{"id":12143,"date":"2026-09-14T08:00:41","date_gmt":"2026-09-14T06:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/?p=12143"},"modified":"2026-09-14T09:44:15","modified_gmt":"2026-09-14T07:44:15","slug":"25-etueden-aber-beileibe-nicht-nur-fingeruebungen-friedrich-burgmuellers-beruehmtes-opus-100","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2026\/09\/14\/25-etueden-aber-beileibe-nicht-nur-fingeruebungen-friedrich-burgmuellers-beruehmtes-opus-100\/","title":{"rendered":"25 Et\u00fcden, aber beileibe nicht nur Finger\u00fcbungen \u2013 Friedrich Burgm\u00fcllers ber\u00fchmtes Opus 100"},"content":{"rendered":"<p>Jede Edition ist anders. Oft begeistert einen das Werk an sich, mit dem man sich befasst. Manchmal liegt eine spezielle Quellenlage vor, die das Edieren in methodischer Hinsicht interessant macht. Was mich als Herausgeber an der Urtext-Ausgabe, um die es in diesem Blogbeitrag geht, so gepackt hat, ist nicht nur das Ergebnis, sondern auch der \u00fcberaus abwechslungsreiche Weg dorthin.<\/p>\n<div id=\"attachment_12146\" style=\"width: 260px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Friedrich_Burgmueller.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12146\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12146\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Friedrich_Burgmueller-234x300.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Friedrich_Burgmueller-234x300.jpg 234w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Friedrich_Burgmueller-799x1024.jpg 799w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Friedrich_Burgmueller-768x985.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Friedrich_Burgmueller.jpg 960w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12146\" class=\"wp-caption-text\">Friedrich Burgm\u00fcller, Lithographie, um 1840<\/p><\/div>\n<p>Als es mir zufiel, die <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/25-Etueden-op.-100\/HN-1726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">25 Et\u00fcden op. 100<\/a> von Friedrich Burgm\u00fcller (1806\u20131874) zu edieren, dachte ich mir: \u201eBurg wer\u201c? R\u00fcckblickend schwer zu glauben, aber jene klavierp\u00e4dagogischen Standardwerke, die \u201eEt\u00fcden\u201c, \u201eLehrmeister\u201c oder \u201eMelodische \u00dcbungsst\u00fccke\u201c hei\u00dfen, kamen in meinem einstigen Klavierunterricht kaum vor, und von den Burgm\u00fcllern, Hanons, Diabellis und Czernys blieb ich tats\u00e4chlich weitgehend unber\u00fchrt. An die Burgm\u00fcller-Edition ging ich somit ohne eigene Kindheitserinnerungen heran, ohne Verkl\u00e4rung oder schlechte Erfahrungen. Und ich hatte in den kommenden Monaten viele jener kleinen und gr\u00f6\u00dferen Erlebnisse, die den Editoren- bzw. Lektorenberuf so sch\u00f6n und abwechslungsreich machen.<!--more--><\/p>\n<p>Die erste Entdeckung f\u00fcr mich waren die St\u00fccke an sich. Im 19. Jahrhundert wurde ja allerhand komponiert, was sich \u201eEt\u00fcde\u201c nennt: von Chopin, von Liszt, vom fast noch virtuoseren Fingerverknoter Charles Valentin Alkan \u2013 auf der anderen Seite kleine Finger\u00fcbungen, die zum klavierp\u00e4dagogischen Elementarbereich geh\u00f6ren. Burgm\u00fcllers Et\u00fcden positionieren sich auf geradezu wundervolle Weise dazwischen. Sie sind, so die originale franz\u00f6sische Titelei, leicht, von aufsteigender Schwierigkeit und vom Komponisten mit einem Fingersatz ausgestattet, der auf kleine H\u00e4nde ausgerichtet ist: \u201e25 Etudes faciles et progressives pour le piano, compos\u00e9es et doigt\u00e9es express\u00e9ment pour l\u2019\u00e9tendue des petites mains par Fred.<sup>ic<\/sup> Burgm\u00fcller\u201c (Burgm\u00fcller war zwar geb\u00fcrtiger Regensburger, wirkte aber in Paris und wurde auch franz\u00f6sischer Staatsb\u00fcrger).<\/p>\n<p>Klingt erst einmal etwas n\u00fcchtern und schulmeisterlich. Doch aus Burgm\u00fcllers Et\u00fcdensammlung springen einem eben nicht n\u00fcchtern durchnummerierte Finger\u00fcbungen ins Gesicht, sondern sie besteht aus 25 herrlichen kleinen Charakterst\u00fccken. Sie hei\u00dfen \u201eArabesque\u201c, \u201eTendre fleur\u201c (\u201eZarte Blume\u201c) oder \u201eLa Styrienne\u201c (\u201eSteirischer Tanz\u201c) und sind bildhaft, eing\u00e4ngig, rhythmisch bewegt und melodisch reizvoll komponiert. Richtige Musik, wenn man so will, in die der jeweilige spieltechnische \u00dcbungszweck geschickt eingewoben ist. Das gefiel mir ausgezeichnet, und rasch war klar, dass wir mit unserer Ausgabe den jungen Spielerinnen und Spielern nicht einfach kommentarlos Noten in die Hand dr\u00fccken, sondern dass wir sie an die Hand nehmen und ihnen das, was sie vor sich sehen, erl\u00e4utern wollen. Dabei ging es uns nat\u00fcrlich nicht um die Editionsmethodik (die wird, wie es im Henle-Urtext \u00fcblich ist, in den Bemerkungen am Ende der Notenausgabe mitgeteilt). Nein, wir dachten an die musikalischen und \u00fcbungstechnischen Merkmale der einzelnen St\u00fccke. Warum wohl hei\u00dft diese Et\u00fcde \u201eL\u2019Hirondelle\u201c (\u201eDie Schwalbe\u201c)? Welcher musikalische Charakterzug ist es, der einen an den kleinen Vogel mit seinem akrobatischen Flug denken l\u00e4sst \u2013 und was genau \u00fcbt man mit all den hohen T\u00f6nen, die Burgm\u00fcller darin f\u00fcr die linke Hand notiert hat, mit der man deshalb st\u00e4ndig \u00fcber die rechte Hand springen muss?<\/p>\n<div id=\"attachment_12190\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12190\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12190\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-300x203.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"338\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-300x203.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-1024x692.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-768x519.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-1536x1038.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB1n-1-2048x1384.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12190\" class=\"wp-caption-text\">oben: Beginn \u201eL\u2019Hirondelle\u201c, Henle-Urtext <a href=\"https:\/\/www.henle.de\/de\/25-Etueden-op.-100\/HN-1726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1726<\/a><br \/>unten: \u201eL\u2019Hirondelle\u201c, Begleittext von Melanie Spanswick<\/p><\/div>\n<p>F\u00fcr diese einordnenden Kommentare konnten wir die renommierte Klavierp\u00e4dagogin Melanie Spanswick gewinnen, die f\u00fcr uns wirklich zauberhafte Texte verfasste. Obendrein hat sie Burgm\u00fcllers kluge, aber etwas sp\u00e4rliche Originalfingers\u00e4tze um zus\u00e4tzliche Angaben erweitert, damit beim Spielen keine Fingersatz-Fragen offenbleiben \u2013 nat\u00fcrlich lassen sich Spanswicks Fingersatzerg\u00e4nzungen (grau gedruckt) von Burgm\u00fcllers Original (schwarz) auf den ersten Blick unterscheiden. Henle-Urtext ist Henle-Urtext.<\/p>\n<div id=\"attachment_12149\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12149\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12149\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3-300x92.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"154\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3-300x92.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3-1024x315.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3-768x236.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3-1536x473.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/Ab3-2048x630.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12149\" class=\"wp-caption-text\">Originalfingersatz des Komponisten (schwarz) und hilfreiche<br \/>Erg\u00e4nzungen von Melanie Spanswick (grau)<\/p><\/div>\n<p>Wer unsere Burgm\u00fcller-Et\u00fcden aufschl\u00e4gt, wird Notenseiten vor sich sehen, die sich von anderen Henle-Ausgaben deutlich unterscheiden. Denn um Spanswicks Erl\u00e4uterungen auf Deutsch, Englisch und Franz\u00f6sisch gut zur Geltung kommen zu lassen, haben wir uns ein neues Design \u00fcberlegt. Wir wollten die Erl\u00e4uterungen nicht auf schn\u00f6den Textseiten zusammenpressen, sondern sie dort unterbringen, wohin sie geh\u00f6ren: direkt bei den Musikst\u00fccken, Musik und Text gut verst\u00e4ndlich aufeinander bezogen und als \u201eGesamtkunstwerk\u201c ansprechend gestaltet. Nein, wir haben niemanden beauftragt, uns Illustrationen zu den St\u00fccken zu zeichnen, hier eine Verzierung, dort eine nette Naturszene \u2013 bei solch bilderbuchhafter \u00dcberdehnung der Henle-Gestaltungsrichtlinien best\u00fcnde die Gefahr, dass G\u00fcnter Henle Blitze vom Himmel schleudert. Aber aus unserem ber\u00fchmten, klaren Henle-Notenbild, den sch\u00f6n lesbaren Texten unten auf den Notenseiten und einem als Gestaltungselement geradezu k\u00fchnen Klaviertasten-Icon haben wir eine, wie ich pers\u00f6nlich finde, wundersch\u00f6ne grafische Anmutung geschaffen, die Lust darauf macht, in dieser Ausgabe zu schm\u00f6kern und daraus zu spielen.<\/p>\n<div id=\"attachment_12180\" style=\"width: 510px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12180\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12180\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/B4-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12180\" class=\"wp-caption-text\">Musik und Erl\u00e4uterungen vereint, neue Wege im Henle-Layout<\/p><\/div>\n<p>Ein weiteres grafisches Element springt beim Aufschlagen sofort ins Auge: das farbige Frontispiz, das ein Autograph Burgm\u00fcllers zur Et\u00fcde \u201eLa Pastorale\u201c zeigt. Dieses Autograph steht f\u00fcr den editionsspezifischen Clou der Ausgabe.<\/p>\n<div id=\"attachment_12151\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-scaled.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-12151\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-12151\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-234x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-234x300.jpg 234w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-799x1024.jpg 799w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-768x985.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-1198x1536.jpg 1198w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-1597x2048.jpg 1597w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2026\/09\/AB5-scaled.jpg 1996w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-12151\" class=\"wp-caption-text\">\u201eLa Pastorale\u201c, Sp\u00e4tere Fassung nach Manuskript,<br \/>Historisches Archiv B. Schott\u2019s S\u00f6hne,<br \/>Bayerische Staatsbibliothek,<br \/>Signatur Mus.Schott.As 73-1<\/p><\/div>\n<p>Bei der Quellenrecherche zu den Burgm\u00fcller-Et\u00fcden stie\u00df ich alsbald auf eine Originalhandschrift, die als Bestandteil des historischen Archivs des Schott-Musikverlags in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird. Wir bestellten die Quelle, ich setzte mich in den Lesesaal \u2013 und war zun\u00e4chst ziemlich entt\u00e4uscht. Diese \u201ePastorale\u201c, die vor mir lag, diese \u201eArabesque\u201c und auch noch einige andere St\u00fccke waren ja gar nicht \u201emeine\u201c Burgm\u00fcller-Et\u00fcden. Ganz andere Musik. So ein sch\u00f6nes Autograph \u2013 und f\u00fcr meine Edition v\u00f6llig nutzlos. Dann fiel der Groschen. Das waren durchaus meine Et\u00fcden. Nur anders. Manchmal stand unter dem Titel lediglich Burgm\u00fcllers handschriftlicher Kommentar \u201eAus den Et\u00fcden zu nehmen\u201c. Manchmal waren die Anfangstakte eines St\u00fccks notiert, manchmal aber auch mehrere, viele sogar, mir musikalisch bekannte Takte und mir unbekannte, Leertakte als Platzhalter dazwischen. Seltsam. Schlie\u00dflich ergab sich ein Bild: Burgm\u00fcller hatte hier einige der Et\u00fcden aus Opus 100 herausgegriffen und sie neu gruppiert. F\u00fcnf der Et\u00fcden hatte er sogar kompositorisch umgearbeitet, die Reihenfolge ihrer einzelnen Werkabschnitte ver\u00e4ndert, ihnen eine neue Einleitung vorangestellt oder einen neuen Schluss angeh\u00e4ngt \u2013 und bei all dem eine Art Sparnotation verwendet, in der sich aus dem, was im Autograph notiert ist, und jenen Takten, die man sich aus den Et\u00fcden op. 100 hinzudenken muss, vollst\u00e4ndige St\u00fccke ergeben. Eine kompositorische Weiterentwicklung also, Werkfassungen, die so bislang nicht bekannt waren. In unserer Ausgabe werden sie in einem Anhang erstmals als edierter Notentext pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Was mir gro\u00dfes Vergn\u00fcgen bereitete, war die Zusammenarbeit mit all jenen, die zu dieser Ausgabe und den vielen Bausteinen, aus denen sie besteht, beitrugen. Unser Notengrafiker Paul Hangstein t\u00fcftelte am Layout, an den Schriftgr\u00f6\u00dfen, den Spaltenbreiten, experimentierte mit verschiedenen Icons. Melanie Spanswick und unser englischer Super-\u00dcbersetzer John Wagstaff feilten mit mir an Texten und Titeln. Manchmal waren wir zun\u00e4chst \u201elost in translation\u201c. Von Burgm\u00fcller sind keine \u00dcbersetzungen der franz\u00f6sischen Titel zu den Einzelst\u00fccken \u00fcberliefert. Aber wir brauchten \u00dcbersetzungen, denn ohne diese k\u00f6nnten sich viele Klaviersch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler nichts unter den Werken vorstellen. Es war faszinierend, mit John Wagstaff in die Bedeutungsnuancen einzutauchen. Bei der Et\u00fcde \u201eLa Babillarde\u201c zum Beispiel. In bisherigen Ausgaben hei\u00dft sie auf Deutsch \u201ePlapperm\u00e4ulchen\u201c, \u201eDie Tratschtante\u201c oder \u201eDie Schwatzhafte\u201c, auf Englisch meistens \u201eChatterbox\u201c. Wie sollten wir es halten? Beschreibt der Titel ein lebhaftes, quirliges, fr\u00f6hliches Gespr\u00e4ch? Oder ist jemand gemeint, der oder die ohne Punkt und Komma etwas nervt\u00f6tend daherredet? Welche Akzentsetzung wird transportiert, welche passt zur Musik? Und wenn es eine Person ist, wer sagt \u00fcberhaupt, dass es eine Frau ist (\u201eDie Schwatzhafte\u201c), die hier (zu) viel redet? Weil das irgendjemand im 19. Jahrhundert, der nicht Burgm\u00fcller selbst war, einfach unterstellte? W\u00e4re als neue deutsche \u00dcbersetzung \u201ePlaudertasche\u201c (auf die Person bezogen) oder \u201ePlauderst\u00fcndchen\u201c (auf die Situation bezogen) treffender? Wie ist es generell mit den Geschlechterrollen? Beispiel \u201eLa Chevaleresque\u201c. Hier sind die Titel\u00fcbersetzungen der bisherigen Ausgaben besonders mannigfaltig: \u201eIm Trab\/Trotting\u201c, \u201eDes Edelfr\u00e4uleins Ritt\/My Lady\u2019s Ride\u201c, \u201eReiterst\u00fcck\/Music for a Cavalier\u201c, \u201eRitterlich\/Gallant\u201c. F\u00fchren einen der franz\u00f6sische weibliche Artikel und die Bedeutung des Fremdworts chevaleresk im Deutschen auf eine falsche F\u00e4hrte? Geht es um Ritterlichkeit? Um Eleganz im Allgemeinen? Um die Eleganz einer reitenden Person oder schlicht um die Bewegung des Reitens? Und wenn jemand reitet, weshalb sollte das ein \u201eEdelfr\u00e4ulein\u201c sein? Wie w\u00e4re die Wirkung, wenn man im Jahr 2026 im Rahmen einer Neu\u00fcbersetzung das heutzutage abwertend konnotierte Wort \u201eFr\u00e4ulein\u201c verwendet? Das sollte man tunlichst bleiben lassen.<\/p>\n<p>Auch in Melanie Spanswicks Texten gab es mitunter k\u00f6stliche Spitzfindigkeiten beim Aufeinandertreffen der Sprachen. \u201eLa Bergeronnette\u201c (\u201eDie Bachstelze\u201c) zum Beispiel ist ein fr\u00f6hlich bewegtes St\u00fcck \u2013 und so lag es f\u00fcr Melanie Spanswick in ihren auf Englisch verfassten Texten nahe, dem englischen Namens dieses Tierchens (\u201eThe Wagtail\u201c) entsprechend darauf hinzuweisen, dass hier seine rastlose, rasche Schwanzbewegung musikalisch abgebildet ist. Ung\u00fcnstig nur, dass die deutsche Vogel-Verwandtschaft dem Namen nach eben nicht mit dem Schwanz wackelt, sondern im Bach umherstelzt (was nebenbei bemerkt gar nicht so neckisch nett klingt wie das Englische, sondern eher nach einem Storch auf der Suche nach Fr\u00f6schen zum Auffressen). Das sprachliche Bild funktionierte also nicht \u2013 und hier wie an vielen anderen Stellen mussten L\u00f6sungen gefunden werden, die in allen drei Sprachen ihre Wirkung entfalten. Das war, abseits der \u00fcblichen Editorik, ein wunderbares Erarbeiten vieler Details.<\/p>\n<p>Ich hoffe, das Ergebnis wird allgemein als gelungen betrachtet werden, sodass diese druckfrische Urtext-Ausgabe vielen solche Freude bereiten wird, wie sie mir bei der Erstellung bereitet hat.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Friedrich Burgm\u00fcller - La Candeur op.100 n.1\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/vlLZVwTPjfM?list=PLbeqyteIBcMsW1LM5i1BBoFwJgCu3LHE2\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jede Edition ist anders. 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