{"id":3924,"date":"2014-07-07T08:00:33","date_gmt":"2014-07-07T06:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=3924"},"modified":"2015-05-26T10:51:07","modified_gmt":"2015-05-26T08:51:07","slug":"wohin-mit-dem-schlussel-zu-einer-problemstelle-in-schumanns-f-dur-streichquartett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/07\/07\/wohin-mit-dem-schlussel-zu-einer-problemstelle-in-schumanns-f-dur-streichquartett\/","title":{"rendered":"Wohin mit dem Schl\u00fcssel? Zu einer Problemstelle in Schumanns F-dur-Streichquartett op. 41 Nr. 2"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_3952\" style=\"width: 283px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/bwe3257a1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3952\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3952\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/bwe3257a1.jpg\" alt=\"Abb. 1: aus: Wilhelm Busch, \u201eEine kalte Geschichte\u201d (1878)\" width=\"273\" height=\"373\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/bwe3257a1.jpg 273w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/bwe3257a1-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 273px) 100vw, 273px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3952\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: aus: Wilhelm Busch, \u201eEine kalte Geschichte\u201d (1878)<\/p><\/div>\n<p>Freunde des Humoristen Wilhelm Busch erinnern sich sicherlich an die Geschichte vom Meister Zwiel, der, in einer kalten Winternacht von einem Wirtshausbesuch zur\u00fcckgekehrt, vor der Haust\u00fcre steht und vergeblich das Schl\u00fcsselloch f\u00fcr seinen bereit gehaltenen Schl\u00fcssel sucht.<\/p>\n<p>Die Geschichte geht tragisch aus: Meister Zwiel verliert den Schl\u00fcssel und f\u00e4llt auf der Suche nach ihm in ein Wasserfass, in dem er schlie\u00dflich erfriert.<\/p>\n<p>Ganz so gef\u00e4hrlich ist das Finale von Robert Schumanns <em>Streichquartett F-dur<\/em> op. 41 Nr. 2 f\u00fcr Bratschisten zwar nicht, aber es gibt eine Verbindung zu Meister Zwiel. Denn auch die Musiker haben gleichsam einen Schl\u00fcssel in der Hand, m\u00fcssen aber das passende Schl\u00fcsselloch \u2013 sprich: die richtige Position f\u00fcr den Schl\u00fcssel \u2013 suchen.<!--more--><\/p>\n<p>Konkret geht es um Takt 182 in der Reprise des Finalsatzes. Schumann notierte im Autograph in Takt 179 f\u00fcr die Viola den Wechsel zum Violinschl\u00fcssel (und wiederholte diesen Wechsel nach dem Zeilenwechsel in Takt 180 nochmals ausdr\u00fccklich), verga\u00df dann aber, die R\u00fcckkehr zum Altschl\u00fcssel anzugeben:<\/p>\n<div id=\"attachment_3968\" style=\"width: 602px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3968\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3968\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-2.jpg\" alt=\"Abb. 2: Autographe Partitur, Satz IV: Allegro molto vivace, T. 180\u2013183 (1878)\" width=\"592\" height=\"324\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-2.jpg 1316w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-2-300x164.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-2-1024x560.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 592px) 100vw, 592px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3968\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Autographe Partitur, Satz IV: Allegro molto vivace, T. 180\u2013183 (1878)<\/p><\/div>\n<p>Unstrittig ist, dass Takt 183 im Altschl\u00fcssel zu lesen ist, also als Zweiklang <em>e<\/em><sup>1<\/sup>\/<em>b<\/em><sup>1<\/sup> \u2013 harmonisch ist jede andere Lesart ausgeschlossen. Wie verh\u00e4lt es sich aber mit dem Auftakt-Achtel davor? Soll der fehlende Altschl\u00fcssel davor oder dahinter erg\u00e4nzt werden? Ist das Achtel als <em>c<\/em> (Altschl\u00fcssel) oder als <em>b<\/em> (Violinschl\u00fcssel) zu spielen? Auf den ersten Blick erscheint die Sachlage eindeutig: Der von den anderen Instrumenten intonierte F-dur-Dreiklang legt die Quinte <em>c<\/em> nahe. Einige Ausgaben haben daher den fehlenden Schl\u00fcssel kommentarlos vor dem Auftaktachtel erg\u00e4nzt.<\/p>\n<div id=\"attachment_3984\" style=\"width: 279px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-3984\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3984\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-3.jpg\" alt=\"Abb. 3: Erstausgabe in Stimmen (1843), Viola, Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 179\u2013183\" width=\"269\" height=\"46\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-3.jpg 1329w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-3-300x51.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-3-1024x176.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 269px) 100vw, 269px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-3984\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Erstausgabe in Stimmen (1843), Viola, Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 179\u2013183<\/p><\/div>\n<p>Diese Position steht allerdings in Widerspruch zu den von Schumann selbst Korrektur gelesenen Drucken:<\/p>\n<div id=\"attachment_271\" style=\"width: 281px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-4.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-271\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-3985\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-4.jpg\" alt=\"Abb. 4: Erstausgabe der Partitur (1849), Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 179\u2013182\" width=\"271\" height=\"248\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-4.jpg 753w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-4-300x274.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-271\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Erstausgabe der Partitur (1849), Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 179\u2013182<\/p><\/div>\n<p>Nat\u00fcrlich ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass es sich in der Stimmenausgabe um einen Stichfehler handelt, der \u00fcbersehen wurde und \u2013 da die Partitur auf der Basis der Stimmenausgabe gestochen wurde \u2013 sp\u00e4ter unbemerkt in die Partitur gelangte. Aber sollte Schumann tats\u00e4chlich ein solch markanter Fehler gleich zweimal entgangen sein?<\/p>\n<p>Aufschluss dar\u00fcber w\u00fcrde die vom Komponisten durchgesehene Kopistenabschrift in Stimmen geben, die er f\u00fcr alle drei Streichquartette von seiner autographen Partitur vornehmen lie\u00df und die als Vorlage sowohl f\u00fcr Proben und Auff\u00fchrungen als auch f\u00fcr den Druck der Stimmenausgabe diente. Dort muss der Kopist Carl Br\u00fcckner den Schl\u00fcssel erg\u00e4nzt haben oder aber zumindest auf den fehlenden Schl\u00fcssel hingewiesen haben, der dann vielleicht sogar von Schumann selbst erg\u00e4nzt wurde. Leider ist diese Abschrift nur f\u00fcr das erste Quartett in a-moll erhalten \u2013 von Br\u00fcckners Kopien der Quartette in F-dur und A-dur fehlt bisher jede Spur.<\/p>\n<p>Bleibt als weitere M\u00f6glichkeit zur Kl\u00e4rung der Blick auf die Parallelstelle in der Exposition (Takt 40):<\/p>\n<div id=\"attachment_4005\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-5.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4005\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4005\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-5.jpg\" alt=\"Abb. 5: Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 40\u201341\" width=\"215\" height=\"270\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-5.jpg 430w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-5-238x300.jpg 238w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4005\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 5: Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 40\u201341<\/p><\/div>\n<p>Hier gibt es zwar keine Schl\u00fcsselprobleme, da die Bratsche im Altschl\u00fcssel verbleibt. Allerdings ergeben sich \u00fcber die tonale Versetzung (Exposition C-dur; Reprise F-dur) hinaus kleine Varianten in der Struktur, die den direkten Vergleich erschweren. Zwar steht das Auftaktachtel der Viola in Takt 40 einerseits im Quintabstand zu dem des Cellos (Cello c, Viola g), was in Takt 178 f\u00fcr die Lesart c spr\u00e4che (Cello F\/c, Viola c), andererseits aber geht bei dieser Lesart der Oktavsprung der Viola (Takt 40 f. <em>g<\/em>&#8211;<em>g<\/em><sup>1<\/sup>, Takt 182 f. <em>b<\/em>&#8211;<em>b<\/em><sup>1<\/sup>) verloren, der motivisch ein markantes Element dieses Satzes bildet. Aber w\u00e4re das b in Takt 182 nicht doch eine ungew\u00f6hnlich harte Dissonanz zu dem F-dur-Dreiklang? Dem kann entgegen gehalten werden, dass sich Sekundreibungen sowohl in Takt 41 (Cello <em>f<\/em><sup>1<\/sup>, Viola <em>g<\/em><sup>1<\/sup>) als auch in Takt 183 (untere T\u00f6ne Cello <em>f<\/em>, Viola <em>e<\/em><sup>1<\/sup>) finden. Es k\u00f6nnte also durchaus sein, dass Schumann ganz bewusst die schon in der Exposition durch die Haltenoten der Violinen auftretende harmonische Spannung in der Reprise noch versch\u00e4rfen wollte. Allerdings l\u00e4sst der Blick auf die Parallelstelle keine eindeutige Schlussfolgerung zu.<\/p>\n<p>Der Herausgeber unserer in K\u00fcrze erscheinenden Neuausgabe der drei Streichquartette Schumanns (Urtext <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Streichquartette+op.+41_873\" target=\"blank\">HN 873<\/a>, Studien-Edition <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Streichquartette+op.+41_9873\" target=\"blank\">HN 9873<\/a>) hat sich daher entschlossen, der Lesart der Erstausgaben den Vorzug zu geben, in einer Fu\u00dfnote jedoch auf die Bemerkungen zu verweisen, wo Quellenlage und Parallelstelle\u00a0erl\u00e4utert werden:<\/p>\n<div id=\"attachment_4012\" style=\"width: 499px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-6.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4012\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4012\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/07\/Abb-6.jpg\" alt=\"Abb. 6 Ausgabe Henle (2014) Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 178\u2013183\" width=\"489\" height=\"256\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4012\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 6 Ausgabe Henle (2014) Satz IV: Allegro molto vivace, Takte 178\u2013183<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freunde des Humoristen Wilhelm Busch erinnern sich sicherlich an die &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/07\/07\/wohin-mit-dem-schlussel-zu-einer-problemstelle-in-schumanns-f-dur-streichquartett\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,88,3,33,314,42,481],"tags":[223,224,226,222,67,694,225,706,10],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3924"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3924"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3924\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3924"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3924"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3924"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}