{"id":2016,"date":"2013-08-19T08:00:19","date_gmt":"2013-08-19T06:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2016"},"modified":"2015-05-22T11:30:19","modified_gmt":"2015-05-22T09:30:19","slug":"geklaute-melodien-%e2%80%93-sarasates-%e2%80%9ezigeunerweisen%e2%80%9c-unter-plagiatsverdacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/08\/19\/geklaute-melodien-%e2%80%93-sarasates-%e2%80%9ezigeunerweisen%e2%80%9c-unter-plagiatsverdacht\/","title":{"rendered":"Geklaute Melodien \u2013 Sarasates \u201eZigeunerweisen\u201c unter Plagiatsverdacht"},"content":{"rendered":"<p>Die Verwendung volksmusikalischer Elemente in der Kunstmusik hat bekanntlich eine lange, bis auf das Sp\u00e4tmittelalter zur\u00fcckreichende Tradition. In der 2. H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts erhielt diese Praxis vor dem Hintergrund des aufstrebenden Nationalismus eine neue Bedeutung und Qualit\u00e4t. Diente sie so manchem Komponisten als demonstrativer Verweis auf die Verwurzelung mit seiner Heimat und zugleich als selbstbewusstes Gegengewicht zur damaligen Dominanz deutsch-\u00f6sterreichischer Musik \u2013 man denke etwa an Edvard Grieg oder Anton\u00edn Dvo\u0159\u00e1k \u2013, so f\u00fchrten andere Musiker mit gro\u00dfem Erfolg den exotischen Reiz fremdl\u00e4ndischer Kl\u00e4nge vor.<\/p>\n<p>Wie kaum ein anderer profitierte von der Mode solcher nationalen Idiome der Geigenvirtuose Pablo de Sarasate (1844\u20131908), der in seinen eigenen Kompositionen Anleihen an die Volksmusik zahlreicher europ\u00e4ischer L\u00e4nder und Regionen machte. <!--more-->Als beispielsweise nach dem Erfolg von Georges Bizets <em>Carmen<\/em> (1875) das spanische Kolorit en vogue war, schrieb Sarasate vier Serien <em>Spanischer T\u00e4nze<\/em> (1878\u201382) sowie eine <em>Carmen-Fantasie<\/em> (1881), ein Potpourri \u00fcber die popul\u00e4rsten Melodien der Oper.<\/p>\n<p>Die Anregung f\u00fcr seine <em>Zigeunerweisen<\/em>, die Anfang 1878 im Leipziger Verlag B. Senff in der Originalbesetzung f\u00fcr Violine und Klavier erschienen (die Orchesterfassung folgte 1881), d\u00fcrfte Sarasate bei einem Aufenthalt in Budapest im Fr\u00fchjahr 1877 erhalten haben. Er besuchte Franz Liszt, gab einige Konzerte und h\u00f6rte \u2013 nach eigenem Bekenntnis \u2013 volkst\u00fcmliche Lieder und T\u00e4nze, die die damals weit verbreiteten sogenannten Zigeunerkapellen zu Geh\u00f6r brachten. Wie alle seine Zeitgenossen, so setzte auch Sarasate die ungarische Volksmusik mit der \u201eZigeunermusik\u201c, also der Musik der in Ungarn lebenden Roma, gleich. F\u00fcr seine vermutlich im Sommer\/Herbst 1877 entstandene Komposition, gleichsam als \u201eSouvenir\u201c an diesen Ungarn-Aufenthalt entstanden, w\u00e4hlte er nicht nur die charakteristische Form des Cs\u00e1rd\u00e1s mit langsamen Beginn (\u201elass\u00fa\u201c) und schneller, sich steigernder Weiterf\u00fchrung (\u201efriss\u201c), sondern entlehnte auch alle Themen popul\u00e4ren ungarischen Musikst\u00fccken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Sarasate bei diesen \u00dcbernahmen die bereits durch Volksliedsammler und Komponisten arrangierten T\u00e4nze und Lieder durch Verzierungen, L\u00e4ufe, Kadenzen und Einsch\u00fcbe weiter bearbeitete, liegt der Fall bei der Entlehnung der Melodie zum dritten Teil seiner Komposition (<em>Un peu plus lent<\/em>, T. 45 ff.) anders. Hier geriet der spanische Virtuose wenige Jahre nach Ver\u00f6ffentlichung der <em>Zigeunerweisen<\/em> unter Plagiatsverdacht. Dies l\u00e4sst zumindest der erhaltene Entschuldigungsbrief vermuten, den Sarasates Klavierbegleiter und Sekret\u00e4r, der deutsche Pianist Otto Goldschmidt, in dessen Auftrag an den ungarischen Komponisten El\u00e9mer Szentirmay (K\u00fcnstlername f\u00fcr J\u00e1nos N\u00e9meth, 1836\u20131908) schrieb.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2018\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_1.jpg\" alt=\"\" width=\"606\" height=\"859\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u00dcbertragung:<\/p>\n<p><em> Petersburg, 10. Dec. 1883<\/em><br \/>\n<em> Geehrter Herr,<\/em><br \/>\n<em> Herr Sarasate, der nicht deutsch<\/em><br \/>\n<em> versteht, beauftragt mich<\/em>[,] <em>Ihnen zu sagen,<\/em><br \/>\n<em> da\u00df Ihr Wunsch betr<\/em>[effs]<em> des Aufdruckens<\/em><br \/>\n<em> auf Ihr so sch\u00f6nes Lied besorgt wird.<\/em><br \/>\n<em> Ich habe an Herrn Senff bereits dar\u00fcber<\/em><br \/>\n<em> geschrieben.<\/em><br \/>\n<em> Wir sprechen Ihnen hiermit f\u00fcr<\/em><br \/>\n<em> Ihre so sch\u00f6ne Inspiration unseren<\/em><br \/>\n<em> Gl\u00fcckwunsch aus. Herr Sarasate hatte<\/em><br \/>\n<em> die Melodie von Zigeunern geh\u00f6rt, &amp;<\/em><br \/>\n<em> man hatte ihm gesagt, sie sey popul\u00e4r,<\/em><br \/>\n<em> weshalb er sie ohne Weiteres benutzte.<\/em><br \/>\n<em> Desto besser da\u00df der gl\u00fcckliche Autor<\/em><br \/>\n<em> auch <span style=\"text-decoration: underline\">popul\u00e4re<\/span> <span style=\"text-decoration: underline\">Lieder<\/span> * hat.<\/em><br \/>\n<em> Ihr ganz ergebener<\/em><br \/>\n<em> Otto Goldschmidt<\/em><br \/>\n<em> * Volkslieder<\/em><\/p>\n<p>Demnach wollte Szentirmay keine Entsch\u00e4digung, sondern bestand lediglich darauf, als Urheber jener so einpr\u00e4gsamen Melodie genannt zu werden. Sie stammt aus Szentirmays 1873 komponiertem Lied \u201eCsak egy sz\u00e9p l\u00e1ny van a vil\u00e1gon\u201c (Nur ein sch\u00f6nes M\u00e4dchen gibt es auf der Welt) und wurde von Sarasate, wie der Vergleich zeigt, nahezu unver\u00e4ndert \u00fcbernommen:<\/p>\n<div id=\"attachment_2020\" style=\"width: 626px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_NB_01.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2020\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2020\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_NB_01.jpg\" alt=\"\" width=\"616\" height=\"134\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2020\" class=\"wp-caption-text\">Szentirmay, Csak egy sz\u00e9p l\u00e1ny van a vil\u00e1gon<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_2021\" style=\"width: 625px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_NB_02.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2021\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2021\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_NB_02.jpg\" alt=\"\" width=\"615\" height=\"146\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_NB_02.jpg 730w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Sarasate_NB_02-300x70.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 615px) 100vw, 615px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2021\" class=\"wp-caption-text\">Sarasate, Zigeunerweisen<\/p><\/div>\n<p>Sarasates Entschuldigung, ihm w\u00e4re gesagt worden, die Melodie sei \u201epopul\u00e4r\u201c, so dass er sie \u201eohne Weiteres benutzte\u201c, das hei\u00dft: ohne Nachforschung nach dem Autor, erscheint auf den ersten Blick plausibel. Auf den zweiten Blick stellen sich jedoch Zweifel ein. Szentirmays Lied wurde zwar rasch bekannt, aber 1877, erst vier Jahre nach der Komposition, d\u00fcrfte es bei aller Popularit\u00e4t doch noch fest mit seinem Namen verbunden gewesen sein. Hinzu kommt, dass Sarasate w\u00e4hrend seines Zusammentreffens mit Liszt aller Wahrscheinlichkeit nach sein Interesse an \u201eZigeunermusik\u201c ge\u00e4u\u00dfert haben wird. Insofern war es naheliegend, dass der Altmeister ihm seine Sch\u00fclerin Ilonka von Ravasz vorstellte, die ihm selbst ungarische Kunst- und Volkslieder vermittelt hatte. Ja, es ist nicht undenkbar, dass Sarasate das Lied nicht durch \u201eZigeuner\u201c, sondern durch Ilonka kennenlernte \u2013 war sie doch die Nichte Szentirmays.<\/p>\n<p>Sarasate hielt Wort und lie\u00df in den Nachdrucken ab 1884 zu Beginn des betreffenden Abschnitts in seinen <em>Zigeunerweisen<\/em> die Bemerkung hinzusetzen \u201eMelodie von Scentirmay Elemir [sic] dala [= ungarisch: Lied von] mit g\u00fctiger Erlaubnis des Componisten benutzt.\u201c<\/p>\n<p>Fakt ist, dass Sarasate sich nicht um den Urheber der Melodie k\u00fcmmerte oder \u2013 noch prek\u00e4rer, falls er wusste, dass es sich nicht um ein Volkslied handelt \u2013 vers\u00e4umte, dessen \u201eg\u00fctige Erlaubnis\u201c einzuholen. Jedenfalls scheint er trotz der klarstellenden Fu\u00dfnote ein schlechtes Gewissen gehabt zu haben. In der einzigen heute verf\u00fcgbaren Aufnahme seiner <em>Zigeunerweisen<\/em> von ca. 1904 lie\u00df er spontan mit kurzem Hinweis an den Pianisten diesen dritten Teil seiner Komposition weg und sprang direkt zum abschlie\u00dfenden <em>Allegro molto vivace<\/em>:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ABm7nMVyNh4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>In den <em>Zigeunerweisen<\/em> stammt zwar kein einziges Thema von Sarasate, aber die originelle Leistung des Arrangements dieser \u201egeklauten\u201c Melodien f\u00fcr Violine und Klavier bzw. Orchester d\u00fcrfte ihm sicherlich niemand absprechen. In unserer in Vorbereitung befindlichen, von Ernst-G\u00fcnter Heinemann herausgegebenen Edition (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Zigeunerweisen+op.+20+f%C3%BCr+Violine+und+Klavier_573\" target=\"_blank\">HN 573<\/a>), die in der Partitur die originalen Strichbezeichnungen und Fingers\u00e4tze Sarasates sowie eine unbezeichnete und eine von Ingolf Turban bezeichnete Solostimme enth\u00e4lt, werden sowohl die Entlehnung der Melodien als auch der Fall \u201eSzentirmay\u201c erstmals umfassend dokumentiert.<\/p>\n<p>Ohne Zweifel w\u00e4re ein Titel wie \u201eFantasie \u00fcber popul\u00e4re ungarische Melodien\u201c treffender und angemessener gewesen, aber wer wird es Sarasate verdenken, dass er mit Blick auf das Publikum den so griffigen Titel <em>Zigeunerweisen<\/em> w\u00e4hlte?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verwendung volksmusikalischer Elemente in der Kunstmusik hat bekanntlich eine &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/08\/19\/geklaute-melodien-%e2%80%93-sarasates-%e2%80%9ezigeunerweisen%e2%80%9c-unter-plagiatsverdacht\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[339,3,323,370],"tags":[139,140,138],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2016"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2016"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2016\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2016"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2016"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2016"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}