{"id":249,"date":"2012-01-09T08:00:30","date_gmt":"2012-01-09T07:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=249"},"modified":"2015-05-19T14:14:04","modified_gmt":"2015-05-19T12:14:04","slug":"manchmal-muss-man-tiefer-graben-oder-was-der-bratschist-in-hoffmeisters-konzert-wirklich-spielen-sollte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/01\/09\/manchmal-muss-man-tiefer-graben-oder-was-der-bratschist-in-hoffmeisters-konzert-wirklich-spielen-sollte\/","title":{"rendered":"Manchmal muss man tiefer graben! Oder: Was der Bratschist in Hoffmeisters Konzert wirklich spielen sollte."},"content":{"rendered":"<p>Die meisten Bratschisten st\u00f6hnen laut auf, wenn die Namen Hoffmeister und Stamitz fallen. Zu oft und immer wieder mussten sie sich\u00a0deren Solokonzerten unter enormem Erfolgsdruck widmen. Es findet kaum ein Probespiel f\u00fcr eine Orchesterstelle\u00a0statt, ohne dass eines der Konzerte (meist nur der Anfang des 1. Satzes) in der ersten Auswahlrunde mit Klavierbegleitung vorgetragen werden muss. <!--more-->Das\u00a0stellt nicht nur die Bewerber auf die Probe \u2013 auch bei den anwesenden Orchestermitgliedern, die schlie\u00dflich \u00fcber die Stellenbesetzung entscheiden, baut sich ein gewisser \u201eLeidensdruck\u201c auf, wenn man zum f\u00fcnfzigsten Mal dasselbe h\u00f6rt. Kurzum, mit sp\u00e4testens etwa 26 Jahren wollen Bratschisten normalerweise mit diesen Werken nichts mehr zu tun haben, und die Konzerte werden daher auch nur sehr selten \u00f6ffentlich aufgef\u00fchrt. Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel: Nils M\u00f6nkemeyer spielte das Hoffmeister-Konzert im Dezember 2011 in M\u00fcnchen und spricht bei einem vom Bayerischen Rundfunk mitgeschnittenen \u201e<a title=\"Probenstreiflicht\" href=\"http:\/\/www.mediathek.ard.de\/ard\/servlet\/content\/3517136?documentId=9220244\" target=\"_blank\">Probenstreiflicht<\/a>\u201c davon, wie gl\u00fccklich er sich sch\u00e4tzt, diesem St\u00fcck so unvoreingenommen begegnen zu k\u00f6nnen, weil er die Probespielsituation nie erleben musste.<\/p>\n<p><em>Die Ausgaben<\/em><br \/>\nWenn man das Hoffmeister-Konzert wegen eines anstehenden Probespiels einstudiert, konzentriert man sich nat\u00fcrlich zun\u00e4chst darauf, das St\u00fcck technisch zu beherrschen, und schlie\u00dflich, daraus \u201e<a title=\"Probenstreiflicht\" href=\"http:\/\/www.mediathek.ard.de\/ard\/servlet\/content\/3517136?documentId=9062256\" target=\"_blank\"><\/a>Musik\u201c zu machen. Jeder gute Lehrer wei\u00df, auf welche Stellen im Probespiel geachtet wird, was sitzen muss, was erwartet wird. Er wei\u00df auch, nach welcher Ausgabe man das St\u00fcck zu spielen hat. Denn hier kann der falsche Griff schnell fatale Auswirkungen haben. Nehmen wir als Beispiel das Thema des Rondos, denn hier lassen sich die Probleme sehr deutlich zeigen. Es folgt \u2013 ohne Namen zu nennen \u2013 eine Zusammenstellung aus verschiedenen am Markt erh\u00e4ltlichen Ausgaben:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister1_r.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-250 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister1_r-1024x294.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"183\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister1_r-1024x294.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister1_r-300x86.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister2_r.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-252\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister2_r-1024x231.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"144\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister2_r-1024x231.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister2_r-300x67.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister3_r.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-253\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister3_r-1024x227.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"141\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister3_r-1024x227.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister3_r-300x66.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister4_r1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-256\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister4_r1-1024x250.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"156\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister4_r1-1024x250.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister4_r1-300x73.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/Hoffmeister4_r.jpg\"><\/a><\/p>\n<p>Ja, was denn nun? Das Tempo <em>Allegro<\/em>, <em>Allegretto <\/em>(mit Metronomangabe) oder sonstwie frei gew\u00e4hlt? Der Soloeinsatz<strong><em> f <\/em><\/strong>oder <em><strong>p<\/strong><\/em>? Der erste Takt Staccato oder mit Bindung, beim Auftakt zum dritten Takt ein Doppelschlag oder nicht? (Um die Sache nicht noch un\u00fcbersichtlicher zu machen, habe ich Fingersatz und Strichbezeichnungen aus den Beispielen herausretuschiert.)<\/p>\n<p>Zum Teil waren hier bekannte Herausgeber und Musiker am Werk, die den Notentext nach ihren Vorstellungen einrichteten. Aber auf welcher Basis? Was ist hier Hoffmeister und was ist Zutat? Wir sind bei der Frage nach dem Urtext angekommen.<\/p>\n<p><em>Die Quelle<\/em><br \/>\nSicher hat Hoffmeister dieses Konzert in Form einer Orchesterpartitur komponiert und niedergeschrieben. Dieses Autograph ist leider nicht erhalten. Auch erschien zu seinen Lebzeiten das Violakonzert nicht im Druck. Die einzige zeitgen\u00f6ssische Quelle des Werks ist ein Orchesterstimmensatz einschlie\u00dflich einer Solostimme, der von drei Kopisten hergestellt wurde. Der Stimmensatz, der heute in der S\u00e4chsischen Landesbibliothek Dresden\u00a0aufbewahrt wird, k\u00f6nnte aus dem Jahr 1799 stammen, als in Wien solche Abschriften zum Verkauf angeboten wurden. In Dresden geh\u00f6rte das Orchestermaterial Joseph Schubert (1754\u20131837), einem Komponisten und Bratschisten der dortigen Hofkapelle, der eine dem Material beiliegende Kadenz zum 1. Satz verfasste und das Konzert dort wohl auch auff\u00fchrte.<\/p>\n<p>Da aus diesem zeitgen\u00f6ssischen Stimmensatz mehrfach musiziert wurde, finden sich in den Stimmen\u00a0zahlreiche Eintragungen von verschiedenen Musikern. Besonders die Solostimme wurde intensiv ge\u00e4ndert \u2013 ich fand mindestens vier verschiedene Schreiber. Die \u00c4nderungen gehen so weit, dass zahlreiche urspr\u00fcnglich mit Tinte geschriebenen Zeichen ausgekratzt und wiederum in Tinte mit anderen Zeichen \u00fcberschrieben wurden. Das Rondothema pr\u00e4sentiert sich heute in dieser Quelle so (man vergleiche die\u00a0vierte Ausgabe oben):<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HoffmeisterAbschrift.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-260\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HoffmeisterAbschrift-1024x308.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"192\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HoffmeisterAbschrift-1024x308.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HoffmeisterAbschrift-300x90.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Recht deutlich kann man die verschiedenen H\u00e4nde erkennen, die hier am Werk waren. Allein schon die unterschiedliche Dicke der B\u00f6gen verr\u00e4t, dass es sich nicht nur um einen Schreiber handelt. Sieht man das Original in Dresden, so hilft die Farbe der benutzten Tinten \u2013 mal grauer, mal brauner \u2013 und die charakteristische Schreibweise (z.B. der in Takt 6 ungew\u00f6hnlich nach rechts \u201e<a title=\"Probenstreiflicht\" href=\"http:\/\/www.mediathek.ard.de\/ard\/servlet\/content\/3517136?documentId=9062256\" target=\"_blank\"><\/a>kippende\u201c Bogen), die sp\u00e4teren Erg\u00e4nzungen von der urspr\u00fcnglichen ersten Niederschrift des Kopisten zu unterscheiden. In sehr vielen F\u00e4llen kann man au\u00dferdem recht gut rekonstruieren, was einmal dort stand und sp\u00e4ter ausgekratzt wurde. So lassen sich selbst in der schlechten Reproduktion oben die dort einmal in Takt 3 und 4 \u00fcber dem System notierten B\u00f6gen erkennen.<\/p>\n<p><em>Der Urtext<\/em><br \/>\nWarum m\u00fcssen wir so tief graben? Weil wir den Notentext der Stimmenabschrift von allen unautorisierten Erg\u00e4nzungen und \u00c4nderungen befreien m\u00fcssen, um zur \u00e4ltesten Schicht vorzudringen, die zeitlich und in ihrer Abh\u00e4ngigkeit dem Original Hoffmeisters am n\u00e4chsten kommt. Wenn wir also diesen \u00e4ltesten Notentext rekonstruiert haben, sind wir den Intentionen des Komponisten so nahe gekommen, wie die vorliegende Quellensituation es erlaubt. Und hier ist das Ergebnis:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HenleHoffmeister.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-271\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HenleHoffmeister-1024x273.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HenleHoffmeister-1024x273.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/HenleHoffmeister-300x80.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wir haben den Urtext dieser Stelle wiederhergestellt (siehe unsere Ausgabe <a title=\"Hoffmeister Violakonzert\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violakonzert+D-dur_739\" target=\"_blank\">HN 739<\/a>). Nicht mehr und nicht weniger. Unsere Aufgabe als Urtext-Herausgeber ist damit erf\u00fcllt. Unter den gegebenen Umst\u00e4nden k\u00f6nnen wir Hoffmeisters W\u00fcnschen zum Notentext nicht n\u00e4her kommen. Man sieht sofort, dass der Urtext nicht alle oben gestellten Fragen beantworten kann: Es findet sich am Anfang weder eine Tempo- noch eine Dynamikangabe. Dagegen ist die Artikulation bis ins Detail fixiert. Besonders heikel ist die Frage, ob das Fehlen des Doppelschlags nun zwingend bedeutet, dass keiner gespielt werden <em>darf<\/em> &#8230;<\/p>\n<p>Was sollte der Bratschist nun \u2013 um auf die Anfangsfrage zur\u00fcckzukommen \u2013 wirklich spielen? Ich ma\u00dfe mir als Urtext-Herausgeber nicht an, das beantworten zu k\u00f6nnen. Ich liefere dem Interpreten einen den Intentionen des Komponisten m\u00f6glichst nahe kommenden Notentext, mit allen \u201e<a title=\"Probenstreiflicht\" href=\"http:\/\/www.mediathek.ard.de\/ard\/servlet\/content\/3517136?documentId=9062256\" target=\"_blank\"><\/a>Leerstellen\u201c, die darin zu finden sind. Was ich \u00fcber diesen Notentext ermittelt und entschieden habe, dokumentiere ich im Vorwort und in den Bemerkungen. Ich erwarte, dass der Musiker sich mit meiner Notenausgabe unter Einbeziehung seiner musikalischen Erfahrung, seines Wissens und seines Talents auseinandersetzt. Ich biete ihm die Chance, informierte Entscheidungen \u00fcber den Notentext zu treffen. Der Rest liegt in seinen H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Vor zwanzig Jahren, als ich Bratschisten bei Probespielen am Klavier begleitete, w\u00e4re eine solche Herangehensweise an die Musik in dieser speziellen Situation zum Scheitern verurteilt gewesen. Haben sich die Zeiten ge\u00e4ndert?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Bratschisten st\u00f6hnen laut auf, wenn die Namen Hoffmeister &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/01\/09\/manchmal-muss-man-tiefer-graben-oder-was-der-bratschist-in-hoffmeisters-konzert-wirklich-spielen-sollte\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[400,306,20,3,102,405,381],"tags":[21,22,690,10],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/249"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=249"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/249\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=249"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=249"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=249"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}