{"id":2288,"date":"2013-10-14T08:00:43","date_gmt":"2013-10-14T06:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2288"},"modified":"2015-05-22T11:56:47","modified_gmt":"2015-05-22T09:56:47","slug":"wieniawskis-scherzo-tarantella-op-16-entwurfe-fur-eine-synthese-zwischen-einer-tarantella-und-einem-scherzo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/10\/14\/wieniawskis-scherzo-tarantella-op-16-entwurfe-fur-eine-synthese-zwischen-einer-tarantella-und-einem-scherzo\/","title":{"rendered":"Wieniawskis Scherzo-Tarantella op. 16: Entw\u00fcrfe f\u00fcr eine Synthese zwischen einer Tarantella und einem Scherzo?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/HN-0553.gif\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-2385\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/HN-0553.gif\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"264\" \/><\/a> Wie im Vorwort der Henle-Ausgabe von Henryk Wi\u00ade\u00adni\u00adaws\u00adkis <em>Scherzo-Tarantella<\/em> (<a title=\"HN 553\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Scherzo-Tarantella+g-moll+op.+16_553\" target=\"_blank\">HN 553<\/a>) vermerkt, gibt es von diesem Werk eine Fassung f\u00fcr Vi\u00ado\u00adli\u00adne und Orchester in einer unvollst\u00e4ndig erhaltenen Kopie des verlorenen Au\u00adto\u00adgraphs. Diese Fassung wurde nicht ver\u00ad\u00f6f\u00adfent\u00adlicht und weist erhebliche Unterschiede zur ge\u00addruck\u00adten Fas\u00adsung f\u00fcr Vi\u00ado\u00adli\u00adne und Klavier auf. Leider ist kein weiteres Autograph der <em>Scherzo-Tarantella<\/em> \u00fc\u00adber\u00adlie\u00adfert, und ohne entsprechende Hinweise zu Wieniawskis Arbeit an dem Werk konn\u00adten wir die Orchesterfassung nicht f\u00fcr die E\u00addi\u00adti\u00adon der Klavierfassung in Betracht zie\u00adhen.<!--more--><\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz ist die Orchesterfassung eine wertvolle und interessante Quelle, da sie uns im Einzelnen Aufschluss \u00fcber den Kompositionsprozess der <em>Scherzo-Tarantella<\/em> ge\u00adben kann.<\/p>\n<p>Das Hauptaugenmerk in diesem Artikel liegt auf zwei musikalischen Aspekten, die le\u00addig\u00adlich die Orchesterfassung von Wieniawskis <em>Scherzo-Tarantella<\/em> betreffen: einerseits die erweiterte Einleitung (dort 20 Takte lang) vor dem ersten Soloeinsatz, an\u00adde\u00adrer\u00adseits das musikalische Begleitmaterial der D-dur-Passagen des \u201eCantabile\u201c-Teils. Eine Un\u00adter\u00adsu\u00adchung dieser Teile in Bezug auf ihre musikalische Struktur, technische \u00dc\u00adber\u00adle\u00adgung\u00aden f\u00fcr den Pianisten sowie im Hinblick auf das Ensemble f\u00f6rdern Hinweise zutage, die Wie\u00adni\u00adaws\u00adkis kompositorischen Prozess und seine Ideen erkennen lassen. (Die Taktzahlen un\u00adter\u00adschei\u00adden sich in den beiden Fassungen. Um den Vergleich und die Disskussion zu ver\u00adein\u00adfach\u00aden, beziehen sich alle Taktzahlen in diesem Artikel auf die diejenigen, wie sie in <a title=\"HN 553\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Scherzo-Tarantella+g-moll+op.+16_553\" target=\"_blank\">HN 553<\/a> abgedruckt sind.)<\/p>\n<h2>Unterschiede zwischen der Fassung f\u00fcr Violine und Klavier und der Fassung f\u00fcr Violine und Orchester<\/h2>\n<p>In der autographen Partitur der Orchesterfassung ist der Solopart (in T. 271) als \u201eCan\u00adtan\u00adte\u201c anstelle von \u201eCantabile\u201c bezeichnet, w\u00e4hrend gleichzeitig oberhalb der Notenzeile der ersten Violine \u201eScherzando\u201c notiert ist. In diesen D-dur-Teilen spielen die ersten und zweiten Violinen Passagenwerk, das auf Material aus dem ersten Teil der Tarantella ba\u00adsiert, besonders auf den wellenf\u00f6rmigen Triolen und dem Oktavsprungmotiv. Be\u00admer\u00adkens\u00adwert ist, dass in der Begleitung kein Material der Solo-Violine aus dem Kopfthema der Ta\u00adran\u00adtel\u00adla verwendet wird. (Siehe Bsp. 1: Takte 271 bis 278. Um so viele Schichten und Stimmen wie m\u00f6glich in kompakter Form darzustellen, wurden die Beispiele unten auf einen Kla\u00advier\u00adaus\u00adzug reduziert, ohne gro\u00dfen Wert auf die technische Ausf\u00fchrbarkeit zu legen. Die Bogenf\u00fchrung folgt dem Manuskript.)<\/p>\n<p><strong>Bsp. 1: Takte 271 bis 278<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex1_m271-278_NEU.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2294\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex1_m271-278_NEU.jpg\" alt=\"\" width=\"3162\" height=\"636\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex1_m271-278_NEU.jpg 3162w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex1_m271-278_NEU-300x60.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex1_m271-278_NEU-1024x205.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 3162px) 100vw, 3162px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Wiederholung des Oktavsprungmotivs leitet elegant in den ebenso von der Tarantella inspirierten Solo-Teil der Violine \u00fcber, der in Takt 301 Oktavspr\u00fcnge aufweist (mit der Be\u00admer\u00adkung <em>grazioso<\/em> in der Fassung f\u00fcr Violine und Klavier, ohne Zusatz in der Fassung f\u00fcr Violine und Orchester). (Siehe Bsp. 2: Takte 294 bis 302.)<\/p>\n<p><strong>Bsp. 2: Takte 294 bis 302<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex2_m294-302_NEU.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2295\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex2_m294-302_NEU.jpg\" alt=\"\" width=\"3166\" height=\"652\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex2_m294-302_NEU.jpg 3166w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex2_m294-302_NEU-300x61.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex2_m294-302_NEU-1024x210.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 3166px) 100vw, 3166px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr zu einem \u201eScherzando\u201c in Takt 317, das dem vorherigen \u00e4hnelt, wird die Satztechnik anspruchsvoller, mit Arpeggio-Akkorden in den Streichern. Dies leitet \u00fc\u00adber in die mit Akkorden ausgeschm\u00fcckten Oktavspr\u00fcnge in der Solo-Violine in Takt 347. (Siehe Bsp. 3: Takte 341 bis 350.) Zudem spielt die Solo-Violine in den Takten 343 bis 346 jeweils eine ausgehaltene leere A-Saite statt der Oktavverdoppelungen, wie in der Fas\u00adsung f\u00fcr Violine und Klavier.<\/p>\n<p><strong>Bsp. 3: Takte 341 bis 350<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex3_m341-350_NEU.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2296\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex3_m341-350_NEU.jpg\" alt=\"\" width=\"3164\" height=\"780\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex3_m341-350_NEU.jpg 3164w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex3_m341-350_NEU-300x73.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex3_m341-350_NEU-1024x252.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 3164px) 100vw, 3164px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die erweiterte Einleitung in der Fassung f\u00fcr Violine und Orchester beginnt mit einer Art Frage-Antwort-Spiel; die Bl\u00e4ser spielen Oktavspr\u00fcnge, woraufhin die Streicher mit Tri\u00ado\u00adlen antworten. Es folgt ein Crescendo, das die Triolen und Oktavspr\u00fcnge kombiniert, um schlie\u00dflich in den Einsatz der Solo-Violine \u00fcberzuleiten. Dies unterscheidet sich sehr von der komprimierten Introduktion der Fassung f\u00fcr Violine und Klavier. (Siehe Bsp. 4: Be\u00adginn der Fassung f\u00fcr Violine und Orchester.)<\/p>\n<p><strong>Bsp. 4: Beginn der Fassung f\u00fcr Violine und Orchster<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex4_opening_vln_orch_ver_NEU.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2297\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex4_opening_vln_orch_ver_NEU.jpg\" alt=\"\" width=\"3088\" height=\"1860\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex4_opening_vln_orch_ver_NEU.jpg 3088w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex4_opening_vln_orch_ver_NEU-300x180.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/Wieniawski_Op16_blog_Ex4_opening_vln_orch_ver_NEU-1024x616.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 3088px) 100vw, 3088px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Welche Aufschl\u00fcsse bietet die Fassung f\u00fcr Violine und Orchester ?<\/h2>\n<p>Es ist festzuhalten, dass man nicht wei\u00df, ob die Fassung f\u00fcr Violine und Orchester vor oder nach der f\u00fcr Violine und Klavier komponiert wurde. Weil die Fassung f\u00fcr Violine und Klavier zudem die einzige ist, die publiziert wurde, war es aus dem Blick\u00adwin\u00adkel un\u00adse\u00adrer Edition klar, dass die abweichenden Elemente der Fassung f\u00fcr Violine und Or\u00adches\u00adter nicht in den Klavierauszug \u00fcbertragen oder mit diesem vermischt werden sollten.<\/p>\n<p>F\u00fcr den wissbegierigen Interpreten oder Wissenschaftler kann es aber lohnenswert sein, sich ausf\u00fchrlicher mit den signifikanten Unterschieden zwischen den Fassungen zu be\u00adfas\u00adsen. Diese k\u00f6nnten auf Wieniawskis praktische und\/oder k\u00fcnstlerische \u00dc\u00adber\u00adle\u00adgung\u00aden hinsichtlich beider Ensemblearten hinweisen oder sogar \u00fcber das Konzept der Kom\u00adpo\u00adsi\u00adti\u00adon selbst Aufschluss geben.<\/p>\n<h2>J\u00f3zef Wieniawski<\/h2>\n<div id=\"attachment_2383\" style=\"width: 202px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/images.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2383\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2383\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/images.jpg\" alt=\"Henryk Wieniawski\" width=\"192\" height=\"262\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2383\" class=\"wp-caption-text\">Henryk Wieniawski<\/p><\/div>\n<p>Bis 1855 trat Henryk Wieniawski f\u00fcr gew\u00f6hnlich mit seinem als Pianisten sehr ta\u00adlen\u00adtier\u00adten Bruder J\u00f3zef auf. Sie komponierten sogar gemeinsam, woraus ein fr\u00fc\u00adhe\u00adres Werk, das <em>Grand Duo Polonaise<\/em> (op. 8 f\u00fcr Henryk und op. 5 f\u00fcr J\u00f3zef), entstand. Aus diesem Grund ist es sehr wahrscheinlich, dass die jeweilige Klavierstimme in Henryks Kom\u00adpo\u00adsi\u00adti\u00ado\u00adnen \u2013 bis hin zur 1855 ent\u00adstan\u00addenen <em>Scherzo-Tarantella<\/em> oder davor \u2013 J\u00f3zefs kritische Pr\u00fcfung durchlief und dessen pianistischen Vorlieben widerspiegelt, da er schlie\u00dflich der\u00adje\u00adni\u00adge war, der den Klavierpart \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Obwohl es keine Beweise gibt, dass die Fas\u00adsung f\u00fcr Violine und Orchester vor der Fas\u00ad\u00adsung f\u00fcr Violine und Klavier entstand, ist dies durchaus m\u00f6glich. Die Fas\u00adsung f\u00fcr Violine und Klavier enth\u00e4lt mehr Auff\u00fchrungsanweisungen und einige Un\u00adter\u00adschie\u00adde bez\u00fcglich Kon\u00adtra\u00adpunkt und Phrasierung, die man als Verbesserung ansehen kann. Und wenn wir dieser Hypothese weiter folgen, ist es wahrscheinlich, dass die Fas\u00adsung f\u00fcr Violine und Orchester entworfen wurde, als Henryk und J\u00f3zef noch die Ab\u00adsicht hatten, zusammen aufzutreten. Demnach k\u00f6nnte es sein, dass irgendwann in Erw\u00e4gung gezogen wurde, mu\u00adsi\u00adka\u00adli\u00adsche Ideen aus der Fas\u00adsung f\u00fcr Violine und Orchester in die Kla\u00advier\u00adstim\u00adme zu \u00fc\u00adber\u00adneh\u00admen. Dies h\u00e4tte zur Folge gehabt, dass die Kla\u00advier\u00adstim\u00adme im Ver\u00adgleich zur letzt\u00adend\u00adlich ver\u00f6ffentlichten Fassung f\u00fcr Violine und Klavier st\u00e4rker in den Vordergrund getreten w\u00e4re.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/170px-Jozef_Wieniawski.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2384 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/10\/170px-Jozef_Wieniawski.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"220\" \/><\/a><\/p>\n<p>Anders ausgedr\u00fcckt: Die l\u00e4ngere Einleitung am Anfang und die komplexere Begleitung in den Takten 271 bis 301 und 317 bis 347 werfen die Frage auf, ob es zu einem fr\u00fcheren Zeit\u00adpunkt beabsichtigt war, J\u00f3zef eine selbst\u00e4ndigere Kla\u00advier\u00adstim\u00adme zuzuweisen. Das w\u00e4\u00adre in Henryks Kom\u00adpo\u00adsi\u00adti\u00ado\u00adnen kei\u00adne Seltenheit. Beispielsweise verf\u00fcgt sein <em>Th\u00e8me o\u00adri\u00adgi\u00adnal vari\u00e9<\/em>, op. 15 \u00fcber virtuose begleitende Klavierpassagen zur Violin-Melodie und \u00fc\u00adber eine Themenzitat, das die Auf\u00admerk\u00adsam\u00adkeit auf das Klavier lenkt.<\/p>\n<p>Aber mit der beruflichen Trennung von J\u00f3zef k\u00f6nnte Henryk gezwungen worden sein, die l\u00e4ngere Einleitung und die potenziell technisch anspruchsvolle und musikalisch kom\u00adple\u00adxe <em>Cantante \/ Scherzando<\/em>-Episode zu \u00fcberarbeiten. Als die <em>Scherzo-Tarantella<\/em> als Fassung f\u00fcr Violine und Klavier ver\u00f6ffentlicht werden sollte, hatte Henryk keinen fes\u00adten Pianisten als Partner mehr, auf den er sich auf allen Ebenen verlassen konnte. Das k\u00f6nn\u00adte ihn auf die Idee gebracht haben, die Klavierstimme der <em>Scherzo-Tarantella<\/em> ein\u00adfa\u00adcher zu gestalten. Ist dies auch rein spekulativ, so bietet es doch immerhin eine prak\u00adti\u00adsche Er\u00adkl\u00e4\u00adrung f\u00fcr die viel k\u00fcrzere und einfachere Einleitung und die <em>Cantante<\/em>-Passage (ge\u00ad\u00e4n\u00addert zu <em>Cantabile<\/em>), die durch ein konventionelles Satz-Schema bestehend aus Melodie mit Arpeggiobegleitung neu gestaltet wurde.<\/p>\n<h2>Eine Fusion aus Elementen von Scherzo und Tarantella<\/h2>\n<p>Ein anderer Erkl\u00e4rungsansatz mit weitreichenden musikalischen Konsequenzen beruht auf Belegen in der Fassung f\u00fcr Violine und Orchester, denen zufolge Henryk eine Pas\u00adsa\u00adge komponieren wollte, in der Elemente aus dem Scherzo und der Tarantella mit\u00adein\u00adan\u00adder verschmelzen sollten, und dies in einem Kontext, der die bezaubernde Vi\u00ado\u00adlin\u00adme\u00adlo\u00addie gut zur Geltung bringen sollte. Dies lenkt den Blick auf viele m\u00f6gliche Fragen, unter an\u00adde\u00adrem, was Wieniawski mit dem Titel <em>Scherzo-Tarantella<\/em> beabsichtigte, und auf die Kom\u00adple\u00adxi\u00adt\u00e4t der musikalischen Gedanken, die er in dieses Virtuosenst\u00fcck investierte.<\/p>\n<p>Wie in den Beispielen oben gezeigt wurde, spielt die Solo-Violine in dem Abschnitt <em>Can\u00adtan\u00adte \/ Scherzando<\/em> eine lyrische Melodie, die von scherzo-artigen Elementen be\u00adglei\u00adtet wird, unter R\u00fcckbeziehung auf die Schl\u00fcsselelemente des Tarantella-Anfangs. Auch ist festzustellen, dass dies in ganz \u00e4hnlicher Weise geschieht wie in der Einleitung (der\u00adsel\u00adben Fassung f\u00fcr Violine und Orchester). Aus formaler Sicht ist das <em>Cantante \/ Scher\u00adzan\u00addo<\/em> indessen die zweite lyrische Episode, die in Dur steht (hier in D-dur), bevor die Ta\u00adran\u00adtel\u00adla in der Grundtonart g-moll wieder aufgegriffen wird. Strukturell befindet sich daher das <em>Cantante \/ Scherzando<\/em> an der Schl\u00fcsselposition des St\u00fcckes. Die variierte Wie\u00adder\u00adho\u00adlung der <em>Cantante \/ Scherzando<\/em>-Sequenz (d. h. Takte 271 bis 301 und Takte 317 bis 347) wie auch ihre komplexe Schichtung von Motiven belegt zudem, dass Wieniawski sich der Bedeutung dieses Abschnitts durchaus bewusst war.<\/p>\n<p>Sowohl die Fassung f\u00fcr Violine und Klavier als auch die f\u00fcr Violine und Orchester spie\u00adgeln die stilistischen Merkmale einer Tarantella wie auch eines Scherzos mit seinen Trio-<br \/>\nKontrasten wider. Nur aber die Fassung f\u00fcr Violine und Orchester zielt auf eine Syn\u00ad\u00adthe\u00ad\u00adse der beiden Genres. Mit dem <em>Cantante \/ Scherzando<\/em> setzt Wieniawski, im Mit\u00adtel\u00ad\u00adpunkt des St\u00fcckes, das Versprechen des Titels w\u00f6rtlich um.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bleibt die Frage, warum die Fassung f\u00fcr Violine und Klavier keine derartig raffinierte Verschmelzung von Scherzo und Tarantella aufweist. Vielleicht war Wie\u00adni\u00adaws\u00adki mit seinem ehrgeizigen Experiment nicht ganz zufrieden oder fand es zu sperrig und kompliziert f\u00fcr die Besetzung Violine \/ Klavier. Es ist \u00fcberdies denkbar, dass die \u00c4n\u00adde\u00adrung des <em>Cantante \/ Scherzandos<\/em> in das <em>Cantabile<\/em> der Fassung f\u00fcr Violine und Klavier Wieniawski davon \u00fcberzeugte, dessen strukturelle Beziehung zur Einleitung zu \u00fc\u00adber\u00adden\u00adken. Mit anderen Worten, ein vereinfachtes <em>Cantabile<\/em> kann der Grund gewesen sein, auch die Einleitung weniger komplex zu gestalten.<\/p>\n<p>Festzuhalten bleibt, dass Wieniawski die Fassung f\u00fcr Orchester und Violine nicht ver\u00ad\u00f6f\u00adfent\u00adlich\u00adte und dass die <em>Scherzo-Tarantella<\/em> in der vorliegenden Form f\u00fcr Violine und Klavier, diejenige Fassung darstellt, die Wieniawski zur Ver\u00f6ffentlichung freigab. Die Kenntnis der Fassung f\u00fcr Violine und Orchester kann allerdings unsere Wert\u00adsch\u00e4t\u00adzung f\u00fcr Wieniawskis kompositorische Komplexit\u00e4t, sein scharfes Urteilsverm\u00f6gen und seine Umsicht vergr\u00f6\u00dfern. Die Summe seiner Entscheidungen brachten die Version der <em>Scher\u00adzo-Tarantella<\/em> hervor, die wir heute so sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Der Beitrag wurde verfasst von <a title=\"Ray Iwazumi\" href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/die-autoren\/\" target=\"_blank\">Dr. Ray Iwazumi<\/a>.<\/p>\n<p>[wpaudio url=&#8221;https:\/\/blog.henle.de\/audio\/Iwazumi_Usui_Wieniawski_ScherzoTarantella.mp3&#8243; text=&#8221;Henryk Wieniawski: <em>Scherzo-Tarantella<\/em>, op. 16 f\u00fcr Violine und Klavier (Violine: Dr. Ray Iwazumi, Klavier: Toshiki Usui)&#8221; dl=&#8221;0&#8243;]<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2013\/10\/rayiwazumi_Cover.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-1352 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/en\/files\/2013\/10\/rayiwazumi_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"120\" \/><\/a><br \/>\nVon der CD: <a title=\"Iwazumi &amp; Usui Play Brahms, Debussy, Mozart, Wieniawski and Ysa\u00ffe\" href=\"http:\/\/www.cdbaby.com\/cd\/rayiwazumi\" target=\"_blank\">Iwazumi &amp; Usui Play Brahms, Debussy, Mozart, Wieniawski and Ysa\u00ffe<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie im Vorwort der Henle-Ausgabe von Henryk Wi\u00ade\u00adni\u00adaws\u00adkis Scherzo-Tarantella (HN &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/10\/14\/wieniawskis-scherzo-tarantella-op-16-entwurfe-fur-eine-synthese-zwischen-einer-tarantella-und-einem-scherzo\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":9,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,339,3,367,452,408,324],"tags":[148,149,147,146],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2288"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/9"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2288"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2288\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}