{"id":1778,"date":"2013-06-10T08:00:08","date_gmt":"2013-06-10T06:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1778"},"modified":"2015-05-22T10:26:57","modified_gmt":"2015-05-22T08:26:57","slug":"mehr-oder-weniger-hohepunkt-%e2%80%93-es-oder-e-in-islamey","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/06\/10\/mehr-oder-weniger-hohepunkt-%e2%80%93-es-oder-e-in-islamey\/","title":{"rendered":"Mehr oder weniger H\u00f6hepunkt \u2013 es oder e in Islamey?"},"content":{"rendered":"<p>Milij Balakirevs Paradest\u00fcck <em>Islamey<\/em>, dem schon der Widmungstr\u00e4ger Nikolai Rubinstein gleichsam Unspielbarkeit bescheinigte, geh\u00f6rt auch heute noch zu den brillanten Schlachtr\u00f6ssern der Klaviervirtuosen. Die beiden zentralen Melodien, um die herum ein mit seinen allgegenw\u00e4rten Tonrepetitionen fast maschinell wirkendes Feuerwerk entfacht wird, entstammen der Volksmusik der Tscherkessen und Krim-Tataren. Und so wirkt das ganze St\u00fcck f\u00fcr klassisch gepr\u00e4gte Ohren entsprechend \u201eexotisch\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Bei der Niederschrift des Werks und besonders auch bei der Drucklegung zeigt sich Balakirev als \u00e4u\u00dferst akribisch arbeitender Komponist \u2013 durchaus keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wie man als Urtextherausgeber aus leidvoller Erfahrung wei\u00df. Versorgt mit den wesentlichen Quellen zum Notentext von <em>Islamey<\/em> und dank einiger wichtiger Dokumente aus seiner Korrespondenz mit den Verlegern l\u00e4sst sich die recht komplizierte Ver\u00f6ffentlichungsgeschichte gut dokumentieren und Balakirevs Sorgfalt beeindruckend belegen. Doch ausgerechnet beim furiosen, als einzigem mit <strong><em>fff<\/em><\/strong> bezeichneten H\u00f6hepunkt des St\u00fccks (in T. 314) kommen Zweifel auf, wie der Notentext zu interpretieren ist \u2026<\/p>\n<p>So:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-1-Balakirev-Islamey-Jurgenson.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1780 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-1-Balakirev-Islamey-Jurgenson-239x300.jpg\" alt=\"\" width=\"152\" height=\"191\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-1-Balakirev-Islamey-Jurgenson-239x300.jpg 239w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-1-Balakirev-Islamey-Jurgenson.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 152px) 100vw, 152px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Oder so:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-2-Balakirev-Islamey-Breitkopf.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1784 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-2-Balakirev-Islamey-Breitkopf-300x297.jpg\" alt=\"\" width=\"171\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-2-Balakirev-Islamey-Breitkopf-300x297.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-2-Balakirev-Islamey-Breitkopf-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-2-Balakirev-Islamey-Breitkopf.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 171px) 100vw, 171px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das ist ohne Frage keine Lapalie. Es handelt sich um <em>Islameys<\/em> zweites, zentrales Thema, mit dem Balakirev durch einen armenischen Schauspieler bekannt gemacht wurde. Er notierte sich die Melodie auf einem Blatt, das heute in der Russischen Nationalbibliothek in Moskau aufbewahrt wird:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-3-HN-793-Vorwort.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-1785\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-3-HN-793-Vorwort.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"106\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-3-HN-793-Vorwort.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-3-HN-793-Vorwort-300x45.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der entscheidende Takt ist gleich der erste. Wie interpretiert man das <em>g<\/em><sup>1<\/sup>?<\/p>\n<p>Als Durchgangsnote von <em>a<\/em><sup>1<\/sup> zum Grundton <em>f<\/em><sup>1<\/sup>, mit einer Nebennote <em>a<\/em><sup>1<\/sup> dazwischen, oder als untere Wechselnote zum zweimaligen <em>a<\/em><sup>1<\/sup>, das dann eine Terz abw\u00e4rts in den Grundton springt? Beide Deutungen sind prinzipiell m\u00f6glich. Betrachtet man jedoch die insgesamt sieben Takte des 1. Themenabschnitts, so legt die recht konsequente stufenweise Abw\u00e4rtsf\u00fchrung der Phrasen die Identifikation als Durchgangsnote zum <em>f<\/em><sup>1<\/sup> nahe.<\/p>\n<p>Hier einige pr\u00e4gnante Stellen aus dem Autograph:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-4-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1786 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-4-Balakirev-Islamey-Autograph-300x198.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"198\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-4-Balakirev-Islamey-Autograph-300x198.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-4-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-5-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1787 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-5-Balakirev-Islamey-Autograph-300x195.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-5-Balakirev-Islamey-Autograph-300x195.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-5-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-6-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1788 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-6-Balakirev-Islamey-Autograph-300x210.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-6-Balakirev-Islamey-Autograph-300x210.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-6-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Clou kommt im Autograph dann allerdings beim letzten und st\u00e4rksten H\u00f6hepunkt. Hier interpretiert Balakirev (in Des-dur) die zweite Note nicht nur als Wechselnote zu <em>f<\/em><sup>2<\/sup>, sondern gibt ihr durch die Sch\u00e4rfung zur kleinen Sekund zus\u00e4tzlich Leittoncharakter. Ein aufr\u00fcttelnder \u00dcberraschungseffekt an passender Stelle:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-7-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1789 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-7-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"194\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-7-Balakirev-Islamey-Autograph.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-7-Balakirev-Islamey-Autograph-300x105.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die 1869 komponierte Klavierfantasie <em>Islamey<\/em> erschien gleich im folgenden Jahr beim Moskauer Verleger P. Jurgenson und wir sehen die entsprechende Stelle so, wie wir sie nach dem Text des Autographs erwartet h\u00e4tten. \u00dcberhaupt ist dieser Erstdruck \u2013 wie bereits oben erw\u00e4hnt \u2013 sehr sorgf\u00e4ltig gestochen und es gibt keinen Zweifel, dass Balakirev an der Drucklegung intensiv beteiligt war (er erg\u00e4nzte sogar in den Druckfahnen noch einige Ossia-Takte).<\/p>\n<p>Von diesem Punkt an wird die weitere Druckgeschichte dieses Werks nun etwas un\u00fcbersichtlich. Jurgenson verkaufte schon 1888 Rechte an <em>Islamey<\/em> an den Hamburger (sp\u00e4ter Leipziger) Verleger D. Rather. Letzterer ver\u00f6ffentlichte 1902 eine vollst\u00e4ndig neu gestochene Ausgabe des St\u00fccks mit dem Hinweis \u201enouvelle \u00e9dition revue et corrig\u00e9e par l\u2019auteur\u201c auf dem Titel. Erneut hatte Balakirev f\u00fcr diese Ausgabe den Notentext durchgesehen, korrigiert, erweitert und u.a. mit Metronomzahlen und zwei weiteren Ossias versehen. An der uns interessierenden Stelle ergab sich jedoch keine \u00c4nderung, sie stimmt mit dem Text der Erstausgabe bei Jurgenson \u00fcberein. Es ist dieses Notenbild, das noch heute von Boosey &amp; Hawkes, dem Rechtsnachfolger Rathers, verkauft wird (Elite Edition 3109).<\/p>\n<p>Doch dies ist, nach allem, was wir heute wissen, nicht die \u201eFassung letzter Hand\u201c! Denn 1909 erschien im Verlag Jurgenson in Moskau dann noch eine weitere neue Ausgabe der Fantasie, die das Ergebnis einer weiteren Revision durch Balakirev war. Schon im Januar 1908 schrieb Boris P. Jurgenson an Balakirev: \u201eHeute erfuhr ich zuf\u00e4llig von einem Konservatoriumslehrer, dass bei Rather eine Neuausgabe von \u201aIslamey\u2018 mit Ihren Korrekturen und Ver\u00e4nderungen erschienen ist. Ich halte es f\u00fcr notwendig, diese Korrekturen und Ver\u00e4nderungen auch in unserer Ausgabe einzutragen und schicke Ihnen daher ein Exemplar von\u00a0\u201aIslamey\u2018 mit der Bitte, darin dasselbe einzutragen, was Sie f\u00fcr Rather gemacht haben.\u201c (Dank an Felix Purtov f\u00fcr die \u00dcbersetzung.) Die weitere Korrespondenz mit Jurgenson belegt, dass Balakirev dessen Wunsch nachkam und au\u00dferdem zwei Mal Druckfahnen des Neustichs zur Korrektur erhielt, die in Moskau wunschgem\u00e4\u00df umgesetzt wurde. Erneut entstand ein sehr sorgf\u00e4ltig und fast fehlerfrei erarbeiteter Notentext. Der H\u00f6hepunkt in T. 314 liest sich nun jedoch so:<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-8-Balakirev-Islamey-Breitkopf.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1790 aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-8-Balakirev-Islamey-Breitkopf.jpg\" alt=\"\" width=\"472\" height=\"220\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-8-Balakirev-Islamey-Breitkopf.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-8-Balakirev-Islamey-Breitkopf-300x140.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 472px) 100vw, 472px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fehler oder Absicht? Wie soll man sich entscheiden? Angesichts der Tatsache, dass sich Balakirev durch alle Textstadien \u2013 wie nun schon mehrfach erw\u00e4hnt \u2013 als akribischer Verwalter seiner W\u00fcnsche auszeichnete, habe ich mich entschlossen, in unserer Urtextausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Islamey+-+Fantaisie+orientale_793\" target=\"_blank\">HN 793<\/a>) <em>es<\/em> statt <em>e<\/em> zu edieren, so wie es die \u201eFassung letzter Hand\u201c fordert. Musikalisch allerdings empfinde ich diese \u201eglatte\u201c Wiederholung der Melodie als schw\u00e4cher, ich kann hier aber aufgrund des Gesagten nicht an einen Stichfehler glauben.<\/p>\n<p>Und so bleibt Ihnen nichts anderes \u00fcbrig, als sich anhand unserer Ausgabe selbst eine Meinung zu bilden!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-9-HN-793-S.-22.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-1791\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-9-HN-793-S.-22.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"424\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-9-HN-793-S.-22.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/06\/NBS-9-HN-793-S.-22-300x181.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milij Balakirevs Paradest\u00fcck Islamey, dem schon der Widmungstr\u00e4ger Nikolai Rubinstein &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/06\/10\/mehr-oder-weniger-hohepunkt-%e2%80%93-es-oder-e-in-islamey\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[375,374,301,20,3,437],"tags":[126,127,690],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1778"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1778"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1778\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}