{"id":4191,"date":"2014-10-27T08:00:26","date_gmt":"2014-10-27T07:00:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4191"},"modified":"2015-05-26T11:18:31","modified_gmt":"2015-05-26T09:18:31","slug":"das-neue-verzeichnis-der-werke-ludwig-van-beethovens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2014\/10\/27\/das-neue-verzeichnis-der-werke-ludwig-van-beethovens\/","title":{"rendered":"Das neue Verzeichnis der Werke Ludwig van Beethovens"},"content":{"rendered":"<p>Am 1. November 2014 erscheint im G. Henle Verlag ein knapp 2.000 Seiten starkes, zweib\u00e4ndiges Buch \u2013 f\u00fcr unser Haus, in dem fast ausschlie\u00dflich Notenausgaben ver\u00f6ffentlicht werden, ein rares und daher besonderes Ereignis. Es handelt sich um ein <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ludwig+van+Beethoven_2207\" target=\"_blank\">neues Verzeichnis der Werke Ludwig van Beethovens<\/a>, das den als \u201eKinsky-Halm\u201c bekannten Vorg\u00e4nger von 1955, immerhin auch schon etwa 900 Seiten stark, abl\u00f6st.<\/p>\n<p><!--more-->Werkverzeichnisse aus dem Hause G. Henle \u2013 wir haben sie neben Beethoven f\u00fcr Brahms, Schumann und Reger ver\u00f6ffentlicht, und in wenigen Jahren wird auch eines zu Bart\u00f3k dazu sto\u00dfen \u2013 sollen Diener vieler Herren sein. An sie richten sich Musiker, wenn sie zum Beispiel etwas \u00fcber die Entstehungsgeschichte von Kompositionen erfahren wollen. Aus gleichem Grund liest auch ein Journalist in ihnen, aber auch, um sich etwa \u00fcber den Widmungstr\u00e4ger eines Werkes zu erkundigen. Musikwissenschaftler informieren sich zu \u00fcberlieferten musikalischen Quellen \u2013 Handschriften und Drucken \u2013, die besonders die Editoren von wissenschaftlichen Notenausgaben interessieren. Antiquare ermitteln mit Hilfe der Werkverzeichnisse regelm\u00e4\u00dfig die Bedeutung und damit den Wert eines Druckes, den sie verkaufen oder versteigern wollen, und Bibliothekare schlie\u00dflich wollen unter anderem wissen, ob eine Ausgabe oder eine Handschrift aus einem zu katalogisierenden Nachlass so kostbar ist, dass sie in den Tresor und nicht ins Magazinregal geh\u00f6rt.<\/p>\n<div id=\"attachment_4192\" style=\"width: 341px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/BeethovenWV_Ansicht_L06.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4192\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-4192 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/BeethovenWV_Ansicht_L06-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"331\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/BeethovenWV_Ansicht_L06-768x1024.jpg 768w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/BeethovenWV_Ansicht_L06-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/BeethovenWV_Ansicht_L06.jpg 897w\" sizes=\"(max-width: 331px) 100vw, 331px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4192\" class=\"wp-caption-text\">Das neue Verzeichnis der Werke Ludwig van Beethovens<\/p><\/div>\n<p>Immer wieder wurden in den vielen Jahren der Vorbereitung des neuen Beethoven Werkverzeichnisses die Herausgeber (Kurt Dorfm\u00fcller, Norbert Gertsch und Julia Ronge) dieses Grundlagenwerks gefragt, ob sich denn bei einem \u201eso gut erforschten\u201c Komponisten \u00fcberhaupt nach 1955 der Aufwand lohnte, ein neues Verzeichnis zu erarbeiten. Ist nicht zu Beethoven schon alles gesagt? An drei Beispielen m\u00f6chte ich daher im Folgenden zeigen, dass es der M\u00fche wert war:<\/p>\n<p>(1) Sie kennen die zwei Klaviertrios op. 70, besonders das wundervolle \u201eGeistertrio\u201c op. 70 Nr. 1, das seinen Namen dem mysteri\u00f6sen \u201eLargo assai e espressivo\u201c-Mittelsatz verdankt?<br \/>\n(Ganz nebenbei: H\u00e4tten Sie die Opuszahl des \u201eGeistertrios\u201c nicht gewusst und im alten Werkverzeichnis von 1955 nach diesem Werk gesucht, h\u00e4tte Sie das Finden einige M\u00fche gekostet. Denn dort wird der Popul\u00e4rtitel des Trios an keiner Stelle genannt, geschweige denn erl\u00e4utert. Im neuen Verzeichnis schlagen Sie das Register der Popul\u00e4rtitel auf und werden f\u00fcndig. Und die Erkl\u00e4rung des Titels findet sich dann im Eintrag zu Op. 70. Aber das wirklich nur en passant.)<br \/>\nInteressiert man sich f\u00fcr die \u00fcberlieferten handschriftlichen musikalischen Quellen zum \u201eGeistertrio\u201c, findet man im 1955er Werkverzeichnis von Kinsky-Halm ein paar ern\u00fcchternde Hinweise: Der Besitzer von Beethovens eigener Werkniederschrift war damals nicht zu ermitteln. Dieses Autograph war 1950 in New York verkauft worden und stand der Forschung nicht mehr zur Verf\u00fcgung. Der Fundort einer weiteren wichtigen Quelle, einer vom Komponisten Korrektur gelesenen, sogenannten \u00fcberpr\u00fcften Abschrift der Klavierstimme, die noch im 19. Jahrhundert nachweisbar war, konnte ebenfalls nicht mehr genannt werden, er war unbekannt.<\/p>\n<div id=\"attachment_4193\" style=\"width: 604px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/op70.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4193\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4193\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/op70.jpg\" alt=\"\" width=\"594\" height=\"453\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/op70.jpg 594w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/op70-300x228.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 594px) 100vw, 594px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4193\" class=\"wp-caption-text\">Klaviertrio D-dur, op. 70 Nr.1, Autograph, Quelle: The Morgan Library<\/p><\/div>\n<p>Die Legende der obigen Abbildung verr\u00e4t es schon: Der Fundort des Autographs ist heute bekannt und die <a href=\"http:\/\/www.themorgan.org\/music\/manuscript\/114206\" target=\"_blank\">Quelle <\/a>ist sogar vollst\u00e4ndig digitalisiert im Internet aufrufbar. Das Manuskript war 1950 an Mary Flagler Cary verkauft und 1968 von der Morgan Library in New York erworben worden. Auch die \u00fcberpr\u00fcfte Abschrift der Klavierstimme ist wieder aufgetaucht. Sie findet sich heute im Beethoven-Haus in Bonn und kann ebenfalls <a href=\"http:\/\/www.beethoven-haus-bonn.de\/sixcms\/detail.php?id=15123&amp;template=dokseite_digitales_archiv_de&amp;_dokid=wm139&amp;_seite=1-1\" target=\"_blank\">online<\/a> vollst\u00e4ndig eingesehen werden. Man erwarb sie dort 1991, nachdem sie \u00fcber Pressburg, Budapest und M\u00fcnchen ihren Weg zum Tutzinger Antiquar Hans Schneider gefunden hatte. All dies ist dem Spezialisten, der sich selbst auf die Suche nach den Quellen gemacht hat, heute nat\u00fcrlich bekannt, ebenso wie die Tatsache, dass sich im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien auch eine \u00fcberpr\u00fcfte Abschrift aller Stimmen zum Trio op. 70 Nr. 2 findet, das dem Werkverzeichnis des 20. Jahrhunderts im Gegensatz zu demjenigen von 2014 gar nicht bekannt war. Der Leser des letztgenannten braucht nun allerdings nicht weiter nach Informationen zu suchen.<\/p>\n<p>(2) Neben der Aufarbeitung des Bestandes an handschriftlichen Quellen widmet sich das neue Werkverzeichnis auch den Neubewertungen von fr\u00fchen Drucken zu Beethovens Kompositionen. Vom ber\u00fchmten 5. Klavierkonzert in Es-dur, op. 73, nahm man 1955 an, dass es im Februar 1811 zuerst bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel in Leipzig im Druck erschienen sei. F\u00fcr Sammler, aber auch f\u00fcr quellentreue Musiker und Editoren, hat diese Ausgabe (in Stimmen) also einen sehr gro\u00dfen Wert, viel h\u00f6her als ein beliebiger Nachdruck, wie etwa die im alten \u201eKinsky-Halm\u201c als solcher eingestufte Ausgabe, die nur eine Zeile im Verzeichnis wert war: \u201eNachdruck: London, Clementi &amp; Co. (1811?, als Op. 64).\u201c<br \/>\nHeute wissen wir und das Werkverzeichnis von 2014 stellt es dar, dass dieser \u201eNachdruck\u201c die eigentliche \u201eErstausgabe\u201c des Klavierkonzerts war. Sie erschien nachweislich bereits im November 1810, also vier Monate vor der Ausgabe bei Breitkopf, und sie ist ein von Beethoven selbst in die Wege geleiteter, autorisierter Druck \u2013 eine Originalausgabe.<\/p>\n<div id=\"attachment_4194\" style=\"width: 618px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Op73EA.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4194\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-large wp-image-4194 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Op73EA-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"608\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Op73EA-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Op73EA-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Op73EA.jpg 1035w\" sizes=\"(max-width: 608px) 100vw, 608px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4194\" class=\"wp-caption-text\">Ausschnitt aus dem neuen Werkverzeichnis - Originalausgabe zu Op. 73<\/p><\/div>\n<p>(3) W\u00e4hrend das neue Werkverzeichnis vor allem den aktuellen Stand der Beethoven-Forschung zusammentr\u00e4gt, so konnte doch auch dar\u00fcber hinaus Neues kundgetan werden. Unter der Werknummer WoO 120 listet das Werkverzeichnis von 1955 das Lied \u201eMan strebt, die Flamme zu verhehlen\u201c eines unbekannten Dichters, das Beethoven laut Aufschrift auf dem \u00fcberlieferten Autograph f\u00fcr die Schauspielerin und B\u00fchnendichterin Johanna Franul von Wei\u00dfenthurn (1776\u20131847) komponiert hatte. Eine etwas intensivere Recherche in Wei\u00dfenthurns \u0152uvre brachte nun zutage, dass die Empf\u00e4ngerin des Autographs auch die Dichterin des Liedtextes ist. In Ihrem Lustspiel \u201eDas Nachspiel\u201c singt die Protagonistin Leonore (!), sich selbst am Klavier begleitend, das Lied, das Beethoven vermutlich f\u00fcr die Premiere des Schauspiels im Jahr 1800 am Burgtheater in Wien komponierte. Damit war nicht nur die Frage nach der Textvorlage gekl\u00e4rt, im neuen Werkverzeichnis konnte auch die bisher vermutete Entstehungszeit \u201eum 1795\u201c auf \u201ewohl 1800\u201c korrigiert werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_4202\" style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Franul1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4202\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4202\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Franul1.jpg\" alt=\"\" width=\"249\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Franul1.jpg 458w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2014\/10\/Franul1-182x300.jpg 182w\" sizes=\"(max-width: 249px) 100vw, 249px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4202\" class=\"wp-caption-text\">Johanna Franul von Wei\u00dfenthurn: \u201eDas Nachspiel\u201c (Ausschnitt)<\/p><\/div>\n<p>An diesen wenigen Beispielen zeichnet sich hoffentlich bereits ab, warum sich nach fast 60 Jahren die Erarbeitung eines neuen Verzeichnisses der Werke Beethovens lohnte. Sie wollen mehr wissen? Dann schauen Sie sich doch auf unserer Website die zahlreichen <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Ludwig+van+Beethoven_2207\" target=\"_blank\">Leseproben <\/a>an, die wir f\u00fcr Sie bereitgestellt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 1. November 2014 erscheint im G. 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