{"id":320,"date":"2012-02-06T08:00:26","date_gmt":"2012-02-06T07:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=320"},"modified":"2015-05-19T14:19:10","modified_gmt":"2015-05-19T12:19:10","slug":"wie-viel-bass-darf%e2%80%99s-denn-sein-beethovens-sextett-op-81b","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/02\/06\/wie-viel-bass-darf%e2%80%99s-denn-sein-beethovens-sextett-op-81b\/","title":{"rendered":"Wie viel Bass darf\u2019s denn sein? Beethovens Sextett op. 81b"},"content":{"rendered":"<p>W\u00fcrden Sie sich nicht auch wundern, wenn im Konzert ein Sextett auf dem Programm steht und dann sieben Musiker die B\u00fchne betreten? Genau so mag es manchem gehen, der unsere Urtext-Ausgabe von Beethovens Sextett op. 81b f\u00fcr 2 H\u00f6rner und Streicher (<a title=\"HN 955\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Sextett+Es-dur+op.+81b_955\" target=\"_blank\">HN 955<\/a>) aufschl\u00e4gt. Denn darin finden sich neben den Hornpartien nicht vier, sondern <em>f\u00fcnf<\/em> Streicherstimmen \u2013 und das mit gutem Grund: <!--more-->In der 1810 bei Beethovens Freund und Verleger Nikolaus Simrock in Bonn erschienenen <a title=\"Op.81b Erstausgabe\" href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=15108&amp;template=dokseite_digitales_archiv_de&amp;_eid=1502&amp;_ug=Mit%20Blasinstrumenten&amp;_werkid=82&amp;_dokid=T00015802&amp;_opus=op. 81b&amp;_mid=Werke Ludwig van Beethovens&amp;suchparameter=&amp;_sucheinstieg=&amp;_seite=1\" target=\"_blank\">Erstausgabe <\/a>des Sextetts, weist die tiefste Streicherstimme n\u00e4mlich nicht nur im Kopftitel die Bezeichnung \u201eVioloncello e Basso\u201c auf, sondern diese Besetzung ist im Notentext auch klar differenziert durch die abwechselnde Angabe \u201eVllo.\u201c (f\u00fcr das Cello allein) und \u201eBassi\u201c (womit Cello und Kontrabass gemeint sind).<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Druck.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"259\" class=\"aligncenter size-full wp-image-326\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Druck.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Druck.jpg 800w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Druck-300x97.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Ausgabe sieht also eine stellenweise Verst\u00e4rkung der tiefsten Stimme des Sextetts durch den Kontrabass, als siebtes Instrument, vor. In einer heute im Bonner Beethoven-Haus aufbewahrten <a title=\"Op. 81b Abschrift\" href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=15108&amp;template=dokseite_digitales_archiv_de&amp;_eid=1502&amp;_ug=Mit%20Blasinstrumenten&amp;_werkid=82&amp;_dokid=wm308&amp;_opus=op. 81b&amp;_mid=Werke Ludwig van Beethovens&amp;suchparameter=&amp;_sucheinstieg=&amp;_seite=1\" target=\"_blank\">Abschrift<\/a>, die Beethoven selbst \u00fcberpr\u00fcft und korrigiert hat, war das allerdings noch nicht so. Hier hat das Sextett nur sechs Stimmen: Die tiefste ist schlicht mit \u201eVioloncello\u201c bezeichnet und enth\u00e4lt keinerlei Angaben zur Verwendung eines Kontrabasses.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Abschrift.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-324\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Abschrift.jpg\" alt=\"\" width=\"456\" height=\"315\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Abschrift.jpg 456w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Sextett-Abschrift-300x207.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 456px) 100vw, 456px\" \/><\/a><br \/>\nWomit wir mal wieder vor der qu\u00e4lenden Frage stehen: Was hat Beethoven wirklich gewollt? Da ein Autograph oder andere Zeugnisse zu diesem Werk fehlen, muss man die Antwort im wahrsten Sinne des Wortes aus den Noten herauslesen \u2013 und das hat der Herausgeber Egon Voss dann auch getan. Ein detaillierter Vergleich von Druck und Abschrift zeigt, dass Simrocks Ausgabe zwar die Abschrift zur Vorlage hat, aber noch manche kleine Ver\u00e4nderung der Tonh\u00f6he oder Stimmverteilung aufweist, die kaum jemand anders als Beethoven eingef\u00fchrt haben kann. Folglich gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die Einbeziehung eines Kontrabasses in dieser Ausgabe nicht von Beethoven autorisiert war \u2013 auch wenn die Vorstellung eines Sextetts f\u00fcr sieben Instrumente erst einmal gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig ist.<\/p>\n<p>Zu Beethovens Zeit war das allerdings nicht so, denn im 18. Jahrhundert war die Kopplung von Violoncello und Kontrabass in der gemischt besetzten Bl\u00e4serkammermusik durchaus \u00fcblich. Aus den Divertimenti eines Mozart oder Haydn ist uns ein entsprechendes Klangbild vertraut. Aber Beethoven? Ja, auch Beethoven, denn ungeachtet der hohen Opuszahl 81b geh\u00f6rt Beethovens Sextett zu seinen fr\u00fchen Werken. Es entstand schon zu Beginn der 1790er Jahre und ist deutlich am h\u00f6fischen Musikgeschmack von Beethovens damaligem Bonner Umfeld orientiert.<\/p>\n<p>In gewisser Weise ist Op. 81b also ein \u201ealtmodisches Werk\u201c, und so ist es auch kein Wunder, dass es etwas \u201ealtmodischer\u201c klingt als die Kammermusik der sp\u00e4teren Wiener Zeit, die wir mit Beethoven verbinden. Und vielleicht ist dies auch der Grund, warum die Besetzung mit Kontrabass nach Beethovens Tod irgendwann in Vergessenheit geriet. Schon im 1846 erschienenen ersten Partiturdruck fehlen die Angaben \u201eVc.\u201c und \u201eBassi\u201c. Alle sp\u00e4teren Ausgaben sollten diesem Vorbild folgen, bis das Werk 2007 bei der Vorbereitung des Bandes mit der Bl\u00e4serkammermusik f\u00fcr die <a title=\"NGA\" href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=38803&amp;template=&amp;_mid=38988\" target=\"_blank\">Neue Beethoven-Gesamtausgabe<\/a> von Egon Voss erneut auf den editorischen Pr\u00fcfstein gelegt wurde.<br \/>\nWie musikalisch \u00fcberzeugend seine auf der Erstausgabe basierende historische Lesart des Sextetts f\u00fcr sieben Stimmen ist, k\u00f6nnen Sie \u00fcbrigens in einem <a title=\"Op. 81b Konzert Bonn\" href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=55124&amp;template=&amp;_mid=55124\" target=\"_blank\">Konzertmitschnitt <\/a>des Bonner Beethoven-Hauses nachh\u00f6ren. Dort machte man im April 2010 n\u00e4mlich die Probe aufs Exempel und stellte Op. 81b in beiden Varianten vor.<\/p>\n<p>Der eine Oktave tiefer als das Cello klingende Kontrabass verleiht dem Streichersatz eine st\u00e4rkere Fundierung, so dass dieser ein \u00fcberzeugendes Gegengewicht zum H\u00f6rnerpaar bildet (auch wenn die damals verwendeten Naturh\u00f6rner nat\u00fcrlich nicht an das Klangvolumen unserer modernen Ventilh\u00f6rner herankamen). Und da die Hornpartien des Sextetts sehr virtuos angelegt sind, vermeint man in dieser Besetzung nun fast ein kleines Concertino f\u00fcr 2 H\u00f6rner und Streicher zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Es darf also ruhig mal ein bisschen mehr Bass sein bei Beethoven. Und damit der<br \/>\nKontrabassist sich nicht den Hals verrenkt, wenn er mit dem Cellisten von einem Pult spielt, haben wir unsere Ausgabe des Sextetts eben mit einer siebten Einzelstimme ausgestattet. Nun ja, genau genommen sind es sogar neun, denn zus\u00e4tzlich zu den Hornstimmen in Es bieten wir diese beiden Partien auch in transponierter Form f\u00fcr Horn in F an, aber das ist wieder eine andere Geschichte \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00fcrden Sie sich nicht auch wundern, wenn im Konzert ein &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/02\/06\/wie-viel-bass-darf%e2%80%99s-denn-sein-beethovens-sextett-op-81b\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,3,382],"tags":[7,689,27,29,28],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=320"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/320\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=320"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=320"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=320"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}