{"id":2757,"date":"2013-12-09T08:00:34","date_gmt":"2013-12-09T07:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2757"},"modified":"2015-05-22T13:24:49","modified_gmt":"2015-05-22T11:24:49","slug":"wozu-eigentlich-faksimiles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/12\/09\/wozu-eigentlich-faksimiles\/","title":{"rendered":"Wozu eigentlich Faksimiles?"},"content":{"rendered":"<p>Zwar machen die blauen Urtext-Ausgaben den L\u00f6wenanteil unseres Katalogs aus, aber so ganz nebenbei produzieren wir auch noch eine ganz andere Art von Noten, n\u00e4mlich Faksimiles, also originalgetreue Reproduktionen von besonders bedeutenden Handschriften. Oft genug f\u00fchren wir zu einem Werk sogar beides, so dass mancher sich fragen mag: Wozu braucht man eigentlich das Faksimile, wenn man doch eine verl\u00e4ssliche Urtext-Ausgabe hat, die gerade diese Quelle wissenschaftlich auswertet und dem Musiker damit die optimale Auff\u00fchrungsgrundlage f\u00fcr das Werk bietet?<!--more--> Andr\u00e1s Schiff liefert daf\u00fcr in seinem Geleitwort f\u00fcr unsere gerade in Vorbereitung befindliche Faksimile-Ausgabe des Schubertschen <em>Es-dur-Klaviertrios<\/em> (HN 3225) ein starkes Argument, dem sicher viele Musiker zustimmen werden: \u201eGute Notenausgaben sind wichtig, Manuskripte unentbehrlich [&#8230;], nur durch sie k\u00f6nnen wir uns den Sch\u00f6pfern der Werke wirklich nahe f\u00fchlen.\u201c<\/p>\n<p>Ebenso wie uns das Autograph eines Goethe-Gedichts oder die erste Seite einer Kafka-Erz\u00e4hlung auf besondere Weise ansprechen, so \u201elesen\u201c wir eben auch Chopins ber\u00fchmte <em>As-dur-Polonaise op. 53<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3221\" target=\"_blank\">HN 3221<\/a>) oder Beethovens sp\u00e4tes <em>Streichquartett op. 132<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3222\" target=\"_blank\">HN 3222<\/a>) in der individuellen, nuancenreichen Handschrift ihres Sch\u00f6pfers mit anderen Gef\u00fchlen und Erkenntnissen als im normierten Partiturbild einer modernen Urtext-Ausgabe.<\/p>\n<div id=\"attachment_2776\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3217-S.2_beschnitten.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2776\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2776 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3217-S.2_beschnitten-1024x806.jpg\" alt=\"\" width=\"410\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3217-S.2_beschnitten-1024x806.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3217-S.2_beschnitten-300x236.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3217-S.2_beschnitten.jpg 1113w\" sizes=\"(max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2776\" class=\"wp-caption-text\">Schumann, Autograph Waldszenen<\/p><\/div>\n<p>Das gilt nicht nur f\u00fcr Streichungen, Korrekturen und \u00dcberklebungen, die uns in Arbeitsmanuskripten wie Schumanns <em>Waldszenen<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3217\" target=\"_blank\">HN 3217<\/a>) oder Liszts <em>Rigoletto-Paraphrase<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Rigoletto+-+Concert+Paraphrase_3219\" target=\"_blank\">HN 3219<\/a>) einen Einblick in die Werkstatt des Komponisten geben. Auch die Vehemenz oder Eleganz der s\u00e4uberlichen Niederschrift von Mozarts <em>Streichquartett F-dur KV 168<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3209\" target=\"_blank\">HN 3209<\/a>) oder Debussys bezaubernder <em>L\u2019isle joyeuse<\/em> f\u00fcr Klavier (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3224\" target=\"_blank\">HN 3224<\/a>) teilt uns viel \u00fcber den Charakter der Musik mit.<\/p>\n<div id=\"attachment_2778\" style=\"width: 564px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3224-S.1_beschnitten.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2778\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-2778 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3224-S.1_beschnitten.jpg\" alt=\"\" width=\"554\" height=\"727\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3224-S.1_beschnitten.jpg 693w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3224-S.1_beschnitten-228x300.jpg 228w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2778\" class=\"wp-caption-text\">Debussy, Autograph L&#039;isle joyeuse<\/p><\/div>\n<p>Ein zum Geschenk f\u00fcr den Bankier Wilhelm Lindeck eigens vom Komponisten auf Schmuckpapier notiertes Lied wie die <em>Feldeinsamkeit<\/em> von Johannes Brahms (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3207\" target=\"_blank\">HN 3207<\/a>) liest sich ganz anders als dessen stark revidiertes Manuskript zu den <em>Fantasien op. 116<\/em> f\u00fcr Klavier (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3210\" target=\"_blank\">HN 3210<\/a>), und der Vergleich beider Faksimiles l\u00e4sst uns zugleich erahnen, wie vielf\u00e4ltig die Funktionen eines Autographs sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2790\" style=\"width: 420px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3207-S-1_beschnitten.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2790\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-2790  \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3207-S-1_beschnitten-1024x755.jpg\" alt=\"\" width=\"410\" height=\"302\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3207-S-1_beschnitten-1024x755.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3207-S-1_beschnitten-300x221.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2013\/12\/HN-3207-S-1_beschnitten.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2790\" class=\"wp-caption-text\">Brahms, Autograph Feldeinsamkeit<\/p><\/div>\n<p>Aber gibt\u2019s das heute nicht alles im Internet? Ja, sicher sind gerade in den letzten Jahren unglaublich viele Handschriften in hervorragenden Einzel-Scans kostenfrei im Internet abrufbar \u2013 ob von Sammlungen wie der des <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?template=startseite_digitales_archiv_de\" target=\"_blank\">Bonner Beethoven-Hauses<\/a>, in nationalen Katalogen wie <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/\" target=\"_blank\">Gallica<\/a> oder schlicht \u00fcber die allseits beliebte Plattform <a href=\"http:\/\/imslp.org\/wiki\/Hauptseite\" target=\"_blank\">imslp<\/a>. Aber der Unterschied zu einem Faksimile ist himmelweit: Denn f\u00fcr die gedruckte Ausgabe setzen wir alles daran, dem Original in Format, Farbe, Aufteilung und Bindung so nahe wie m\u00f6glich zu kommen. Und manchmal kann sogar nur eine Faksimile-Ausgabe das Original wieder herstellen: wenn die faksimilierte Quelle n\u00e4mlich gar nicht mehr als eine Einheit besteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">So verh\u00e4lt es sich z. B. bei Schuberts <em>Violinsonate D-dur op. 137 Nr. 1<\/em>, auf deren leer gebliebener R\u00fcckseite der Komponist sogleich mit der Niederschrift eines Liedes begann. Als er dies weitergeben wollte, trennte er die Liedseiten von der Sonate \u2013 wodurch der Schluss der Sonate fortan mit dem Lied einen anderen \u00dcberlieferungsweg einschlug. Aber damit nicht genug: Auch der restliche Teil des Autographs blieb nicht beisammen, sondern wurde noch im 20. Jahrhundert unter zwei Nachfahren des Verlegers August Cranz aufgeteilt. Erst in unserer 1988 erschienenen Faksimile-Ausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3208\" target=\"_blank\">HN 3208<\/a>) konnten die drei Teile des Autographs wieder vereint \u2013 und damit die urspr\u00fcngliche Schreibeinheit Schuberts restituiert \u2013 werden.<\/p>\n<p>Beschrieben werden solche und andere Details der \u00dcberlieferung \u00fcbrigens in dem Teil der Faksimile-Ausgabe, der fast genauso wichtig ist wie die Bilder: der Kommentar. Neben Angaben zur Entstehung und \u00dcberlieferung des Werkes liefert er auch eine Anleitung zum Lesen der Handschrift: Sei es die Mozartsche Ger\u00fcstnotation bei gr\u00f6\u00dferen Werken wie dem <em>A-dur-Konzert KV 488<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3216\" target=\"_blank\">HN 3216<\/a>) oder die Deutung verschiedener Schreibschichten in Beethovens sp\u00e4ter <em>Klaviersonate op. 101<\/em> (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/pageflip\/index.php?id=3211\" target=\"_blank\">HN 3211<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">So versuchen wir, mit unseren Faksimile-Ausgaben weit mehr als sch\u00f6ne Bilder zu produzieren \u2013 n\u00e4mlich die Gelegenheit, sich einem Werk oder Komponisten lesend und studierend auf ganz besondere Weise zu n\u00e4hern und so ein (noch) gr\u00f6\u00dferes Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Sch\u00f6nheit seiner Kunst zu entwickeln. F\u00fcr mich ist das der beste Grund f\u00fcr ein Faksimile \u2013 aber vielleicht sehen Sie das ganz anders? Dann schreiben Sie doch einen Kommentar zum Blog \u2013 wir freuen uns!<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwar machen die blauen Urtext-Ausgaben den L\u00f6wenanteil unseres Katalogs aus, &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2013\/12\/09\/wozu-eigentlich-faksimiles\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[78,87,293,304,36,347,3,312,314],"tags":[703,7,71,4,18,693,51,34,60,67],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2757"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2757"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2757\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}