{"id":3867,"date":"2014-06-09T08:00:17","date_gmt":"2014-06-09T06:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=3867"},"modified":"2015-05-22T14:40:46","modified_gmt":"2015-05-22T12:40:46","slug":"ein-%e2%80%9eneues%e2%80%9c-mozart-werk-zur-c-moll-%e2%80%9efantasie%e2%80%9c-kv-396385f-in-originaler-besetzung-fur-violine-und-klavier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/06\/09\/ein-%e2%80%9eneues%e2%80%9c-mozart-werk-zur-c-moll-%e2%80%9efantasie%e2%80%9c-kv-396385f-in-originaler-besetzung-fur-violine-und-klavier\/","title":{"rendered":"Ein \u201eneues\u201c Mozart-Werk. Zur c-moll-\u201eFantasie\u201c (KV 396\/385f) in originaler Besetzung f\u00fcr Violine und Klavier"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1a.jpg\"><\/a>Im Jahre 1821 trafen drei ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten in Weimar zusammen: Goethe, Mendelssohn Bartholdy und Mozart. Mozart nat\u00fcrlich nicht leibhaftig, sondern in Form einer Originalhandschrift, die damals Goethe besa\u00df (und die er eigenh\u00e4ndig auf Seite 2 mit \u201eMozart.\u201c kennzeichnete): <!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1a.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3871\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1a.jpg\" alt=\"\" width=\"635\" height=\"463\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1a.jpg 1813w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1a-300x218.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1a-1024x746.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1b.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3874\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1b.jpg\" alt=\"\" width=\"633\" height=\"467\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1b.jpg 1825w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1b-300x220.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_1b-1024x754.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 633px) 100vw, 633px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_3892\" style=\"width: 286px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mendelssohn-bei-Goethe.png\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3892\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3892\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mendelssohn-bei-Goethe.png\" alt=\"\" width=\"276\" height=\"183\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3892\" class=\"wp-caption-text\">Der junge Mendelssohn bei Goethe<\/p><\/div>\n<p>Es handelt sich dabei um ein Fragment gebliebenes St\u00fcck in c-moll, das im K\u00f6chelverzeichnis die Nummer KV 396 (385f) erhielt und bis heute als Klavier-\u201eFantasie in c-moll\u201c bekannt ist. Das Ereignis von 1821 ist so bekannt wie ber\u00fcckend: Der alte Goethe wollte den au\u00dfergew\u00f6hnlich begabten, erst 12-j\u00e4hrigen Felix, der ihn zusammen mit Carl Friedrich Zelter in Weimar besucht hatte, mit dem Mozart-Fragment auf die Probe stellen.\u00a0 Er lie\u00df Felix das Mozart-Autograph am Klavier vom Blatt abspielen. Dieser d\u00fcrfte seine Sache gut gemacht haben: Die Bewunderung Goethes f\u00fcr den Knaben Mendelssohn (\u201eneuer Mozart\u201c \u2013 \u201emein David\u201c) ist <a href=\"http:\/\/www.weimar-lese.de\/index.php?article_id=327\" target=\"_blank\">legend\u00e4r<\/a>.<\/p>\n<p>Und jetzt, Geiger und Pianisten, die Ohren gespitzt: In K\u00fcrze erscheint im G. Henle Verlag diese c-moll-Fantasie KV 396 (385f) neu, aber eben in Originalbesetzung. Es handelt sich n\u00e4mlich gar nicht um ein Klavier-Solo-Werk, sondern um ein weit gediehenes Fragment f\u00fcr Klavier und Violine. Das St\u00fcck hat sich nur wegen der sehr gelungenen Erg\u00e4nzung von Maximilian Stadler als <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Klavierst%C3%BCcke_22\" target=\"_blank\">Klavierst\u00fcck<\/a> etabliert und wird von vielen Pianisten wegen des \u201etragischen\u201c c-moll-Tonfalls geliebt.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/dSULddAhQx8?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; encrypted-media\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Vor einigen Jahren wurde diese Stadler-Fassung f\u00fcr Violine und Klavier umarrangiert und <a href=\"http:\/\/www.internationalmusicco.com\/resources\/imc\/excerpts\/3624.pdf\" target=\"_blank\">publiziert<\/a>. Solch ein Arrangement entspricht aber sicherlich nicht den Absichten Mozarts, sondern widerspricht vielmehr dem von Mozart Notierten. Also baten wir den fabelhaften Musiker und eminenten Mozart-Experten Robert D. Levin, dieses sch\u00f6ne St\u00fcck nun endlich in einer ad\u00e4quaten, eigenst\u00e4ndigen Originalbesetzungsgestalt auferstehen zu lassen. Gefragt, getan \u2013 und nun sind wir gespannt, was die Musikwelt dazu sagen wird.<\/p>\n<p>Um auf diese inhaltlich besondere Urtextausgabe mit s\u00e4mtlichen Violin-Klavier-Fragmenten Mozarts (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Violinsonaten%2C+Fragmente_1039\" target=\"_blank\">HN 1039<\/a>) noch ein wenig mehr Appetit zu machen, seien hier einige wissenswerte und unterhaltsame Hintergrundinformationen zur sogenannten c-moll-Fantasie KV 396 (385f) berichtet:<\/p>\n<p>Das Mozart-Fragment besteht aus zwei beschriebenen Seiten mit 27 vollst\u00e4ndig ausgef\u00fchrten Klaviertakten, sie gehen also genau bis zum Wiederholungsstrich. Es w\u00e4re in der letzten Akkolade der 2. Seite noch gen\u00fcgend Platz geblieben, um das St\u00fcck fortzufahren, aber Mozart brach hier ab. Warum, bleibt ein R\u00e4tsel, denn die zuvor niedergeschriebenen Takte sind wirklich gro\u00dfer Mozart: Aus einer quasi-Improvisation der ersten Takte entwickelt sich eine mit herber Chromatik versetzte Schicksalsmusik, durch scharfe Punktierungen an eine franz\u00f6sische Ouvert\u00fcre erinnernd.<\/p>\n<p>Formal hat das St\u00fcck mit einer \u201eFantasie\u201c nichts zu tun (man vergleiche etwa die beiden ber\u00fchmten Klavier-Fantasien in d-moll und c-moll); es handelt sich letztlich um den ersten Teil eines Sonatensatzes, der vor dem Beginn der Durchf\u00fchrung abbricht.<\/p>\n<p>Mozarts Autograph zeigt eindeutig ein \u00fcber den Klaviersystemen mitlaufendes Leersystem. Man kann zwar den Instrumentenvorsatz nicht erkennen, weil die Handschrift stark beschnitten wurde, aber dass es sich dabei um eine Violine und nichts anderes handelt, geht aus den f\u00fcnf letzten Takten der zweiten Seite hervor: Mozart schreibt Doppelgriffe, zum Teil mit leerer G-Saite. (An dieser Stelle finden sich \u00fcbrigens auch seine einzigen Angaben zur Dynamik.)<\/p>\n<p>Wie kam es dann zu der bis heute bekannten \u201efalschen\u201c Klavierfassung der c-moll-\u201eFantasie\u201c? Nun, dazu gibt es ebenfalls eine interessante kleine Anekdote. Maximilian Stadler sichtete zusammen mit Constanze Mozarts zweitem Ehemann Georg Nikolaus Nissen viele Jahre nach Mozarts Tod dessen gesamten Notennachlass. Darunter befand sich ein geh\u00f6riger Anteil unvollendeter Werke. So auch unser St\u00fcck in c-moll f\u00fcr Klavier und Violine. Den autographen Nachlass verkaufte Constanze an den Offenbacher Musikverleger Johann Anton Andr\u00e9 in den Jahren um 1800. Maximilian Stadler wurde vermutlich von Constanze Mozart gebeten, einige der lohnendsten Fragmente zu Ende zu komponieren \u2013 damit man sie \u00fcberhaupt auff\u00fchren und somit besser vermarkten konnte. Das c-moll-Fragment hatte es Stadler dabei wohl besonders angetan, denn es befand sich vertragswidrig nicht unter dem Autographen-Konvolut, das Andr\u00e9 gekauft hatte. Vielmehr behielt Stadler das Mozart-Autograph, schrieb es ab und komponierte daraus seine au\u00dferordentlich gut gelungene Klavierfantasie. Vermutlich konnte er mit den wenigen originalen Violintakten Mozarts darin nichts anfangen. Und er \u00fcberreichte seine \u201eCo-Sch\u00f6pfung\u201c der Eigent\u00fcmerin des Mozart-Autographs in einer besonders noblen Geste: Die c-moll-\u201eFantasie\u201c erschien 1802 bei dem Wiener Musikverleger Cappi mit Widmung an sie \u2013 ich vermute zum 40. Geburtstag von Constanze.<\/p>\n<p>Gleich drei Unwahrheiten finden sich auf dem Titelblatt dieser Druckausgabe: Weder handelt es sich um eine \u201eFantaisie\u201c (sondern um einen Sonatensatz), noch ist die Besetzung korrekt \u201eClavecin ou Piano-Forte\u201c (ohne Violine!), und der genannte Komponist \u201eW. A. Mozart\u201c hat davon nur die Exposition geschrieben (Stadler als Vollender wird mit keinem Wort erw\u00e4hnt). Hier der Abdruck der Titelseite eines Exemplars der Erstausgabe, das einst im Besitz von Johannes Brahms war:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-3875\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_2.jpg\" alt=\"\" width=\"633\" height=\"437\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_2.jpg 2199w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_2-300x207.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/06\/Mozart_KV-396_2-1024x706.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 633px) 100vw, 633px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Robert Levin hat sich nun, 232 Jahre nach Mozarts Niederschrift (1782) der wahrlich nicht einfachen Aufgabe gestellt, aus dem Fragment endlich eine von Stadler unabh\u00e4ngige, eigenst\u00e4ndige Version in der Originalbesetzung anzufertigen. Und wir im Verlag sind schlicht entz\u00fcckt und wirklich begeistert von dieser Neu-Fassung. Wir k\u00f6nnen uns gut vorstellen, dass Mozart selbst \u00fcber diese Vervollst\u00e4ndigung seiner Musik erstaunt und begl\u00fcckt w\u00e4re, k\u00f6nnte er sie denn h\u00f6ren. Die neue Fassung, wie sie in wenigen Wochen bei Henle erscheinen wird, erklang bislang erst einmal \u00f6ffentlich: Robert Levin und Noah Bendix-Balgley (Konzertmeister des Pittsburgh Symphony Orchestra und k\u00fcnftiger Konzertmeister der Berliner Philharmoniker) spielten sie am 29. April 2014 in Pittsburgh in einem Kammerkonzert. Wie man h\u00f6rt, mit gro\u00dfer Zustimmung. Es geh\u00f6rt nicht viel dazu sich vorzustellen, dass sich das neue Werk, auch wegen seiner K\u00fcrze, als viel gespieltes Zugabest\u00fcck durchsetzen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahre 1821 trafen drei ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten in Weimar zusammen: &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/06\/09\/ein-%e2%80%9eneues%e2%80%9c-mozart-werk-zur-c-moll-%e2%80%9efantasie%e2%80%9c-kv-396385f-in-originaler-besetzung-fur-violine-und-klavier\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,358,339,3,303,480,479],"tags":[215,217,216,34],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3867"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3867"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3867\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}