{"id":1264,"date":"2013-01-07T08:00:59","date_gmt":"2013-01-07T07:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1264"},"modified":"2015-05-21T13:41:56","modified_gmt":"2015-05-21T11:41:56","slug":"wie-viel-worttext-vertragt-die-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/01\/07\/wie-viel-worttext-vertragt-die-musik\/","title":{"rendered":"Wie viel Worttext vertr\u00e4gt die Musik?"},"content":{"rendered":"<p>Eine ernstzunehmende wissenschaftliche Buchver\u00f6ffentlichung erkennt man bekanntlich an den Fu\u00dfnoten \u2013 und in gewisser Weise trifft dies auch auf musikalische Urtext-Ausgaben zu, denn hier gilt es ja ebenfalls, den gedruckten Notentext durch entsprechende Belege zu fundieren. Wo und wie dies geschieht, h\u00e4ngt allerdings von vielen Parametern ab \u2013 unter anderem von der Frage, wie viel Worttext die Musik bzw. der aus\u00fcbende Musiker vertr\u00e4gt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dazu muss man sich zun\u00e4chst einmal vergegenw\u00e4rtigen, dass die Idee der Urtext-Ausgabe ja Ende des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zu den damals weit verbreiteten kommentierten Ausgaben entstand, in denen die Erl\u00e4uterungen im und um den Notentext herum so weit wucherten, dass auf einer Partiturseite mitunter mehr Text als Musik stand, wie zum Beipiel in Hans von B\u00fclows Beethoven-Ausgabe bei Cotta:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1267\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_1-231x300.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_1-231x300.jpg 231w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_1-791x1024.jpg 791w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1273 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_2-231x300.jpg\" alt=\"\" width=\"231\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_2-231x300.jpg 231w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven_Sonata_21_Opus_53_Seite_2-791x1024.jpg 791w\" sizes=\"(max-width: 231px) 100vw, 231px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Gegen solche \u00dcberfrachtung der Musik durch das Wort wandte sich die 1895 von der K\u00f6niglichen Akademie der K\u00fcnste zu Berlin initiierte Reihe <em>Urtext classischer Musikwerke<\/em>, auf deren Impulse unsere modernen Urtext-Ausgaben zur\u00fcckgehen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-125.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1274\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-125-233x300.jpg\" alt=\"\" width=\"233\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-125-233x300.jpg 233w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-125.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 233px) 100vw, 233px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-126.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1275 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-126-243x300.jpg\" alt=\"\" width=\"243\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-126-243x300.jpg 243w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Beethoven-op-53-S.-126.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 243px) 100vw, 243px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Damals wie heute gilt f\u00fcr diese Ausgaben, dass der Notentext von Kommentaren m\u00f6glichst freizuhalten ist. Auch wir gruppieren daher die notwendigen Informationen in unseren Urtext-Ausgaben traditionell um die Musik herum: W\u00e4hrend das <em>Vorwort<\/em> mit Ausf\u00fchrungen zu Entstehung und \u00dcberlieferung des Werks aufwartet, liefern die <em>Bemerkungen<\/em> am Ende des Bandes einen gewissenhaften Bericht, warum welche Vorlage(n) f\u00fcr die Edition herangezogen wurde(n) und wo der Herausgeber von diesen begr\u00fcndeterma\u00dfen abweicht. In taktweise aufgelisteten <em>Einzelbemerkungen<\/em> k\u00f6nnen kleine \u00dcberlieferungsdifferenzen ebenso wie grunds\u00e4tzliche Fragen zur Deutung eines Zeichens dargelegt werden, so dass der interessierte Leser hier alle notwendigen Informationen findet, aber beim Musizieren damit nicht belastet wird.<\/p>\n<p>So weit, so gut \u2013 aber die Erfahrung zeigt: Ganz ohne Fu\u00dfnoten geht es nicht. Das liegt zum einen an der Urtext-Idee selbst: Gerade wenn man die Vorlage sehr genau wiedergibt, folgt daraus manchmal die Notwendigkeit eines Kommentars, sei es die \u00dcbersetzung eines nicht gel\u00e4ufigen Auff\u00fchrungshinweises wie \u201elange Haltung\u201c in Schuberts <em>Hirt auf dem Felsen<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Der+Hirt+auf+dem+Felsen+D+965_969\" target=\"_blank\">HN 969, S. VIII\/1<\/a>, bl\u00e4ttern Sie\u00a0einfach los) oder die Relativierung einer Metronomangabe durch Verweis auf das <em>Vorwort<\/em> wie in Roussels <em>Joueurs de fl\u00fbte<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Joueurs+de+fl%C3%BBte+op.+27+%0D%0Af%C3%BCr+Fl%C3%B6te+und+Klavier_1092\" target=\"_blank\">HN 1092, S. 8\/9<\/a>). Solche Hinweise sind f\u00fcr die Ausf\u00fchrung der Musik essentiell \u2013 weswegen sie auch auf der Notenseite selbst gegeben werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr das klassische Problem bei den Klaviersonaten eines Beethoven, Mozart oder Haydn: Hier wird\u00a0 neben der Originalausgabe oft auch das Autograph zur Edition mit herangezogen, und bei manchen Differenzen zwischen den Quellen ist schlicht nicht zu entscheiden, ob es sich um eine willentliche \u00c4nderung des Komponisten handelt oder um ein schlichtes Versehen. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr den Bereich der Dynamik \u2013 weswegen die Herausgeber hier an kritischen Stellen wie in Beethovens <em>Waldsteinsonate op. 53 <\/em>den Quellenbefund in der Fu\u00dfnote referieren (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+Nr.+21+C-dur+op.+53+%28Waldstein%29_946\" target=\"_blank\">HN 946, S. 14\/15<\/a>), um den Musiker direkt auf eine m\u00f6gliche andere Entscheidung aufmerksam zu machen.<\/p>\n<p>Mitunter muss die Fu\u00dfnote aber auch gewisserma\u00dfen vorbeugend gesetzt werden, um den Musiker vor einer anderen Entscheidung zu \u201ebewahren\u201c \u2013 denn h\u00e4ufig genug sind die nicht autorisierten Varianten eines Werkes so allgemein bekannt und beliebt, dass der Urtext sich kaum dagegen durchsetzen kann. So basierten zahlreiche Ausgaben von Beethovens <em>3 Duos f\u00fcr Klarinette und Fagott\u00a0 WoO 27<\/em> auf einer sehr fehlerhaften Erstausgabe, der aber bald ein revidierter Druck folgte. Unsere Urtext-Ausgabe druckt das Werk nun nach dieser besseren Quelle und verlangt dem mit dieser Musik vertrauten Interpreten so manchen neuen Ton ab \u2013 was wir sicherheitshalber durch Fu\u00dfnoten-Verweise auf die Bemerkungen gekennzeichnet haben (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Drei+Duos+WoO+27+f%C3%BCr+Klarinette+und+Fagott_974\" target=\"_blank\">HN 974, S. 2\/3<\/a>).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir uns hier in der Regel so kurz fassen k\u00f6nnen, dass das Notenbild praktisch unbeeintr\u00e4chtigt bleibt, gibt es in Ausnahmef\u00e4llen auch mal raumgreifendere Fu\u00dfnoten \u2013 sei es, um eine fr\u00fchere Fassung zu dokumentieren wie in Haydns ber\u00fchmten <em>f-moll-Variationen<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Variationen+f-moll+%28Sonate%29+Hob.+XVII%3A6_912\" target=\"_blank\">HN 912, S. 8\/9<\/a>) oder um die zahlreichen autorisierten Varianten von so bekannten Werken wie Chopins <em>As-dur-Ballade<\/em> zu referieren (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ballade+As-dur+op.+47_937\" target=\"_blank\">HN 937, S. 4\/5<\/a>), die durch sp\u00e4tere Ausgaben weit verbreitet sind. Bei dieser wie anderen unserer Chopin-Ausgaben geht es freilich nicht darum, dem Musiker durch die Fu\u00dfnote eine Alternative f\u00fcr das Musizieren zu bieten \u2013 vielmehr kann er hier erfahren, wie eine ihm m\u00f6glicherweise bekannte Variante dieser Stelle einzusch\u00e4tzen ist und in welchem \u00dcberlieferungskontext sie steht. Damit bewegen wir uns allerdings schon wieder an der Grenze zur in einer Urtext-Ausgabe ja eigentlich zu vermeidenden Kommentierung des Notentexts&#8230; Aber wir finden, dass unsere Ausgaben soviel Worttext vertragen \u2013 und was meinen Sie?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ernstzunehmende wissenschaftliche Buchver\u00f6ffentlichung erkennt man bekanntlich an den Fu\u00dfnoten &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/01\/07\/wie-viel-worttext-vertragt-die-musik\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[347,3,102],"tags":[103,104,706],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1264"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1264\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1264"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1264"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1264"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}