{"id":1232,"date":"2012-12-24T08:00:03","date_gmt":"2012-12-24T07:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1232"},"modified":"2015-05-27T09:02:33","modified_gmt":"2015-05-27T07:02:33","slug":"%e2%80%9estille-nacht%e2%80%9c-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/12\/24\/%e2%80%9estille-nacht%e2%80%9c-revisited\/","title":{"rendered":"\u201eStille Nacht\u201c revisited"},"content":{"rendered":"<p>Ein Blog-Eintrag, der am 24.12. erscheint \u2013 wer hat da nicht weihnachtliche Assoziationen? Auch einem Henle-Lektor geht es da nicht anders. Sollte an diesem so emotional besetzten Datum wirklich ein Blog-Beitrag \u00fcber Probleme in Urtext-Editionen erscheinen? Das schien mir nicht recht in Einklang zu bringen zu sein. Jedoch, schlummern vielleicht auch in weihnachtlicher Musik ungeahnte Urtext-Fragen, sodass sich das Eine elegant mit dem Anderen verbinden lie\u00dfe? Im Folgenden ein Versuch.<!--more--><\/p>\n<p>\u201eStille Nacht, heilige Nacht\u201c \u2013 im Dezember geht eigentlich nichts ohne Absingen dieses Weihnachts-Schlagers, und das auf der ganzen Welt. Wo liegen aber die Wurzeln des Liedes \u2013 und wie sieht es mit der Quellenlage aus? 1816 verfasste Joseph Mohr den Text, und 1818 steuerte Franz Xaver Gruber die Melodie bei. Am 24. Dezember 1818 erklang das Lied zum ersten Mal in der Christmette in der St. Nikolaus Kirche in Oberndorf bei Salzburg. Vermutlich geh\u00f6rte es schon bald zum Repertoire der dortigen Gemeinde. Seinen Siegeszug trat das Lied jedoch erst an, nachdem es auf bisher nicht g\u00e4nzlich gekl\u00e4rtem Weg ins Zillertal gelangt war. Die dort ans\u00e4ssige S\u00e4ngerfamilie Strasser nahm die Weise in ihr Repertoire auf und trat auf ihren Europareisen immer wieder mit der \u201eStillen Nacht\u201c auf. Ein Vortrag in Leipzig im Jahr 1832 ist belegt, und dort wurde man hellh\u00f6rig: Der Verleger Friese erkannte offenbar das Potential der Strasser-Ges\u00e4nge und ver\u00f6ffentlichte 1833 eine Sammlung <a href=\"http:\/\/www.musikland-tirol.at\/geschwister-strasser.php\" target=\"_blank\">\u201eVier \u00e4chte Tyroler Lieder\u201c<\/a>, darunter \u201eStille Nacht\u201c (ohne Beteiligung Grubers. Unten <a href=\"http:\/\/www.musikland-tirol.at\/musikgeschichten\/stille-nacht-und-tirol.php\" target=\"_blank\">auf dieser Seite <\/a>eine Reproduktion des Druckes). Eine zweite Zillertaler S\u00e4ngerfamile, (Familie Rainer) nahm die \u201eStille Nacht\u201c mit auf eine Tournee nach Amerika, wo sie vermutlich 1839 zum ersten Mal erklang. Heute existiert das Lied in 300 Sprachen und Dialekten.<\/p>\n<p>Was aber hat das alles mit Urtextfragen zu tun? Sieht man sich die vier erhaltenen Autographe an (siehe die informative <a href=\"http:\/\/www.stillenacht.at\/de\/text_und_musik.asp\" target=\"_blank\">Website<\/a> der Stille Nacht Gesellschaft, mit H\u00f6rbeispielen der Urfassungen) und stellt ihnen die Fassung der Erstausgabe bei Friese gegen\u00fcber, zeigen sich einige verbl\u00fcffenden Differenzen. Im folgenden Beispiel 1 ist die Melodielinie der Fassung nach Autograph II wiedergegeben (transponiert nach C-dur), im Beispiel 2\u00a0die Fassung der Erstausgabe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/011.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1234\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/011.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/0212.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1235\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/12\/0212.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"153\" \/><\/a><\/p>\n<p>Abgesehen von rhythmischen Abweichungen (vor allem hinsichtlich der Punktierungen), nimmt der Erstdruck zwei entscheidende Eingriffe vor: 1) die melodischen Schleifer zur Untersekunde in T. 3 und 4 wurden zu Tonwiederholungen eingeebnet. Stattdessen bringt der Druck merkw\u00fcrdig nachschlagende Punktierungen, die vermutlich im Sinne eines glissando auszuf\u00fchren sind und m\u00f6glicherweise den Vortrag durch die Strasser-Familie widerspiegeln (und im \u00dcbrigen den von S\u00e4ngern unserer Tage); 2) der Sprung einer Quinte zwischen T. 8 und 9 wurde im Druck zu einer Septime erweitert, auf die eine Oberterz (mit Akzent) folgt. Diese Spr\u00fcnge haben Auswirkungen auf die Fortf\u00fchrung der Melodie in der zweiten H\u00e4lfte von T. 9: Die Tonschritte <em>d<\/em><sup>2<\/sup><em>\u2013c<\/em><sup>2<\/sup>\u2013<em>h<\/em><sup>1<\/sup> der autographen Fassung werden durch eine Brechung des Dominantseptakkordes ersetzt (<em>f<\/em><sup>2<\/sup>\u2013<em>d<\/em><sup>2<\/sup>\u2013<em>h<\/em><sup>1<\/sup>); erst in T. 10 stimmen beide Fassungen wieder \u00fcberein. Der Erstdruck erweitert den ohnehin schon gewaltigen Tonraum des Liedes somit von einer Dezime zu einer Undezime und schafft einen dramatischen emotionalen H\u00f6hepunkt.<\/p>\n<p>Zwar repr\u00e4sentiert die zweite Fassung jene Form des Liedes, die heute verbreitet ist; dennoch ist die erste Fassung \u00fcber vier autographe Quellen (die untereinander hinsichtlich Besetzung, Begleitung und Details in der Melodief\u00fchrung abweichen) hinreichend abgesichert und verk\u00f6rpert somit die authentische Form der Liedmelodie \u2013 den Urtext.<\/p>\n<p>M\u00fcsste eine Urtextausgabe also nicht die \u201eStille Nacht\u201c wieder in ihrer authentischen Fassung herstellen und die Melodie von sp\u00e4teren Eingriffen befreien? Die klare Antwort lautet: ja. Wir wollen aber keine Spielverderber sein. Einerseits m\u00fcsste eine gute Edition auch etablierte Lesarten dokumentieren, selbst wenn sie nicht authentisch sind. Andererseits mag der Komponist Gruber die zweite Fassung durchaus gebilligt haben \u2013 sie erschien immerhin zu seinen Lebzeiten. Schlie\u00dflich sei zugegeben, dass im Fall von Liedgut, das eine volkst\u00fcmliche Verbreitung erfahren hat, die Anwendung rigider Urtext-Prinzipien m\u00f6glicherweise nicht greift. Kurzum, die Originalfassung Grubers sollte vielleicht wieder st\u00e4rker ins Bewusstsein ger\u00fcckt und angemessen gew\u00fcrdigt werden. <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8e5XtjQ7Fy4\" target=\"_blank\">Adaptionen<\/a> <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TU2G6E358KI\" target=\"_blank\">aller<\/a> <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uRpMc5OVHnc\" target=\"_blank\">Art<\/a> will aber in diesem Fall wirklich niemand verdammen. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Blog-Eintrag, der am 24.12. erscheint \u2013 wer hat da &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/12\/24\/%e2%80%9estille-nacht%e2%80%9c-revisited\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,6,102],"tags":[687,706,101],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1232"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1232"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1232\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1232"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1232"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1232"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}