{"id":2684,"date":"2013-11-25T08:00:35","date_gmt":"2013-11-25T07:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2684"},"modified":"2015-05-22T12:21:35","modified_gmt":"2015-05-22T10:21:35","slug":"hn-555-%e2%80%93-ein-druckfehler-in-cpe-bachs-sonate-fur-flote-solo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/11\/25\/hn-555-%e2%80%93-ein-druckfehler-in-cpe-bachs-sonate-fur-flote-solo\/","title":{"rendered":"HN 555 \u2013 Ein Druckfehler in CPE Bachs Sonate f\u00fcr Fl\u00f6te solo?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/HN-0555.gif\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-2692\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/HN-0555.gif\" alt=\"HN 555\" width=\"200\" height=\"264\" \/><\/a>In diesen Tagen kommt unser neuestes Urtext-Produkt frisch aus der Druckerei: eine Ausgabe der <em>Sonate a-moll f\u00fcr Fl\u00f6te solo<\/em> von Carl Philipp Emanuel Bach (<a title=\"HN 555\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Fl%C3%B6tensonate+a-moll+Wq+132_555\" target=\"_blank\">HN 555<\/a>). Von den praktischen Besonderheiten dieser Ausgabe soll an dieser Stelle nicht ausf\u00fchrlich die Rede sein (Klapptafel zum bl\u00e4tterfreundlichen Musizieren; vollst\u00e4ndige Reproduktion der Erstausgabe f\u00fcr all diejenigen, die sich in die Quelle dieses zentralen Fl\u00f6ten-Werkes vertiefen und m\u00f6glicherweise daraus spielen wollen; auff\u00fchrungspraktische Bemerkungen vom Traverso-Spezialisten <a title=\"Karl Kaiser\" href=\"http:\/\/www.barockorchester.de\/orchester\/ensemble\/musiker\/floete\/\" target=\"_blank\">Karl Kaiser<\/a>, der die Edition mit vielen Hinweisen begleitet hat und auf den wichtige Anregungen zum folgenden Text zur\u00fcckgehen). Nur um eine einzige Note im 2. Satz soll es in den folgenden \u00dcberlegungen gehen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Sonate ist allein durch eine Erstausgabe \u00fcberliefert, die 1762\/63, also zu Lebzeiten des Komponisten, erschien (eine sp\u00e4tere Abschrift ist nicht relevant, siehe <a title=\"Bemerkungen\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/media\/review\/0555.pdf\" target=\"_blank\">Bemerkungen<\/a>). Was bei anderen Editionen zu Schwierigkeiten f\u00fchren mag, ist im Fall der Solosonate von CPE Bach unproblematisch: Die einzige Quelle zu diesem Werk scheint absolut zuverl\u00e4ssig zu sein.<\/p>\n<p>So deutet auch in T. 103 des zweiten Satzes zun\u00e4chst nichts auf eine m\u00f6gliche Unklarheit hin:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/HN_555_Satz_2_Takt_-103.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2701 alignnone\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/HN_555_Satz_2_Takt_-103.jpg\" alt=\"T 103\" width=\"151\" height=\"85\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/HN_555_Satz_2_Takt_-103.jpg 312w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/HN_555_Satz_2_Takt_-103-300x166.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 151px) 100vw, 151px\" \/><\/a> <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/03.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2698\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/03.jpg\" alt=\"NB 3\" width=\"211\" height=\"91\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Vorschlagsnote \u2013 um sie wird es gehen \u2013 ist durch ein Vorzeichen eindeutig als <em>b<\/em><sup>1<\/sup> ausgewiesen. Spielt man die Passage, stellt sich jedoch unwillk\u00fcrlich ein Unbehagen ein. Ist wirklich <em>b<\/em><sup>1<\/sup> gemeint? In einem zweiten Anlauf mag man es mit <em>h<\/em><sup>1<\/sup> probieren, aber auch damit scheint etwas nicht zu stimmen. Gibt es Parallelstellen, welche die Stelle aus einem anderen Blickwinkel beleuchten k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Das Vorschlags-Motiv tritt gleich zu Beginn des 2. Satzes in T. 3 und 5 zum ersten Mal auf. In beiden F\u00e4llen ist nichts Ungew\u00f6hnliches zu entdecken. Dennoch scheinen die beiden Motive eine gewisse Spannung zu erzeugen. Wie kann aber in einer unbegleiteten Solosonate so etwas wie harmonische Spannung entstehen, wo doch ausgerechnet die harmonische Grundierung fehlt?<\/p>\n<p>Nun, die Begleitung fehlt nur scheinbar. Der Komponist bietet uns zwar nur eine Solostimme; daraus darf man aber nicht schlie\u00dfen, diese befinde sich im harmonisch luftleeren Raum. Im Generalbasszeitalter wurde auch eine unbegleitete Solosonate auf dem Hintergrund einer harmonischen Entwicklung, eines Basso continuo, erfunden. F\u00fcr die erw\u00e4hnten Takte 3\u20135 l\u00e4sst sich aus dem Tonvorrat der Melodie folgende harmonische Grundierung erschlie\u00dfen:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/01.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2710\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/01.jpg\" alt=\"NB 1\" width=\"652\" height=\"91\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/01.jpg 652w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/01-300x41.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 652px) 100vw, 652px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die einzelnen Noten der Solostimme stehen zu diesem virtuellen Basso continuo jeweils in einem unterschiedlichen Spannungsverh\u00e4ltnis. Der Vorschlag <em>e<\/em><sup>2<\/sup> in T. 3 harmoniert mit dem Bass perfekt, er bildet mit dem anzunehmenden <em>e<\/em> eine Oktave. Die folgende Hauptnote <em>d<\/em><sup>2<\/sup> hingegen ist eine Septime zum Bass. Diese \u201eReibung\u201c sp\u00fcrt man, auch wenn man die Begleitung nicht akustisch wahrnimmt. In T. 5 pr\u00e4sentiert sich die Situation genau umgekehrt. Zwar bildet auch hier die Hauptnote <em>f<\/em><sup>2<\/sup> eine Dissonanz zum Bass (eine None), sie wirkt jedoch ungleich \u201ekonsonanter\u201c als die Vorschlagsnote <em>g<\/em><sup>2<\/sup>. Der virtuelle Basso continuo steuert als Terz die Note <em>gis<\/em> bei, zu der das <em>g<\/em><sup>2<\/sup> der Fl\u00f6te maximal dissonant ist.<\/p>\n<p>Die Konsonanz- und Dissonanz-Spannungen haben \u00fcbrigens direkte Auswirkungen auf die Ausf\u00fchrung der Vorschl\u00e4ge: Der konsonante Vorschlag in T. 3 sollte kurz und unbetont, der dissonante in T. 5 hingegen ausdrucksvoll, d. h. lang und betont gespielt werden.<\/p>\n<p>In der Reprise wiederholt Bach diese sich in zwei Stufen steigernde Passage w\u00f6rtlich (T. 97 und 99). Hier geht er jedoch noch einen Schritt weiter: In T. 101 und 103 wiederholt er das Motiv erneut, nun aber in einem neuen harmonischem Umfeld:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/02.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2721\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/02.jpg\" alt=\"NB 2\" width=\"652\" height=\"113\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/02.jpg 652w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/11\/02-300x51.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 652px) 100vw, 652px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In T. 101 dissonieren Vorschlag und Hauptnote stark mit dem virtuellen Basso continuo (<em>c<\/em><sup>2<\/sup> zur Terz <em>cis<\/em>, <em>b<\/em><sup>1<\/sup> zum Grundton <em>a<\/em>), was eine weitere Steigerung der Spannung gegen\u00fcber T. 97 und 99 bedeutet. In T. 103, unserem Problemtakt, scheint die Situation jedoch wieder \u00e4hnlich wie in T. 5 zu sein. <em>b<\/em><sup>1<\/sup> dissoniert stark mit der Terz <em>h<\/em>, <em>a<\/em><sup>1<\/sup> etwas weniger stark mit dem Grundton <em>g<\/em>. Bach scheint also die Spannung nach T. 101 wieder ein wenig abbauen zu wollen. Wo liegt nun das Problem?<\/p>\n<p>Die Vorschlagsnote <em>b<\/em><sup>1<\/sup> weist eine Besonderheit auf. T. 103 wendet sich in T. 104 in seine Zieltonart, C-dur. Das <em>b<\/em><sup>1<\/sup> ist im Tonvorrat dieser Zieltonart nicht enthalten, was \u2013 zus\u00e4tzlich zu den beschriebenen Reibungen mit der virtuellen Harmonik \u2013 den fremden Klang dieser Vorschlagsnote erkl\u00e4rt. An den Parallelstellen hingegen war die Vorschlagsnote jeweils Teil des Tonvorrates der Zieltonart im Folgetakt. Bei der Edition dr\u00e4ngte sich daher die Frage auf, ob die Quelle an dieser Stelle m\u00f6glicherweise irrt. Meinte Bach <em>h<\/em><sup>1<\/sup> statt <em>b<\/em><sup>1<\/sup>? Hatte er eine \u201eharmonisch entspannte\u201c L\u00f6sung (\u00e4hnlich wie in T. 3) im Blick, bei welcher der Vorschlag <em>h<\/em><sup>1<\/sup> mit dem virtuellen Basso continuo harmoniert?<\/p>\n<p>M\u00f6glich ist es. Es w\u00e4re denkbar, dass Bach im verschollenen Autograph ausdr\u00fccklich ein \u266e notierte, das im Notenstich der Erstausgabe versehentlich zu einem \u266d-Vorzeichen umgedeutet wurde.<\/p>\n<p>Dennoch: wir kommen um das \u266d-Vorzeichen im Erstdruck nicht herum. H\u00e4tte sich eine zweite Quelle \u2013 idealerweise ein Autograph \u2013 erhalten, k\u00f6nnten wir eine der beiden Lesarten dort best\u00e4tigt finden. So, auf der Grundlage einer einzigen Quelle, schien uns die einzige L\u00f6sung, die Fassung gem\u00e4\u00df Erstausgabe (<em>b<\/em><sup>1<\/sup>) in den Haupttext zu stellen und in einer Fu\u00dfnote auf das m\u00f6gliche <em>h<\/em><sup>1<\/sup> hinzuweisen. Ob Bach die zahmere oder die \u00fcberraschende, spannungsreichere favorisiert h\u00e4tte \u2013 wir k\u00f6nnen es nicht mit letzter Sicherheit entscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In diesen Tagen kommt unser neuestes Urtext-Produkt frisch aus der &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/11\/25\/hn-555-%e2%80%93-ein-druckfehler-in-cpe-bachs-sonate-fur-flote-solo\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[326,88,337,365,3],"tags":[47,160,158,159,113],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2684"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2684"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2684\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2684"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2684"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2684"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}