{"id":4135,"date":"2014-09-15T08:00:25","date_gmt":"2014-09-15T06:00:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4135"},"modified":"2015-05-26T11:04:46","modified_gmt":"2015-05-26T09:04:46","slug":"%e2%80%9ees-ist-g-bravo-und-tausend-dank%e2%80%9c-das-gastebuch-des-gunter-henle-und-eine-falsche-note-bei-beethoven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/09\/15\/%e2%80%9ees-ist-g-bravo-und-tausend-dank%e2%80%9c-das-gastebuch-des-gunter-henle-und-eine-falsche-note-bei-beethoven\/","title":{"rendered":"\u201eEs ist G! Bravo, und Tausend Dank\u201c. Das G\u00e4stebuch des G\u00fcnter Henle (und eine falsche Note bei Beethoven)"},"content":{"rendered":"<p>Zu den engsten K\u00fcnstlerfreunden G\u00fcnter Henles z\u00e4hlte fraglos der Geiger Yehudi Menuhin. Henles Autobiographie <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/download\/weggenosse_des_jahrhunderts.pdf\" target=\"_blank\"><em>Weggenosse des Jahrhunderts. Als Diplomat, Industrieller, Politiker und Freund der Musik<\/em><\/a> enth\u00e4lt zahlreiche unterhaltsame Schilderungen gemeinsamer Erlebnisse mit ihm, von dem er sagte, er sei \u201eauf seinem Instrument wohl einer der gr\u00f6\u00dften Meister, die je gelebt haben\u201c. Oft ging es auch beim Zusammensein beider um konkrete Notentext-Fragen.<!--more--> Henle und seine Urtextausgaben profitierten enorm von Menuhins geradezu intuitivem Gesp\u00fcr f\u00fcr falsche Noten.<\/p>\n<p>\u00dcber ein besonders sch\u00f6nes Beispiel sei hier berichtet. Henle schreibt in seiner Autobiographie (S. 346):<\/p>\n<p>\u201eSo rief Menuhin einmal am Tage eines D\u00fcsseldorfer Konzerts vormittags bei mir an, und wir verabredeten uns zum Mittagessen bei uns in Duisburg. Er bat mich, die Fotokopie des Autographs und der Originalausgabe der <strong>letzten Violinsonate von Beethoven op. 96 <\/strong>mit nach Hause zu bringen; es interessierte ihn, ob darin nicht im letzten Satz Takt 218 in Klavierba\u00df die Note des zweiten Achtels <em>G<\/em> statt, wie in den meisten landl\u00e4ufigen Ausgaben, <em>Gis<\/em> hei\u00dfen m\u00fcsse. Sofort untersuchte ich die Stelle in den Quellen und fand seine Vermutung best\u00e4tigt\u201c.<\/p>\n<div id=\"attachment_4137\" style=\"width: 281px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4137\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4137\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_1.jpg\" alt=\"\" width=\"271\" height=\"228\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_1.jpg 333w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_1-300x252.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 271px) 100vw, 271px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4137\" class=\"wp-caption-text\">Autograph<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_4138\" style=\"width: 254px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4138\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4138\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_2.jpg\" alt=\"\" width=\"244\" height=\"231\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4138\" class=\"wp-caption-text\">Erstausgabe (Steiner)<\/p><\/div>\n<p>G\u00fcnter Henle weiter in seiner Autobiographie: \u201eMenuhin \u2026 war von der raschen Kl\u00e4rung des Falles beeindruckt und sehr befriedigt. Er wollte immer schon <em>G<\/em> von seinem Klavierpartner h\u00f6ren und nicht <em>Gis<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Wann genau und durch wen sich das falsche \u266f-Vorzeichen zu dieser Note in die Text\u00fcberlieferung eingeschlichen hat, k\u00f6nnte recherchiert werden. Der Text in der \u201eAlten Gesamtausgabe\u201c bei <a href=\"http:\/\/daten.digitale-sammlungen.de\/bsb00042338\/image_25\" target=\"_blank\">Breitkopf &amp; H\u00e4rtel<\/a> (1862-65) ist noch korrekt. Ich vermute als Urheberin die 1901 im <a href=\"http:\/\/petrucci.mus.auth.gr\/imglnks\/usimg\/c\/c2\/IMSLP04233-Beethoven_-_Violin_Sonata_No.10__score_.pdf\" target=\"_blank\">Peters Verlag<\/a> (Nummer 8762) erschienene Ausgabe der Violinsonaten Beethovens durch Joseph Joachim, vielfach nachgedruckt und bis heute im Handel (Peters, EP 3031b) \u2013 n\u00e4mlich in der erstmals 1931 erschienenen Ausgabe Walther Davissons \u201enach der Ausgabe von Joseph Joachim\u201c. Joachims Ausgabe wird au\u00dferdem durch den amerikanischen Musikverlag <a href=\"http:\/\/www.internationalmusicco.com\/imc\/search.php\" target=\"_blank\">International Music Company<\/a> (IMC 421) vertrieben und ist daher leider bis heute in den USA (und weit dar\u00fcber hinaus) sehr verbreitet. (Bis in die 1950er-Jahre hinein hatten auch die ersten Auflagen der Urtextausgabe unseres Hauses das falsche <em>Gis \u2013 <\/em>dank Menuhin wurde das dann sofort richtig gestellt).<\/p>\n<p>Dieses falsche <em>Gis<\/em> ist \u00fcbrigens nur eine von vielen bis heute verbreiteten falschen Noten in den Violinsonaten Beethovens, weshalb ich in Konzerten (und Aufnahmen) an diesen Stellen sofort erkennen kann, ob aus \u201eHenle Urtext\u201c musiziert wird oder nicht.<\/p>\n<p>Unsere konkrete Stelle im Finale von op. 96 ist allein schon aus kompositorischen Gr\u00fcnden ein Juwel: Beethoven zitiert n\u00e4mlich mit Beginn des v\u00f6llig \u00fcberraschend einsetzenden Fugatos (ab T. 217) das Hauptthema des Finales, nur erkennt man es nicht, weil es cham\u00e4leonartig verwandelt auftritt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_4139\" style=\"width: 624px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4139\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4139\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_3.jpg\" alt=\"\" width=\"614\" height=\"406\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_3.jpg 1462w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_3-300x198.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_3-1024x677.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 614px) 100vw, 614px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4139\" class=\"wp-caption-text\">Partitur HN 8, Fugato<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_4140\" style=\"width: 633px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_4.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4140\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4140\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_4.jpg\" alt=\"\" width=\"623\" height=\"187\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_4.jpg 1387w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_4-300x89.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/G\u00e4stebuch_4-1024x307.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 623px) 100vw, 623px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4140\" class=\"wp-caption-text\">Partitur HN 8, Thema<\/p><\/div>\n<p>Allein dieser motivische Bezug kl\u00e4rt die Frage G oder Gis. Nun hat sich auch in einem anderen Dokument die Freundschaft zwischen Henle und Menuhin, und insbesondere das Thema \u201eG statt Gis\u201c verewigt; dieses Dokument war bis gestern der interessierten \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich. Seit heute (!) ist es \u00fcber die Webseite des G. Henle Verlags online verf\u00fcgbar: das private <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/guestbook\/\" target=\"_blank\">G\u00e4stebuch von G\u00fcnter und Anne-Liese Henle<\/a>. Mit vorliegendem Beitrag will ich gerne auf dieses au\u00dferordentliche Buch und unsere online-Ver\u00f6ffentlichung davon aufmerksam machen.<\/p>\n<p>Warum ist dieses G\u00e4stebuch so au\u00dferordentlich? Nun, die handschriftlichen Eintragungen der G\u00e4ste, die oftmals auch in der Duisburger Henle-Villa (zum Teil auch mit Henle selbst am Klavier) musizierten, lesen sich wie das \u201eWho is who\u201c der klassischen Musik-Interpreten der damaligen Zeit. Um nur einige wenige der weit \u00fcber 100 Pers\u00f6nlichkeiten zu nennen:<\/p>\n<p>Argerich, Arrau, Backhaus, Barenboim, Bolet, Busch (alle), Fischer, Gieseking, Horszowski, Jochum, Kogan, Milstein, Oistrachs (beide), Rostal, Rubinstein, Schneiderhan, Suk, Szeryng, Zukerman \u2013 und eben Yehudi und Hephzibah Menuhin.<\/p>\n<p>Auf <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/guestbook\/1-0-Gaestebuch.html?seite=15\" target=\"_blank\">Seite 15 des G\u00e4stebuchs<\/a> (1956) findet sich von der Hand Menuhins das Notat der fraglichen Stelle aus Opus 96 von Beethoven und dazu der Jubelruf: \u201eEs ist G! Bravo, und Tausend Dank!\u201c Wie stark sich bei Menuhin die profunde Kl\u00e4rung dieses Textproblems im Zusammenhang mit G\u00fcnter Henle gewisserma\u00dfen eingebrannt hatte, erkennt man dann auf der allerletzten beschriebenen Seite des G\u00e4stebuchs. Wenige Tage nach dem Tod G\u00fcnter Henles (am 13. April 1979) traf Menuhin mit der Witwe Anne-Liese Henle zusammen und notierte auf <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/guestbook\/1-0-Gaestebuch.html?seite=109\" target=\"_blank\">Seite 109<\/a> folgende bewegende Worte: \u201ediese sp\u00e4te Fr\u00fchlingsmusik Beethovens erweist das ewig Neugeborene, Erstaunende. Eine Musik, die immer in meinem Herzen mit dem g\u00fctigsten G\u00fcnter und der liebsten Anne-Liese verbunden bleibt. F\u00fcr die Freundschaft, und die Einigkeit unseres F\u00fchlens und Denkens ewig dankbar. Ihr Yehudi\u201c. Dar\u00fcber noch einmal das Notenincipit von Takt 218 des 4. Satzes aus op. 96, darunter \u201e(der gute (\u266e) <span style=\"text-decoration: underline\">G<\/span>\u00fcnter)\u201c.<\/p>\n<p>Warum Yehudi Menuhin dann bei seiner Aufnahme von 1970 seinem Pianisten Wilhelm Kempff ausgerechnet das falsche <em>Gis<\/em> in Takt 218 durchgehen lie\u00df, wird f\u00fcr immer ein R\u00e4tsel bleiben. Hier zum Abschluss die Menuhin-Kempff-Aufnahme dieses wundervollen Variationssatzes (Beethoven, Violinsonate G-dur, op. 96, 4. Satz):<\/p>\n<p>http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mKOGus2I0xQ<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den engsten K\u00fcnstlerfreunden G\u00fcnter Henles z\u00e4hlte fraglos der Geiger &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/09\/15\/%e2%80%9ees-ist-g-bravo-und-tausend-dank%e2%80%9c-das-gastebuch-des-gunter-henle-und-eine-falsche-note-bei-beethoven\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,347,339,3,484,240],"tags":[7,239,94,712],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4135"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4135"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4135\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10654,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4135\/revisions\/10654"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4135"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4135"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4135"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}