{"id":1999,"date":"2013-08-05T07:00:45","date_gmt":"2013-08-05T05:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=1999"},"modified":"2015-05-22T11:23:50","modified_gmt":"2015-05-22T09:23:50","slug":"liebestod-die-zweite-%e2%80%93-weitere-probleme-in-franz-liszts-wagnerbearbeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/08\/05\/liebestod-die-zweite-%e2%80%93-weitere-probleme-in-franz-liszts-wagnerbearbeitung\/","title":{"rendered":"Liebestod, die zweite \u2013 weitere Probleme in Franz Liszts Wagnerbearbeitung"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit hatten wir unserer neuen Urtext-Ausgabe von Liszts Klaviertranskription <em>Isoldens Liebestod<\/em> (<a title=\"HN 558\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Isoldens+Liebestod+aus+%22Tristan+und+Isolde%22+%28Richard+Wagner%29_558\" target=\"_blank\">HN 558<\/a>) bereits einen Blogbeitrag gewidmet, der sich mit unterschiedlichen Lesarten der Quellen befasste (siehe <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/03\/18\/wagner-liszt-und-die-%E2%80%9Everunglimpfte%E2%80%9C-isolde-%E2%80%93-wie-gut-lesen-komponisten-ihre-eigenen-werke-korrektur\/\" target=\"_blank\"><em>Wagner, Liszt, und die \u201everunglimpfte\u201c Isolde<\/em><\/a>). Das St\u00fcck soll heute erneut unter die Lupe genommen werden, denn es hat nicht nur f\u00fcr Pianisten, sondern auch f\u00fcr Philologen viel zu bieten\u2026<!--more--><\/p>\n<p>Entpuppten sich die im ersten Blogtext angesprochenen Stellen als ganz offensichtliche Versehen des Notenstechers der Erstausgabe, so st\u00f6\u00dft man auch auf andere Widerspr\u00fcche in den Quellen, die sich nicht so zwanglos kl\u00e4ren lassen. Ein Problem stellt dabei eine verschollene wichtige Quelle dar. Es existiert n\u00e4mlich keine Stichvorlage mehr, also die \u00fcbliche Abschrift des Autographs (in der Regel durch einen Berufskopisten), die der Verlag dann als gut leserliche Vorlage f\u00fcr den Notenstich der Erstausgabe benutzte.<\/p>\n<ul><em>Kleiner Exkurs: Warum kann das Autograph nicht selbst als Stichvorlage gedient haben?<\/em><br \/>\nEinmal abgesehen davon, dass es eher un\u00fcblich war, wertvolle Originalmanuskripte zu verschicken und Besch\u00e4digungen oder gar einen Verlust zu riskieren, sprechen in diesem Fall zwei weitere Gr\u00fcnde dagegen:&nbsp;<\/p>\n<li>Erstens fehlen im Autograph die typischen Verlagsvermerke in Blei- und Buntstift, also z.B. Verlagsnummer, Copyrightvermerke, Hinweise f\u00fcr den Notenstecher (z.B. \u201eEilt sehr!\u201c), des weiteren die Eintragungen des Stechers selbst, der die Seitenaufteilung der Stichplatte genau planen musste und alle Zeilen- und Seitenwechsel mit kleinen Ziffern und Strichen in der Vorlage markierte. (Einen sch\u00f6nen Eindruck von einer solchen \u201edurch die Mangel gedrehten\u201c Stichvorlage vermittelt <a href=\"http:\/\/www.brahms-institut.de\/web\/bihl_digital\/jb_stichvorlagen\/BrahmsJ_op_089_part_sv_s_001.html\" target=\"_blank\">dieser Scan<\/a> aus dem Brahms-Institut L\u00fcbeck.)<\/li>\n<li>Zweitens ist Liszts Autograph in keinem sehr ordentlichen Zustand, nach dem ein Stecher arbeiten k\u00f6nnte, sondern noch ein Arbeitsmanuskript: es finden sich etliche \u00c4nderungen, Streichungen, \u00dcberklebungen, fl\u00fcchtig oder unvollst\u00e4ndig notierte Dynamik und Artikulation usw. Solche Pr\u00e4zisierungen wurden erst in der reinschriftlichen Stichvorlage, die Liszt immer auch noch einmal kontrollierte und ggf. \u00e4nderte, vorgenommen. In der Druckausgabe finden sich im Detail zahllose Abweichungen vom Autograph, die unm\u00f6glich der Notenstecher \u201eerfunden\u201c haben kann: hinzugef\u00fcgte Fingers\u00e4tze, B\u00f6gen, Artikulationen, dynamische Angaben und Spielanweisungen \u2013 all dies ist ganz sicher von Liszt im Zwischenstadium der Stichvorlage (oder m\u00f6glicherweise in einer Korrekturfahne, die leider auch nicht erhalten ist) erg\u00e4nzt bzw. ge\u00e4ndert worden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Da uns also der Arbeitsschritt zwischen Autograph und Erstausgabe fehlt, muss man bei Divergenzen zwischen diesen beiden Quellen in jedem Einzelfall pr\u00fcfen, welche der beiden \u201erecht\u201c haben kann. In der Regel wird man davon ausgehen, dass \u2013 wie oben beschrieben \u2013 die Erstausgabe den letztg\u00fcltigen Stand darstellt, zumal sie von Liszt \u00fcberpr\u00fcft und autorisiert wurde. Man muss sich sehr davor h\u00fcten, das Autograph als vermeintlich authentischere Quelle zu bevorzugen und wom\u00f6glich zu einem veralteten Stand zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>In wenigen F\u00e4llen haben wir uns bei der Neuedition aber in der Tat f\u00fcr die Lesart des Autographs entschieden, wenn die Umst\u00e4nde daf\u00fcr sprechen, dass sich der Notenstecher verlesen hat und Liszt es nicht bemerkte \u2013 so wie die Beispiele des ersten Blogbeitrags.<\/p>\n<p>Die gewichtigste \u00c4nderung unserer Urtextausgabe gegen\u00fcber der Erstausgabe betrifft die Takte 54\u201357. Die Erstausgabe und alle sp\u00e4teren Ausgaben bis heute weisen hier eine merkw\u00fcrdige Inkonsequenz in der Setzung der Arpeggio-Zeichen in der rechten Hand auf: das Arpeggio steht nicht mehr wie in den Takten zuvor auf dem jeweils 3. Achtel jeder Takth\u00e4lfte, sondern auf dem 1. Achtel, also auf einem teilweise \u00fcbergebundenen Akkord! Manchmal fehlt es sogar ganz, in der ersten H\u00e4lfte von T. 57 steht es daf\u00fcr gleich zweimal (siehe Abb. 1). Ist das alles sinnvoll\u2026?<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2000\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"539\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe.jpg 1400w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-300x231.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-1024x789.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Abb. 1: Erstausgabe der revidierten Fassung 1875, Takt 50\u201358<\/em><\/p>\n<p>Der Blick ins Autograph zeigt dagegen eine v\u00f6llig schl\u00fcssige Notation: die Arpeggios stehen in T. 50\u201357 s\u00e4mtlich auf jedem 3. Achtel jeder Takth\u00e4lfte (au\u00dfer in den triolischen Figuren) und dabei immer zu einem vollen Akkord, nicht zu leeren Oktaven \u2013 in der Erstausgabe fehlen n\u00e4mlich auch ein paar Noten\u2026 M\u00f6glicherweise hat sich der Stecher dadurch verleiten lassen, die Arpeggiozeichen vor die falschen Akkorde zu setzen. Liszts originale Schreibweise ist so einleuchtend, dass wir sie in den Haupttext unserer Ausgabe \u00fcbernommen haben (siehe Abb. 2) und die Abweichungen der Erstausgabe nur im kritischen Bericht vermerken.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/HN558.jpg\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2001\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/HN558.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"801\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/HN558.jpg 1500w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/HN558-280x300.jpg 280w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/HN558-958x1024.jpg 958w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><br \/>\n<em>Abb. 2: Henle-Urtextausgabe HN 558, Takt 50\u201357<\/em><\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird der eine oder andere Pianist, der das St\u00fcck nach der alten Ausgabe einstudiert hat, zun\u00e4chst \u00fcber diese ge\u00e4nderten Stellen stolpern. Wir hoffen aber, dass unsere Argumentation \u00fcberzeugend genug ist, dass sich die urspr\u00fcngliche Version des Autographs durchsetzen kann. Und wenn eines Tages die Stichvorlage doch noch auftauchen sollte, k\u00f6nnte sie helfen, das R\u00e4tsel zu l\u00f6sen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit hatten wir unserer neuen Urtext-Ausgabe von Liszts &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/08\/05\/liebestod-die-zweite-%e2%80%93-weitere-probleme-in-franz-liszts-wagnerbearbeitung\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,371,301,311,3,33,320],"tags":[137,703,704,51,692,115],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1999"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1999"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1999\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1999"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1999"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1999"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}