um Faur\u00e9s Handschrift sind damit zwar keineswegs gel\u00f6st, aber es erscheint doch sehr wahrscheinlich, dass auch die zweite \u00dcberarbeitungsschicht noch vor Erstellung der neuen, als Stichvorlage dienenden Kopie datiert. Hatte doch Faur\u00e9 selbst diese Abschrift nochmals durchgesehen, korrigiert und, wie er brieflich an Clerc mitteilte, \u201enur die wirklich notwendigen Dynamikzeichen\u201c hinzugesetzt. Gegen\u00fcber den sehr detailliert bezeichneten Teilen der Sonate, namentlich im Kopfsatz, nahm Faur\u00e9 also ganz bewusst eine Vereinfachung vor, die offenbar auch Artikulation und Vortragsbezeichnungen einschloss (vgl. z.B. die nachtr\u00e4gliche Streichung von <em>e espressivo<\/em> und Ersetzung durch <em>con anima<\/em> in der Violinstimme, Takt 23 des 1. Satzes; sp\u00e4ter entfielen sowohl <em>dolce<\/em> als auch <em>con anima<\/em> und wurden durch ein schlichtes <em>p<\/em> ersetzt).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-4-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1188\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-4-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-2.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"284\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-4-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-2.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/11\/Abb.-4-Sonate-pour-violon-op.-13-S.-2-300x121.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Faur\u00e9s Autograph besitzt damit f\u00fcr den Urtext, wie in der Henle-Neuausgabe von Fabian Kolb ber\u00fccksichtigt (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violinsonate+Nr.+1+A-dur+op.+13_980\" target=\"_blank\">HN 980<\/a>), nur noch einen auf fehlerhafte Stellen in der Erstausgabe begrenzten Quellenwert \u2013 die Faszination dieser Handschrift aber bleibt davon nat\u00fcrlich unber\u00fchrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigenh\u00e4ndigen Handschriften von musikalischen Werken ist eine Aura zu Eigen, &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/11\/26\/eine-handschrift-gibt-ratsel-auf-zum-autograph-von-gabriel-faures-violinsonate-op-13\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,307,339,3,399,408],"tags":[703,30,94],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1173"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1173"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10653,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1173\/revisions\/10653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}