{"id":1741,"date":"2013-05-27T08:00:13","date_gmt":"2013-05-27T06:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1741"},"modified":"2015-05-21T14:38:07","modified_gmt":"2015-05-21T12:38:07","slug":"korrektur-oder-interpretation-%e2%80%93-johannes-und-clara-andern-roberts-noten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/05\/27\/korrektur-oder-interpretation-%e2%80%93-johannes-und-clara-andern-roberts-noten\/","title":{"rendered":"Korrektur oder Interpretation? \u2013 Johannes und Clara \u00e4ndern Roberts Noten"},"content":{"rendered":"<p>Wer Robert Schumanns <em>In der Nacht<\/em>, die f\u00fcnfte Nummer aus den <em>Fantasiest\u00fccken<\/em> op. 12, nach der Henle-Ausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Fantasiest%C3%BCcke+op.+12+%28mit+Anhang%3A+nachgelassenes+St%C3%BCck%29_91\" target=\"_blank\">HN 91<\/a> oder Sammelband <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=S%C3%A4mtliche+Klavierwerke%2C+Band+II_922\" target=\"_blank\">HN 922<\/a>) ein\u00fcbt, st\u00f6\u00dft an zwei Stellen im Notentext auf Fu\u00dfnoten, die auf den kritischen Bericht im Bemerkungsteil verweisen. <!--more-->In beiden F\u00e4llen wird der Notentext nach der von Schumann selbst kontrollierten Erstausgabe (Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, 1838) wiedergegeben, aber in den Bemerkungen darauf aufmerksam gemacht, dass Clara Schumann \u2013 den Vorschl\u00e4gen von Johannes Brahms folgend \u2013 hier den Notentext\u00a0in den von ihr herausgegebenen Editionen der Werke ihres Mannes ge\u00e4ndert hat. Bei diesen im Verlag Breitkopf &amp; H\u00e4rtel in Leipzig erschienenen Editionen handelt es einerseits um die \u201eAlte Gesamtausgabe\u201c: <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/~db\/0003\/bsb00033406\/images\/index.html\" target=\"_blank\"><em>Robert Schumann\u2019s Werke<\/em>, Serie VII, Nr. 50<\/a>, 1879, andererseits um die sogenannte Instruktive Ausgabe: <em>Klavier-Werke von Robert Schumann. Erste mit Fingersatz und Vortragsbezeichnung versehene Instructive Ausgabe<\/em>, Bd. II, Nr. 12, 1886).<\/p>\n<ul>\n<li>In der ersten Stelle geht es um die Frage <em>c<\/em> oder <em>cis<\/em> in Takt 105:<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1744\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_1.jpg\" alt=\"\" width=\"601\" height=\"211\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_1-300x106.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_1-1024x362.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 601px) 100vw, 601px\" \/><\/a>Nach der Analogie der benachbarten Takte ist der Gedanke eines vergessenen Vorzeichens in der Tat naheliegend. Allerdings geht das \u266e vor dem <em>c<\/em> nicht auf den Herausgeber der Henle-Ausgabe zur\u00fcck, sondern findet sich in allen bekannten Quellen: in der Erstausgabe, in der Kopistenabschrift der Stichvorlage und sogar im Autograph, wo Schumann offenbar zun\u00e4chst in Analogie zu Takt 81 ein \u266f notierte, dieses danach aber eindeutig zu einem \u266e \u00e4nderte):<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1745\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_2.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_2.jpg 892w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_2-300x80.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund mutet der Eingriff von Brahms und Clara Schumann \u2013 die \u00c4nderung des 2. und 5. Sechzehntels zu <em>cis<\/em> \u2013 nicht mehr als selbstverst\u00e4ndliche Korrektur, sondern eher als stilistische Interpretation an. Klanglich sind beide Varianten m\u00f6glich, harmonisch hat die mit <em>c<\/em> den Vorzug, das g-moll in Takt 106 besser und eindeutiger vorzubereiten \u2013 worauf es Schumann m\u00f6glicherweise ankam. Beiden Nachlassverwaltern von Roberts musikalischem Erbe waren die handschriftlichen Quellen zu Op. 12 allerdings 1878, w\u00e4hrend der Vorbereitung der ersten Werke der repr\u00e4sentativen Gesamtausgabe, nicht zug\u00e4nglich; sie mussten sich daher auf ihr Gef\u00fchl verlassen. Brahms, der sich grunds\u00e4tzlich mit \u00c4nderungen gegen\u00fcber den von Schumann relativ gr\u00fcndlich korrigierten Erstausgaben sehr schwer tat, muss die erw\u00e4hnte Analogie zu Takt 81 (mit allerdings abweichender Harmonie) als gewichtiger empfunden haben als das ausdr\u00fcckliche \u266e vor dem <em>c<\/em>.<\/p>\n<ul>\n<li>Die zweite Stelle am Ende der R\u00fcckleitung zur Reprise (Takte 142\u2013143) sieht auf den ersten Blick noch offensichtlicher nach einem Versehen aus:<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_31.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1757\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_31.jpg\" alt=\"\" width=\"625\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_31.jpg 1471w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_31-300x136.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_31-1024x465.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 625px) 100vw, 625px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Wechsel in der Abfolge der repetierten Sechzehntel der linken Hand ab Mitte von Takt 142 (<em>c-as-c-as<\/em> statt <em>as-c-as-c<\/em>) ist nicht nur \u00fcberraschend, sondern erscheint im Vergleich zu den analogen Takten 140\u2013141 geradezu widersinnig. Dementsprechend zeigte Brahms in seinem Handexemplar eine \u00c4nderung zur Fortf\u00fchrung der Folge <em>as-c-as-c<\/em> an, was Clara f\u00fcr ihre Ausgaben \u00fcbernahm:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_41.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1758\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_41.jpg\" alt=\"\" width=\"608\" height=\"266\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_41.jpg 1438w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_41-300x131.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/05\/Brahms-Schumann_41-1024x448.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 608px) 100vw, 608px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Allerdings notierte Schumann im Autograph die Stelle so, wie sie in der Erstausgabe erschien, und die als Stichvorlage dienende Kopistenabschrift sah er gr\u00fcndlich durch, wie die erg\u00e4nzten Dynamikzeichen und Pedalisierungen beweisen. Sollte es sich um ein Versehen handeln, h\u00e4tte Schumann seinen Irrtum demnach mindestens zwei Mal (in der Stichvorlage wie auch in den Korrekturfahnen) \u00fcbersehen \u2013 ganz zu schweigen vom Fehlen einer Korrektur im erhaltenen Handexemplar des Drucks im Nachlass von Schumann.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es nicht doch einen Grund f\u00fcr einen absichtlichen Wechsel geben? Etwa die durch die Umstellung erfolgte Betonung des Dominanttons <em>c<\/em> als Vorbereitung f\u00fcr die Wiederkehr des Beginns?<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich wurde Clara Schumann damals als Autorit\u00e4t in allen Fragen zur Musik ihres verstorbenen Mannes angesehen \u2013 wer konnte besser als sie wissen, wie der definitive Notentext lautete und wie er zu spielen war? Nicht umsonst hei\u00dft es im Untertitel ihrer Instruktiven Ausgabe: <em>Nach den Handschriften und pers\u00f6nlicher Ueberlieferung herausgegeben von Clara Schumann<\/em>. Mit der \u201epers\u00f6nlichen \u00dcberlieferung\u201c hatte sie ein Pfand, mit dem sie wuchern konnte. Sie war damit allen anderen Herausgebern von Ausgaben \u2013 die ab 1886 (Ablauf der damals 30-j\u00e4hrigen Schutzfrist) in gro\u00dfer Zahl auf den Markt geworfen wurden \u2013 um einen entscheidenden Faktor, die unmittelbare N\u00e4he zum Urheber, voraus. Versteht sich also, dass die Konkurrenzausgaben grunds\u00e4tzlich dem von Clara edierten Notentext folgten. Dies war \u00fcbrigens auch bei den ersten, von Otto von Irmer verantworteten Auflagen der <em>Fantasiest\u00fccke<\/em> im Henle-Verlag der Fall; erst mit dem Wechsel der Herausgeberschaft zu Wolfgang Boetticher (ab Auflage D, 1975) wurden die Lesarten der Erstausgabe in den Haupttext aufgenommen, seit der Revision durch Ernst Herttrich (ab Auflage N, 2004) zus\u00e4tzlich mit den wichtigen erl\u00e4uternden Bemerkungen zu den \u00c4nderungen von Johannes Brahms bzw. deren \u00dcbernahme durch Clara Schumann.<\/p>\n<p>\u00dcber den Fall \u201eSchumann\u201c hinaus zeigt das Beispiel, dass es durchaus notwendig ist, posthume, nicht mehr vom Komponisten selbst autorisierte Quellen f\u00fcr die Edition mit einzubeziehen, sofern es Hinweise auf solche \u201epers\u00f6nliche \u00dcberlieferungen\u201c durch Ehepartner, Kinder, Freunde oder Sch\u00fcler gibt. Ob man bestimmte Lesarten dieser Sekund\u00e4rquellen letztlich in den Notentext \u00fcbernimmt, ist dagegen eine ganz andere Frage \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Robert Schumanns In der Nacht, die f\u00fcnfte Nummer aus &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/05\/27\/korrektur-oder-interpretation-%e2%80%93-johannes-und-clara-andern-roberts-noten\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,315,88,436,301,20,3,435,314],"tags":[71,125,67],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1741"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1741"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1741\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1741"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1741"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1741"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}