{"id":1974,"date":"2013-07-22T07:00:47","date_gmt":"2013-07-22T05:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1974"},"modified":"2015-05-22T11:16:52","modified_gmt":"2015-05-22T09:16:52","slug":"schubert-streicht-brahms-offnet-zum-ersten-der-drei-nachgelassenen-klavierstucke-impromptus-d-946-von-franz-schubert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/07\/22\/schubert-streicht-brahms-offnet-zum-ersten-der-drei-nachgelassenen-klavierstucke-impromptus-d-946-von-franz-schubert\/","title":{"rendered":"Schubert streicht, Brahms \u00f6ffnet. Zum ersten der drei nachgelassenen Klavierst\u00fccke (Impromptus) D 946 von Franz Schubert"},"content":{"rendered":"<p>Schubert hat die Ver\u00f6ffentlichung seiner im Mai 1828 komponierten drei Impromptus nicht mehr erlebt. Erst 40 Jahre sp\u00e4ter (!) wurden sie gedruckt, und kein Geringerer als Johannes Brahms war der Herausgeber dieser bis heute von Pianisten und Publikum geliebten Klavierst\u00fccke.<!--more--><\/p>\n<p>Im ersten St\u00fcck, in es-moll, gibt es ein Problem. Und jeder, der das St\u00fcck ein\u00fcbt und vorf\u00fchrt, sollte meines Erachtens hier eine pers\u00f6nliche Entscheidung auf der Ba\u00adsis der Fakten treffen. Es geht um den \u201eC-Teil\u201c des rondoartig angelegten St\u00fcckes A \u2013 B \u2013 A \u2013 C \u2013 A. Nur wenige wissen oder nehmen ernst, dass Schubert in seiner Niederschrift des St\u00fcckes diesen \u201eC-Teil\u201c unmissverst\u00e4ndlich ausstrich, also ung\u00fcltig machte:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.schubert-online.at\/activpage\/manuskripte.php?werke_id=283&amp;werkteile_id=&amp;image=MH_00143_D946_004.jpg&amp;groesse=100&amp;aktion=einzelbild&amp;bild_id=3\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1975\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Autograph.jpg\" alt=\"D 946 Autograph\" width=\"700\" height=\"537\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Autograph.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Autograph-300x230.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><br \/>\nAbb. 1: D 946, Autograph, S. 4. Wien, Wienbibliothek im Rathaus, Musiksammlung, Signatur MH 143 (<a title=\"Schubert online (Wienbibliothek)\" href=\"http:\/\/www.schubert-online.at\/activpage\/manuskripte.php?werke_id=283&amp;werkteile_id=&amp;image=MH_00143_D946_004.jpg&amp;groesse=100&amp;aktion=einzelbild&amp;bild_id=3\" target=\"_blank\">Homepage besuchen<\/a>)<\/p>\n<p>\u00dcber die Gr\u00fcnde dieser autographen Streichung kann man durchaus spekulieren: Waren es formale Gr\u00fcnde? Wohl kaum, denn gerade eine solche Rondo-Anlage kennt man aus vielen anderen Schubert-St\u00fccken. War Schubert das St\u00fcck vielleicht zu lang, weshalb er es um immerhin 165 Takte (die Wiederholungen nicht gerechnet) strich? Das k\u00f6nnte ein Grund gewesen sein, sind doch die beiden anderen Klavierst\u00fccke D 946 nur etwa halb so lang. Oder hielt er es wom\u00f6glich aus musikalischen Gr\u00fcnden f\u00fcr zu schwach komponiert? Hier w\u00fcrde ich pers\u00f6nlich leise nicken: Der C-Teil in As-dur scheint mir zu harmlos und er setzt dem erregten es-moll nichts Ebenb\u00fcrtiges entgegen (was der B-Teil ja durchaus lyrisch tut).<\/p>\n<p>Das Problem besteht aber darin, dass Johannes Brahms, der Herausgeber der Erstausgabe, Schuberts Streichung wieder \u00f6ffnete und die Noten vollst\u00e4ndig abdrucken lie\u00df. Ausgerechnet er, der Skrupul\u00f6se, der um das Ringen eines Komponisten um die optimale L\u00f6sung wusste, ignorierte Schuberts ausdr\u00fccklichen Wunsch! Warum nur? Auch dar\u00fcber k\u00f6nnte spekuliert werden\u2026 Immerhin machte Brahms die originale Streichung kenntlich, indem er eine Fu\u00dfnote erg\u00e4nzte: \u201eNB. Der Theil von A bis B wurde im Original-Manuscripte von Schubert wieder gestrichen.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Erstausgabe.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1976\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Erstausgabe.jpg\" alt=\"D 946 Erstausgabe\" width=\"750\" height=\"984\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Erstausgabe.jpg 1500w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Erstausgabe-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_Erstausgabe-780x1024.jpg 780w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><br \/>\nAbb. 2: D 946, postume Erstausgabe, J. Rieter-Biedermann, Leipzig\/Winterthur 1868<\/p>\n<p>Das hat alle nachfolgenden Druckausgaben bis heute nicht daran gehindert, Schuberts es-moll-Impromptu immer und immer wieder in der langen, falschen Fassung abzudrucken. \u201eFalsch\u201c? Nat\u00fcrlich \u201efalsch\u201c!, weil Schubert es so nachweislich nicht wollte. Und dennoch muss man diesem \u201efalsch\u201c ein anderes Ph\u00e4nomen entgegen halten, n\u00e4mlich die durchaus schwer wiegende Tradition: Seit nahezu 150 Jahren wird das St\u00fcck in der langen Brahms-Fassung gespielt. Viele w\u00fcrden etwas Liebgewonnenes vermissen, ja, dem\/der Auff\u00fchrenden sogar einen Fehler unterstellen, w\u00fcrde er\/sie den \u201eC-Teil\u201c weglassen. Man kann dieses Ph\u00e4nomen vielleicht mit einem Kapitel in einem Buch oder einer Szene eines Theaterst\u00fccks vergleichen: das Kapitel ist seinen Lesern, die Szene den Theaterbesuchern bestens bekannt \u2013 nun soll dieser Teil pl\u00f6tzlich wegfallen, \u201eblo\u00df\u201c weil es der Urheber angeblich so wollte?<\/p>\n<h2>Ausgew\u00e4hlte, sehr unterschiedliche Aufnahmen mit \u201eC-Teil\u201c:<\/h2>\n<h3>Sviatoslav Richter<\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/VOZFeqzU83E?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h3>Rudolf Firkusny<\/h3>\n<p>http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=qqv6LN9ErhE<\/p>\n<h3>Pieter van Winkel<\/h3>\n<p>http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=hvH_hiPSNg0<\/p>\n<h3>Cyprien Katsaris (1)<\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/nPdsDmMs1ag?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h3>Cyprien Katsaris (2)<\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/4p3rIXBBcX4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h2>Allerdings verzichten heute immer mehr Pianisten auf den \u201eC-Teil\u201c, unter anderen:<\/h2>\n<h3>Imogen Cooper<\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DG_ftHbEGps?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h3>Andreas Staier <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rOaxB6CW3to\"><\/a><\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/rOaxB6CW3to?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h3>Paul Lewis <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=ZPKW9wBnvTw\"><\/a><\/h3>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ZPKW9wBnvTw?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h3>Maurizio Pollini<\/h3>\n<p>http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jK3TMSmjRfg<\/p>\n<p>In unserer gerade ver\u00f6ffentlichten <a title=\"HN 66\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=3+Klavierst%C3%BCcke+%28Impromptus%29+op.+post.+D+946_66\" target=\"_blank\">Neuauflage der Schubert-St\u00fccke (HN 66)<\/a> wollen wir noch deutlicher als bisher auf das in diesem Blog angesprochene Thema aufmerksam machen: Die von Schubert gestrichenen Takte findet man dort ab sofort nur noch im Kleinstich mit entsprechenden Hinweisen abgedruckt.<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_HN66.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-1977\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_HN66.jpg\" alt=\"D 946 - HN 66\" width=\"700\" height=\"957\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_HN66.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/07\/D-946_HN66-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><br \/>\nAbb. 3: HN 66, Revision S. 9<\/p>\n<p>Wir konnten uns nicht entschlie\u00dfen, die von Schubert ungew\u00fcnschten Takte ganz wegzulassen (was aber, zugegebenerma\u00dfen, als Vertreter des Urheberwunsches von 1828 formal \u201ekorrekt\u201c gewesen w\u00e4re). Die enorme Tradition der \u201elangen\u201c Fassung schien uns daf\u00fcr zu schwer zu wiegen. Dank des Kleinstichs und Kommentars haben Sie jedoch, liebe Klavierspieler die M\u00f6glichkeit, nein die Pflicht, sich eigene Gedanken zu machen. Neugierig w\u00e4ren wir, wie Sie pers\u00f6nlich dazu stehen: Teilen Sie\u2019s uns mit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schubert hat die Ver\u00f6ffentlichung seiner im Mai 1828 komponierten drei &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/07\/22\/schubert-streicht-brahms-offnet-zum-ersten-der-drei-nachgelassenen-klavierstucke-impromptus-d-946-von-franz-schubert\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[443,87,315,441,88,6,442,372,301,445,3,444,440,439,312,438],"tags":[703,71,687,74,702,60,136],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1974"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1974"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1974\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1974"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1974"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1974"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}