{"id":2077,"date":"2013-09-16T08:00:36","date_gmt":"2013-09-16T06:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2077"},"modified":"2015-05-22T11:44:34","modified_gmt":"2015-05-22T09:44:34","slug":"hochste-zeit-fur-die-tiefe-lage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/09\/16\/hochste-zeit-fur-die-tiefe-lage\/","title":{"rendered":"H\u00f6chste Zeit f\u00fcr die tiefe Lage"},"content":{"rendered":"<p>Neben dem Hauptinstrument Klavier spielen die Streicher im Henle-Katalog von jeher eine gro\u00dfe Rolle. Bereits unter den ersten Ver\u00f6ffentlichungen des Hauses aus den 40er Jahren finden sich mit Beethovens <em>Cellovariationen<\/em> und <em>Violinsonaten<\/em> (<a title=\"HN 5\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Variationen+f%C3%BCr+Klavier+und+Violoncello_913\" target=\"_blank\">HN 5<\/a> und <a title=\"HN 7\/8\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violinsonaten%2C+Band+I_7\" target=\"_blank\">HN 7\/8<\/a>, beide inzwischen nat\u00fcrlich nach der <em><a title=\"Neue Beethoven-Gesamtausgabe\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/gesamtausgaben\/beethoven-werke\/index.html\" target=\"_blank\">Neuen Beethoven-Gesamtausgabe<\/a><\/em> revidiert) Standardwerke des Streicherrepertoires, das in den folgenden sechs Jahrzehnten von Bach bis Berg systematisch ausgebaut wurde.\u00a0 (Wie \u00fcbrigens auch an unseren <a title=\"13 Video-Interviews\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/startseite\/violin-videos.html\" target=\"_blank\">13 Video-Interviews<\/a> mit 13 international renommierten Geigern zu 13 gro\u00dfen Violinwerken abzulesen ist.) Der Kontrabass hingegen kam erst mit dem neuen Jahrtausend zu Henle, und\u00a0 das hat viele Gr\u00fcnde \u2026<!--more--><\/p>\n<div id=\"attachment_2083\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/3saitiger-Bass.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2083\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-2083\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/3saitiger-Bass-171x300.jpg\" alt=\"Dreisaitiger Kontrabass\" width=\"140\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/3saitiger-Bass-171x300.jpg 171w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/3saitiger-Bass.jpg 183w\" sizes=\"(max-width: 140px) 100vw, 140px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2083\" class=\"wp-caption-text\">Dreisaitiger Kontrabass<\/p><\/div>\n<p>Denn mit dem <a title=\"Kontrabass\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kontrabass\" target=\"_blank\">Ko<\/a><a title=\"Kontrabass\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kontrabass\" target=\"_blank\">ntrabass<\/a> ist es in vieler Hinsicht ein ganz eigen Ding: Zun\u00e4chst einmal ist er dank seiner tiefen Lage nicht unbedingt zum Solisten geboren \u2013 erst im 19. Jahrhundert mauserte er sich dank experimentierfreudiger Musiker zu einem virtuosen und brillanten Instrument mit eigener Solo-Literatur. Hinzu kommt, dass der Kontrabass\u00a0 viel weniger \u201estandardisiert\u201c war \u2013 und bis heute ist \u2013 als Geige, Bratsche oder Cello. Er variierte in Gr\u00f6\u00dfe, Form und Besaitung, die\u00a0 drei, vier oder f\u00fcnf Saiten des Instruments wurden je nach Schule oder Repertoire in unterschiedlicher Weise gestimmt und mit konvexen oder konkaven B\u00f6gen in Unter- oder Obergrifftechnik gespielt.<\/p>\n<div id=\"attachment_2127\" style=\"width: 134px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/4saitiger-Bass.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2127\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2127          \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/4saitiger-Bass.jpg\" alt=\"Viersaitiger Kontrabass\" width=\"124\" height=\"247\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2127\" class=\"wp-caption-text\">Viersaitiger Kontrabass<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: left\">Folglich waren f\u00fcr ein bestimmtes Instrument entstandene Werke nicht ohne weiteres von einem anderen Musiker auf einem anderen Instrument oder mit einer anderen Technik zu realisieren\u00a0 \u2013 nicht die besten Voraussetzungen, um ein Standard-Repertoire in einheitlichen Druck-Ausgaben weit zu verbreiten! So ist es auch kein Wunder, dass\u00a0 viele Kontrabass-Werke nur in Bearbeitungen kursierten und selbst von ber\u00fchmten Kontrabass-Komponisten wie <a title=\"Domenico Dragonetti\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Domenico_Dragonetti\" target=\"_blank\">Domenico <\/a><a title=\"Domenico Dragonetti\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Domenico_Dragonetti\" target=\"_blank\">Dragonetti<\/a>, dessen gr\u00f6\u00dftenteils in der British Library (London) aufbewahrte musikalische <a title=\"Dragonetti-Quellen in der British Library\" href=\"http:\/\/searcharchives.bl.uk\/primo_library\/libweb\/action\/search.do?dscnt=0&amp;frbg=&amp;scp.scps=scope%3A%28BL%29&amp;tab=local&amp;dstmp=1379064772508&amp;srt=rank&amp;ct=search&amp;mode=Basic&amp;dum=true&amp;indx=1&amp;vl(freeText0)=dragonetti&amp;fn=search&amp;vid=IAMS_VU2\" target=\"_blank\">Hinterlassenschaft<\/a> dort zig B\u00e4nde umfasst, kaum gedruckte Ausgaben vorliegen.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr Henle obligatorische \u201epraktische Urtext-Ausgabe\u201c gleicht da bei einer Kontrabass-Komposition manchmal geradezu der Quadratur des Kreises: denn einerseits soll der originale Text der Komposition erkennbar, zugleich aber auch die Spielbarkeit auf dem modernen Instrument gew\u00e4hrleistet sein. Da braucht man als Herausgeber schon einen so versierten Musiker und begeisterten Philologen wie <a title=\"Tobias Gl\u00f6ckler\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/der-verlag\/autoren\/tobias-gloeckler.html\" target=\"_blank\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/a>, der f\u00fcr unsere Kontrabass-Ausgaben verantwortlich zeichnet.<\/p>\n<p>Auf seine Initiative hin haben wir schon die \u201eWiener\u201c Konzerte von Dittersdorf (<a title=\"HN 759\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Kontrabasskonzert+%22E-dur%22+Krebs+172_759\" target=\"_blank\">HN 759<\/a>) oder Hoffmeister (<a title=\"HN 721\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Kontrabasskonzert+%22Nr.+1%22+%28mit+obligater+Violine%29_721\" target=\"_blank\">HN 721<\/a>) in Urtext-Ausgaben vorgelegt, die neben der historischen <a title=\"Wiener Stimmung\" href=\"http:\/\/www.silviodallatorre.de\/index.php?language=de&amp;hauptrubrik=double-bass&amp;thema=76\" target=\"_blank\">\u201eWiener Stimmung\u201c<\/a> des Instrumentes auch die moderne Orchester- und Solostimmung ber\u00fccksichtigen \u2013 was unter anderem zur Folge hat, dass der Klavierauszug dieser Konzerte gleich zweimal abgedruckt wird, da die Solostimmung eine um einen Ton nach oben transponierte Begleitung verlangt. Und auch die Solostimme wird dank der verschiedenen Stimmungsvarianten schnell etwas umfangreicher, weswegen man in unserer Dittersdorf-Ausgabe gleich einen Fahrplan f\u00fcr die verschiedenen m\u00f6glichen Kombinationen findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Fahrplan-HN-759-deutsch.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2090  aligncenter\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Fahrplan-HN-759-deutsch.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Fahrplan-HN-759-deutsch.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Fahrplan-HN-759-deutsch-300x146.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Beim gerade in Vorbereitung befindlichen <em>Famous Solo in e minor<\/em> von Dragonetti (<a title=\"HN 1198\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=%22The+Famous+Solo%22+f%C3%BCr+Kontrabass+und+Orchester_1198\" target=\"_blank\">HN 1198<\/a>) liegt der Fall wieder anders: Von diesem ber\u00fchmten Konzertst\u00fcck f\u00fcr Kontrabass und Orchester existiert eine Unzahl von Abschriften und Bearbeitungen. So mussten aus dem Wust der \u00dcberlieferung erst einmal die autorisierten Werkfassungen herausgeklaubt werden, und dabei trat eine von Dragonetti selbst in Stimmen ausgeschriebene Bearbeitung des <em>Famous Solo<\/em> f\u00fcr Kontrabass und Streichquartett zutage.<\/p>\n<div id=\"attachment_2087\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Dragonetti-Bass.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2087\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2087\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Dragonetti-Bass.jpg\" alt=\"Domenico Dragonetti (1763-1846)\" width=\"150\" height=\"230\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2087\" class=\"wp-caption-text\">Domenico Dragonetti (1763-1846)<\/p><\/div>\n<p>Diese exquisite Quintettfassung wollten wir der musikalischen Welt nicht vorenthalten und konzipierten sogleich eine Doppelausgabe: Klavierauszug der Orchesterfassung (nat\u00fcrlich in zwei Transpositionen f\u00fcr Orchester- und Solostimmung) und Stimmen der Quintettfassung. Aber es waren noch weitere Entscheidungen zu f\u00e4llen, denn Dragonettis Stimmen sehen f\u00fcr das Begleitquartett nicht zwei Violinen, sondern zwei Violen vor. Diese heute ungew\u00f6hnliche Besetzung war damals zwar nicht un\u00fcblich, aber in unseren speziellen Fall regten sich Zweifel: Denn warum \u00fcberschreibt Dragonetti die Violinstimme mit \u201eViolino Primo\u201c, wenn es keine zwei Violinen gibt \u2013 und wie sind die auff\u00e4llig zahlreichen Transpositionsfehler in der Viola I zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n<div id=\"attachment_2092\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Violino-Primo-Ausschnitt.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2092\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2092 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Violino-Primo-Ausschnitt.jpg\" alt=\"Ausschnitt der Violino Primo-Stimme zu Dragonettis &quot;Famous solo in e minor&quot;\" width=\"800\" height=\"159\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Violino-Primo-Ausschnitt.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/09\/Violino-Primo-Ausschnitt-300x59.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2092\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt der Violino Primo-Stimme zu Dragonettis &quot;Famous solo in e minor&quot;<\/p><\/div>\n<p>Beides l\u00e4sst sich als Indiz f\u00fcr eine urspr\u00fcnglich klassische Besetzung mit zwei Violinen deuten, weswegen unser Herausgeber Tobias Gl\u00f6ckler sich daf\u00fcr einsetzte, diese auch in der Ausgabe zu rekonstruieren. So bieten wir die Quintettfassung nun in der Besetzung f\u00fcr Kontrabass und klassisches Streichquartett.\u00a0 Aber wo bleibt da der Urtext? In diesem Fall im Internet, wo wir f\u00fcr die Bratscher dieser Welt unter <a title=\"www.henle.de\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/startseite\/index.html\" target=\"_blank\">www.henle.de<\/a> die beiden originalen Violastimmen ver\u00f6ffentlichen werden. So enth\u00e4lt unsere Ausgabe hoffentlich f\u00fcr jeden Praktiker das Richtige \u2013 und dokumentiert doch die Quellenlage, wie es sich f\u00fcr eine Urtext-Edition geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>P.S.: Mit unserem <em>Famous Solo<\/em> leisten wir \u00fcbrigens auch einen Beitrag zur\u00a0 Wiederentdeckung von Dragonettis konzertanten Werken. Denn fatalerweise ist er vielen nur durch jenes Kontrabass-Konzert bekannt, das ihm 1925 von dem Bassisten <a title=\"\u00c8douard Nanny\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%89douard_Nanny#Das_.E2.80.9EDragonetti-Konzert.E2.80.9C\" target=\"_blank\">Edouard Nanny<\/a> erfolgreich unterschoben wurde. Aber das ist wieder eine andere Geschichte aus der weiten Welt der tiefen Lage \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben dem Hauptinstrument Klavier spielen die Streicher im Henle-Katalog von &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/09\/16\/hochste-zeit-fur-die-tiefe-lage\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[448,329,361,347,306,360,451,449,450,3,175],"tags":[112,144,21,27],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2077"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2077"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2077\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}