{"id":1207,"date":"2012-12-10T07:00:02","date_gmt":"2012-12-10T06:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1207"},"modified":"2015-05-21T13:38:08","modified_gmt":"2015-05-21T11:38:08","slug":"gong-tamtam-oder-cymbal-crash-%e2%80%93-gershwins-%e2%80%9econcerto-in-f%e2%80%9c-als-work-in-progress","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/12\/10\/gong-tamtam-oder-cymbal-crash-%e2%80%93-gershwins-%e2%80%9econcerto-in-f%e2%80%9c-als-work-in-progress\/","title":{"rendered":"Gong, Tamtam oder Cymbal Crash? \u2013 Gershwins \u201eConcerto in F\u201c als Work in Progress"},"content":{"rendered":"<p>Sie kennen George Gershwins Klavierkonzert und die ber\u00fchmte Stelle kurz vor Schluss, an der ein Schlaginstrument den H\u00f6hepunkt des St\u00fccks mit einem lauten \u201eBang\u201c einleitet? Nein? Dann kommt hier zum Einstieg erst einmal ein <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wePBkW6WMM8#t=02m48s\" target=\"_blank\">Ausschnitt aus dem Film \u201eAn American in Paris\u201c von 1951<\/a>, <!--more--> in dem Oscar Levant die Stelle zum Besten gibt \u2013 \u00fcbrigens unverkennbar in am\u00fcsanter Personalunion als Dirigent, Pianist und Schlagzeuger.<\/p>\n<p>In der bis heute ma\u00dfgeblichen gedruckten Partitur steht:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel2.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-1216\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel2-1024x596.jpg\" alt=\"Gershwin Klavierkonzert, Partitur\" width=\"640\" height=\"372\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel2-1024x596.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel2-300x174.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Im heute erh\u00e4ltlichen Klavierauszug finden wir jedoch:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel1.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-1215\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel1-1024x424.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"265\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel1-1024x424.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/Notenbeispiel1-300x124.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Und welches Instrument sahen wir im Film? War das nicht ein Instrument, das im deutschen Sprachgebrauch als \u201eTamtam\u201c bezeichnet wird?<\/p>\n<p>Beim Urtext-Lektor l\u00e4uten die Alarmglocken. Was hat Gershwin denn nun wirklich f\u00fcr diese Stelle vorgesehen? Und handelt es sich in den genannten F\u00e4llen denn \u00fcberhaupt um unterschiedliche Instrumente?<\/p>\n<p>Versuchen wir uns zun\u00e4chst an den Definitionen, mit einem Seitenblick auf \u201eDie Musik in Geschichte und Gegenwart\u201c \u2013 unsere Standard-Enzyklop\u00e4die:<\/p>\n<p><strong>Gong: <\/strong>Ein altes asiatisches Idiophon, also ein Selbstklinger. Die Metallscheibe wird mit Hilfe von zwei L\u00f6chern am Rand und einer Schnur in einem Rahmen aufgeh\u00e4ngt und mit einem Schlegel in Schwingung versetzt. Nach heutigem Verst\u00e4ndnis hat ein Gong eine <span style=\"text-decoration: underline\">bestimmte Tonh\u00f6he<\/span> und das zu Spielende wird deshalb in einem normalen Notensystem mit f\u00fcnf Linien notiert. Der Gong klingt <a href=\"http:\/\/www.vsl.co.at\/de\/70\/3196\/3199\/3203\/5720.vsl\" target=\"_blank\">so<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Tamtam: <\/strong>Ebenfalls ein altes asiatisches Idiophon, das wie ein Gong aufgeh\u00e4ngt und gespielt wird. Allerdings hat das Tamtam <span style=\"text-decoration: underline\">keine bestimmte Tonh\u00f6he<\/span> und wird daher nicht in einem Notensystem mit f\u00fcnf Linien, sondern nur auf einer Linie notiert. Das Tamtam klingt <a href=\"http:\/\/www.vsl.co.at\/de\/70\/3196\/3199\/3202\/5711.vsl\" target=\"_blank\">so<\/a>.<\/p>\n<p>Leider werden sowohl Gong als auch Tamtam zu Gershwins Zeit im englischsprachigen Raum h\u00e4ufig als \u201eGong\u201c bezeichnet, und auch heute werden die Begriffe h\u00e4ufig synonym benutzt, obwohl die Instrumente deutlich unterschiedlich klingen.<\/p>\n<p><strong>Cymbal Crash: <\/strong>Die englische Anweisung f\u00fcr das Zusammenschlagen eines Beckenpaares (auch \u201ecymbal clash\u201c). Das Becken, ebenfalls ein Idiophon aus Metall, wird in seiner Mitte durchbohrt, um es zu befestigen, da es dort nicht oder kaum schwingt. Ein Beckenpaar wird an Schlaufen gehalten. Ein Schlag klingt <a href=\"http:\/\/www.vsl.co.at\/de\/70\/3196\/3199\/3200\/5690.vsl\" target=\"_blank\">so<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn wir uns nun also in den Notenquellen zum \u201eConcerto in F\u201c auf die Suche nach Gershwins Absicht machen, m\u00fcssen wir chronologisch bei dem sogenannten <strong>Sketch Score<\/strong> beginnen. Dabei handelt es sich um ein autographes Particell, in dem Gershwin das Soloklavier notierte und auf ein bis drei weiteren Notenzeilen die Orchesterbegleitung niederschrieb (in einer Form, die einem Klavierauszug sehr nahe kommt). Dies ist das eigentliche \u201eKompositionsmanuskript\u201c des Werks, das Gershwin sicher auch sehr gut zur unmittelbaren Verklanglichung am Klavier verwenden konnte. Im \u201eSketch Score\u201c notierte er an der Stelle, die uns hier interessiert, lediglich ein allgemeines Zeichen f\u00fcr ein Schlaginstrument.<\/p>\n<p>In etwas abgewandelter Form \u00fcbernahm Gershwin dieses unspezifische Zeichen auch in die <strong>autographe Orchesterpartitur<\/strong>. Es steht an ungew\u00f6hnlicher Stelle, genau auf dem Doppelstrich vor dem anschlie\u00dfenden Grandioso-Abschnitt, mit einer Fermate versehen und auf der H\u00f6he der Becken-Notation. Die Orchesterpartitur wurde f\u00fcr Auff\u00fchrungen benutzt und spiegelt deutlich die Konfusion der Dirigenten wieder. Von verschiedenen H\u00e4nden wurden Hinweise erg\u00e4nzt: \u201eTam-tam\u201c vom Dirigenten der Urauff\u00fchrung, Walter Damrosch; \u201eCymbals\u201c von unbekannter Hand; \u201egong\u201c, ebenfalls von unbekannter Hand, in Bleistift und anschlie\u00dfend ausradiert.<\/p>\n<p>Bedauerlicherweise hat Gershwin nicht selbst die Ver\u00f6ffentlichung seiner Partitur begleitet, sie erschien erst postum 1942. Der Herausgeber der Partitur und Verlagslektor, Frank Campbell-Watson, entschied sich, wie wir wissen, f\u00fcr den \u201eGong\u201c (und erg\u00e4nzte au\u00dferdem daf\u00fcr einen ganzen Takt). Ob er, wie Walter Damrosch, damit eigentlich das Tamtam meinte, kann man nur vermuten.<\/p>\n<p>Nur in einer Quelle finden wir dagegen eine vom Komponisten authorisierte Instrumentenzuweisung, im 1927 noch zu Gershwins Lebzeiten erschienenen <strong>Klavierauszug<\/strong>, der \u201eCymb. Crash\u201c vorschreibt. Diese Anweisung geht konform mit der oben beschriebenen Position des Zeichens im Becken-System in der autographen Partitur. (Gershwins Beteiligung an der Ver\u00f6ffentlichung des Klavierauszugs steht im \u00fcbrigen au\u00dfer Frage, denn es existieren Druckfahnen und Andrucke mit Korrekturen von seiner Hand.)<\/p>\n<p>Aus der Urtextperspektive dr\u00e4ngt sich also eine Entscheidung gegen die Auff\u00fchrungstradition auf: <span style=\"text-decoration: underline\">Nach den \u00fcberlieferten, autorisierten Quellen handelt es sich nicht um ein Tamtam, sondern um einen Beckenschlag.<\/span><\/p>\n<p>Und doch kommen Zweifel auf, bezieht man den besonderen Status der autographen Partitur und die Auff\u00fchrungsaspekte in die \u00dcberlegungen mit ein. Die handschriftliche Partitur zeigt sich in Fragen der Orchestrierung als ein \u201ework in progress\u201c. An zahlreichen Stellen experimentierte Gershwin vermutlich \u00fcber Jahre mit ihr, erg\u00e4nzte Instrumente, doppelte andere, strich ganze Gruppen usw. usw. Viele Bleistifteintragungen von seiner Hand lassen nur vermuten, dass mit neuen Auff\u00fchrungen des Werkes auch ge\u00e4nderte Orchestrierungen zu h\u00f6ren waren. Hinzu kommen die Eintragungen von Walter Damrosch, der das Werk nicht nur bei der Urauff\u00fchrung sondern auch nach Gershwins Tod mehrfach aus dieser Partitur dirigierte. Seine Eintragung \u201eTam-tam\u201c an besagter Stelle kann mit Gershwin abgesprochen gewesen sein, auch wenn im Klavierauszug von 1927 noch ein Beckenschlag stand. F\u00fcr die zwei bekannten Einspielungen des Konzerts mit Oscar Levant, die vor dem Erscheinen des 1942 gedruckten Orchestermaterials entstanden, wurde die autographe Partitur benutzt (und das daraus abgeschriebene Stimmenmaterial). In beiden erklingt das Tamtam. Dies veranlasste vielleicht auch Frank Campbell-Watson, es in den Partiturdruck aufzunehmen. Ich w\u00fcrde seiner Entscheidung folgen.<\/p>\n<p>Und Sie?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie kennen George Gershwins Klavierkonzert und die ber\u00fchmte Stelle kurz &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/12\/10\/gong-tamtam-oder-cymbal-crash-%e2%80%93-gershwins-%e2%80%9econcerto-in-f%e2%80%9c-als-work-in-progress\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,318,421,422,3],"tags":[99,97,95,100,96,92,98],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1207"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1207"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1207\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1207"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1207"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1207"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}