{"id":1686,"date":"2013-05-13T08:00:34","date_gmt":"2013-05-13T06:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1686"},"modified":"2015-05-21T14:32:37","modified_gmt":"2015-05-21T12:32:37","slug":"kommentar-zu-einer-zehntelsekunde-bach-%e2%80%93-h-oder-b-in-der-b-dur-%e2%80%9ecorrente%e2%80%9c-bwv-825","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/05\/13\/kommentar-zu-einer-zehntelsekunde-bach-%e2%80%93-h-oder-b-in-der-b-dur-%e2%80%9ecorrente%e2%80%9c-bwv-825\/","title":{"rendered":"Kommentar zu einer Zehntelsekunde Bach \u2013 H oder B in der B-dur-\u201eCorrente\u201c BWV 825"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem wurden wir auf einen vermeintlichen Fehler in unserer Urtextausgabe <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Sechs+Partiten+BWV+825-830_28\" target=\"_blank\">HN 28<\/a> der \u201eSechs Partiten\u201c von Johann Sebastian Bach (BWV 825-830) aufmerksam gemacht: In der Corrente der ersten Partita in B-dur st\u00fcnde zur letzten Note der linken Hand in Takt 12 irrt\u00fcmlich ein \u266e.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-T_12_13-HN-28.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1689 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-T_12_13-HN-28.jpg\" alt=\"\" width=\"478\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-T_12_13-HN-28.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-T_12_13-HN-28-300x137.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bachs Partiten erschienen bei uns vor \u00fcber 60 Jahren, n\u00e4mlich 1952 (herausgegeben von Rudolf Steglich, 1886-1976). Sie wurden deshalb schon sehr oft nachgedruckt, etwaige bekanntgewordene Fehlerkorrekturen inklusive. 1970 hatte Steglich den Band nochmals kritisch durchgesehen und ein neues Vorwort verfasst, 1979 dann, nachdem die vorz\u00fcgliche Urtextausgabe im Rahmen der Neuen Bach-Ausgabe (herausgegeben von Richard Douglas Jones) erschienen war, ein weiteres Mal durch unser Lektorat, denn Steglich war inzwischen verstorben.<\/p>\n<p>Ein Fehler in solch einem \u201eSchlachtross\u201c des Henle Verlags? Kaum zu glauben. Ein Fall f\u00fcr den Gang in unser umfangreiches Quellen- und Notenarchiv zur \u00dcberpr\u00fcfung des Befundes!<!--more--><\/p>\n<p><strong>Erste \u00dcberraschung<\/strong>: Erst seit einem 1997 stattgefundenen Nachdruck bringen wir diese Stelle mit \u266e, vorher immer ohne. Damals hatte uns ein Cembalist kontaktiert mit dem Hinweis, dass unsere Ausgabe hier einen Stichfehler habe: es m\u00fcsse doch \u266e<em>H<\/em> hei\u00dfen. Also ein kontr\u00e4rer Kommentar zum aktuellen. Mein damaliger Kollege hat den Sachverhalt genau gepr\u00fcft und sich dann tats\u00e4chlich f\u00fcr die Korrektur entschieden, allerdings mit der wichtigen Zusatzbemerkung im Kritischen Bericht (und dem oben zu sehenden eingekringelten \u201e1a\u201c): \u201eDas \u266e zur letzten Note steht nicht im Originaldruck, aber in einer alten Abschrift.\u201c<\/p>\n<p>Fakt ist, dass dieser Aufl\u00f6ser tats\u00e4chlich in keiner Auflage des \u201e<a href=\"http:\/\/javanese.imslp.info\/files\/imglnks\/usimg\/3\/39\/IMSLP73879-PMLP03276-partitas_bach.pdf\" target=\"_blank\">Originaldrucks<\/a>\u201c von 1731 steht, auch nicht in den sp\u00e4teren Auflagen dieses wundersch\u00f6nen, aber durchaus fehlerhaften Drucks.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-Originaldruck-T_12_13.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1690\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-Originaldruck-T_12_13.jpg\" alt=\"\" width=\"454\" height=\"305\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-Originaldruck-T_12_13.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Bach-Corrente-BWV-825-Originaldruck-T_12_13-300x201.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 454px) 100vw, 454px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fakt ist au\u00dferdem, dass das \u266e in einer Abschrift aus dem 18. Jahrhundert auftaucht. Die Quelle hat jedoch leider keinerlei Autorit\u00e4t, im Gegenteil: Die Neue Bach-Ausgabe bezeichnet diese in der Staatsbibliothek zu Berlin unter der Signatur \u201eP 215\u201c bekannte <a href=\"http:\/\/www.bach-digital.de\/receive\/BachDigitalWork_work_00000963\" target=\"_blank\">Abschrift<\/a> als \u201ekorrumpiert\u201c, das hei\u00dft, hier kommen Noten und Zeichen ins Spiel, die mit Bach nichts zu tun haben.<\/p>\n<p><strong>Zweite \u00dcberraschung<\/strong>: Die allermeisten Ausgaben des 19. und 20. Jahrhunderts haben, entgegen der Quelle, dieses omin\u00f6se \u266e:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die kritische Ausgabe der Bach-Gesellschaft (1853) hat \u266e<em>H<\/em> ,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Peters-Ausgabe von Czerny, Griepenkerl und Roitzsch (um 1870) hat \u266e<em>H<\/em> ,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Ausgabe von Busoni bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel (1918) enth\u00e4lt das \u266e, aber interessanterweise mit darunter gesetztem, fragenden \u201e(\u266d)?\u201c<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Neue Bach-Ausgabe (1976) und ihr folgend die B\u00e4renreiter-Ausgabe (2007) hat \u266e<em>H<\/em> (das \u266e in Kleinstich, was bedeutet, der Herausgeber h\u00e4lt <em>B<\/em> f\u00fcr falsch),<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Wiener Urtext Edition (1993) hat \u266e<em>H<\/em> (kommentarlos),<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 und seit 1997 nun auch die Henle Urtextausgabe.<\/p>\n<p>Ohne Vorzeichen an dieser Stelle, also <em>B<\/em>, sind meines Kenntnisstandes nach:<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die Peters-Ausgabe von Soldan (1937) \u2013 das ist die erste \u201eUrtextausgabe\u201c der Werke \u00fcberhaupt,<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 die fr\u00fcheren Auflagen der Henle-Ausgabe (1952\/1970, alle Auflagen vor 1997)<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 sowie die Ausgabe des Associated Board of the Royal Schools of Music (1981), hier sogar mit dem Hinweis: \u201eThe \u266e to the last note, found in some modern editions, is not in CE [= Originalausgabe 1731] and seems unnecessary\u201c.<\/p>\n<p>Ja, was nun? Also ans Klavier und die Stelle in beiden Varianten ausprobiert: Das \u266e<em>H<\/em> klingt absolut \u00fcberzeugend. Einer der typisch Bachischen sogenannten abspringenden Leitt\u00f6ne, au\u00dferdem unterst\u00fctzt es die anklingende charakteristische Zwischendominante zum folgenden C-dur. Man spielt geradezu intuitiv \u266e<em>H<\/em>. Oder? Ohne Vorzeichen gespielt, also <em>B<\/em>, wirkt die Stelle zun\u00e4chst ungewohnt, aber sicher nicht falsch. H\u00e4ufiger gespielt entwickelt sie ihren eigenen Reiz, denn man versteht \u2013 vorausgesetzt, Bach meinte wirklich <em>B<\/em> und nicht \u266e<em>H <\/em>\u2013, dass man bereits im Septklang \u00fcber C angekommen ist, den die Folgetakte ja gro\u00dfartig ausreizen (erst in Takt 18 sind wir wieder in F-dur).<\/p>\n<p><strong>Dritte \u00dcberraschung<\/strong>: In der Praxis, also bei vollem \u201eCorrente\u201c-Tempo (nicht \u201eCourante\u201c wie in vielen alten Ausgaben!) ist die Stelle nahezu unh\u00f6rbar. Sie geht einfach zu schnell vor\u00fcber. Das fragliche 16tel dauert einen Wimpernschlag und steht noch dazu auf der unbetontesten Zeit im Takt! Ich habe gerechnet: Ein Takt dauert, im richtigen Tempo gespielt, etwa 1 Sekunde, der Viertelschlag betr\u00e4gt also etwa eine Drittelsekunde, wiederum ein Drittel davon dauert in etwa unsere 16tel \u2013 die Note erklingt also gerademal eine Zehntelsekunde!<\/p>\n<p>Dennoch, wer genau hinh\u00f6rt, erkennt, dass die meisten Pianisten\/Cembalisten\u266e<em>H<\/em> spielen, jedenfalls auf den mir zuf\u00e4llig zug\u00e4nglichen Aufnahmen (es sind 5). So auch Andr\u00e1s Schiff in seiner \u2013 meiner Meinung nach \u2013 <a href=\"http:\/\/www.ecmrecords.com\/Catalogue\/New_Series\/2000\/2001.php\" target=\"_blank\">Referenz-Live-Aufnahme<\/a> bei ECM. Wenn ich nicht falsch h\u00f6re, spielen jedoch <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=axM_Irqcd1U\" target=\"_blank\">Claudio Arrau<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yVx9jFU1ezE\" target=\"_blank\">Trevor Pinnock<\/a> ein <em>B<\/em>.<\/p>\n<p>Liebe Leser, Sie werden sich nun vielleicht fragen: Wenn man den Ton doch sowieso nicht h\u00f6rt, weil er so schnell vor\u00fcbergeht, und wenn es nur um einen Halbtonunterschied geht, der in beiden F\u00e4llen musikalisch korrekt ist, warum macht der Henle Verlag dann darum so einen Aufwand? Die Antwort hierauf muss freilich lauten: F\u00fcr uns Philologen (und ich bin mir ganz sicher: auch f\u00fcr alle ernsthaften Musiker) kommt es nicht darauf an, ob es sich um einen \u201ewichtigen\u201c, also prominenten Ton handelt oder um einen ganz \u201eunwichtigen\u201c Nebenton, der in einer Zehntelsekunde vor\u00fcberfliegt \u2013 wir wollen einfach wissen, welches ist der \u201erichtige\u201c Ton.<\/p>\n<p>Im Falle der Zehntelsekunde \u266e<em>H <\/em>oder<em> B <\/em>bin ich nun allerdings verunsichert. Was meint der gesch\u00e4tzte Leser?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem wurden wir auf einen vermeintlichen Fehler in unserer &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/05\/13\/kommentar-zu-einer-zehntelsekunde-bach-%e2%80%93-h-oder-b-in-der-b-dur-%e2%80%9ecorrente%e2%80%9c-bwv-825\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,78,310,429,88,301,20,3,433,434,102],"tags":[47,124],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1686"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1686"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1686\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1686"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1686"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1686"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}