{"id":11801,"date":"2025-10-13T08:00:20","date_gmt":"2025-10-13T06:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=11801"},"modified":"2025-10-14T09:42:20","modified_gmt":"2025-10-14T07:42:20","slug":"eine-neue-schatzkammer-der-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2025\/10\/13\/eine-neue-schatzkammer-der-musik\/","title":{"rendered":"Eine neue Schatzkammer der Musik"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_11804\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Photograph_of_Henriette_Bosmans.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11804\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11804\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Photograph_of_Henriette_Bosmans-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"264\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Photograph_of_Henriette_Bosmans-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Photograph_of_Henriette_Bosmans-777x1024.jpg 777w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Photograph_of_Henriette_Bosmans-768x1013.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Photograph_of_Henriette_Bosmans.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11804\" class=\"wp-caption-text\">Henri\u00ebtte Bosmans im Jahr 1917,<br \/>Foto: Jacob Merkelbach<\/p><\/div>\n<p>Die Musik von Komponistinnen ist aus den Konzerts\u00e4len nicht mehr wegzudenken. Eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist das nach wie vor nicht, denn die Beharrungskr\u00e4fte in der klassischen Musik sind nicht zu untersch\u00e4tzen. Manche glauben ja daran, dass die Musikgeschichte hinsichtlich dessen, was weltweit die Konzertprogramme dominiert, in wundersamem Automatismus eine rein qualitative Auswahl getroffen habe, frei von Vorurteilen. Bach, Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, das waren nun mal die besten, und wenn es keine Frau geschafft hat, \u00e4hnlich gro\u00dfe Kunst hervorzubringen, ist das nicht zu \u00e4ndern. Demgegen\u00fcber bricht sich nun endlich eine andere Erkenntnis Bahn: Wenn Musik von Komponistinnen bislang oft unterhalb der sogenannten Wahrnehmungsschwelle lag, sagt das erstmal nichts \u00fcber die Musik aus, umso mehr jedoch \u00fcber die (oft m\u00e4nnlichen) Konstrukteure dieser sogenannten Wahrnehmungsschwelle.<!--more--><\/p>\n<p>Beispiel erw\u00fcnscht? Die Sonate f\u00fcr Violoncello und Klavier der niederl\u00e4ndischen Komponistin und Pianistin Henri\u00ebtte Bosmans (1895\u20131952), die jetzt in unserem Henle-Verlag druckfrisch und erstmals als Urtext-Ausgabe erschienen ist: <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/Violoncellosonate\/HN-1667\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1667<\/a>. Diese Sonate ist eine musikalische Naturgewalt, ein lyrisches Zaubergebilde, eine virtuose Herausforderung f\u00fcr die Solostimme, eine opulente Muskelpackung vollgriffigen Klaviersatzes, ein Prachtst\u00fcck im Grenzbereich zwischen Sp\u00e4tromantik und Moderne \u2013 und: bislang kaum bekannt. Bosmans war erst 23 Jahre alt, als sie diese Cellosonate im Jahr 1919 schrieb, mit dem belgischen Cellisten Marix Loevensohn, dem damaligen Solocellisten des Concertgebouw-Orchesters, auff\u00fchrte und im Verlag Broekmans &amp; Van Poppel herausbrachte.<\/p>\n<p>Der \u00fcppige Notentext hielt f\u00fcr mich als Editor so manche Herausforderung bereit. Weder verf\u00fcgte Bosmans bei der Komposition bereits \u00fcber gro\u00dfe Routine, was das akkurate Niederschreiben solch komplexer Musik betrifft, noch scheint man sich im damaligen Verlag der Drucklegung dieses Newcomerwerks mit sonderlicher Liebe zum Detail gewidmet zu haben. Beispielsweise ist der Klavierpart in der Erstausgabe vielerorts mit geradezu abstrusen Ottava-Schreibweisen notiert, sodass seine Spannweite auf der Klaviatur kaum ersichtlich und die Orientierung beim Spielen enorm erschwert ist.<\/p>\n<p>Eine historische Partiturabschrift von fremder Hand, die zusammen mit dem Autograph der Cellostimme \u00fcberliefert ist, ist voller gravierender Fehler, weist einen vielleicht in manchen editorischen Zweifelsf\u00e4llen zuf\u00e4llig auf den richtigen Weg, viel h\u00e4ufiger aber in die Irre. Die Sonate auf Basis dieser Quellenlage philologisch in den Griff zu bekommen, war eine spannende Aufgabe.<\/p>\n<p>Musikalisch ist Bosmans Cellosonate ein faszinierendes Zeitdokument der damaligen Epoche, in der tonales Denken und dessen \u00dcberwindung miteinander im Wettstreit lagen. Obendrein steht sie als biographisches Zeitdokument und als Momentaufnahme f\u00fcr das K\u00f6nnen einer jungen, aufstrebenden Komponistin, die zwar noch in der Ausbildung war, sich aber bereits auf den Weg gemacht hatte, ihren pers\u00f6nlichen Stil zu entwickeln. Und bei all dem ist die Sonate in ihren kompositorischen Merkmalen zeitlos brillante Musik, die ihren Spannungsbogen \u00fcber die gesamten 25 Minuten ihrer Auff\u00fchrungsdauer hinweg zu keiner Sekunde verliert und fast bis zum Bersten angef\u00fcllt ist mit Aussagekraft. Diskretion ist diesem Werk nicht zu eigen. Ganz gewiss gilt das f\u00fcr den im Klavier aus gro\u00dfen Akkorden und tiefstm\u00f6glichem Bass aufgeschichteten ersten Satz mit seinem hochexpressiven Hauptthema des Cellos, aber ebenso f\u00fcr den impressionistisch anmutenden und von einer spielfreudigen Zwiesprache der Instrumente gepr\u00e4gten zweiten, den lyrisch-fragilen dritten und den rhythmisch energetischen, im F\u00fcnfvierteltakt stehenden vierten Satz \u2013 ehe das Anfangsthema ganz am Ende mit nochmals vermehrter Kraft (Fortissimo, Maestoso) ein letztes Mal wiederkehrt und sowohl f\u00fcr eine letzte Steigerung als auch f\u00fcr musikalische Geschlossenheit sorgt.<\/p>\n<div id=\"attachment_11820\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11820\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11820\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-300x98.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"147\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-300x98.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-1024x335.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-768x252.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-1536x503.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-27-2048x671.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11820\" class=\"wp-caption-text\">Wiederkehr des Hauptthemas am Ende des vierten Satzes. Der Klaviersatz \u2013 Fortissimo, Maestoso \u2013 erstreckt sich hier \u00fcber sieben Oktaven der Klaviatur, Henle-Urtext<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_11823\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-18.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11823\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11823\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/HN_1667_A_Bosmans-18.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"291\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11823\" class=\"wp-caption-text\">Rhythmisch kraftvoller Gestus des im 5\/4-Takt notierten Finalsatzes, Henle-Urtext<\/p><\/div>\n<p>Man mag bei dieser jugendlichen kompositorischen Kraftprobe, die noch Bosmans\u2019 Vorbilder erahnen l\u00e4sst, Ankl\u00e4nge an Faur\u00e9, Grieg oder Brahms heraush\u00f6ren. Man mag ein bisschen an Richard Strauss\u2019 in \u00e4hnlichem Lebensalter entstandene Cellosonate denken, die in ihren beiden Werkfassungen auch nicht gerade von kompositorischer Zur\u00fcckhaltung gepr\u00e4gt ist. Vor allem aber ist Bosmans\u2019 Sonate Ausdruck einer starken und eigenst\u00e4ndigen K\u00fcnstlerinnenpers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Die Bosmans-Forscherin Helen H. Metzelaar hat deren bewegte Biographie f\u00fcr das Vorwort unserer Ausgabe nachgezeichnet. Bosmans war eine der herausragenden Pianistinnen ihrer Zeit, verfeinerte \u00fcber Jahre ihre kompositorische Tonsprache, schrieb Instrumentalmusik f\u00fcr kleine und gro\u00dfe Besetzungen \u2013 oft mit Vorliebe f\u00fcr das Cello und f\u00fcr ihr eigenes Instrument, das Klavier. Sie war in den 1920er Jahren zwischenzeitlich mit der Cellistin Frieda Belinfante liiert und lebte mit ihr ein modernes Leben. Sie musste sp\u00e4ter den fr\u00fchen Krebstod ihres Verlobten, des Geigers Francis Koene, verkraften, trotzte als Tochter einer j\u00fcdischen Mutter den beruflichen Schikanen und leibhaftigen Gefahren der Besatzungszeit durch Nazi-Deutschland \u2013 und fand nach dem Krieg zur Musik zur\u00fcck, konzentrierte sich dann vor allem auf die Liedkomposition und entdeckte f\u00fcr sich die Musikschriftstellerei als neues Bet\u00e4tigungsfeld.<\/p>\n<div id=\"attachment_11815\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-scaled.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-11815\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-11815 size-medium\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-200x300.jpg 200w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-683x1024.jpg 683w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-768x1152.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2025\/10\/Bild4a_Gregor_Hohenberg-2-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-11815\" class=\"wp-caption-text\">Julian Riem und Raphaela Gromes Foto: Gregor Hohenberg<\/p><\/div>\n<p>Eine solche K\u00fcnstlerin und ihre Kunst m\u00fcssen ins Rampenlicht. Die Cellistin Raphaela Gromes und der Pianist Julian Riem sind seit ihrer chartst\u00fcrmenden CD \u201eFemmes\u201c (Sony Classical, 2023) ein gefeiertes Investigativ-Duo f\u00fcr die Wiederentdeckung der Werke von Komponistinnen. Die Idee einer Urtext-Edition der Bosmans-Sonate stammte nicht nur urspr\u00fcnglich von ihnen, sondern beide standen mit ihrer musikpraktischen Expertise auch als Ratgeber an meiner Seite und haben die Ausgabe au\u00dferdem mit ihren individuellen Fingers\u00e4tzen und den Bezeichnungen der Solostimme bereichert. F\u00fcr ihre neueste CD <a href=\"https:\/\/www.raphaelagromes.de\/de\/fortissima\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eFortissima\u201c<\/a> (Sony Classical, 2025) haben sie die Sonate eingespielt, und auch in ihrem zusammen mit Susanne Wosnitzka geschriebenen <a href=\"https:\/\/www.penguin.de\/buecher\/raphaela-gromes-fortissima-\/buch\/9783442317974\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gleichnamigen Buch \u00fcber Komponistinnen<\/a> (Verlag Goldmann) hat sich Raphaela Gromes Henri\u00ebtte Bosmans zugewandt. Das ergab eine wunderbare Kooperation, die hoffentlich dazu beitragen wird, dass Werke von Komponistinnen wie diese herrliche Cellosonate sich weiter emanzipieren k\u00f6nnen. Zum Gewinn f\u00fcr alle. Denn wenn mitunter die Sorge ge\u00e4u\u00dfert wird, die Pfade der klassischen Musik seien mittlerweile ziemlich ausgetreten, gilt das allenfalls f\u00fcr die m\u00e4nnliche Seite der Musikgeschichte. Die weibliche wurde bislang oft nur in vereinzelten Kurzgeschichten erz\u00e4hlt, und in den Archiven schlummert ein f\u00fcr die Allgemeinheit nur in Anf\u00e4ngen gehobener Schatz an wunderbarer Musik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Musik von Komponistinnen ist aus den Konzerts\u00e4len nicht mehr &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2025\/10\/13\/eine-neue-schatzkammer-der-musik\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[914,88,341,3],"tags":[911,913,912,901],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11801"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11801"}],"version-history":[{"count":14,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11801\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11838,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11801\/revisions\/11838"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11801"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11801"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11801"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}