{"id":3724,"date":"2014-05-12T08:00:34","date_gmt":"2014-05-12T06:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=3724"},"modified":"2015-05-22T14:24:56","modified_gmt":"2015-05-22T12:24:56","slug":"mindestens-haltbar-bis%e2%80%a6-wie-lange-gilt-ein-vorzeichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/05\/12\/mindestens-haltbar-bis%e2%80%a6-wie-lange-gilt-ein-vorzeichen\/","title":{"rendered":"Mindestens haltbar bis\u2026 Wie lange gilt ein Vorzeichen?"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/Titelbild.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3825\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/Titelbild.jpg\" alt=\"\" width=\"102\" height=\"320\" \/><\/a>Musiker unserer Tage m\u00f6gen die oben gestellte Frage mit hochgezogenen Augenbrauen quittieren. Ist doch klar \u2013 Generalvorzeichnung gilt immer und f\u00fcr alle Oktavlagen, es sei denn sie wird durch Aufl\u00f6sungszeichen aufgehoben. Ein im Takt gesetztes Vorzeichen gilt genau f\u00fcr diese Note und f\u00fcr den ganzen Takt \u2013 nicht l\u00e4nger und nicht k\u00fcrzer. Aber das war nicht immer so.<\/p>\n<p>Zu Johann Sebastian Bachs Zeiten etwa galten andere Regeln. Generalvorzeichnung wurde zwar genauso gehandhabt wie in der heutigen Zeit, das im Takt gesetzte Vorzeichen galt jedoch nur f\u00fcr diese eine Note. Sollte die gleiche Note sp\u00e4ter im Takt noch einmal vorkommen, so musste das Vorzeichen erneut gesetzt werden, wenn es weiter g\u00fcltig sein sollte.<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3752\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-1.jpg\" alt=\"\" width=\"95\" height=\"49\" \/><\/a>In Bachs <em>Invention Nr. 5 Es-dur<\/em> sieht die zweite H\u00e4lfte von Takt 4, linke Hand, in der aktuellen Henle-Edition (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Inventionen+und+Sinfonien+BWV+772-801_64\" target=\"blank\">HN 64<\/a>) folgenderma\u00dfen aus (zu lesen im Bassschl\u00fcssel):<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3756\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-2.jpg\" alt=\"\" width=\"95\" height=\"108\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-2.jpg 476w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-2-264x300.jpg 264w\" sizes=\"(max-width: 95px) 100vw, 95px\" \/><\/a>In Bachs Autograph stehen hingegen statt des einen Aufl\u00f6sungszeichens f\u00fcr die Note <em>a<\/em> gleich drei Aufl\u00f6sungszeichen:<\/p>\n<p>Auch der umgekehrte Fall ist aufschlussreich. Wo die moderne Edition ein einmal gesetztes Vorzeichen wieder aufl\u00f6sen muss, sollte es nicht f\u00fcr den ganzen Takt gelten, braucht Bach keinerlei Vorzeichen zu notieren.<\/p>\n<p>In T. 3 der <em>11. Invention g-moll<\/em> steht in der 1. Z\u00e4hlzeit <em>fis<\/em>, in der 3. Z\u00e4hlzeit <em>f<\/em>. Henle notiert diesen Takt folgenderma\u00dfen (wiederum gilt Bassschl\u00fcssel):<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3764\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-3.jpg\" alt=\"\" width=\"390\" height=\"65\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-3.jpg 390w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-3-300x50.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 390px) 100vw, 390px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bei Bach steht hingegen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-4.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3766\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-4.jpg\" alt=\"\" width=\"350\" height=\"131\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-4.jpg 1168w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-4-300x111.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-4-1024x382.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 350px) 100vw, 350px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Ein Herausgeber muss also die alten Vorzeichenregeln kennen und \u00dcbersetzungsarbeit leisten, wenn er die Orthographie Bachs in moderne Schreibweise \u00fcbertragen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wie so oft bei \u00dcbersetzungsvorhaben gibt es auch in unserem Fall fast unvermeidliche Unsch\u00e4rfen. Der Ausgangstext der Notation Bachs ist n\u00e4mlich leider nicht immer eindeutig, was den Herausgeber vor die Frage stellt, was eigentlich gemeint ist und f\u00fcr welche der m\u00f6glichen L\u00f6sungen er sich im \u201e\u00fcbersetzten\u201c \u2013 also edierten \u2013 Text entscheiden soll. Hierzu ein prominentes Beispiel, das vielen Musikern gel\u00e4ufig sein d\u00fcrfte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-5.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3797\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-5.jpg\" alt=\"\" width=\"403\" height=\"144\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-5.jpg 805w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-5-300x107.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 403px) 100vw, 403px\" \/><\/a>In der <em>Fl\u00f6tensonate h-moll<\/em> BWV 1030, II. Satz, notiert Bach in der Solostimme in T. 6 viermal ein Kreuz zur Note <em>g<\/em><sup>2<\/sup>, es ist also jeweils <em>gis<\/em><sup>2<\/sup> zu spielen. Zur drittletzten Note steht kein Vorzeichen \u2013 auf dem Hintergrund der alten Vorzeichennotation ist also offenbar <em>g<\/em><sup>2<\/sup> gemeint.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-6.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3802\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-6.jpg\" alt=\"\" width=\"394\" height=\"131\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-6.jpg 788w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-6-300x99.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 394px) 100vw, 394px\" \/><\/a>\u00c4hnlich in T. 13: Zu Taktbeginn steht ein Kreuz, das aus der Note <em>g<\/em><sup>2<\/sup> ein <em>gis<\/em><sup>2<\/sup> macht (auch f\u00fcr die folgenden Tonwiederholungen g\u00fcltig). Das Kreuz wird im folgenden Lauf nur einmal wiederholt, was bedeutet, dass die sechste 32stel-Note als <em>g<\/em><sup>2<\/sup> und nicht <em>gis<\/em><sup>2<\/sup>2 zu lesen ist.<\/p>\n<p>Warum wirft die Henle-Edition (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Fl%C3%B6tensonaten%2C+Band+I+%28Die+vier+authentischen+Sonaten+-+mit+Violoncello-Stimme%29_269\" target=\"blank\">HN 269<\/a>) dann an beiden Stellen eine Frage auf?<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-7.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3804\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-7.jpg\" alt=\"\" width=\"752\" height=\"131\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-7.jpg 752w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-7-300x52.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 752px) 100vw, 752px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In den oben zitierten Inventionen gibt es immer wieder Stellen, an denen Bach nicht gem\u00e4\u00df der \u201ealten\u201c Vorzeichenregeln notiert, sondern ein im Takt gesetztes Vorzeichen doch wieder aufl\u00f6st. In T. 11 der <em>5. Invention Es-dur<\/em>, linke Hand, w\u00e4re es eigentlich nicht n\u00f6tig gewesen, das \u266d-Vorzeichen zur 7. Note zu setzen:<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-8.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignleft size-full wp-image-3808\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/05\/BSP-8.jpg\" alt=\"\" width=\"353\" height=\"175\" \/><\/a>Das Aufl\u00f6sungszeichen zur 4. Note gilt nach alter Regel nur zu dieser Note \u2013 die 7. Note w\u00fcrde auch ohne Vorzeichen <em>as<\/em> statt <em>a<\/em> lauten. Bach empfand an dieser Stelle offenbar, dass das Aufl\u00f6sungszeichen doch l\u00e4nger wirksam ist, als dies auf der Grundlage der alten Regeln eigentlich anzunehmen w\u00e4re. Um sicherzugehen, dass die 7. Note auch wirklich als <em>as<\/em> gespielt w\u00fcrde, notierte er also ein \u266d-Vorzeichen und n\u00e4herte sich den modernen Notationsgepflogenheiten somit an.<\/p>\n<p>Diese \u201eGrauzone\u201c in Bachs Notation hinsichtlich der Geltungsdauer von Vorzeichen l\u00e4sst so manchen Musiker an T. 6 und 13 aus dem II. Satz der <em>Fl\u00f6tensonate h-moll<\/em> zweifeln. Empfand Bach auch hier, dass die Vorzeichen f\u00fcr den ganzen Takt gelten? Lauten die fraglichen Noten also <em>gis<\/em><sup>2<\/sup>? H\u00e4tte er, wenn er wirklich <em>g<\/em><sup>2<\/sup> statt <em>gis<\/em><sup>2<\/sup> gemeint h\u00e4tte, nicht zur Verdeutlichung Aufl\u00f6sungszeichen gesetzt? Der harmonische Kontext spricht zwar in beiden F\u00e4llen eher f\u00fcr <em>g<\/em><sup>2<\/sup>, doch ist <em>gis<\/em><sup>2<\/sup> durchaus denkbar.<\/p>\n<p>Die Frage nach der Haltbarkeit von Vorzeichen ist keineswegs so leicht zu beantworten wie es zun\u00e4chst schien. Insbesondere die \u201ealte\u201c Regel zur Setzung von Vorzeichen l\u00e4sst mitunter Fragen offen, die nicht eindeutig gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Die moderne Notation versucht zwar in dieser Hinsicht Missverst\u00e4ndnissen vorzubeugen, gibt aber dennoch selbst Anlass zu Zweifeln (siehe Blog-Beitrag von Peter Jost vom <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2012\/09\/03\/das-kreuz-mit-dem-b-warnvorzeichen-genug-oder-darf%E2%80%99s-etwas-mehr-sein\/\" target=\"blank\">3.9.2012<\/a>). Unsere Herausgeber m\u00fcssen in all diesen F\u00e4llen abw\u00e4gen und Entscheidungen treffen \u2013 und wo sich Probleme nicht eindeutig l\u00f6sen lassen, die m\u00f6glichen Varianten an die Erfahrung und das Stilempfinden der Musiker weitergeben.<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrden Sie entscheiden? Und &#8211; kennen Sie \u00e4hnliche F\u00e4lle?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Musiker unserer Tage m\u00f6gen die oben gestellte Frage mit hochgezogenen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/05\/12\/mindestens-haltbar-bis%e2%80%a6-wie-lange-gilt-ein-vorzeichen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,310,476,475,3,33],"tags":[703,47,202,201,203,200,199,80],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3724"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3724"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3724\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3724"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3724"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3724"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}