{"id":1620,"date":"2013-04-15T08:00:48","date_gmt":"2013-04-15T06:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1620"},"modified":"2015-05-21T14:16:41","modified_gmt":"2015-05-21T12:16:41","slug":"1620","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/04\/15\/1620\/","title":{"rendered":"Achten Sie auf das Kleingedruckte &#8211; Die Notation Elgars als Mittel zum Ausdruck"},"content":{"rendered":"<p>Ein bereits ver\u00f6ffentlichtes Werk neu herauszugeben, ist eine spannende Aufgabe und in mancher Hinsicht sogar anspruchsvoller als die Arbeit an einer Ausgabe, bei der man sich nur auf Manuskripte und Skizzen des Komponisten st\u00fctzen kann. Selbstverst\u00e4ndlich muss man als Herausgeber immer die eigentliche Intention des Komponisten hinsichtlich des jeweiligen Werkes im Auge haben. Dabei kann die Existenz von gedruckten Ausgaben sowohl ein Vorteil wie auch ein Nachteil sein: <!--more-->Ein Vorteil, weil eine Erstausgabe sehr wahrscheinlich unter Aufsicht des Komponisten entstanden sein wird, und ein Nachteil, weil sich Druckfehler und andere Irrt\u00fcmer eingeschlichen und, ohne Kontrolle durch den Komponisten, in sp\u00e4teren Auflagen fortgesetzt haben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Besondere Vorsicht im Umgang mit gedruckten Quellen ist geboten, wenn das Werk durch den Verlag bearbeitet wurde \u2013 und nur wenigen Kompositionen ist dies so oft wiederfahren wie Edward Elgars popul\u00e4rem Salonst\u00fcck \u201eSalut d\u2019Amour\u201c, dessen Neuausgabe ich gerade f\u00fcr den G. Henle Verlag vorbereite. Welche dieser Fassungen als \u201eauthentisch\u201c gelten k\u00f6nnen, also von Elgar selbst f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung bearbeitet worden sind, wurde zwischen Norbert M\u00fcllemann und mir sehr ausf\u00fchrlich per E-Mail diskutiert. 1888 hatte die Firma Schott die Rechte an dem Werk direkt von Elgar erworben und damit die Erlaubnis, jedes beliebige Arrangement zu erstellen. Tats\u00e4chlich erschienen in den sp\u00e4ten 1890er Jahren Bearbeitungen zu Hauf \u2013 aller Wahrscheinlichkeit nach, um aus der Komposition so viel Profit wie m\u00f6glich zu schlagen. Bei unserer Neuausgabe haben wir uns f\u00fcr die Fassungen f\u00fcr Klavier solo sowie f\u00fcr Violine und Klavier entschieden, deren Autographe sich erhalten haben und daher zur \u00dcberpr\u00fcfung der fr\u00fchen Schott-Ausgaben herangezogen werden k\u00f6nnen. Zus\u00e4tzlich werden wir wahrscheinlich die Bearbeitung f\u00fcr Cello und Klavier herausbringen, die Elgar als Geschenk f\u00fcr den befreundeten Amateurcellisten Dr. Charles Buck eingerichtet hat. Anstelle dieser Version erschien allerdings bei Schott ein sp\u00e4teres, vermutlich von einem Hauslektor angefertigtes Arrangement. Elgars Briefwechsel mit Buck belegt jedoch, dass er seine eigene Fassung f\u00fcr Cello und Klavier als geeignet erachtete, sie zu ver\u00f6ffentlichen. Tats\u00e4chlich ist diese Version reizvoller und eigenst\u00e4ndiger als die sp\u00e4ter von Schott publizierte.<\/p>\n<p>Es ist immer spannend, das Autograph eines Komponisten zu untersuchen und ganz besonders, wenn dabei bestimmte Eigenheiten \u2013 oder gar Eigenwilligkeiten \u2013 der Notation zum Vorschein kommen, die ein Licht darauf werfen, wie der Komponist sein Werk vom ausf\u00fchrenden Musiker verstanden und aufgef\u00fchrt sehen wollte. Eine solche Eigenheit der Notation zeigt sich in Elgars Skizze zur Klavierfassung von \u201eSalut d\u2019Amour\u201c. Wie man der untenstehenden Abbildung entnehmen kann, hatte Elgar zun\u00e4chst die Absicht, die Melodie gleich zu Beginn vorzustellen, ohne das f\u00fcr die Version f\u00fcr Violine und Klavier kennzeichnende zweitaktige Vorspiel (siehe erste Akkolade). Offensichtlich hat er diesen Einfall jedoch gleich wieder verworfen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-1-neu.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1623\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-1-neu.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-1-neu.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-1-neu-300x231.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Neugierig wurde ich, als ich bei genauerer Untersuchung dieser Er\u00f6ffnung das Wort \u201ekleine\u201c entdeckte (f\u00fcr \u201ekleine Noten\u201c: als Hinweis darauf, dass die betreffenden Noten in kleinerem Stich erscheinen sollten). Das mit Tinte \u00fcber das obere System geschriebene Wort ist durch eine d\u00fcnnere (mit Bleistift gezogene?) Linie den Noten der rechten Hand zugewiesen (siehe dritte Akkolade). Obwohl das synkopierte Achtel-Viertel-Motiv die f\u00fcr die Wirkung des St\u00fccks entscheidende schwungvolle Dynamik liefert, ist es nat\u00fcrlich dem im dritten Takt erscheinenden Thema melodisch untergeordnet. Es sieht also ganz danach aus, als h\u00e4tte Elgar die Aufmerksamkeit des Pianisten mit visuellen Mitteln auf die Stellung dieser rhythmischen Figur innerhalb der verschiedenen musikalischen Schichten lenken und dadurch eine bestimmte Auff\u00fchrungsweise suggerieren wollen \u2013 ruhiger vielleicht und mit einer gegen\u00fcber der Melodie leicht gedeckteren Klangfarbe. F\u00fcr Elgar war diese optische Differenzierung ein wichtiger Aspekt im Erscheinungsbild seiner Komposition, denn die kleineren Notenk\u00f6pfe finden sich auch in den Druckausgaben \u2013 und es ist zu vermuten, dass er hierauf bestanden hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1624\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-2.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"286\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bezeichnenderweise zeigt sich diese Eigenwilligkeit der Notation nicht nur in einem der fr\u00fchesten St\u00fccke von Elgar, sondern auch in einem seiner sp\u00e4testen. Am Schluss der 1919 vollendeten Sonate f\u00fcr Violine und Klavier op. 82 zitiert er seine rund zwanzig Jahre zuvor entstandenen \u201eEnigma Variationen\u201c. Dieses Zitat ist wesentlich: Zur Zeit der Niederschrift der Sonate war Elgar zutiefst bek\u00fcmmert und deprimiert \u2013 einerseits hatte er den Verlust einiger seiner engsten Freunde zu verkraften, andererseits die unab\u00e4nderliche Aufl\u00f6sung jener Gesellschaft, in der er aufgewachsen war und der er einige seiner gr\u00f6\u00dften beruflichen Erfolge verdankte. Und in dieser Situation zitiert er nun ein \u201emeinen Freunden, die darin portr\u00e4tiert sind\u201c, gewidmetes Werk, das zugleich den Grundstein f\u00fcr seinen Ruhm und Erfolg gelegt hatte! Wie wichtig ihm diese Anspielung auf seine Lebensgeschichte ist, l\u00e4sst sich daran erkennen, dass in der unter Elgars Aufsicht entstandenen Ausgabe bei Novello die Noten des Klaviersatzes, die das Zitat wiedergeben, Standardgr\u00f6\u00dfe haben, w\u00e4hrend die umgebenden Noten kleiner gestochen sind.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-3-neu.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1625\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-3-neu.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"223\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-3-neu.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/EXAMPLE-3-neu-300x95.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Noten in Kleinstich begegnen uns Musikern in Druckausgaben h\u00e4ufig. Meist kennzeichnen sie dort eine alternative Version oder geben eine Stelle in einer f\u00fcr Gehirn \u2013 und Finger \u2013 leichter fasslichen Form wieder. In unseren beiden F\u00e4llen stellen die Noten in Kleinstich aber mit Sicherheit keine Alternativen dar: sowohl in \u201eSalut d\u2019Amour\u201c als auch in der Sonate m\u00fcssen alle Noten gespielt werden \u2013 allerdings auf eine andere Weise als die Noten in Normalgr\u00f6\u00dfe, vielleicht ruhiger, mit leichterem Anschlag oder einer dunkleren Tongebung. Wie auf einem Bild einzelne Gesichter in einer Menschenmenge so verleihen sie dem Tongem\u00e4lde Tiefe und Kraft, ohne jedoch im Mittelpunkt zu stehen. Dieser ist der Sch\u00f6nheit einer sanglichen Melodie oder einem mit schmerzvollen Erinnerungen aufgeladenen Motiv vorbehalten.<\/p>\n<p><em>Dieser Artikel stammt von <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/die-autoren\/\" target=\"_blank\">Rupert Marshall-Luck<\/a> <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein bereits ver\u00f6ffentlichtes Werk neu herauszugeben, ist eine spannende Aufgabe &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/04\/15\/1620\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,321,339,341,301,3,33,431],"tags":[121,122],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1620"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1620"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1620\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1620"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}