{"id":3257,"date":"2014-03-17T08:00:25","date_gmt":"2014-03-17T07:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=3257"},"modified":"2015-05-22T13:59:22","modified_gmt":"2015-05-22T11:59:22","slug":"der-herr-der-tiefen-tone-%e2%80%93-tobias-glockler-im-gesprach-uber-dragonettis-%e2%80%9efamous-solo%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/03\/17\/der-herr-der-tiefen-tone-%e2%80%93-tobias-glockler-im-gesprach-uber-dragonettis-%e2%80%9efamous-solo%e2%80%9c\/","title":{"rendered":"Der Herr der tiefen T\u00f6ne \u2013 Tobias Gl\u00f6ckler im Gespr\u00e4ch \u00fcber Dragonettis \u201eFamous Solo\u201c"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_3263\" style=\"width: 154px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/gloeckler_foto.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3263\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3263\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/gloeckler_foto.jpg\" alt=\"Tobias Gl\u00f6ckler\" width=\"144\" height=\"197\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3263\" class=\"wp-caption-text\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/p><\/div>\n<p>Mit dem Dresdner Bassisten <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/der-verlag\/autoren\/tobias-gloeckler.html\" target=\"_blank\">Tobias Gl\u00f6ckler<\/a> kam der Kontrabass vor einigen Jahren ins Programm des Henle Verlags. Zun\u00e4chst mal ganz klassisch mit den Konzerten von <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Kontrabasskonzert+%22Nr.+1%22+%28mit+obligater+Violine%29_721\" target=\"_blank\">Hoffmeister<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Kontrabasskonzert+%22E-dur%22+Krebs+172_759\" target=\"_blank\">Dittersdorf<\/a>, aber bald gesellten sich dazu auch etwas exotischere Titel wie die <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Zw%C3%B6lf+Walzer+f%C3%BCr+Kontrabass+solo_847\" target=\"_blank\"><em>Zw\u00f6lf Walzer<\/em> von Dragonetti<\/a> f\u00fcr Kontrabass solo oder der ber\u00fchmte <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Elefant+aus+%22Der+Karneval+der+Tiere%22+f%C3%BCr+Kontrabass+und+Klavier_730\" target=\"_blank\"><em>Elefant<\/em> aus Saint-Sa\u00ebns\u2019 <em>Karneval der Tiere<\/em><\/a>. Das j\u00fcngst erschienene <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=%22The+Famous+Solo%22+f%C3%BCr+Kontrabass+und+Orchester_1198\" target=\"_blank\">\u201eFamous Solo\u201d von Domenico Dragonetti<\/a> stellt in der Fassung f\u00fcr Kontrabass und Streichquartett nun gar eine Erstausgabe eines Kontrabasswerks in unserem Verlagsprogramm dar. Lesen Sie hier, wie es dazu kam\u2026<!--more--><\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>Annette Oppermann (AO):<\/strong> Lieber Herr Gl\u00f6ckler, wie sind wir eigentlich zu diesem \u201eFamous Solo\u201d gekommen?<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_3281\" style=\"width: 231px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Engraving_dragonetti.jpeg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3281\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3281\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Engraving_dragonetti.jpeg\" alt=\"Domenico Dragonetti (1763\u20131846), Quelle: Wikimedia.org, Lizenz: PD\" width=\"221\" height=\"256\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3281\" class=\"wp-caption-text\">Domenico Dragonetti (1763\u20131846), Quelle: Wikimedia.org, Lizenz: PD<\/p><\/div>\n<p><strong>Tobias Gl\u00f6ckler (TG):<\/strong> Nach der erfolgreichen Ausgabe der Dragonetti-Walzer f\u00fcr Kontrabass solo (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Zw%C3%B6lf+Walzer+f%C3%BCr+Kontrabass+solo_847\" target=\"_blank\">HN 847<\/a>) fragte der Programmleiter des Henle Verlags Herr Dr. Gertsch an, ob ich nicht Lust h\u00e4tte, auch mal ein Werk Dragonettis f\u00fcr Kontrabass und Klavier herauszugeben. Kurze Zeit sp\u00e4ter, w\u00e4hrend eines England-Urlaubs zweigte ich einen Tag f\u00fcr den Handschriften-Lesesaal der British Library in London ab und sichtete dort den umfangreichen Nachlass Dragonettis. Dabei kristallisierte sich sehr bald das \u201eFamous Solo\u201d als musikalisch lohnenswert heraus. Bei der Arbeit an der Herausgabe stellte sich dann die geradezu \u00fcberbordende Quellenlage \u2013 paradoxerweise \u2013 als Problem heraus: Das Werk scheint Dragonettis absolutes \u201eParadest\u00fcck\u201c gewesen zu sein; es ist in 13 (!) verschiedenen Quellen f\u00fcr diverse Besetzungen und in unterschiedlichen Werkstadien \u00fcberliefert. Nun musste zuerst einmal die entscheidende Frage nach der \u201eFassung letzter Hand\u201c gekl\u00e4rt werden. Dabei stellte sich heraus, dass dies mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit eine autographe Fassung f\u00fcr Kontrabass und Streichquartett ist. Obwohl ich danach in London gar nicht gesucht hatte, fand ich diese Besetzung bald sehr reizvoll. Dragonetti setzt das Begleitquartett im \u201eFamous Solo\u201d durchaus differenziert ein, von streckenweise \u00e4u\u00dferst sparsamer Begleitung des Kontrabasses mit nur zwei Violinen im 1. Satz&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Partitur.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3457\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Partitur.jpg\" alt=\"\" width=\"1339\" height=\"868\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Partitur.jpg 1339w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Partitur-300x194.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Partitur-1024x663.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 1339px) 100vw, 1339px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&#8230; bis hin zu fast orchestraler Wirkung in einigen Rondo-Abschnitten im virtuosen 2. Satz, wie man in unserem Live-Mitschnitt auf YouTube h\u00f6ren kann:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/h8-hq49NoBU?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Gleichzeitig fanden sich aber auch mehrere zeitgen\u00f6ssische Klavierausz\u00fcge, die belegen, dass Dragonetti selbst das \u201eFamous Solo\u201c nicht nur mit Orchester- und kammermusikalischer Begleitung, sondern auch mit Klavier gespielt hat. Gl\u00fccklicherweise war der Verlag sofort bereit, beide Fassungen in die Edition aufzunehmen. Somit wird auch dem heutigen Kontrabassisten die historisch verb\u00fcrgte Flexibilit\u00e4t Dragonettis bei der Besetzung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> Worin besteht f\u00fcr einen aktiven Musiker wie Sie eigentlich der Reiz, Urtext-Ausgaben herauszugeben? W\u00fcrden sie vielleicht lieber auch mal andere Ausgaben machen, die Ihnen mehr Freiheit zur Bearbeitung lie\u00dfen?<\/span><\/p>\n<p><strong>TG:<\/strong> Anders als man vielleicht vermuten k\u00f6nnte, empfinde ich als Musiker die Vorbereitung einer Urtext-Ausgabe keinesfalls als Einschr\u00e4nkung, sondern vielmehr als wohltuende Konzentration auf das Wesentliche und als Hinterfragen bisheriger (auch eigener) Auff\u00fchrungskonventionen. Gleichzeitig hat man als Herausgeber beispielsweise in den Kadenzen (f\u00fcr die sogenannte bezeichneten Stimme in der Ausgabe) sehr viel Freiheit und Raum f\u00fcr eigene Kreativit\u00e4t. Auch beim \u201eFamous Solo\u201c wurde nat\u00fcrlich jede Wiederkehr des Rondo-Themas im Allegretto mit einer improvisierten Mini-Kadenz, einem sogenannten \u201eEingang\u201c, versehen, der bei Dragonetti nur mit einer Fermate angedeutet ist. F\u00fcr die Edition habe ich versucht, in der gebotenen K\u00fcrze Eing\u00e4nge im Stil des Werks, aber mit unterschiedlichem Charakter zu schreiben:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Eingaenge.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3460\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Eingaenge.jpg\" alt=\"\" width=\"557\" height=\"635\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Eingaenge.jpg 557w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Eingaenge-263x300.jpg 263w\" sizes=\"(max-width: 557px) 100vw, 557px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Hinsichtlich Ihrer Frage nach \u201eanderen\u201c Ausgaben w\u00fcrden mich in der Tat einzelne Werke reizen, vor allem solche, die nicht original f\u00fcr Kontrabass geschrieben wurden. Allerdings stehe ich Transkriptionen eher kritisch gegen\u00fcber, so dass nur St\u00fccke in Frage kommen, die f\u00fcr heute kaum noch gebr\u00e4uchliche Instrumente komponiert wurden. Dabei stehen f\u00fcr mich Bachs <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=xXqaUwH8h8k\" target=\"_blank\">2. Gambensonate BWV 1028<\/a> und Schuberts\ufeff \ufeff\ufeff<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=436ZjPkzL88\" target=\"_blank\">\u201eArpeggione\ufeff\u201c-Sonate<\/a> ganz oben auf der Wunschliste. Beide Werke geh\u00f6ren l\u00e4ngst zum Standard-Repertoire der Kontrabassisten, ohne dass es daf\u00fcr wirklich quellenkritische Ausgaben f\u00fcr den interessierten Musiker gibt. Von beiden Werken sind \u00fcbrigens im Henle Verlag schon hervorragende Ausgaben erschienen. Interessanterweise nicht nur f\u00fcr Cello, sondern auch f\u00fcr die eine Oktave h\u00f6her klingende Bratsche. Warum sollte da nicht auch eine Oktave tiefer f\u00fcr den Kontrabass m\u00f6glich sein&#8230;?<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> Ja, damit sind wir bei der schwierigen Frage, wieviel Bearbeitung in einem Urtext-Verlag erlaubt ist (der \u00fcbrigens auch schon in einem <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/10\/29\/besetzung-fassung-bearbeitung-%E2%80%93-wie-weit-darf-urtext-gehen\/\" target=\"_blank\">Blog-Beitrag<\/a> nachgegangen wurde\u2026). Aber kehren wir nochmal zum Einfluss des Praktikers Gl\u00f6ckler auf die Gestaltung einer Urtext-Ausgabe zur\u00fcck. Da gibt es ja nicht nur die bei uns \u00fcbliche bezeichnete Stimme, f\u00fcr die Sie neben Fingersatz und Strichbezeichnung auch Kadenzen und Eing\u00e4nge fixieren, sondern auch die kontrabassspezifische Frage der \u201eStimmungen\u201c spielt eine gro\u00dfe Rolle.<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_3391\" style=\"width: 295px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Stimmungen.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3391\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3391\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Stimmungen.jpg\" alt=\"Orchester- und Solostimmung\" width=\"285\" height=\"140\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3391\" class=\"wp-caption-text\">Orchester- und Solostimmung<\/p><\/div>\n<p><strong>TG:<\/strong> Hintergrund dieses f\u00fcr Au\u00dfenstehende oftmals etwas verwirrenden Themas ist die von Giovanni Bottesini im 19. Jahrhundert eingef\u00fchrte \u201eSolostimmung\u201c, bei der der Kontrabass um einen Ganzton h\u00f6her eingestimmt wird, um heller und durchsetzungsf\u00e4higer zu klingen. Praktisch sieht das so aus, dass der Bassist beispielsweise in D-dur spielt und greift, das Instrument aber durch die Solostimmung in E-dur erklingt. Damit muss dann die Begleitung nat\u00fcrlich auch in E-Dur stehen. Dies erkl\u00e4rt auch, warum ich mir im Fall der erw\u00e4hnten Sonaten von Bach bzw. Schubert nicht einfach die Cello-Ausgabe aufs Pult legen kann.<\/p>\n<p>In der Praxis hat sich die Solostimmung im solistischen Bereich, bei Probespielen, Wettbewerben und an den Hochschulen, zumindest in Europa weitgehend durchgesetzt. In den angloamerikanischen L\u00e4ndern nutzt man h\u00e4ufiger die \u201enormale\u201c Orchesterstimmung.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> Und deswegen bieten wir eben auch die Begleitstimmen zum \u201eFamous Solo\u201c nicht nur in der notierten Tonart e-moll\/G-dur, sondern auch (f\u00fcr die Solostimmung) einen Ton h\u00f6her transponiert in fis-moll\/A-dur an. Aber bei den Konzerten von Hoffmeister und Dittersdorf kommt noch etwas hinzu:<\/span><\/p>\n<p><strong>TG:<\/strong> Ja, als ob dies nicht schon Herausforderung genug w\u00e4re, gibt es auch noch die historische \u201eWiener Stimmung\u201c, f\u00fcr die alle solistischen Werke der Wiener Klassik geschrieben wurden. <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Wiener-Stimmung.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3401\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Wiener-Stimmung.jpg\" alt=\"Wiener Stimmung\" width=\"238\" height=\"129\" align=\"left\" \/><\/a>Es ist wirklich eine tolle Erfahrung, altbekannte Konzerte wie <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Kontrabasskonzert+%22E-dur%22+Krebs+172_759\" target=\"_blank\">Dittersdorf<\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Kontrabasskonzert+%22Nr.+1%22+%28mit+obligater+Violine%29_721\" target=\"_blank\">Hoffmeister<\/a> einmal in dieser wunderbar klangvollen (und griffg\u00fcnstigen!) Stimmung auszuprobieren. In den Henle-Ausgaben der beiden Konzerte haben wir versucht, mit einer praktischen Griffnotation f\u00fcr die Wiener Stimmung die \u201eHemmschwelle\u201c zu senken und Lust auf die alte Stimmung zu wecken. Selbstverst\u00e4ndlich sind nat\u00fcrlich auch die \u201enormalen\u201c Kontrabass-Stimmen f\u00fcr Solo- bzw. Orchesterstimmung in der Ausgabe enthalten.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> Apropos Griffnotation: An wen denken Sie bei der Bezeichnung einer Stimme?<\/span><\/p>\n<p><strong>TG:<\/strong> Fingersatz-Angaben sind gerade auf dem Kontrabass durch die Vielzahl der Lagen ein schwieriges Thema. Ich selbst habe mich schon oft \u00fcber die falschen Zahlen an der falschen Stelle ge\u00e4rgert. Deshalb setze ich in der bezeichneten Stimme Fingers\u00e4tze nur sehr sparsam und wenn, dann in Richtung f\u00fcr \u201ejede Hand\u201c. Durch meine Studenten an der Hochschule habe ich hoffentlich ein ganz gutes Gesp\u00fcr daf\u00fcr entwickelt\u2026 Gleiches gilt f\u00fcr Strichbezeichnungen: Durch den \u2013 im Verh\u00e4ltnis zur Saitenl\u00e4nge \u2013 kurzen Bogen gibt es beim Kontrabass seltener den \u201eidealen\u201c Strichvorschlag, sondern jeder Musiker hat hier seine eigenen Erfahrungen. Entsprechend zur\u00fcckhaltend bin ich bei diesem Thema.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> Worin unterscheidet sich eigentlich der Musiker Gl\u00f6ckler vom Herausgeber?<\/span><\/p>\n<p><strong>TG:<\/strong> Ein weites Feld\u2026 Ganz prinzipiell versuche ich als Musiker bei jedem Werk erst einmal zu ergr\u00fcnden, was der Komponist damit ausdr\u00fccken wollte. Daf\u00fcr brauche ich zun\u00e4chst einen unverf\u00e4lschten Notentext, frei von gutgemeinten Herausgeber-Zus\u00e4tzen, Ver\u00e4nderungen etc. (besonders die \u201ealte\u201c Dittersdorf-Ausgabe ist voll davon!) \u2013 sprich: eine Urtext-Ausgabe. Auf dieser Grundlage erarbeite ich meine Interpretation, die durchaus auch mal in Dynamik, Artikulation etc. vom Urtext abweichen kann, solange ich gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr habe.<\/p>\n<p>So spiele ich z. B. im Allegretto des \u201eFamous Solo\u201c das Rondo-Thema beim letzten Mal als burschikose Stretta, bringe das Schluss-forte anderthalb Takte eher und im Staccato \u2013 nichts davon steht im Autograph!<\/p>\n<div id=\"attachment_3433\" style=\"width: 577px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Rondothema-Autograph.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3433\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3433\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Rondothema-Autograph.jpg\" alt=\"Auschnitt der autographen Kontrabass-Stimme (Quelle: GB-Lbl: Add. Ms. 17832-4)\" width=\"567\" height=\"291\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Rondothema-Autograph.jpg 1892w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Rondothema-Autograph-300x153.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Rondothema-Autograph-1024x525.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 567px) 100vw, 567px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3433\" class=\"wp-caption-text\">Auschnitt der autographen Kontrabass-Stimme (Quelle: GB-Lbl: Add. Ms. 17832-4)<\/p><\/div>\n<p>Ich bin sicher, dass auch Dragonetti hier in irgendeiner Form den Beifall des Publikums besonders herausgekitzelt hat, nur musste er dies f\u00fcr sich selbst nat\u00fcrlich nicht in die Noten schreiben. Diese Freiheit und die M\u00f6glichkeit der individuellen Ausdeutung sind f\u00fcr mich gerade das Gro\u00dfartige an der Musik.<\/p>\n<p>Im Kontrast dazu arbeite ich als Herausgeber m\u00f6glichst objektiv, mit wissenschaftlicher Akribie (und nat\u00fcrlich immer mit dem Wissen um die spielpraktischen Auswirkungen von editorischen Entscheidungen). Sollte dabei doch einmal der Musiker Gl\u00f6ckler die Oberhand gewinnen, gibt es ja noch das unbestechliche Henle-Lektorat\u2026<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> H\u00e4tten Sie in unseren klassischen Urtext-Ausgaben gerne auch ein zus\u00e4tzliches Feature, eine andere Ausstattung?<\/span><\/p>\n<p><strong>TG:<\/strong> Das Konzept der klassischen Urtext-Ausgabe halte ich f\u00fcr absolut stimmig. Wenn ich einen Wunsch frei h\u00e4tte, w\u00fcrde ich mir bei einigen Ausgaben vielleicht noch eine Seite mit Abbildungen aus der Quelle w\u00fcnschen. Die Handschrift und der Duktus eines Musik-Autographs offenbaren schon etwas vom Charakter des Werks und vermitteln auch dem eher praktisch orientierten Musiker etwas von dem Spezifischen, was einen Urtext ausmacht.<\/p>\n<p><span style=\"color: #4e8db1\"><strong>AO:<\/strong> Lieber Herr Gl\u00f6ckler, wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Interview \u2013 und laden alle Leser hiermit ein, sich in das Gespr\u00e4ch \u00fcber Urtext-Ausgaben f\u00fcr Kontrabass einzuklinken.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Dresdner Bassisten Tobias Gl\u00f6ckler kam der Kontrabass vor &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/03\/17\/der-herr-der-tiefen-tone-%e2%80%93-tobias-glockler-im-gesprach-uber-dragonettis-%e2%80%9efamous-solo%e2%80%9c\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[448,329,361,306,462,360,451,3,175,102],"tags":[464,112,144,174,21,27,182,463,181,709,706,180],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3257"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3257"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3257\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}