{"id":297,"date":"2012-01-23T08:00:35","date_gmt":"2012-01-23T07:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=297"},"modified":"2015-05-19T14:17:54","modified_gmt":"2015-05-19T12:17:54","slug":"%e2%80%9ela-derniere-pensee-musicale-de-chopin%e2%80%9c-%e2%80%93-eine-mogelpackung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/01\/23\/%e2%80%9ela-derniere-pensee-musicale-de-chopin%e2%80%9c-%e2%80%93-eine-mogelpackung\/","title":{"rendered":"\u201eLa derni\u00e8re pens\u00e9e musicale de Chopin\u201c \u2013 eine Mogelpackung?"},"content":{"rendered":"<p>R\u00e4tsel ranken sich um Chopins Mazurka f-moll op. post. 68 Nr. 4. Handelt es sich wirklich um die \u201eletzte Inspiration des Meisters\u201c? <!--more-->Wie k\u00f6nnte es anders sein: Nur die Todesn\u00e4he des kranken Chopin im Jahr 1849 vermochte, ihn in eine derartig herbe, verzweifelte Musiksprache zu treiben. So dachten jedenfalls viele Chopin-Liebhaber im 19. Jahrhundert. Und trotzdem vermutet der amerikanische Chopin-Experte Jeffrey Kallberg, das Werk stamme eigentlich aus den Jahren 1845\/1846 (Vgl. <em>Chopin\u2019s Last Style<\/em>, in: <em>Chopin at the Boundaries. Sex, History, and Musical Genre<\/em>, Cambridge\/Mass., London 1996).<\/p>\n<p>Vielleicht noch verbl\u00fcffender: Was kann der Grund daf\u00fcr sein, dass sich zwei Editionen des Werkes in ihrer L\u00e4nge um 40 Takte unterscheiden? Eine Ausgabe des polnischen Chopin-Experten Jan Ekier umfasst 101 Takte (Warschau, PWM 1965) \u2013 die Urtextausgabe im G. Henle Verlag bringt es auf nur 62 Takte (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Mazurken_264#content\" target=\"_blank\">M\u00fcnchen 1975\/2003<\/a>).<\/p>\n<p>Auch vielen Einspielungen des Werkes liegen offenbar unterschiedliche Notentexte zugrunde. Auf youtube fand ich Aufnahmen von <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cN4_V7r7gl0\" target=\"_blank\">Vladimir Ashkenazy<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=FYEBTiod-D8\" target=\"_blank\">Grigory Sokolov <\/a>(Fassung &#8220;Ekier&#8221;) und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=jDgObcGM4nE\" target=\"_blank\">Evgeny Kissin <\/a>(Fassung &#8220;Henle&#8221;).<\/p>\n<p>Was hat es mit diesem faszinierenden St\u00fcck Musik auf sich? Nun, ein Blick auf die einzige erhaltene authentische Quelle gen\u00fcgt. Sie werden sofort verstehen, dass dieses \u2013 \u00fcbrigens nicht datierte \u2013 Skizzenblatt Fragen aufwirft:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_skizzen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"625\" class=\"aligncenter size-full wp-image-296\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_skizzen.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_skizzen.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_skizzen-300x234.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der Cellist Auguste Franchomme, ein enger Weggef\u00e4hrte Chopins in dessen letzten Lebensjahren, war der erste, der versuchte, eine Schneise ins Chaos dieser Skizze zu schlagen. Er \u00fcbertrug sie 1852 in einen auff\u00fchrbaren Notentext und brachte erstmals das Entstehungsjahr 1849 ins Spiel. Julian Fontana, ein anderer enger Freund Chopins, ver\u00f6ffentlichte 1855\/1856 eine neue \u00dcbertragung, die schnell bekannt wurde. Unter die 1. Seite setzte er folgenden Kommentar:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_fussnote.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-295\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_fussnote.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"95\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_fussnote.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/01\/chopin_fussnote-300x35.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Fassung des Werkes sowie seine vermeintlichen emotionalen Abgr\u00fcnde haben sich seitdem im Bewusstsein der Chopin-Gemeinde festgesetzt. Erst 1951 entdeckte Arthur Hedley die Skizze neu, verglich sie mit Fontanas Version und bemerkte, dass dort Teile der notierten Musik fehlten. Von Hedley ausgel\u00f6st, versuchte nun jeder, der in der Chopin-Forschung Rang und Namen hatte, das Mazurka-Puzzle zu einem nahtlosen Ganzen zusammenzusetzen \u2013 ein Unternehmen, das zum Scheitern verurteilt ist.<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel zur f-moll-Mazurka liegt darin, einzugestehen, dass es sich nicht um ein abgeschlossenes Werk handelt. Kallberg schl\u00e4gt vor, es sei ein Kompositionsversuch, den Chopin wieder verwarf \u2013 und zwar 1845\/1846 in der Vorbereitung zu seinen Mazurken op. 63. Demnach w\u00e4re unsere skizzierte Mazurka durch das ebenfalls in f-moll stehende Werk op. 63 Nr. 2 ersetzt worden. Die Worte von der \u201eletzten Inspiration des Meisters\u201c w\u00e4ren damit frei erfunden.<\/p>\n<p>Wenden Sie sich aber nicht entt\u00e4uscht ab! Die Aura des St\u00fccks mag eine Mogelpackung sein \u2013 die Faszination an der Musik bleibt. Wie nah die bekannten Rekonstruktionen an die Absichten Chopins heranreichen, muss offenbleiben. Es ist jedoch absolut legitim, dass etwa Henle die Franchomme-Fassung bringt und Ekier eine eigene. Sie sind nicht \u00fcberzeugt? Versuchen Sie sich an einer eigenen \u00dcbertragung!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>R\u00e4tsel ranken sich um Chopins Mazurka f-moll op. post. 68 &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/01\/23\/%e2%80%9ela-derniere-pensee-musicale-de-chopin%e2%80%9c-%e2%80%93-eine-mogelpackung\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[304,6,301,406,3,24],"tags":[4,687,25,26,23,691],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=297"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}