{"id":353,"date":"2012-02-20T07:00:18","date_gmt":"2012-02-20T06:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=353"},"modified":"2022-11-30T15:31:41","modified_gmt":"2022-11-30T14:31:41","slug":"das-ende-vom-wiegen-lied-zu-einer-variante-in-gabriel-faures-berceuse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/02\/20\/das-ende-vom-wiegen-lied-zu-einer-variante-in-gabriel-faures-berceuse\/","title":{"rendered":"Das Ende vom (Wiegen-)Lied: welches ist der Schlusston von Faur\u00e9s Berceuse?"},"content":{"rendered":"<p>Gabriel Faur\u00e9s <em>Berceuse<\/em> op. 16, eine bezaubernde Miniatur f\u00fcr Violine und Klavier, ist aus editorischer Sicht ein recht unproblematisches St\u00fcck. Dennoch findet sich auch hier ein Detail, das beim zweiten Hinsehen etwas Kopfzerbrechen bereiten kann. <!--more-->Die Erstausgabe von 1879, die auch unserer Urtextausgabe (<a title=\"HN 1101  Faur\u00e9, Berceuse\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Berceuse+op.+16_1101\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1101<\/a>) als Hauptquelle dient, bietet anstelle des Schlusstons <em>d<\/em><sup>3<\/sup> eine Flageolett-Alternative an, n\u00e4mlich:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Flageolett.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-354\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Flageolett.png\" alt=\"\" width=\"780\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Flageolett.png 780w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2012\/02\/Flageolett-300x65.png 300w\" sizes=\"(max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Diese Notationsweise gibt nicht den effektiv erklingenden Ton an, sondern schreibt den dazu n\u00f6tigen Griff vor: das <em>d<\/em><sup>2<\/sup> ist normal zu greifen, zugleich wird dieselbe Saite mit einem weiteren Finger dort leicht ber\u00fchrt, wo sich das <em>g<\/em><sup>2<\/sup> befindet. Auf diese Weise wird ein Oberton erzeugt, der sich 2 Oktaven \u00fcber dem Grundton befindet, also ein <em>d<\/em><sup>4<\/sup>. Der ad-libitum-Schluss w\u00fcrde also eine Oktave h\u00f6her als der normale Schlusston klingen \u2013 sollte das wirklich gemeint sein? Passt zu diesem schlichten und innigen Wiegenlied ein derartiger Effekt mit einem Sprung in die h\u00f6chste Lage, der sicherlich jedes Kind gleich wieder aus dem Schlummer rei\u00dfen w\u00fcrde\u2026?<\/p>\n<p>In der Tat gibt es moderne Ausgaben der <em>Berceuse<\/em>, die den Flageolettgriff genau aus diesem Grund \u00e4ndern und eine Oktave tiefer notieren, um wieder beim \u201eoriginalen\u201c klingenden <em>d<\/em><sup>3<\/sup> zu landen. F\u00fcr ein Versehen von Faur\u00e9 k\u00f6nnte ebenfalls der Umstand sprechen, dass er zwar ausgebildeter Organist und Pianist, aber kein Geiger war, und auch in seinen fr\u00fchen Kammermusikwerken wie der Violinsonate op. 13, dem Klavierquartett op. 15 oder der <em>Romance<\/em> f\u00fcr Violine und Klavier op. 28 keine Flageolett-Griffe vorkommen. Oder war etwa der Verlag schuld, der eine m\u00fcndliche Anweisung Faur\u00e9s falsch umsetzte oder gar eine eigenm\u00e4chtige Zutat hineinschmuggelte? Denn in der autographen Skizze der <em>Berceuse<\/em>, die in der <em>Beinecke Rare Book and Manuscript Library<\/em> der Universit\u00e4t Yale aufbewahrt wird und als Digitalisat zug\u00e4nglich ist, findet sich noch gar kein Ossia-Schluss (siehe die separate <a title=\"Ms.aut. Yale\" href=\"http:\/\/brbl-images.library.yale.edu\/PATREQIMGX01\/size4\/D1234\/1070774.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Solostimme<\/a>).<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise existiert eine weitere Quelle, die diese Spekulationen unn\u00f6tig macht: in der Biblioth\u00e8que de Toulouse befindet sich das Autograph von Faur\u00e9s eigener Orchestrierung der <em>Berceuse<\/em>, die er kurze Zeit sp\u00e4ter im April 1880 erstellte. Dieses Manuskript, inzwischen ebenfalls als <a title=\"Ms.aut. Toulouse\" href=\"http:\/\/numerique.bibliotheque.toulouse.fr\/ark:\/74899\/B315556101_RMB0557\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Scan<\/a> im Internet einsehbar, belegt die G\u00fcltigkeit der Druckausgabe, denn Faur\u00e9 kopiert den Part der Solovioline exakt gem\u00e4\u00df der Kammerfassung, inklusive des fraglichen Flageolett-Tons (siehe die <a title=\"Ms.aut. Toulouse p.19\" href=\"http:\/\/numerique.bibliotheque.toulouse.fr\/collect\/general\/index\/assoc\/\/ark:\/74899\/B315556101_RMB0557.dir\/images\/B315556101_RMB0557_019.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">letzte Partiturseite<\/a>). Und da Faur\u00e9 zuvor die Urauff\u00fchrung der Kammerfassung am 14. 2. 1880 pers\u00f6nlich am Klavier begleitet hatte, d\u00fcrfte er durchaus genau gewusst haben, was er da tat. Was allerdings <em>Sie<\/em> an dieser Stelle tun, wenn Sie die <em>Berceuse<\/em> einmal spielen sollten, bleibt Ihrem ganz pers\u00f6nlichen Geschmack \u00fcberlassen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gabriel Faur\u00e9s Berceuse op. 16, eine bezaubernde Miniatur f\u00fcr Violine &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/02\/20\/das-ende-vom-wiegen-lied-zu-einer-variante-in-gabriel-faures-berceuse\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,383,88,307,339,20,3,33,24],"tags":[31,30,32,690,692],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/353"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=353"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/353\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10315,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/353\/revisions\/10315"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=353"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=353"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=353"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}