{"id":209,"date":"2011-12-26T08:00:26","date_gmt":"2011-12-26T07:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=209"},"modified":"2015-05-19T14:07:56","modified_gmt":"2015-05-19T12:07:56","slug":"fehlende-bassoktave-in-debussys-prelude-%e2%80%9ece-qu%e2%80%99a-vu-le-vent-d%e2%80%99ouest%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2011\/12\/26\/fehlende-bassoktave-in-debussys-prelude-%e2%80%9ece-qu%e2%80%99a-vu-le-vent-d%e2%80%99ouest%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Fehlende Bassoktave in Debussys Pr\u00e9lude \u201eCe qu\u2019a vu le vent d\u2019ouest\u201c?"},"content":{"rendered":"<p>Ob der Papst unfehlbar ist, sei dahingestellt, Komponisten sind es \u2013 wie so manche Fehler in den Autographen belegen \u2013 zweifellos nicht. <!--more-->Es gibt allerdings F\u00e4lle, in denen sich die Frage \u201eFehler oder Absicht\u201c nicht entscheiden l\u00e4sst. Einer dieser F\u00e4lle liegt mit Claude Debussys <em>Ce qu\u2019a vu le vent d\u2019ouest<\/em> aus dem ersten Heft der <em>Pr\u00e9ludes<\/em> vor (<a title=\"HN 383\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Pr%C3%A9ludes%2C+Premier+livre_383\" target=\"_blank\">HN 383<\/a>; auch in Klavierwerke Bd. II, <a title=\"HN 1194\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klavierwerke%2C+Band+II_1194\" target=\"_blank\">HN 1194<\/a>). Ein Abschnitt des Mittelteils zeichnet sich durch eine markante Dreistimmigkeit aus (Takte 35\u201337): Die rechte Hand absolviert rasche Oktavenspr\u00fcnge mit dem Ton <em>cis<\/em>, die linke schl\u00e4gt Sekund-Nonen-Akkorde auf verschiedenen Tonstufen an, unterbrochen durch eine synkopisch dazwischenfahrende Bassoktave im Fortissimo.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_01.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-212\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_01.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"647\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_01.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_01-300x277.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Struktur\u00a0kehrt nach einem kurzen Einschub (Takt 38) wieder. Die Wiederholung (Takte 39\u201341) unterscheidet sich nur in einem einzigen Detail: Die Bassoktave im letzten Takt fehlt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_02.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-215\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_02.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"616\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_02.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_02-300x264.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Takt 41 ohne Bassoktave entspricht genau der Erstausgabe bei Durand von 1910. Da der Abschnitt \u2013 bis auf die Bassoktave im letzten Takt \u2013 sowie auch der erw\u00e4hnte Einschub (Takt 38 entspricht genau Takt 42) notengetreu wiederholt werden, liegt der Gedanke eines Druckfehlers nahe.<\/p>\n<p>Beim Verdacht auf Druckfehler hilft meist der Blick ins Autograph. Im vorliegenden Fall liegt die Vermutung nahe, der Komponist habe nur die Takte 35\u201338 ausgeschrieben, diese dann durch Buchstaben oder Ziffern markiert und deren Wiederholung mit diesen K\u00fcrzeln angezeigt \u2013 eine zeitsparende Methode, die Debussy h\u00e4ufig anwandte. Das Autograph (Pierpont Morgan Library, Sammlung R. O. Lehman, New York; auch als\u00a0<a title=\"Faksimile mit einer Einleitung von Roy Howat\" href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=VQMwAQAAIAAJ&amp;hl=de&amp;source=gbs_ViewAPI&amp;redir_esc=y\" target=\"_blank\">Faksimile mit einer Einleitung von Roy Howat<\/a>) zeigt jedoch, dass Debussy die wiederholten Takte neu ausschrieb und dabei tats\u00e4chlich in Takt 41 die Bassoktave auslie\u00df.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_04.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-217\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_04.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"220\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_04.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2011\/12\/Debussy_04-300x94.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fehler oder Absicht?<\/p>\n<p>Ein Irrtum des Stechers ist damit ausgeschlossen, denn das Autograph diente auch als Stichvorlage. Sollte aber Debussy zu keinem Zeitpunkt der Drucklegung dieses doch sehr offensichtliche \u201eVersehen\u201c \u2013 wenn es sich um ein solches handelt \u2013 aufgefallen sein? Oder hat er bei der notengetreuen Wiederholung ganz bewusst die markante Bassoktave ausgelassen? Nun enth\u00e4lt die Erstausgabe zwar zahlreiche Fehler, die zumindest teilweise in sp\u00e4teren Auslagen (insbesondere in der 4. Auflage von 1913) korrigiert wurden. Die besagte Stelle blieb jedoch in den insgesamt f\u00fcnf Nachdrucken zu Lebzeiten Debussys unver\u00e4ndert. Herausgeber von Editionen, die die Bassoktave in Takt 41 kommentarlos erg\u00e4nzen (wie\u00a0Roy Howat in\u00a0der Debussy-Gesamtausgabe, Serie I, Band 5), gehen trotz dieser Quellenlage ganz selbstverst\u00e4ndlich von einem Fehler aus.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist die Frage \u201eFehler oder Absicht\u201c in diesem Fall auch falsch gestellt. Wie die Handexemplare vieler seiner Werke zeigen, \u00e4nderte Debussys manchmal nachtr\u00e4glich Stellen, die er in den Handschriften und Druckfahnen eigentlich definitiv festgelegt hatte, oder nahm umgekehrt Korrekturen auch wieder zur\u00fcck.\u00a0In den Erinnerungen\u00a0des Dirigenten\u00a0Ernest Ansermet ist dazu ein bezeichnender Vorfall festgehalten. Als ihm Debussy vor einer Probe zu den <em>Nocturnes<\/em> eine Druckpartitur mit zahlreichen, zum Teil sich widersprechenden Korrekturen \u00fcbergab und Ansermet nachfragte, welche davon denn jetzt g\u00fcltig seien, habe Debussy geantwortet: \u201eIch wei\u00df es nicht mehr genau \u2026 Es handelt sich um verschiedene M\u00f6glichkeiten. Nehmen Sie nur diese Partitur und verwenden Sie die, die Ihnen gut scheinen.\u201c<\/p>\n<p>Insofern\u00a0sind die Erg\u00e4nzung oder Nicht-Erg\u00e4nzung der Bassoktave hier zwei M\u00f6glichkeiten, deren Wahl\u00a0letztlich dem Interpreten \u00fcberlassen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob der Papst unfehlbar ist, sei dahingestellt, Komponisten sind es &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2011\/12\/26\/fehlende-bassoktave-in-debussys-prelude-%e2%80%9ece-qu%e2%80%99a-vu-le-vent-d%e2%80%99ouest%e2%80%9c\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,305,88,36,301,20,3,404],"tags":[18,690,19],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/209"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/209\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}