{"id":3633,"date":"2014-04-14T08:00:42","date_gmt":"2014-04-14T06:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=3633"},"modified":"2015-05-22T14:13:44","modified_gmt":"2015-05-22T12:13:44","slug":"diener-zweier-herren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/04\/14\/diener-zweier-herren\/","title":{"rendered":"\u201eDiener zweier Herren\u201c \u2013 wenn der Herausgeber zwischen zwei Komponisten steht"},"content":{"rendered":"<p>Der Grundgedanke hinter einer Urtext-Ausgabe ist bekanntlich, eine Komposition so herauszugeben, dass sie dem Willen des Autors entspricht, in der Regel in der abschlie\u00dfenden \u201eFassung letzter Hand\u201c. Doch wie geht man damit um, wenn man es mit <em>zwei<\/em> Willen und einem letzten H\u00e4nde<em>paar<\/em> zu tun hat\u2026?<!--more--><\/p>\n<p>Mit dieser Frage sind wir seit letztem Jahr in verst\u00e4rktem Ma\u00dfe konfrontiert, denn 2013 sind im G. Henle Verlag zum ersten Mal auch Bearbeitungen originaler Werke erschienen. Dies allerdings nur unter der strengen Ma\u00dfgabe, dass auch die Bearbeiter zu den \u201egro\u00dfen Meistern\u201c z\u00e4hlen und die Bearbeitungen wiederum selbst Werke von hohem k\u00fcnstlerischem Rang darstellen. In unseren Katalog fanden bisher drei sehr anspruchsvolle Klaviertranskriptionen Einlass: zwei Liszt-Bearbeitungen von Kompositionen Richard Wagners (<em>Isoldens Liebestod<\/em> <a title=\"HN 558\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Isoldens+Liebestod+aus+%22Tristan+und+Isolde%22+%28Richard+Wagner%29_558\" target=\"_blank\">HN 558<\/a> und das <em>Spinnerlied<\/em> <a title=\"HN 585\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Spinnerlied+aus+%22Der+fliegende+Holl%C3%A4nder%22+%28Richard+Wagner%29_585\" target=\"_blank\">HN 585<\/a>) sowie die ber\u00fchmte Bach\u2019sche <em>Chaconne<\/em> f\u00fcr Violine solo in Ferruccio Busonis nicht minder ber\u00fchmter Klavierfassung (<a title=\"HN 557\" href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Chaconne+aus+der+Partita+Nr.+2+d-moll+%28Johann+Sebastian+Bach%29_557\" target=\"_blank\">HN 557<\/a>).<\/p>\n<p>Da diese Bearbeitungen dem Original prinzipiell genau folgen (es handelt sich ja nicht um freie Paraphrasen, Fantasien oder Variationen \u00fcber ein Thema), fallen hier einzelne Abweichungen von der Vorlage besonders ins Gewicht und bed\u00fcrfen einer genauen Pr\u00fcfung: Handelt es sich um absichtliche eigene \u201eZutaten\u201c des Bearbeiters? Oder doch nur um blo\u00dfe Versehen, die der Herausgeber richtigstellen muss? Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen:<\/p>\n<p>Ferruccio Busoni bettete die originale Violinstimme von J. S. Bachs <em>Chaconne<\/em> (aus der Partita f\u00fcr Violine d-moll BWV 1004) grunds\u00e4tzlich unver\u00e4ndert in seine Klavierbearbeitung ein, wenngleich er bestimmte instrumentenspezifische Figuren wie Arpeggio-Passagen dem Klavier gem\u00e4\u00df etwas freier adaptierte. Am Takt\u00fcbergang 172\/173 findet sich allerdings eine auff\u00e4llige Abweichung in der Melodielinie (vgl. die rot markierten Noten in den Abbildungen): anstelle des originalen <em>e\u2013a<\/em> steht bei Busoni <em>d\u2013cis<\/em>:<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3636\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Bach-Chaconne.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"279\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Bach-Chaconne.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Bach-Chaconne-300x119.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">J. S. Bach, Partita BWV 1004, <em>Chaconne<\/em>, Autograph<\/span><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3637\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Busoni-Chaconne.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"241\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Busoni-Chaconne.jpg 700w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Busoni-Chaconne-300x103.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">F. Busoni, Klaviertranskription der <em>Chaconne<\/em>, Takt 172\/173<\/span><\/p>\n<p>Busoni kannte zwar das Autograph zu diesem Zeitpunkt noch nicht, doch auch alle Druckausgaben der Bach\u2019schen <em>Chaconne<\/em>, die ihm als Vorlage dienen konnten, haben <em>e\u2013a<\/em>. Bei genauerer Betrachtung erscheint es unplausibel, hier ein Versehen Busonis \u2013 ein ausgezeichneter Kenner der Werke Bachs \u2013 anzunehmen. Denn es sind gleich zwei Noten abweichend, und dies in durchaus sinnvoller Weise, die eine kompositorische Absicht Busonis nahelegt: W\u00e4hrend Bach mit dem kadenzierenden Quintfall zum Grundton des A-dur-Akkords eine harmonische Befestigung der unbegleiteten Solostimme vornimmt, stellt Busonis Stimmf\u00fchrung eine sogenannte Tenorklausel zur Durterz <em>cis<\/em> dar. Da in seiner Klavierfassung der Akkord-Grundton <em>a <\/em>bereits massiv im Bass erklingt, war f\u00fcr Busoni die klangliche Ausgewogenheit sicher wichtiger als \u00fcbertriebene Werktreue. Probieren Sie es einmal am Klavier aus \u2013 das originale <em>e\u2013a<\/em> w\u00fcrde in diesem Kontext merkw\u00fcrdig \u201ehohl\u201c klingen.<\/p>\n<p>Wesentlich umstrittener und von Pianisten bis heute diskutiert ist dagegen eine auff\u00e4llige Divergenz in <em>Isoldens Liebestod<\/em>, d.h. Franz Liszts Klaviertranskription der Schlussszene aus Richard Wagners <em>Tristan und Isolde<\/em>. Stein des Ansto\u00dfes ist die 2. Bassnote in Takt 78, die Liszt als <em>dis<\/em> notiert, wohingegen in Wagners Partitur bei dieser Akkordbrechung in der Harfenstimme ein <em>fis<\/em> steht (siehe Notenbeispiele).<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3640\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Liszt-Isolde.jpg\" alt=\"\" width=\"250\" height=\"196\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Liszt-Isolde.jpg 500w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Liszt-Isolde-300x235.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 250px) 100vw, 250px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">F. Liszt, <em>Isoldens Liebestod<\/em>, T.78<\/span><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3641\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Wagner-Isolde.jpg\" alt=\"\" width=\"360\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Wagner-Isolde.jpg 500w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Wagner-Isolde-300x125.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">R. Wagner, <em>Tristan und Isolde<\/em>, Schlussszene<\/span><\/p>\n<p>Im Gegensatz zum oben erw\u00e4hnten Fall bei Busoni, wo die klangliche Verbesserung offensichtlich ist, scheint das <em>dis<\/em> hier eine unbefriedigende Variante: zwischen 2. und 3. Note entsteht ein gro\u00dfer Oktavsprung, zudem wird so die Terz des H-dur-Akkords wiederholt, was nach traditionellen Satzregeln un\u00fcblich ist. Doch so sehr es intuitiv reizen w\u00fcrde, diesen vermeintlichen \u201eTerzverschreiber\u201c in ein <em>fis<\/em> zu verbessern \u2013 die philologischen Befunde sprechen eindeutig dagegen. Das Autograph ist leider nur unvollst\u00e4ndig erhalten und kann f\u00fcr diesen Takt nicht weiterhelfen, aber alle anderen Quellen \u00fcberliefern einhellig das <em>dis<\/em>.<\/p>\n<p>Interessanterweise stie\u00df der Verlag Breitkopf&amp;H\u00e4rtel bereits w\u00e4hrend der Korrekturphase der Erstausgabe 1875 auf diese Diskrepanz: der Arrangeur und Lektor Albert Heintz (der von Breitkopf mit einer Bearbeitung f\u00fcr 2 Klaviere zu 8 H\u00e4nden beauftragt worden war) notierte in Liszts Revisionsexemplar am Rand: \u201e? Laut Klavierauszug von H. v. B\u00fclow mu\u00df dies <span style=\"text-decoration: underline\">fis<\/span> hei\u00dfen. Die Partitur wird\u2019s ausweisen\u201c. Es ist sicher anzunehmen, dass der Verlag vor der Publikation, die erst ein gutes halbes Jahr sp\u00e4ter erfolgte, diese Frage mit Liszt kl\u00e4rte und das <em>dis<\/em> bewusst stehen blieb.<\/p>\n<p>Auch der Pianist und Liszt-Sch\u00fcler August Stradal, der <em>Isoldens Liebestod<\/em> im Rahmen der ersten Liszt-Gesamtausgabe herausgab, hat diese Note mit guten Gr\u00fcnden verteidigt (siehe Abbildung). Stradal gibt hier im Revisionsbericht die wichtige Information, dass Liszt auch beim Unterricht nie das fragliche <em>dis<\/em> verbessert habe, und verweist auf die h\u00e4ufigen kleinen Abweichungen, die Liszt sich in seinen Transkriptionen gestattete. Und noch ein weiteres gutes Argument f\u00fchrt Stradal an: Liszts originalen Fingersatz <em>3\u20131\u20132<\/em>, der ideal zum <em>dis<\/em> passt.<br \/>\n<img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3642\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Stradal-Isolde.jpg\" alt=\"\" width=\"483\" height=\"596\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Stradal-Isolde.jpg 483w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/04\/Stradal-Isolde-243x300.jpg 243w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><br \/>\n<span style=\"font-size: smaller\">A. Stradal, Vorwort zu <em>Franz Liszts Musikalische Werke, III\/1: Bearbeitungen und Transkriptionen f\u00fcr Klavier von Werken Rich. Wagners<\/em>, Leipzig 1911, S. V.<\/span><\/p>\n<p>In beiden dargestellten F\u00e4llen entschieden die Herausgeber also zugunsten des \u201ezweiten Herren\u201c, d.h. des Komponisten der Bearbeitung, nicht des Originals. Aber sicher werden wir auch auf F\u00e4lle sto\u00dfen, wo die Waagschale zur anderen Seite hin ausschlagen wird. Kennen Sie vergleichbare Stellen in der Literatur? Oder haben Sie vielleicht W\u00fcnsche, welche Bearbeitungen wir in Zukunft herausgeben sollten? Dann schreiben Sie uns doch einen Kommentar!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Grundgedanke hinter einer Urtext-Ausgabe ist bekanntlich, eine Komposition so &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/04\/14\/diener-zweier-herren\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[310,52,472,371,20,311,3,473,102,320],"tags":[47,119,189,690,51,115],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3633"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3633"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3633\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}