{"id":3515,"date":"2014-03-31T08:00:08","date_gmt":"2014-03-31T06:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=3515"},"modified":"2015-05-22T14:05:36","modified_gmt":"2015-05-22T12:05:36","slug":"zuhorer-sind-auch-nur-menschen-bemerkungen-zur-notwendigkeit-von-korpersprache-beim-klavierspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/03\/31\/zuhorer-sind-auch-nur-menschen-bemerkungen-zur-notwendigkeit-von-korpersprache-beim-klavierspiel\/","title":{"rendered":"Zuh\u00f6rer sind auch nur Menschen"},"content":{"rendered":"<h2>Bemerkungen zur Notwendigkeit von K\u00f6rpersprache beim Klavierspiel<\/h2>\n<div id=\"attachment_3614\" style=\"width: 270px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3614\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3614\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-1.jpg\" alt=\"Wilhelm Busch: \u201eDer Virtuos\u201c, 1865 (Quelle: Wikimedia.org, Lizenz: PD)\" width=\"260\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-1.jpg 649w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-1-300x297.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 260px) 100vw, 260px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3614\" class=\"wp-caption-text\">Wilhelm Busch: \u201eDer Virtuos\u201c, 1865 (Quelle: Wikimedia.org, Lizenz: PD)<\/p><\/div>\n<p>Heute mal ein ganz und gar praktisches Thema f\u00fcr uns Klavierspieler und Pianisten: Vielleicht hat es sich noch nicht \u00fcberall herumgesprochen: Es kommt beim Klavierspiel mehr auf das Auge als auf\u2019s Ohr an! Als Klavierspieler\/in hat man nur dann reelle Chancen auf einen Wettbewerbsgewinn, wenn man sein Spiel durch starke K\u00f6rperbewegungen und Mimik verst\u00e4rkt. Eine aktuelle, angeblich seri\u00f6se <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2013-09\/studie-musiker-aussehen-talent\" target=\"blank\">Studie<\/a> beweist es: Laien wie Fachleute k\u00fcrten n\u00e4mlich beim blo\u00dfen Zusehen von tonlosen (!) Wettbewerbsaufnahmen dieselben (!) Gewinner wie die Fachjury desselben Wettbewerbs. Anders gesagt: Solides Klavierspiel vorausgesetzt entscheidet das Auge, nicht das Ohr. Oder noch anders: Die Jury h\u00e4tte auch mit Ohropax in den Ohren dieselben Gewinner nominiert. Das gibt nun wirklich zu denken\u2026<!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mich pers\u00f6nlich \u00fcberrascht das Ergebnis der Studie, denn mich lenken solche \u201eM\u00e4tzchen\u201c eher vom Wesentlichen ab. Andererseits f\u00e4llt mir auch ein Hinweis von Alfred Brendel ein, welch enorme suggestive Wirkung k\u00f6rpersprachliche Zeichen auf Zuh\u00f6rer aus\u00fcben kann. Beiden Aspekten gehe ich im Folgenden in aller K\u00fcrze nach.<\/p>\n<p>Man mag Lang Langs extreme K\u00f6rpersprache am Klavier als unn\u00f6tiges Gehabe abtun. Auf die meisten Zuh\u00f6rer wirkt er aber gerade deshalb so magisch. Er h\u00e4tte jeden Klavierwettbewerb gewinnen k\u00f6nnen! Hier ein treffliches Beispiel von Lang Langs k\u00f6rpersprachlicher (Massen-) Suggestion in einer Live-Darbietung der <strong><em>2. Ungarischen Rhapsodie<\/em><\/strong> von Liszt (bis zum \u201ebitteren Ende\u201c durchsehen lohnt sich \u2026 vor allem unter dem Aspekt des heutigen Blogthemas):<\/p>\n<p>http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=R-EGKpbIBuw<\/p>\n<p>Der Pianist Marc-Andr\u00e9 Hamelin wiederum w\u00fcrde wohl kaum einen Wettbewerb gewinnen k\u00f6nnen. Seine geradezu stoische Ruhe Haltung steht in gr\u00f6\u00dftem Kontrast zu Lang Lang: Dasselbe Showpiece von Liszt wird in technisch bewundernswerter \u00dcberlegenheit exerziert, weit souver\u00e4ner und musikalischer als Lang Lang, aber in stocksteifer Konzentration (auch hier lohnt das YouTube-Ansehen und \u2013h\u00f6ren des ganzen St\u00fccks):<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pIMzL2-4bjg?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Die ohne Zweifel allerbeste Live-Aufnahme dieses St\u00fcckes, jedenfalls hinsichtlich k\u00f6rpersprachlicher Aspekte, ist freilich jene von Victor Borge \u263a:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/BcV19rylSZc?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Jeder Musiker, jede Musikerin, wird freilich selbst entscheiden m\u00fcssen, wie stark er\/sie dem Publikum \u201eInneres\u201c nach au\u00dfen kehren m\u00f6chte. Aber es gibt nun durchaus eine Noten-Situation, in der man sich bewegen \u201emuss\u201c, um die gew\u00fcnschte Wirkung bei Publikum zu erzielen: den mit Crescendo und\/oder Decrescendo versehenen, liegenden Klavierklang:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3524\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-1.jpg\" alt=\"\" width=\"236\" height=\"176\" \/><\/a><br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\n<span><strong>Abb. 1: L. v. Beethoven, <em>Klaviersonate<\/em> op. 7, 4. Satz, T. 62\u201364 (Anfang) (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+Nr.+4+Es-dur+op.+7_773\" target=\"blank\">HN 773<\/a>)<\/strong><\/span><br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\nWas mag Beethoven mit dieser merkw\u00fcrdigen Crescendo-Vorschrift gemeint haben und wie setze ich das geforderte Anschwellen aus dem <em><strong>p<\/strong><\/em> zum <em><strong>sf<\/strong><\/em> im n\u00e4chsten Takt am Klavier in Klang um? Mir ist \u201evor\u201c Beethoven keine einzige solche \u201eunspielbare\u201c Dynamikanweisung in der Klaviermusik bekannt. Aber bei Beethoven kommt sie gelegentlich vor (auch bei Schubert, Schumann, Liszt, Rachmaninow habe ich solche Stellen gefunden). Beethoven scheint \u00fcberhaupt der erste zu sein, der sich schriftlich \u00fcber die klanglichen Beschr\u00e4nkungen des Tasteninstruments in dieser Art hinwegsetzte. Beethovens Autograph der <strong><em>Klaviersonate<\/em> op. 7<\/strong> ist verschollen, aber in der Erstausgabe steht tats\u00e4chlich dieses nicht realisierbare <em><strong>p<\/strong><\/em> mit nachfolgendem Crescendo. Im Kontext der Stelle scheint dennoch klar zu sein, was Beethoven meinte (h\u00f6rte; intendierte), aber ungew\u00f6hnlich notierte: n\u00e4mlich ein \u201egro\u00dfes\u201c Crescendo \u00fcber vier Takte zum c-moll-Fortissimo (T. 64).<\/p>\n<p>Im Kopfsatz der <strong><em>Klaviersonate<\/em> op. 31 Nr. 3<\/strong> findet sich gleich zu Beginn eine \u00e4hnliche \u201eunausf\u00fchrbare\u201c Stelle. Wieder liegt keinerlei Handschrift Beethovens vor, wir h\u00e4ngen editorisch von der Erstausgabe ab. Das merkw\u00fcrdig erscheinende <em>cresc.<\/em> zum liegenden Akkord in Takt 4&#8230;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3587\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-2.jpg\" alt=\"\" width=\"671\" height=\"196\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-2.jpg 671w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-2-300x87.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 671px) 100vw, 671px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><span><strong>Abb. 2: L. v. Beethoven, <em>Klaviersonate<\/em> op. 31 Nr. 3, 1. Satz, T. 1-6 (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Piano+Sonata+no.+18+E+flat+major+op.+31+no.+3_755\" target=\"blank\">HN 755<\/a>)<\/strong><\/span><\/p>\n<p>&#8230;hat an keiner parallelen Stelle eine Entsprechung; es steht sonst bereits zu den vorausgehend repetierten Viertelschl\u00e4gen. Ich deute die Stelle analog zur Stelle in Op. 7, 4. Satz: Beethoven will ein \u201egro\u00dfes\u201c, langgezogenes Crescendo bis hin zum <strong><em>sf<\/em><\/strong> in Takt 6 (und so auch an den zahlreichen \u00fcbrigen Stellen des Satzes). Eine letzte Beethoven-Stelle:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3595\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Abb-3.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"194\" \/><\/a><br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\n<span><strong>Abb. 3: L. v. Beethoven, <em>Les-Adieux-Sonate<\/em> op. 81a, 1. Satz, T. 252\u2013254 (Anfang) (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klaviersonate+Nr.+26+Es-dur+op.+81a+%28Les+Adieux%29+_723\" target=\"blank\">HN 723<\/a>)<\/strong><\/span><br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\n<br class=\"clear\" \/><br \/>\nMan muss dazu wissen, dass das <em>cresc.&#8212;<\/em> nur in Beethovens Autograph der <strong><em>Les-Adieux-Sonate<\/em> op. 81a<\/strong> steht, nicht aber in der von ihm korrigierten Erstausgabe. Alfredo Casella r\u00e4t im Kommentar zu seiner Ricordi-Ausgabe (1919\/20) schlichtweg dazu, das <em>cresc.<\/em> zu ignorieren und das nachfolgend oktavierte <em>b<\/em> im Pianissimo zu spielen \u2013 weil man das Crescendo ja angeblich nicht ausf\u00fchren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Alfred Brendel bietet nun zu dieser Art Problem eine sehr bedenkenswerte, prinzipielle L\u00f6sung an, wie man solche \u201eunspielbaren\u201c Stellen ad\u00e4quat spielen k\u00f6nnte: Mit Hilfe von k\u00f6rpersprachlicher Gestik. Er schreibt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Klang l\u00e4ngerer Noten auf dem Klavier ist modifizierbar 1. mit Hilfe der Begleitstimmen, falls solche vorhanden sind, 2. mit Hilfe synkopierten Pedals und 3. mit Hilfe von Bewegungsvorg\u00e4ngen, die die kantable Vorstellung des Pianisten sichtbar machen. Diese Bewegungsvorg\u00e4nge werden auf den Ansatz der Note selbst, aber auch auf ihre Vorbereitung und Fortsetzung wesentlich einwirken. Manche Crescendi auf einer Note sind nur durch Suggestion im Konzertsaal zu \u00fcbermitteln.\u201c (Alfred Brendel, Nachdenken \u00fcber Musik, M\u00fcnchen 1982, S. 35.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht nur f\u00fcr den potentiellen Wettbewerbsgewinn ist demnach K\u00f6rpersprache beim Klavierspiel sehr wichtig; nein, auch zur Realisierung von Notentext. Nur derjenige Klavierspieler offenbar, der sich von der Komponisten-Intention des real Unh\u00f6rbaren \u2013 emotional \u2013 bewegen l\u00e4sst, der wird sich auch entsprechend \u2013 k\u00f6rperlich \u2013 bewegen; und nur, wer derart bewegt ist, bewegt auch die anderen, die Zuh\u00f6rer, die vor allem auch Zuschauer sind. Diese meinen dann sogar einen liegenden an- und abschwellenden Klavierklang zu erleben, auch wenn er realiter gar nicht zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p>Probieren Sie es doch mal aus.<\/p>\n<div id=\"attachment_3607\" style=\"width: 601px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3607\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3607\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-2.jpg\" alt=\"Wilhelm Busch: \u201eDer Virtuos\u201c, 1865 (Quelle: Wikimedia.org, Lizenz: PD)\" width=\"591\" height=\"392\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-2.jpg 1477w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-2-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/03\/Busch-2-1024x680.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 591px) 100vw, 591px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3607\" class=\"wp-caption-text\">Wilhelm Busch: \u201eDer Virtuos\u201c, 1865 (Quelle: Wikimedia.org, Lizenz: PD)<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bemerkungen zur Notwendigkeit von K\u00f6rpersprache beim Klavierspiel Heute mal ein &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/03\/31\/zuhorer-sind-auch-nur-menschen-bemerkungen-zur-notwendigkeit-von-korpersprache-beim-klavierspiel\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[471,105,293,301,469,296,470,465,311,466,3,468,467],"tags":[707,7,74,35,187,186,51,185,188],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3515"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3515"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3515\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}