{"id":1657,"date":"2013-04-29T08:30:41","date_gmt":"2013-04-29T06:30:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1657"},"modified":"2015-05-21T14:23:23","modified_gmt":"2015-05-21T12:23:23","slug":"ganz-im-ernst-%e2%80%93-aufraumen-gehort-dazu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/04\/29\/ganz-im-ernst-%e2%80%93-aufraumen-gehort-dazu\/","title":{"rendered":"Ganz im Ernst \u2013 Aufr\u00e4umen geh\u00f6rt dazu!"},"content":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber unseren Aprilscherz zur aufger\u00e4umten Stimme bei Henle nicht nur herzlich gelacht, sondern sich vielleicht auch selbst schon einmal an einer Reger-Sonate versucht hat, der wei\u00df, dass es mit dem Aufr\u00e4umen bei Max Reger \u2013 und so manch anderem sp\u00e4tromantischen Komponisten \u2013 eigentlich eine durchaus ernste Sache ist. Die verschwenderische Vielfalt, mit der Anfang des 20. Jahrhunderts in den Partituren Tempo, Dynamik, Artikulation und Ausdruck bis ins letzte Detail fixiert wurden, begr\u00e4bt die Musik manchmal regelrecht unter den Zeichen und vertr\u00e4gt sich kaum noch mit der Direktive, dass eine sogenannte praktische Urtext-Ausgabe den Notentext f\u00fcr den Musiker ja auch einigerma\u00dfen gut (und schnell!) lesbar pr\u00e4sentieren soll.<!--more--><\/p>\n<p>Nicht umsonst w\u00e4hlte Max Reger in seinen Autographen meist eine zweite Farbe (rot statt schwarz) zur Bezeichnung dieser Parameter \u2013 was die Sache zwar sch\u00f6ner, aber nicht unbedingt auch leicht lesbar macht, wie die mal oben, mal unten notierte Dynamik oder die in das System gequetschten <em>espressivo<\/em>-Angaben auf der ersten Seite seines Klarinettenquintetts zeigen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1660\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Regers-Stichvorlage.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1660\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1660\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Regers-Stichvorlage.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"455\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Regers-Stichvorlage.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Regers-Stichvorlage-300x195.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1660\" class=\"wp-caption-text\">M\u00fcnchen, Bayerische Staatsbibliothek, Mus. ms. 6574. Bd. 1<\/p><\/div>\n<p>Noch schwieriger wird es, wenn in der Handschrift stark korrigiert wurde und darin ganze Abschnitte ausgestrichen, verschiedene Takth\u00e4lften neu zusammengesetzt und manche Rhythmen mehrfach modifiziert sind wie in Regers Klarinettensonate op. 107. Hier musste der Komponist sich nach eigener Aussage selbst erst einmal auf \u201eSchreibfehlersuche\u201c begeben, bevor er sein Autograph im April 1909 an den Verlag Bote &amp; Bock in Berlin \u00fcbersenden konnte. Dort wurde diese alles andere als \u00fcbersichtliche Stichvorlage dann nach bestem Wissen und Gewissen eingeteilt und in den Druck \u00fcbertragen, wobei allein die richtige Lesung der Vorzeichen und angemessene Anordnung der Angaben zu Tempo und Dynamik den Notenstecher an Stellen wie dieser (1. Satz Takt 15\u201318) durchaus gefordert haben durften:<\/p>\n<div id=\"attachment_1659\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Autograph_S_2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1659\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1659\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Autograph_S_2.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"478\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Autograph_S_2.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_Autograph_S_2-300x204.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1659\" class=\"wp-caption-text\">Autograph, Ausschnitt S. 2 (Original farbig), Winterthurer Bibliotheken, Sondersammlungen, Rychenberg-Stiftung Dep RS 50\/4<\/p><\/div>\n<p>Besonders die f\u00fcr die Sp\u00e4tromantik so typische Ausweitung der Harmonik in Kombination mit Regers Vorliebe f\u00fcr best\u00e4ndigen Wechsel zwischen duolischen und triolischen Figuren im 6\/4-Takt erschwert die Lesbarkeit auch im Druck noch sehr: Kaum ein Ton ohne Vorzeichen (wobei Reger dann auch noch zwischen notwendigen Akzidenzien und geklammerten \u201eWarnern\u201c differenziert), so dass man sich unversehens in der 12-Ton-Musik zu befinden meint; kaum eine rhythmische Figur ohne Hinweis, ob triolisch oder duolisch zu spielen; kaum eine Tempo- oder Dynamik-Angabe, die nicht noch durch einen (wiederum oft geklammerten) Zusatz modifiziert w\u00e4re.<\/p>\n<div id=\"attachment_1662\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_EA_S_2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1662\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1662\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_EA_S_2.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_EA_S_2.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_Klarinettenquintett_EA_S_2-300x192.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1662\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe, Ausschnitt S. 2<\/p><\/div>\n<p>So kommt es, dass selbst bei einer einfachen Quellenlage wie in dieser Sonate, mit einer vom Komponisten verantworteten Erstausgabe als Hauptquelle und der bei fraglichen Stellen heranzuziehenden autographen Stichvorlage, f\u00fcr den Herausgeber einer modernen Urtext-Ausgabe noch ziemlich viel zu tun ist. Es gilt nicht nur, die in diesem Zeichenwust \u00fcbersehenen Fehler der Erstausgabe zu korrigieren, sondern man muss auch entscheiden, welche Aspekte der Vorlage zu \u00fcbernehmen und welche nach den Regeln des modernen Notensatzes sinnvoll zu modifizieren sind. Denn auch eine Urtext-Ausgabe bildet die Quelle ja keinesfalls exakt ab, sondern normiert den Notentext und s\u00e4ubert ihn von \u00fcberfl\u00fcssigen oder verwirrenden Zeichen.<\/p>\n<p>Dass dies sehr behutsam und wohl\u00fcberlegt zu tun (und in den <em>Bemerkungen<\/em> zu erkl\u00e4ren) ist, versteht sich von selbst. Wie viele Details dabei zu bedenken sind, kann man an der Stichvorlage von Michael Kube sehen, der Opus 107 f\u00fcr uns in einer Sammlung der Regerschen Sonaten und St\u00fccke f\u00fcr Klarinette und Klavier herausgegeben hat (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Sonaten+und+St%C3%BCcke+f%C3%BCr+Klarinette+und+Klavier_909\" target=\"_blank\">HN 909<\/a>, Sonate op. 107 auch einzeln in Regers eigener Einrichtung f\u00fcr Violine, <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klarinettensonate+op.+107_1097\" target=\"_blank\">HN 1097<\/a>, oder Viola, <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klarinettensonate+op.+107_1099\" target=\"_blank\">HN 1099<\/a>). Die diversen Eintragungen in Rot, Gr\u00fcn, Blau sowie die Bleistiftfragen am unteren Rand bezeugen den intensiven Austausch zwischen Herausgeber und Lektorin bei der Entscheidung dieser Fragen \u2013 oftmals bereichert durch Hinweise unseres Notensetzers Michael Nowotny.<\/p>\n<div id=\"attachment_1663\" style=\"width: 710px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_op_107_StV_S_4.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-1663\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1663\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_op_107_StV_S_4.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"897\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_op_107_StV_S_4.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/Reger_op_107_StV_S_4-234x300.jpg 234w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1663\" class=\"wp-caption-text\">Stichvorlage zur Urtext-Ausgabe HN 909, S. 4<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend grundlegende Entscheidungen wie der Verzicht auf Regers Klammern bei Warnern und nachgestellten Ausdrucksangaben schon im Vorfeld analog zu anderen Reger-Ausgaben bei Henle getroffen wurden, mussten Detailfragen zu Vorzeichen (Takt 13), Triolen- und Duolenziffern(Takte 14, 15) oder die angemessene Position der Ausdrucksangaben (Takt 15) mitunter erst im \u201eBleistift-Dialog\u201c zwischen Herausgeber und Lektorin gekl\u00e4rt werden. Auch die Normierung der Pausensetzung im Klaviersatz bei \u00fcber beide Systeme gehenden Figuren \u2013 besonders irritierend in Takt 15 der Erstausgabe (und dort wohl auf die nachtr\u00e4gliche Zusammenziehung dieses Taktes im Autograph zur\u00fcckzuf\u00fchren) \u2013 oder die Korrektur der verwirrenden Triolenziffer 3 (statt 6) in Takt 15, 16 war n\u00f6tig, bevor wir mit dem Notenbild zufrieden waren.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/HN_909_S_71.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1664\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/HN_909_S_71.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"954\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/HN_909_S_71.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/04\/HN_909_S_71-220x300.jpg 220w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Reger selbst charakterisierte diese sp\u00e4te Sonate wiederholt als \u201eein gar lichtes, freundliches\u201c oder auch \u201eungemein klares Werk\u201c \u2013 mit unserer \u201eaufger\u00e4umten\u201c Urtext-Ausgabe hoffen wir, dies auch f\u00fcr den Interpreten erfahrbar zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber unseren Aprilscherz zur aufger\u00e4umten Stimme bei Henle nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/04\/29\/ganz-im-ernst-%e2%80%93-aufraumen-gehort-dazu\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,432,417,3,33,322],"tags":[123,120],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1657"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1657"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1657\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1657"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1657"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1657"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}