{"id":1331,"date":"2013-01-21T07:00:35","date_gmt":"2013-01-21T06:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1331"},"modified":"2015-05-21T13:46:56","modified_gmt":"2015-05-21T11:46:56","slug":"brahms%e2%80%99-%e2%80%9eungarische-tanze%e2%80%9c-%e2%80%93-neue-funde-in-alten-quellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/01\/21\/brahms%e2%80%99-%e2%80%9eungarische-tanze%e2%80%9c-%e2%80%93-neue-funde-in-alten-quellen\/","title":{"rendered":"Brahms\u2019 \u201eUngarische T\u00e4nze\u201c \u2013 Neue Funde in alten Quellen"},"content":{"rendered":"<p>2011 machte der Brahms-Experte Michael Struck eine verbl\u00fcffende Entdeckung \u2013 in einem Buch, das bereits vor 100 Jahren erschienen ist\u2026<!--more--><\/p>\n<p>Als Urtextverlag stehen wir nat\u00fcrlich in der Pflicht, unseren gesamten Katalog auf dem aktuellen Stand der Forschung zu halten. Auch seit Jahrzehnten vorliegende Ausgaben werden regelm\u00e4\u00dfig auf den Pr\u00fcfstand gestellt und gegebenenfalls revidiert, wenn zu einem Werk neue, relevante Quellen auftauchen oder sich die Quellenbewertung \u00e4ndern sollte (siehe dazu den <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/10\/15\/wie-lange-halt-eigentlich-urtext-revisionen-im-henle-verlag\/\" target=\"_blank\">Blog vom 15.10.2012<\/a>).<\/p>\n<p>Zuweilen ergeben sich auch neue Erkenntnisse, die zwar den Notentext nicht unmittelbar ber\u00fchren, aber wertvolle Auff\u00fchrungshinweise f\u00fcr die Spieler liefern und einen Platz als Fu\u00dfnote oder Nachwort verdient haben. So geschah es 2011, dass dem Musikwissenschaftler und Mitarbeiter der Brahms-Gesamtausgabe <a href=\"http:\/\/www.uni-kiel.de\/muwi\/struck.htm\" target=\"_blank\">Michael Struck<\/a> eine ganz erstaunliche Entdeckung in einem alten Buch gelang: In der Studie \u201eJohannes Brahms\u201c des Musikschriftstellers Wolfgang Alexander Thomas-San-Galli, bereits 1912 erschienen, lag offen vor allen Augen die Reproduktion einer Postkarte von Brahms, deren genauer Inhalt aber ein Jahrhundert lang nicht zur Kenntnis genommen worden war.<\/p>\n<p>Dies lag zugegebenerma\u00dfen auch an drei Umst\u00e4nden: erstens an Brahms\u2019 schwer lesbarer Handschrift (sehen Sie selbst\u2026), zweitens an der falschen Bewertung durch Thomas-San-Galli, der in der Bildunterzeile einen Bezug zu Brahms\u2019 Haydn-Variationen vermutete, und drittens am fehlenden Kontext, denn Brahms antwortet offensichtlich auf eine Frage, die uns nicht erhalten ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_1333\" style=\"width: 1210px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Brahms-SanGalli.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1333\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1333\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Brahms-SanGalli.jpg\" alt=\"\" width=\"1200\" height=\"950\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Brahms-SanGalli.jpg 1200w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Brahms-SanGalli-300x237.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/Brahms-SanGalli-1024x810.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1200px) 100vw, 1200px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1333\" class=\"wp-caption-text\">Abb. aus: W. A. Thomas-San-Galli, Johannes Brahms, M\u00fcnchen 1912, S. 160f.<\/p><\/div>\n<p>Michael Struck entzifferte nun nicht nur den Text vollst\u00e4ndig, sondern konnte den Inhalt trotz der irref\u00fchrenden Bildlegende mit detektivischem Sp\u00fcrsinn korrekt zuordnen, obwohl Brahms\u2019 telegrammartige Antwort keinerlei Werktitel erw\u00e4hnt. Das erstaunliche Ergebnis war: Brahms geht hier eindeutig auf eine sehr bekannte Stelle in seinem Ungarischen Tanz Nr. 5 f\u00fcr Klavier zu 4 H\u00e4nden ein, \u00fcber deren genaue Ausf\u00fchrung sich schon Generationen von Pianisten den Kopf zerbrochen haben. Es handelt sich um die mit B\u00f6gen versehenen Achtelnoten im Mittelteil des Tanzes (in der Primo-Stimme), im folgenden Notenbeispiel gelb hervorgehoben (Bild zum Vergr\u00f6\u00dfern anklicken):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_68_Brahms.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1334\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_68_Brahms.jpg\" alt=\"\" width=\"1400\" height=\"610\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_68_Brahms.jpg 1400w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_68_Brahms-300x130.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_68_Brahms-1024x446.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1400px) 100vw, 1400px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00dcblicherweise liest man diese B\u00f6gen als Halteb\u00f6gen und spielt daher die 2 Achtel als Viertelnote, wie etwa in <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8kY_V0xAoKk#t=59.3s\" target=\"_blank\">dieser Aufnahme<\/a> zu h\u00f6ren ist. Doch Brahms meinte mit den B\u00f6gen tats\u00e4chlich etwas ganz anderes, n\u00e4mlich ein Wiederholen der Note mit freier, quasi \u201esprechender\u201c Phrasierung. In seiner Notation folgt er dabei einem Beispiel Beethovens, auf das er in der Postkarte explizit verweist: dem rezitativischen Takt zu Beginn des Schlusssatzes von Beethovens As-dur-Sonate op. 110 (hier nach unserer Urtext-Ausgabe <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+Nr.+31+As-dur+op.+110_363\" target=\"_blank\">HN 363<\/a> wiedergegeben):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_363_Beethoven.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1335\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_363_Beethoven.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"174\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_363_Beethoven.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/01\/HN_363_Beethoven-300x74.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Eine dementsprechend korrekte Ausf\u00fchrung nach der Vorstellung von Brahms w\u00fcrde also <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=r-HkKODC6gI#t=1m9.7s\" target=\"_blank\">etwa so<\/a> klingen.<\/p>\n<p>Diese spannende Erkenntnis darf nat\u00fcrlich in unserer Urtext-Ausgabe von Brahms\u2019 Ungarischen T\u00e4nzen (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ungarische+T%C3%A4nze+1-21_68\" target=\"_blank\">HN 68<\/a>) nicht fehlen, und so wird der in K\u00fcrze anstehende Nachdruck der Ausgabe um ein informatives Nachwort von Michael Struck erweitert. Dort k\u00f6nnen Sie dann weitere interessante Details erfahren \u2013 und auch den genauen Wortlaut von Brahms\u2019 Postkarte\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2011 machte der Brahms-Experte Michael Struck eine verbl\u00fcffende Entdeckung \u2013 &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/01\/21\/brahms%e2%80%99-%e2%80%9eungarische-tanze%e2%80%9c-%e2%80%93-neue-funde-in-alten-quellen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[105,315,423,344,3,379],"tags":[707,71,74,692],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1331"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1331"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1331\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}