{"id":4154,"date":"2014-09-29T08:00:30","date_gmt":"2014-09-29T06:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4154"},"modified":"2021-03-04T11:32:33","modified_gmt":"2021-03-04T10:32:33","slug":"komponieren-leicht-gemacht-zu-erik-saties-%e2%80%9enocturnes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/09\/29\/komponieren-leicht-gemacht-zu-erik-saties-%e2%80%9enocturnes\/","title":{"rendered":"Komponieren leicht gemacht? Zu Erik Saties \u201eNocturnes\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht zu Unrecht haftet Satie das Etikett des Au\u00dfenseiters an. Von seinen fr\u00fchesten Kompositionen an war er auf der Suche nach Alternativen zur tonalen Harmonik, die zu Beginn seiner Ausbildung am Pariser Conservatoire (1879\u201387) noch unumstrittene Konvention war. Diese Suche zieht sich wie ein roter Faden durch sein Gesamtwerk, und zwar ganz unabh\u00e4ngig von der stilistischen Orientierung der einzelnen Werke, die ja bekanntlich von mittelalterlichen und exotischen Ankl\u00e4ngen bis zur damals popul\u00e4ren Kabarettmusik reicht.<!--more--><\/p>\n<p>Ein wichtiges Hilfsmittel f\u00fcr die konkrete Ausgestaltung der Zusammenkl\u00e4nge waren selbstentworfene harmonische \u00dcbersichten und Tabellen, die sich im umfangreichen Nachlass Saties erhalten haben und von Robert Orledge in seiner Abhandlung <a href=\"http:\/\/books.google.de\/books?id=QJ9OAAAAIAAJ&amp;printsec=frontcover&amp;hl=de&amp;source=gbs_ge_summary_r&amp;cad=0#v=onepage&amp;q&amp;f=false\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Satie the Composer<\/em><\/a> (1990) ausf\u00fchrlich beschrieben wurden.<\/p>\n<p>Die innerhalb der Arbeitshefte zu den \u201eNocturnes\u201c (1919) hinterlassenen Pl\u00e4ne und Schemata deuten auf ein w\u00e4hrend der Komposition entwickeltes und modifiziertes System, um das Zusammenspiel von Melodie (rechte Hand) und Begleitung (linke Hand) innerhalb des vorgegebenen tonalen Rahmens \u2013 f\u00fcr Nr.1 bis Nr. 3 D-dur, f\u00fcr Nr. 4 A-dur\/fis-moll, f\u00fcr Nr.\u00a05\u20137 geplant F-dur \u2013 rigoros zu steuern.<\/p>\n<p>Vor der ersten Niederschrift der \u201eNocturne\u201c Nr. 2 notierte sich Satie im entsprechenden Arbeitsheft folgenden Plan:<\/p>\n<div id=\"attachment_4155\" style=\"width: 636px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4155\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4155\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb1.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"449\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4155\" class=\"wp-caption-text\">Paris, Biblioth\u00e8que nationale de France, Ms. 9666, S. 5<\/p><\/div>\n<p>\u00dcber dem Schema findet sich die Notiz: \u201eHarmonie: \u00fcber gro\u00dfe Sekunde, reine Quarten und Quinten; manchmal k\u00f6nnen diese Intervalle auch erh\u00f6ht oder vermindert werden; keine reine Oktave mehr, niemals die Oktave.\u201c Darunter, direkt neben dem Plan: \u201eQuarte bevorzugt vor der Quinte verwenden.\u201c<\/p>\n<p>Damit sind die Leitlinien bereits formuliert, im Plan selbst werden die M\u00f6glichkeiten der Zusammenkl\u00e4nge von Sekunden (Septimen), Quinten und Quarten auf den verschiedenen Stufen der D-dur-Tonleiter entsprechend bewertet: von \u201ebon\u201c (gut, vier M\u00f6glichkeiten) \u00fcber \u201epassable\u201c (leidlich, drei M\u00f6glichkeiten) bis zu \u201efaible\u201c (schwach) und \u201etr\u00e8s mauvais\u201c (sehr schlecht, je zwei M\u00f6glichkeiten).<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte annehmen, dass eine solche Rationalisierung der Harmonik das Komponieren f\u00fcr Satie erleichtert haben m\u00fcsse \u2013 angesichts der zahlreichen abgebrochenen Versuche, Fragmente und Korrekturen in den Arbeitsheften zu den \u201eNocturnes\u201c scheint aber gerade das Gegenteil der Fall zu sein. In der Praxis zeigte sich, dass er h\u00e4ufig seine selbstgesetzten Regeln brechen und aus Gr\u00fcnden der Ausgewogenheit, der Stimmf\u00fchrung usw. auch Zusammenkl\u00e4nge mit Prim\/Oktav oder Sext\/Terz einf\u00fchren musste<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Herausgeber seiner Musik ist das Edieren durch solche Tabellen und Systeme keineswegs einfacher geworden. Denn insbesondere die M\u00f6glichkeit, Intervalle auch in verminderter und \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Form zu benutzen, f\u00fchrt, da Satie leider \u00f6fter Vorzeichen verga\u00df, zu fragw\u00fcrdigen Stellen im Notentext.<\/p>\n<p>Einige der Vorzeichen lassen sich, wie nachstehendes Beispiel aus der 2. Nocturne (Takte 15\u201316) zeigt, in unserer in K\u00fcrze erscheinenden Neuausgabe (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Nocturnes_1205\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">HN 1205<\/a>) relativ problemlos erg\u00e4nzen (siehe Vorzeichen in runden Klammern).<\/p>\n<div id=\"attachment_4156\" style=\"width: 634px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4156\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4156\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb2.jpg\" alt=\"\" width=\"624\" height=\"180\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb2.jpg 1084w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb2-300x86.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb2-1024x294.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4156\" class=\"wp-caption-text\">HN 1205, Nr. 2, Takte 15-16<\/p><\/div>\n<p>Bei anderen Stellen ist es dagegen nur schwer oder gar nicht zu entscheiden, welches Intervall das gemeinte ist. Eine dieser Stellen sei hier kurz vorgestellt:<\/p>\n<div id=\"attachment_4157\" style=\"width: 634px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb3.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4157\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4157\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb3-e1411718369899.jpg\" alt=\"\" width=\"624\" height=\"202\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4157\" class=\"wp-caption-text\">HN 1205, Nr. 2, Takte 13\u201314<\/p><\/div>\n<p>Es geht in Takt 14 um das letzte Achtel vor dem \u201eLarge\u201c, laut Tonartvorzeichnung haben wir auf der Basis der Bassoktave D\/d oben den Zusammenklang von e<sup>1<\/sup>\/b<sup>1<\/sup>\/e<sup>2<\/sup>. Dies ist im Kontext der Harmonik der gesamten Passage sehr ungew\u00f6hnlich. W\u00e4hrend die bereits zuvor aufgel\u00f6ste Oktave als e<sup>1<\/sup>\/e<sup>2<\/sup> unstrittig ist (Satie vermied konsequent kleine Sekunden, s. Bass), erscheint das b<sup>1<\/sup> der Unterstimme als st\u00f6rend, denn im \u201ePlus lent\u201c-Abschnitt haben wir sonst nur reine Quarten. Au\u00dferdem ergibt die Kombination e<sup>1<\/sup>\/b<sup>1<\/sup>\/e<sup>2<\/sup> trotz \u201efalschen\u201c Basses (d statt c) eine Dominant-Leitt\u00f6nigkeit, die Satie eigentlich aus seinem Komponieren ausschlie\u00dfen wollte. Liegt demnach ein simpler Druckfehler vor? Offenbar nicht, denn auch in der erw\u00e4hnten autographen Niederschrift setzt Satie das Aufl\u00f6sungszeichen erst drei Achtel sp\u00e4ter (zum Klang a<sup>1<\/sup>\/h<sup>1<\/sup>, um die kleine Sekunde zu vermeiden).<\/p>\n<div id=\"attachment_4158\" style=\"width: 631px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb4Pfeil.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4158\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4158\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/09\/Satie_Abb4Pfeil.jpg\" alt=\"\" width=\"621\" height=\"444\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4158\" class=\"wp-caption-text\">Paris, Biblioth\u00e8que nationale de France, Ms. 9666, S. 8<\/p><\/div>\n<p>Von Saties System her ist sicherlich das b<sup>1<\/sup> falsch, aber umgekehrt kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Komponist hier bewusst dagegen verstie\u00df, um durch Leitt\u00f6nigkeit (e<sup>2<\/sup> l\u00f6st sich ja tats\u00e4chlich nach f<sup>2<\/sup> auf) den dynamischen H\u00f6hepunkt der Passage auch harmonisch hervorzuheben. Letztlich ist diese Stelle nicht sicher zu kl\u00e4ren, so dass sich der Herausgeber unserer Neuausgabe, der Satie-Spezialist Ulrich Kr\u00e4mer, entschloss, mit einer Fu\u00dfnote auf die Bemerkung zu verweisen, wo die M\u00f6glichkeit eines vergessenen \u266e (also h<sup>1<\/sup> statt b<sup>1<\/sup>) er\u00f6rtert wird.<\/p>\n<p>Wer nun Lust bekommen hat, die \u201eNocturnes\u201c zu h\u00f6ren, dem sei die nachfolgende Aufnahme empfohlen (Pascal Rog\u00e9, Nocturnes 1\u20135, Aufnahme 1988)<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Erik Satie: Nocturnes (Pascal Rog\u00e9)\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/tR627jMtu40?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Nicht zu Unrecht haftet Satie das Etikett des Au\u00dfenseiters &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/09\/29\/komponieren-leicht-gemacht-zu-erik-saties-%e2%80%9enocturnes\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[87,301,3,485,33,313],"tags":[242,241,64],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4154"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4154"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9289,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4154\/revisions\/9289"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}