{"id":1562,"date":"2013-03-18T07:00:06","date_gmt":"2013-03-18T06:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1562"},"modified":"2015-05-21T14:08:22","modified_gmt":"2015-05-21T12:08:22","slug":"wagner-liszt-und-die-%e2%80%9everunglimpfte%e2%80%9c-isolde-%e2%80%93-wie-gut-lesen-komponisten-ihre-eigenen-werke-korrektur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/03\/18\/wagner-liszt-und-die-%e2%80%9everunglimpfte%e2%80%9c-isolde-%e2%80%93-wie-gut-lesen-komponisten-ihre-eigenen-werke-korrektur\/","title":{"rendered":"Wagner, Liszt, und die \u201everunglimpfte\u201c Isolde \u2013 wie gut lesen Komponisten ihre eigenen Werke Korrektur?"},"content":{"rendered":"<p>Das aktuelle Wagner-Jahr geht auch am Henle-Verlag nicht spurlos vor\u00fcber, selbst wenn B\u00fchnenwerke nicht zu unserem Programmbereich geh\u00f6ren:<!--more--> mit <em>Isoldens Liebestod<\/em>, also Franz Liszts Klaviertranskription der Schlussszene aus Wagners <em>Tristan und Isolde<\/em>, geben wir zum ersten Mal ein Werk heraus, das fundamental auf der Komposition eines anderen Autors beruht. (Im Unterschied etwa zu Liszts <em>Rigoletto-Paraphrase<\/em> <a title=\"HN 978\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Rigoletto+-+Konzertparaphrase_978\" target=\"_blank\">HN 978<\/a>, bei der es sich um eine freie Fantasie \u00fcber Themen aus Verdis gleichnamiger Oper handelt.) Liszts kongeniale \u00dcbertragung erschien uns einerseits als passendes Geburtstagsgeschenk f\u00fcr den Leipziger Meister, zugleich aber auch als herausragende Klavierkomposition aus eigenem Recht, die einen Platz in unserem Katalog verdient hat.<\/p>\n<p>Bei der Arbeit an unserer frisch erschienenen Urtextausgabe (<a title=\"HN 558\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Isoldens+Liebestod+aus+%22Tristan+und+Isolde%22+%28Richard+Wagner%29_558\" target=\"_blank\">HN 558<\/a>), die wir auch bei der Frankfurter Musikmesse im April vorstellen, ergab sich daher eine besondere und f\u00fcr uns neuartige Quellensituation: nicht nur Liszts Autograph und die zu Lebzeiten erschienenen Druckausgaben von <em>Isoldens Liebestod<\/em> waren zu ber\u00fccksichtigen, sondern auch Wagners Vorlage, der Liszt \u2013 bis auf eine kurze Einleitung \u2013 takt- und textgetreu folgt. (W\u00e4re Liszts virtuoser Klaviersatz nicht so pianistisch raffiniert und orchestral-klangvoll, k\u00f6nnte man fast den Frevel begehen, von einem \u201eKlavierauszug\u201c zu sprechen\u2026)<\/p>\n<p>Es zeigte sich, dass die Partitur von <em>Tristan und Isolde<\/em> in Einzelfragen ein wichtiges Korrektiv f\u00fcr die Edition darstellt, denn sowohl die Erstausgabe von <em>Isoldens Liebestod<\/em>, die 1868 bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel in Leipzig erschien, als auch die von Liszt revidierte Ausgabe von 1875, die uns als Hauptquelle diente, weisen einige fragw\u00fcrdige Stellen auf. Liszt selbst war zwar generell sehr auf sorgf\u00e4ltige Ausf\u00fchrung seiner Korrekturen und Revisionen bedacht, wie diese Ermahnung an einen anderen Musikverleger zeigt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSie wissen, geehrter Freund, da\u00df mir schwindlige <em>[=unsorgf\u00e4ltige] <\/em>Auflagen ein Gr\u00e4uel sind; erweisen Sie mir also die Aufmerksamkeit, meinen geringen Noten, inclusive deren f, p, cresc., etc. etc. ebenso genau Rechnung zu tragen, als es gewi\u00df ihr Buchhalter nicht vers\u00e4umt mit den Thalern und Groschen Ihrer Verlags-Conti! Mein geistiges Eigenthum ist mir nicht minder wichtig als dem Kaufmann seine materielle Habe, und die <strong>Stich-Verunglimpfungen<\/strong> sind mir am empfindlichsten.\u201c<br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\"><em>(Brief an Julius Schuberth vom 5. 9. 1863, zitiert nach <\/em>Franz Liszts Briefe,<em> hrsg. von La Mara, Bd. 8, Leipzig 1905, S. 164, Hervorhebung original.)<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Dennoch entgingen auch Franz Liszt bei mehreren Korrekturlesungen von <em>Isoldens Liebestod<\/em> selbst einige \u201eStich-Verunglimpfungen\u201c, d. h. Verf\u00e4lschungen und Stichfehler, obwohl man meinen sollte, dass doch gerade der Urheber diese am ehesten erkennen m\u00fcsste. Dieses paradoxe Ph\u00e4nomen trifft man bei Komponisten h\u00e4ufig an \u2013 wahrscheinlich ist genau dies die Gefahr, dass der Sch\u00f6pfer sein Werk zu sehr \u201eim Ohr\u201c hat und die Korrekturfahnen nicht mehr akribisch gegen sein Autograph pr\u00fcft.<\/p>\n<p>Im Falle Liszts geht beispielsweise aus seiner Korrespondenz mit Breitkopf hervor, dass er sich die Korrekturfahnen gerne bereits als Heft gebunden schicken lie\u00df, damit er sie einfacher am Klavier durchspielen konnte. Seine Herangehensweise ist also eine ganz andere als die des Lektors, der am Schreibtisch stur Zeichen f\u00fcr Zeichen mit der Originalvorlage vergleicht und sich so auch seine <em>raison d\u2019\u00eatre<\/em> erwirbt\u2026 Und da Liszt seine Komposition gewisserma\u00dfen in den Fingern hatte, spielte er offenbar \u00fcber Details wie vergessene Vorzeichen oder falsch plazierte B\u00f6gen flugs hinweg. Zwei Beispiele aus <em>Isoldens Liebestod<\/em>:<\/p>\n<p>Im ersten Fall notierte Liszt im Autograph einen zwar kurzen, aber f\u00fcr seine Hand eindeutigen Haltebogen <em>es<\/em><sup>2<\/sup>\u2013<em>es<\/em><sup>2<\/sup> in der Oberstimme der rechten Hand (siehe Pfeil).<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Autogr.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1588\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Autogr.jpg\" alt=\"Autograph Takt 12\" width=\"400\" height=\"144\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Autogr.jpg 400w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Autogr-300x108.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">F. Liszt, <em>Isoldens Liebestod<\/em>, Autograph, Takt 12, oberes System (Weimar, GSA 60\/U32)<br \/>\nAbbildung mit freundlicher Genehmigung des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar<\/span><\/p>\n<p>Der Stecher platzierte den Bogen aber irrt\u00fcmlich zur Mittelstimme, so dass nun das zweite <em>es<\/em><sup>2<\/sup> erneut angeschlagen werden m\u00fcsste \u2013 ein h\u00f6rbarer Unterschied:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Druck.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1571 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Druck.jpg\" alt=\"Druckausgabe 1875, Takt 12\" width=\"275\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Druck.jpg 344w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt12-Druck-300x179.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">F. Liszt, <em>Isoldens Liebestod<\/em>, revidierte Ausgabe 1875, Takt 12, oberes System<\/span><\/p>\n<p>Ein weiterer \u201eVerrutscher\u201c unterlief dem Stecher in Takt 59: das Kreuz vor dem <em>dis<\/em><sup>1<\/sup> ist hier merkw\u00fcrdig \u00fcberfl\u00fcssig (<em>dis<\/em> ist ja schon durch die Tonart vorgegeben):<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Druck.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1573\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Druck.jpg\" alt=\"Druckausgabe, Takt 59\" width=\"510\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Druck.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Druck-300x119.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">F. Liszt, <em>Isoldens Liebestod<\/em>, revidierte Ausgabe 1875, Takt 59, unteres System<\/span><\/p>\n<p>Einige postume Ausgaben lassen das Vorzeichen daher gleich ganz weg, was aber am eigentlichen Problem vorbeigeht, wie das Autograph erhellt: das Kreuz geh\u00f6rt n\u00e4mlich tats\u00e4chlich vor das <em>h<\/em>:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Aut.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1572\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Aut.jpg\" alt=\"Autograph, Takt 59\" width=\"660\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Aut.jpg 660w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/03\/Liszt_Isolde_Takt59-Aut-300x123.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/a><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">F. Liszt, <em>Isoldens Liebestod<\/em>, Autograph, Takt 59, unteres System (Weimar, GSA 60\/U32)<br \/>\nAbbildung mit freundlicher Genehmigung des Goethe- und Schiller-Archivs Weimar<\/span><\/p>\n<p>Dass in beiden F\u00e4llen das Autograph auch wirklich recht hat, l\u00e4sst sich nun mit Hilfe von Wagners Partitur leicht best\u00e4tigen; dort steht der Haltebogen aus dem ersten Beispiel in der Melodie der 1. Violine (<em>colla parte<\/em> mit dem Gesang), und das <em>his<\/em> ist eine Durchgangsnote zum <em>cis<\/em><sup>1<\/sup> in Oboe, Fagott und Trompete. Aber sehen Sie doch selbst nach: auf Seite <a href=\"http:\/\/bsb-mdz12-spiegel.bsb.lrz.de\/~db\/bsb00057031\/image_442\" target=\"_blank\">426<\/a> und <a href=\"http:\/\/bsb-mdz12-spiegel.bsb.lrz.de\/~db\/bsb00057031\/image_453\" target=\"_blank\">437<\/a> in der originalen Dirigerpartitur der M\u00fcnchner Urauff\u00fchrung von <em>Tristan und Isolde<\/em>, die in der Bayerischen Staatsbibliothek aufbewahrt wird und dort gerade in einer <a href=\"http:\/\/www.bsb-muenchen.de\/Einzeldarstellung.403+M5ef33bf7a4e.0.html\" target=\"_blank\">sehenswerten Ausstellung<\/a> auch live zu bewundern ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das aktuelle Wagner-Jahr geht auch am Henle-Verlag nicht spurlos vor\u00fcber, &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/03\/18\/wagner-liszt-und-die-%e2%80%9everunglimpfte%e2%80%9c-isolde-%e2%80%93-wie-gut-lesen-komponisten-ihre-eigenen-werke-korrektur\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,371,301,311,3,320],"tags":[119,74,117,51,118,116,115],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1562"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1562"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1562\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}