{"id":2924,"date":"2014-01-20T08:00:21","date_gmt":"2014-01-20T07:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=2924"},"modified":"2015-05-22T13:36:02","modified_gmt":"2015-05-22T11:36:02","slug":"rachmaninows-cis-moll-prelude-unter-der-lupe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/01\/20\/rachmaninows-cis-moll-prelude-unter-der-lupe\/","title":{"rendered":"Ein falsches D geht um die Welt \u2013 Rachmaninows cis-moll-Pr\u00e9lude unter der Lupe"},"content":{"rendered":"<p>Der <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/01\/06\/corelli-la-folia-und-rachmaninows-variationen-op-42-2\/\" target=\"_blank\">letzte Blogbeitrag vom 6. Januar<\/a> hat es schon angedeutet: wir begr\u00fc\u00dfen Sergej Rachmaninow als neuen Autor im Henle-Katalog! Mit dem Ablauf der Regelschutzfrist am 1.1.2014 sind seine Werke in Deutschland und vielen anderen L\u00e4ndern der EU und weltweit nun in die Public Domain gefallen, so dass einer kritischen Neuedition seiner Kompositionen nichts mehr im Wege steht.<!--more--><\/p>\n<p>Die ersten Werke, die wir jetzt im Januar als brandneue Urtext-Ausgaben pr\u00e4sentieren, sind neben den <em>Corelli-Variationen<\/em> (<a title=\"HN 1206\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Corelli-Variationen+op.+42_1206\" target=\"_blank\">HN 1206<\/a>) die <em>\u00c9tudes-Tableaux<\/em> (<a title=\"HN 1202\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=%C3%89tudes-Tableaux_1202\" target=\"_blank\">HN 1202<\/a>), die <em>24 Pr\u00e9ludes <\/em>(<a title=\"HN 1200\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=24+Pr%C3%A9ludes_1200\" target=\"_blank\">HN 1200<\/a>) sowie daraus das sicher bekannteste St\u00fcck Rachmaninows: das <em>Pr\u00e9lude<\/em> cis-moll Opus 3 Nr. 2 als Einzelausgabe (<a title=\"HN 1211\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Pr%C3%A9lude+cis-moll+op.+3+Nr.+2_1211\" target=\"_blank\">HN 1211<\/a>).<\/p>\n<p>Bei einem derart vielgespielten \u201eSchlachtross\u201c wie dem <em>cis-moll-Pr\u00e9lude<\/em> sollte man meinen, dass keine Fragen mehr offen seien. Doch wahrscheinlich f\u00fchrte gerade die enorme Popularit\u00e4t und die globale Verbreitung des St\u00fccks bald nach seiner Entstehung 1892 dazu, dass ein eklatanter Fehler bis heute offenbar nicht aus der Welt zu schaffen ist.<\/p>\n<p>Es geht um den 2. Achtelakkord in der linken Hand in Takt 5, der je nach Ausgabe mal mit <em>dis<\/em>, mal mit <em>d<\/em> notiert wird. Beides ist klanglich m\u00f6glich \u2013 aber was stimmt? Betrachtet man das Autograph (der betreffende Akkord ist hier mit dem roten Pfeil markiert), sind gar keine Vorzeichen vor dem Akkord zu sehen, es handelt sich wegen der Generalvorzeichnung also um die T\u00f6ne <em>dis<\/em><sup>1<\/sup> und <em>dis<\/em><sup>2<\/sup>:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2946\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Prelude-Autograph.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"359\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Prelude-Autograph.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Prelude-Autograph-300x153.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: smaller\"><em>Autograph (Faksimileausgabe, Verlag Muzyka, Moskau 1977)<\/em><\/span><\/p>\n<p>Erstaunlicherweise setzt die russische Erstausgabe des Moskauer Verlags A. Gutheil aber Aufl\u00f6sezeichen und \u00e4ndert zu <em>d<\/em><sup>1<\/sup> bzw. <em>d<\/em><sup>2<\/sup>:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2928\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Gutheil-Erstausgabe-1.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"293\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Gutheil-Erstausgabe-1.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Gutheil-Erstausgabe-1-300x117.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: smaller\"><em>Erstausgabe (Gutheil, Moskau 1893), fr\u00fche Auflage<\/em><\/span><\/p>\n<p>Ob diese Abweichung auf eine bewusste \u00c4nderung Rachmaninows in den (nicht erhaltenen) Korrekturfahnen zur\u00fcckgeht, oder aber ein eigenm\u00e4chtiger Eingriff des Stechers war, dem vielleicht die Sekund-Reibung <em>dis\u2013e <\/em>zu dissonant erschien, ist nicht mehr zu kl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Interessant ist aber, dass in sp\u00e4teren Auflagen genau diese Stelle erneut ge\u00e4ndert wurde und nun ausdr\u00fccklich Kreuze vor die betreffenden Noten gesetzt wurden, sozusagen als Sicherheitsvorzeichen:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2929\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Gutheil-Erstausgabe-2.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"290\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Gutheil-Erstausgabe-2.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Gutheil-Erstausgabe-2-300x116.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: smaller\"><em>Erstausgabe (Gutheil, Moskau 1893), sp\u00e4tere Auflage<\/em><\/span><\/p>\n<p>Man erkennt die sp\u00e4tere \u00c4nderung auch daran, dass die Form dieser Kreuze von den restlichen Kreuzen auf der Stichplatte leicht abweicht, da inzwischen offenbar andere Stempel verwendet wurden; zudem sind die Hilfslinien links leicht besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Dass diese Korrektur Rachmaninows Willen entsprach, best\u00e4tigen auch alle sp\u00e4teren Ausgaben des <em>Pr\u00e9lude<\/em>, die bei Gutheil erschienen; vor allem der Gesamtzyklus der <em>24 Pr\u00e9ludes<\/em>, der mit dem <em>cis-moll-Pr\u00e9lude<\/em> er\u00f6ffnet wird und bei Breitkopf in Leipzig neu gestochen wurde \u2013 inklusive dem korrigierten <em>dis<\/em>:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2930\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Breitkopf-24-Preludes.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"341\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Breitkopf-24-Preludes.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Breitkopf-24-Preludes-300x136.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: smaller\"><em>Sp\u00e4tere Sammelausgabe der 24 Pr\u00e9ludes (Gutheil\/Breitkopf &amp; H\u00e4rtel, Moskau\/Leipzig 1911)<\/em><\/span><\/p>\n<p>(Und falls Sie mit dem <em>d<\/em> sozusagen aufgewachsen sind und immer noch zweifeln sollten \u2013 auf YouTube k\u00f6nnen Sie sich <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aT2FqSHlmMk\" target=\"_blank\">drei eigene Einspielungen des Meisters<\/a> anh\u00f6ren &#8211; nat\u00fcrlich alle mit dem <em>dis<\/em>\u2026)<\/p>\n<p>Also alles kein Problem, sollte man meinen \u2013 die veralteten Exemplare waren ja bald vom Markt und Gutheils Neuausgaben durchweg verbessert, so dass sich das korrekte <em>dis<\/em> h\u00e4tte durchsetzen k\u00f6nnen. Fatalerweise unterlag jedoch Gutheils Ausgabe von 1893 noch nicht dem internationalen Copyright-Schutz, so dass au\u00dferhalb Russlands das <em>cis-moll-Pr\u00e9lude<\/em> weltweit nach Herzenslust nachgedruckt (und bearbeitet) werden durfte. Und in den meisten dieser Ausgaben wird das obsolete <em>d<\/em> der Erstausgabe \u00fcbernommen \u2013 ein Beispiel unter vielen ist diese fr\u00fche englische Konkurrenzausgabe von 1896 \u201eedited by John A. Preston\u201c:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-2931\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Bosworth-1896.jpg\" alt=\"\" width=\"750\" height=\"280\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Bosworth-1896.jpg 750w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/01\/Bosworth-1896-300x112.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/p>\n<p><span style=\"font-size: smaller\"><em>Ausgabe Bosworth &amp; Co., London\/Leipzig 1896<\/em><\/span><\/p>\n<p>Da viele dieser Ausgaben nach wie vor unver\u00e4ndert nachgedruckt werden (oder als Vorlage f\u00fcr neue Ausgaben und Bearbeitungen dienten), h\u00e4lt sich der falsche Ton leider bis heute hartn\u00e4ckig im Konzertsaal und auf Aufnahmen. Ein weiterer guter Grund also, stets auf verl\u00e4ssliche Urtext-Ausgaben zur\u00fcckzugreifen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der letzte Blogbeitrag vom 6. Januar hat es schon angedeutet: &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/01\/20\/rachmaninows-cis-moll-prelude-unter-der-lupe\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,347,301,20,3,363,328,102],"tags":[690,19,161,80],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2924"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2924"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2924\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}