{"id":11763,"date":"2025-09-08T08:00:39","date_gmt":"2025-09-08T06:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=11763"},"modified":"2025-09-08T09:03:35","modified_gmt":"2025-09-08T07:03:35","slug":"an-der-spitze-des-virtuosentums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2025\/09\/08\/an-der-spitze-des-virtuosentums\/","title":{"rendered":"An der Spitze des Virtuosentums"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11773\" style=\"width: 237px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11773\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11773 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild1-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild1-227x300.jpg 227w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild1.jpg 507w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11773\" class=\"wp-caption-text\">Charles Valentin Alkan um 1865 (Fotografie unbekannten Ursprungs, Biblioth\u00e8que nationale de France, Paris)<\/p><\/div>\n<p>\u201eAlkan? Viele Noten!\u201c \u2013 Das bekommt man zu h\u00f6ren, wenn man berichtet, man habe f\u00fcr Henle die <em>Symphonie<\/em> f\u00fcr Klavier des franz\u00f6sischen Komponisten Charles Valentin Alkan (1813\u20131888) ediert: <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Symphonie-op.-39-Nr.-4-7\/HN-1657\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1657<\/a>. Und in \u201eviele Noten\u201c, gepaart mit gekonnter franz\u00f6sischer Aussprache von \u201eAlkan\u201c, ersch\u00f6pft sich dann auch das Alkan-Wissen vieler musikalischer Fachleute, mich bis vor einiger Zeit eingeschlossen. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie sehr Alkan die \u00d6ffentlichkeit mied, deckt sich aber in keiner Weise mit der zunehmenden Bedeutung (dokumentiert in einer anwachsenden Zahl von Einspielungen), die seiner Musik von jenen beigemessen wird, die sich mit dem Klaviervirtuosentum des 19. Jahrhunderts befassen oder gar in der Lage sind, die Werke zu spielen. Keine Frage, man braucht daf\u00fcr pianistisch meisterliche H\u00e4nde. Drei sind ideal. Der gro\u00dfe Pianist <a href=\"https:\/\/youtu.be\/VdCR4Xn3zKY?feature=shared\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marc-Andr\u00e9 Hamelin<\/a> zum Beispiel geh\u00f6rt zu jenen wunderbaren Alkan-Interpreten, die drei H\u00e4nde haben.<!--more--><\/p>\n<p>Es gab Zeiten, da z\u00e4hlte man Alkan zu den wichtigsten Magiern des Klaviers. Franz Liszt zeigte sich von Alkans Klavierspiel geradezu eingesch\u00fcchtert, und das will etwas hei\u00dfen. Als Ferruccio Busoni einst aufz\u00e4hlte, wer f\u00fcr ihn die bedeutendsten Klavierkomponisten nach Beethoven seien, nannte er Liszt, Chopin, Schumann, Brahms und \u2013 Alkan. Alkan muss also ein Henle-Komponist erster G\u00fcte sein, und g\u00e4be es nicht Isaac Alb\u00e9niz und Tomaso Albinoni, thronte er an der Spitze des alphabetischen Katalogs.<\/p>\n<p>An der Spitze, das hat Wolfgang Rathert in seinem Vorwort zu unserer Ausgabe der <em>Symphonie<\/em> erl\u00e4utert, stehen auch Alkans <em>Douze \u00c9tudes dans tous les tons mineurs<\/em> op. 39 \u2013 an der Spitze dessen, was in der Gattung Et\u00fcde im 19. Jahrhundert kompositorisch vollbracht wurde. Dieser Et\u00fcdensammlung ist die <em>Symphonie<\/em> entnommen; man darf bei diesem Werktitel also nicht an eine klassische Orchestersymphonie denken. In Opus 39 hat Alkan, einem Tonartenplan mit anwachsender Zahl von b-Vorzeichen, enharmonischem Scharniergelenk und abnehmenden Kreuzvorzeichen folgend, zw\u00f6lf Klavieret\u00fcden in s\u00e4mtlichen Molltonarten komponiert. Schl\u00e4gt man die Ausgabe der <em>Symphonie<\/em> auf, springen einem die Abenteuerlichkeiten ins Gesicht. Babylonische Akkordt\u00fcrme, verschlungene Girlanden aus Halte- und Legatob\u00f6gen, an manchen Stellen Schw\u00e4rme von Doppelkreuzen, die einem deutlich mitteilen, dass sich die betroffenen Takte entschieden von der eigentlich vorgezeichneten Tonart distanzieren.<\/p>\n<div id=\"attachment_11766\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild2.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11766\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11766\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild2-300x170.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild2-300x170.png 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild2.png 605w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11766\" class=\"wp-caption-text\"><em>Symphonie<\/em>, 1. Satz: Zeugnisse akkordischer Turmbaukunst des mittleren 19. Jahrhunderts, Henle-Urtext<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_11770\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild-3-1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11770\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11770\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild-3-1-300x177.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"295\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild-3-1-300x177.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/09\/Bild-3-1.jpg 599w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11770\" class=\"wp-caption-text\"><em>Symphonie<\/em>, 4. Satz: Mehr Vorzeichen und B\u00f6gen lie\u00dfen sich kaum notieren, Henle-Urtext<\/p><\/div>\n<p>Selbst das freundlich dreinblickende Menuett wird durch sein rabiates Tempo zu einem wahren Hexentanz. Teil ihrer besonderen Aura ist, dass Alkan seinen Et\u00fcden op. 39 mitunter sprechende Namen verliehen und manche zu Binnengruppen zusammengefasst hat. Unsere <em>Symphonie<\/em> besteht aus den Et\u00fcden Nr. 4\u20137, dahinter folgt ein ebenfalls vier Et\u00fcden umfassendes Concerto. Die Et\u00fcde Nr. 12 schlie\u00dflich, Le Festin d\u2019\u00c9sope, ist als <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Le-Festin-d-Esope-op.-39-Nr.-12\/HN-1394\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1394<\/a> schon l\u00e4nger im Henle-Urtext verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Obwohl man in der Musikgeschichte exzentrische Genies so sch\u00e4tzt, geriet Alkan nahezu in Vergessenheit, was sicherlich auch damit zusammenh\u00e4ngt, dass sich der tiefgl\u00e4ubige Jude jahrelang f\u00fcr Bibel-\u00dcbersetzungen und Talmud-Studien ins Private zur\u00fcckzog und kaum in Erscheinung trat, wo andere ihre Musik wirksam vermarkteten.<\/p>\n<p>Umso mehr ist Alkan mit seiner Kunst heute eine Wiederentdeckung. Meistens wird die <em>Symphonie<\/em> nach wie vor als Reproduktion der Erstausgabe aus dem Jahr 1857 gedruckt. Unsere Ausgabe verleiht ihr nun die Henle-Urtext-Qualit\u00e4t. Das moderne, dichte, zugleich aufger\u00e4umte Notenbild bewahrt wichtige Besonderheiten der Notation, befreit sie aber von unn\u00f6tigen Zeichenballungen und heute eher verwirrenden Eigent\u00fcmlichkeiten. Und obgleich die Erstausgabe dank Alkans Pedanterie schon arm an Fehlern ist, konnten noch etliche problematische Stellen gekl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Den Fingersatz hat wie bei <em>Le Festin d\u2019\u00c9sope<\/em> der gro\u00dfartige Pianist und Alkan-Kenner Vincenzo Maltempo beigesteuert. Diesen Fingersatz im Manuskriptstadium selber durchzufingern, war f\u00fcr mich ein Erlebnis. Ob er an einer verzwickten Stelle ein ziemlich gro\u00dfes Intervall wirklich mit dem 5. und 2. Finger spielen wolle, fragte ich Maltempo unter anderem. Ja, nat\u00fcrlich. Er hatte daf\u00fcr eine pr\u00e4zise musikalische Herleitung parat, meinte aber vor allem, das sei schlie\u00dflich immer noch eine Et\u00fcde, \u201ealso w\u00e4re es eine M\u00f6glichkeit, Legato und Fingerdehnung zu verbessern.\u201c F\u00fcr mich als Klavier-Normalsterblichen klang das ziemlich lustig, denn nach dieser Logik w\u00e4re eine Achttausenderbesteigung eine h\u00fcbsche Gelegenheit, um im Vor\u00fcbergehen noch ein bisschen das Festhalten in \u00fcberh\u00e4ngenden Felsw\u00e4nden zu \u00fcben. Aber nat\u00fcrlich hat Maltempo in seinem Virtuosendenken recht, denn wer Alkan spielt, bewegt sich in den maximalen H\u00f6hen der Klavierakrobatik.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Vincenzo Maltempo plays Alkan: 12 \u00c9tudes dans tous les tons mineurs Op 39 (Complete)\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/_VW2ms-jpCY?start=1249&#038;feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAlkan? 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