{"id":2037,"date":"2013-09-02T08:00:21","date_gmt":"2013-09-02T06:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2037"},"modified":"2015-05-22T11:36:41","modified_gmt":"2015-05-22T09:36:41","slug":"ossia-und-da-capo-%e2%80%93-verwirrung-in-schumanns-papillons-op-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/09\/02\/ossia-und-da-capo-%e2%80%93-verwirrung-in-schumanns-papillons-op-2\/","title":{"rendered":"Ossia und Da Capo \u2013 Verwirrung in Schumanns Papillons op. 2"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal l\u00f6sen sich R\u00e4tsel nicht auf, selbst wenn die Quellenlage dem Herausgeber einer Urtextausgabe \u00fcppiges Material an die Hand gibt \u2013 wie etwa bei Robert Schumanns <em>Papillons<\/em> op. 2, von denen eine \u201eFassung letzter Hand\u201c wohl kaum ermittelt werden kann.<!--more--><\/p>\n<p>Wir haben eine Reinschrift von Schumanns Hand, die 1832 Vorlage f\u00fcr die Erstausgabe war; und wir haben nat\u00fcrlich die Erstausgabe im Verlag Kistner in Leipzig \u2013 eigentlich optimale Voraussetzungen, um diese Musik zu edieren. W\u00e4re da nicht eine um 1860 postum erschienene Neuausgabe im selben Verlag, die gro\u00dfe Verwirrung stiftet.<\/p>\n<p>Schauen wir uns die Nr. 2 der <em>Papillons <\/em>zun\u00e4chst im Autograph und in der Erstausgabe an:<\/p>\n<div id=\"attachment_2039\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Autograph.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2039\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2039\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Autograph-1024x558.jpg\" alt=\"Autograph\" width=\"640\" height=\"348\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Autograph-1024x558.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Autograph-300x163.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Autograph.jpg 1517w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2039\" class=\"wp-caption-text\">Autograph<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_2041\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-Kopie.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2041\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2041\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-Kopie-1024x463.jpg\" alt=\"Erstausgabe\" width=\"640\" height=\"289\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-Kopie-1024x463.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-Kopie-300x135.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Erstausgabe-Kopie.jpg 1129w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2041\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe<\/p><\/div>\n<p>Beim Vergleich dieser zwei Quellen zeigen sich durchaus Unterschiede. In der Erstausgabe steht zum Beispiel im 5. Takt ein <strong><em>mf<\/em><\/strong> und im 9. Takt ein <strong><em>pp<\/em><\/strong>. Das Autograph hat dagegen nur ein <strong><em>pp<\/em><\/strong> im 5. Takt. \u00c4nderungen dieser Art, die wohl kaum als Versehen des Notenstechers zu interpretieren sind, liefern Indizien daf\u00fcr, dass Schumann selbst im Prozess der Druckvorbereitung korrigierend und \u00e4ndernd in den Notentext eingriff \u2013 und damit die Erstausgabe von ihm \u201eabgesegnet\u201c, also autorisiert, ist.<\/p>\n<p>Nach Schumanns Tod im Jahre 1856 erschien dann etwa vier Jahre sp\u00e4ter im Verlag Kistner die erw\u00e4hnte Neuausgabe der <em>Papillons<\/em>. Hier die Nr. 2 daraus:<\/p>\n<div id=\"attachment_2042\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Nachdruck.jpg\" target=\"_blank\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2042\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2042\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Nachdruck-1024x456.jpg\" alt=\"Postume Neuausgabe\" width=\"640\" height=\"285\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Nachdruck-1024x456.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Nachdruck-300x133.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/08\/Nachdruck.jpg 1253w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2042\" class=\"wp-caption-text\">Postume Neuausgabe<\/p><\/div>\n<p>Es f\u00e4llt sofort auf, dass der Notentext komplett neu gestochen wurde, und nat\u00fcrlich nicht ohne Grund: Er hat einige \u00c4nderungen erfahren. Die offensichtlichste ist sicher die Erg\u00e4nzung eines Ossia-Systems \u00fcber dem 10. und 11. Takt. Aber bei n\u00e4herem Hinschauen offenbaren sich weitere Detailabweichungen. Die Melodie im 5.\/6. und 10.\/11. Takt hat einen subtil anderen Rhythmus, der Auftakt zum 1. Takt ist nun eine Sechzehntel, keine Achtelnote. Und das \u201eD.C.\u201c (Da Capo) am Ende des St\u00fccks ist verschwunden. Wer hat den Notentext ge\u00e4ndert (dass das alles kein Zufall oder Missgeschick ist, versteht sich von selbst)?<\/p>\n<p>Nun gibt es \u00e4hnliche F\u00e4lle, bei denen Verleger den Notentext ihrer Ausgaben nachtr\u00e4glich \u00e4ndern, um sie f\u00fcr die potentielle Kundschaft wieder attraktiv zu machen. Dies gilt besonders f\u00fcr die Zeit, in der Raubdrucke noch an der Tagesordnung waren. Als Originalverleger konnte man z.B. eine vom Komponisten oder von einer anderen Autorit\u00e4t \u201everbesserte\u201c Ausgabe vorlegen, die den Text der Raubdrucke f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rte. Diese Ausgaben trugen auf dem Titelblatt dann einen entsprechenden Hinweis \u201eEdition nouvelle revue par l\u2019Auteur\u201c (z.B. bei den Symphonischen Et\u00fcden op. 13) oder einen Herausgebernamen \u201eNach den Handschriften und pers\u00f6nlicher \u00dcberlieferung herausgegeben von Clara Schumann\u201c (auf ihrer \u201eInstructiven Ausgabe\u201c der Werke Roberts).<\/p>\n<p>Auf der Neuausgabe der <em>Papillons <\/em>findet sich leider kein solcher Hinweis. Dass die \u00c4nderungen dennoch eine gewisse Autorit\u00e4t f\u00fcr sich beanspruchen, belegt die gedruckte Fu\u00dfnote zum Ossia-System. Dort hei\u00dft es: \u201eIn dieser ver\u00e4nderten Weise vom Componisten gleichfalls gespielt.\u201c Wer Schumann mit dieser Variante geh\u00f6rt hat, werden wir wohl nie erfahren. Manches deutet jedoch darauf hin, dass es tats\u00e4chlich Clara war, die zumindest einen Teil der Eingriffe bei Kistner zu verantworten hatte. Sie \u00fcbernimmt in Ihrer \u201eInstructiven Ausgabe\u201c von 1886 und auch in der von ihr in den 1880er Jahren herausgegebenen Gesamtausgabe der Werke Schumanns den subtil anderen Rhythmus der Takte 5\/6 und 10\/11, jedoch weder das Ossia noch die Streichung des Da Capo. Sie hielt also zumindest einen Teil der Eingriffe in die Neuausgabe von 1860 noch \u00fcber 20 Jahre sp\u00e4ter f\u00fcr authentisch.<\/p>\n<p>Letztlich kl\u00e4ren werden wir, wie schon gesagt, den Status des Notentextes in der postumen Ausgabe bei Kistner nicht. Die \u00c4nderungen ziehen sich durch das gesamte Werk und fanden sp\u00e4ter in zahlreichen Ausgaben der <em>Papillons <\/em>ihren Niederschlag, h\u00e4ufig sicher ohne dass die Herausgeber sich der problematischen \u00dcberlieferung bewusst waren.<\/p>\n<p>Aus Urtext-Perspektive m\u00fcssen wir restriktiv vorgehen: Die Ausgabe ist postum erschienen. Wir haben keinen Hinweis darauf, dass Schumann selbst etwa dem Verleger Kistner ein Korrekturexemplar hinterlassen hatte, nach dem in Leipzig der Notentext zu \u00e4ndern war. Wir wissen nichts dar\u00fcber, an wen er vielleicht kommuniziert haben k\u00f6nnte, dass er Text\u00e4nderungen w\u00fcnschte. Und im naheliegenden Fall, dass Clara Schumann hier vielleicht die Autorit\u00e4t im Hintergrund war, fehlen uns Belege, dass sie von Schumann instruiert wurde und dass ihre vermeintlichen \u00c4nderungen nicht doch vielleicht \u201enur\u201c ihren eigenen Vorstellungen von einem \u201ebesseren\u201c Notentext entsprachen.<\/p>\n<p>Doch gibt es auch moderne Ausgaben, die nach kritischer Pr\u00fcfung in der Neuausgabe von 1860 den definitiven, von Schumann autorisierten Text sehen, so etwa die von Howard Ferguson 1985 herausgegebene Edition beim Associated Board of the Royal Schools of Music.<\/p>\n<p>Dass dies alles keine irrelevante Lapalie ist, sondern dass unser H\u00f6ren der <em>Papillons <\/em>auch heute von diesen zwei \u00dcberlieferungsstr\u00e4ngen gepr\u00e4gt wird, sollen abschlie\u00dfend einige Einspielungen belegen:<\/p>\n<ul>\n<li><a title=\"Claudio Arrau\" href=\"http:\/\/youtu.be\/etmc-mBzYCI?t=53s\" target=\"_blank\">Claudio Arrau<\/a> spielt das Da Capo und bei der Wiederholung das Ossia.<\/li>\n<li><a title=\"Sviatoslav Richter\" href=\"http:\/\/youtu.be\/kDUybI2ZTgc?t=1m17s\" target=\"_blank\">Sviatoslav Richter<\/a> spielt kein Da Capo, aber das Ossia.<\/li>\n<li><a title=\"J\u00f6rg Demus\" href=\"http:\/\/youtu.be\/Ghjhk6Es6D8?t=47s\" target=\"_blank\">J\u00f6rg Demus<\/a> und <a title=\"Alfred Cortot\" href=\"http:\/\/youtu.be\/Yae0Pq_HqsE?t=48s\" target=\"_blank\">Alfred Cortot<\/a> spielen das Da Capo, aber von Takt 5 und bei der Wiederholung das Ossia.<\/li>\n<li><a title=\"Wilhelm Kempff\" href=\"http:\/\/youtu.be\/4VO7bqC1trE?t=41s\" target=\"_blank\">Wilhelm Kempff <\/a>spielt wie Demus und Cortot das Da Capo von Takt 5, aber kein Ossia.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal l\u00f6sen sich R\u00e4tsel nicht auf, selbst wenn die Quellenlage &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/09\/02\/ossia-und-da-capo-%e2%80%93-verwirrung-in-schumanns-papillons-op-2\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[447,87,429,88,446,301,20,3,369,314,438,102,428],"tags":[142,143,141,67],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2037"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2037"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2037\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2037"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2037"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2037"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}