{"id":1440,"date":"2013-03-04T08:00:40","date_gmt":"2013-03-04T07:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1440"},"modified":"2016-05-18T08:24:05","modified_gmt":"2016-05-18T06:24:05","slug":"%e2%80%9ecome-sopra%e2%80%9c-%e2%80%93-eindeutig-zweideutig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/03\/04\/%e2%80%9ecome-sopra%e2%80%9c-%e2%80%93-eindeutig-zweideutig\/","title":{"rendered":"\u201eCome sopra\u201c \u2013 eindeutig zweideutig!"},"content":{"rendered":"<p>Das Autograph von Beethovens Klaviersonate op. 90 geh\u00f6rt zu der gro\u00dfartigen Sammlung des <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\" target=\"_blank\">Beethoven-Hauses in Bonn<\/a>, die man seit einigen Jahren digitalisiert <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=15112&amp;template=dokseite_digitales_archiv_de&amp;_eid=1502&amp;_ug=Werke%20f%C3%BCr%20Klavier%20zu%202%20H%C3%A4nden&amp;_werkid=91&amp;_dokid=wm141&amp;_opus=op.%2090&amp;_mid=Werke%20Ludwig%20van%20Beethovens&amp;suchparameter=&amp;_sucheinstieg=&amp;_seite=1-2\" target=\"_blank\">im Internet bewundern<\/a> kann. Auch wenn die Handschrift im Vergleich zu vielen anderen Manuskripten Beethovens relativ leicht zu entziffern ist, so fragt man sich doch beim ersten Betrachten vieler Seiten, ob wir es hier mit dem \u201efertigen\u201c Werk zu tun haben. <!--more--><br \/>\nSchl\u00e4gt man zum Beispiel die Seite 8 des Autographs auf, so stellt sich der Eindruck ein, dass Beethoven die vollst\u00e4ndige Notierung im untersten Klaviersystem nach dem ersten Takt aufgibt und die weiteren Takte nur noch skizziert:<\/p>\n<div id=\"attachment_1503\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1503\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-1503\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph-1024x434.jpg\" alt=\"Autograph Seite 8 \u2013 Ausschnitt\" width=\"640\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph-1024x434.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph-300x127.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1503\" class=\"wp-caption-text\">Autograph Seite 8 \u2013 Ausschnitt<\/p><\/div>\n<p>Und doch haben wir es hier mit der Stichvorlage des Werks zu tun, also jenem Manuskript, aus dem der Stecher des Originalverlags den Notentext auf die Druckplatten \u00fcbertrug. Wie kommt er aber dann zu diesem Ergebnis:<\/p>\n<div id=\"attachment_1510\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe1.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1510\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-1510\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe1-1024x150.jpg\" alt=\"Erstausgabe \u2013 Ausschnitt\" width=\"640\" height=\"93\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe1-1024x150.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe1-300x43.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1510\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe \u2013 Ausschnitt<\/p><\/div>\n<p>Des R\u00e4tsels L\u00f6sung liegt nat\u00fcrlich in Beethovens Hinweis \u201ecome sopra\u201c, den er an dieser Stelle und an einigen anderen im Manuskript notiert, um den Stecher anzuweisen, die vorangegangene Stelle \u2013 in diesem Fall den Anfang des 1. Satzes \u2013 auch hier \u201ewie oben\u201c zu notieren. Diese \u201ecome sopra\u201c-Notierung hat es in sich. Denn sie hat schon bei der Erstausgabe der Sonate und dann in zahlreichen sp\u00e4teren Ausgaben bis in unsere heutige Zeit zu Verwirrung und unterschiedlichen Deutungen gef\u00fchrt. Konkret geht es um den Auftakt des Themas. Stellen wir diese Nahtstelle des letzten Taktes der Durchf\u00fchrung und des ersten Taktes der Reprise noch einmal im Autograph und der Erstausgabe untereinander:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph_Ausschnitt1.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-large wp-image-1518\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph_Ausschnitt1-1024x429.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"268\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph_Ausschnitt1-1024x429.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph_Ausschnitt1-300x125.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Autograph_Ausschnitt1.jpg 1364w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe_Auschnitt.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1521\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe_Auschnitt.jpg\" alt=\"\" width=\"872\" height=\"411\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe_Auschnitt.jpg 872w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Erstausgabe_Auschnitt-300x141.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 872px) 100vw, 872px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Stecher \u00fcbernahm den letzten Takt der Durchf\u00fchrung einschlie\u00dflich des Auftaktes zum Thema der Reprise w\u00f6rtlich aus dem Manuskript und ber\u00fccksichtigte das \u201ecome sopra\u201c ab der 1. Z\u00e4hlzeit der Reprise. Er setzte auch die vorhandene Bleistifterg\u00e4nzung um: \u201eJemand\u201c hatte beim <em>g<\/em><sup>1<\/sup> des Auftaktes noch ein Achtelf\u00e4hnchen und eine Achtelpause erg\u00e4nzt (sie geht \u00fcber beide Systeme und ist nicht leicht zu identifizieren). In der linken Hand ist der Auftakt kurioserweise nicht ge\u00e4ndert und bleibt eine Viertelnote \u2013 es sei denn man interpretiert die \u00fcber beide Systeme notierte Achtelpause auch f\u00fcr beide Systeme. Dann h\u00e4tte \u201eman\u201c das F\u00e4hnchen in der linken Hand vergessen und der Stecher die intendierte Lesart nicht verstanden, die wohl diese w\u00e4re:<\/p>\n<div id=\"attachment_1526\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Casella.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1526\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1526\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Casella-300x177.jpg\" alt=\"Ausgabe von Alfredo Casella\" width=\"300\" height=\"177\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Casella-300x177.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Casella.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1526\" class=\"wp-caption-text\">Ausgabe von Alfredo Casella<\/p><\/div>\n<p>Dieser Lesart folgt auch manche moderne Ausgabe, etwa die aktuelle Ausgabe von ABRSM Publishing. Und viele historische Ausgaben (z.B. diejenigen Schenkers, Schnabels und Toveys) halten sich ganz sklavisch an den Text der Erstausgabe. Aber ist das wirklich der von Beethoven intendierte \u00dcbergang in die Reprise? Kann man, ja muss man nicht vielleicht die \u201ecome sopra\u201c-Notierung im Autograph anders interpretieren? Nun, das tat schon ein adeliger Zeitgenosse Beethovens, sein G\u00f6nner und Sch\u00fcler, Erzherzog Rudolph von \u00d6sterreich. Rudolph war einige Zeit stolzer Besitzer des Autographs der Sonate op. 90, und als Beethoven es f\u00fcr den Stich der Originalausgabe ben\u00f6tigte, kopierte sich Rudolph den Notentext f\u00fcr seine eigene Bibliothek und seinen pers\u00f6nlichen Gebrauch. Er interpretierte die \u201ecome sopra\u201c-Anweisung in der Reprise so, wie sie auch der Herausgaber unserer Urtextausgabe edierte:<\/p>\n<div id=\"attachment_1531\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Henle.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1531\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-1531\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Henle-1024x586.jpg\" alt=\"Urtextausgabe G. Henle Verlag\" width=\"640\" height=\"366\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Henle-1024x586.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Henle-300x171.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1531\" class=\"wp-caption-text\">Urtextausgabe G. Henle Verlag<\/p><\/div>\n<p>Zu dieser Ansicht kam auch der Herausgeber der Urtext-Ausgabe in der renommierten Wiener Urtext Edition. Beide Urtext-Herausgeber entschieden sich damit gegen die von Beethoven in den Druckfahnen nachweislich mehrfach Korrektur gelesene Erstausgabe, die den vermeintlich \u201eletzten Willen\u201c Beethovens wiedergibt. Wir wissen zwar, dass der Komponist ein eher schlechter Korrekturleser war \u2013 doch k\u00f6nnte er einen so offensichtlichen \u201eFehler\u201c wirklich drei Mal \u00fcbersehen haben? Wollte man dies annehmen, br\u00e4uchte man gute Gr\u00fcnde. Und die sind nicht leicht zu finden. Hier sind zwei Indizien:<\/p>\n<p>(1) Betrachtet man die Niederschrift dieser zwei Takte im Autograph hinsichtlich der Tintenfarbe und der Federst\u00e4rke, so f\u00e4llt auf, dass das Schriftbild MIT dem Auftakt wechselt. Davor ist die Tinte dunkler, und die Feder ist breiter oder mit mehr Druck eingesetzt. Im Schreibfluss gab es also vor dem Auftakt eine Unterbrechung, die vielleicht auch die Musik gruppiert. Damit k\u00f6nnte man schlie\u00dfen, dass das \u201ecome sopra\u201c schon ab dem Auftakt gilt. So las es wohl Erzherzog Rudolph (der von den vielleicht erst nachtr\u00e4glich erg\u00e4nzten Bleistifterg\u00e4nzungen \u2013 siehe (2) \u2013 nicht \u201eabgelenkt\u201c wurde).<\/p>\n<p>(2) Die Bleistifterg\u00e4nzungen beim Auftakt werden gerne als Beleg angef\u00fchrt, dass die Lesart, die etwa bei Alfredo Casella wiedergegeben ist (siehe oben), von Beethoven nachtr\u00e4glich sanktioniert wurde. Da er hier nochmals eingriff \u2013 so der Argumentation \u2013 muss ihm diese Lesart bewusst gewesen sein und er muss sie so gew\u00fcnscht haben. Allerdings wurde bereits aus berufenem Munde bezweifelt, ob die Bleistifterg\u00e4nzung \u00fcberhaupt von Beethoven stammt und nicht vielleicht vom damaligen Verlagsmitarbeiter Anton Diabelli, der die Druckfahnen der Originalausgabe ebenfalls Korrektur las. Zu dieser Einsch\u00e4tzung tendiert Michael Ladenburger, Custos des Beethoven-Hauses und Herausgeber der im dortigen Verlag erschienenen <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=35459&amp;template=verlag_publikation_de&amp;_mid=Faksimilia\" target=\"_blank\">Faksimileausgabe des Autographs<\/a> (1993). Das Argument der nachtr\u00e4glichen Sanktionierung f\u00e4llt nat\u00fcrlich in sich zusammen, wenn der Urheber der Erg\u00e4nzung nicht der Komponist war.<\/p>\n<p>Reichen diese Indizien, um sich gegen die vermeintlich autorisierte Lesart der Erstausgabe zu entscheiden? Murray Perahia und ich bezweifeln es (nicht zuletzt deshalb revidieren wir gerade die Urtext-Ausgabe im G. Henle Verlag).<\/p>\n<p>Musikalisch l\u00e4sst sich das Ganze vermutlich nicht entscheiden. Hier zwei \u00fcberzeugende Interpretationen: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Erq3MqBYtwk\" target=\"_blank\">Wilhem Kempff spielt den vollen Akkord als Auftakt<\/a> , <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=g11uvQ4Pm0k#t=02m48\" target=\"_blank\">Claudio Arrau nur die Terz <em>e<\/em>\/<em>g<\/em><sup>1<\/sup>.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Autograph von Beethovens Klaviersonate op. 90 geh\u00f6rt zu der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/03\/04\/%e2%80%9ecome-sopra%e2%80%9c-%e2%80%93-eindeutig-zweideutig\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,293,429,88,301,427,20,3,33,24,428],"tags":[7,114,690,113],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1440"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1440"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1440\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}