{"id":4363,"date":"2015-02-02T08:00:52","date_gmt":"2015-02-02T07:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.henle.de\/blog\/de\/?p=4363"},"modified":"2015-05-26T12:13:22","modified_gmt":"2015-05-26T10:13:22","slug":"beethovens-%e2%80%9eunvollendete%e2%80%9c-kompositionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/02\/02\/beethovens-%e2%80%9eunvollendete%e2%80%9c-kompositionen\/","title":{"rendered":"Beethovens \u201eUnvollendete\u201c (Kompositionen)"},"content":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven geh\u00f6rt unter den Gro\u00dfmeistern zu denjenigen Komponisten, die sehr umfangreiches Skizzenmaterial hinterlassen haben. Wie viele Bl\u00e4tter erhalten sind, l\u00e4sst sich kaum ermitteln, denn nicht alles ist \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich. Meine pers\u00f6nliche Sch\u00e4tzung liegt bei 5000 Bl\u00e4ttern. Dieses Material birgt einen gro\u00dfartigen Fundus an Skizzen zu bekannten Werken, aber auch viel Unbekanntes.<!--more--><\/p>\n<p>Als man am 5. Mai 1827 in Wien Beethovens Nachlass versteigerte, war ein Gro\u00dfteil der Auktion Manuskripten gewidmet, die \u201eEigenh\u00e4ndige Notirungen und Notirb\u00fccher\u201c waren oder \u201eBrauchbare Skizzen, Fragmente und zum Theil unvollstaendige Werke, noch ungedruckt und eigenhaendig geschrieben\u201c. Bei den \u201eNotirungen und Notirb\u00fcchern\u201c handelte es sich um ca 50 B\u00fccher und Hefte mit von Beethoven zusammengebundenen Skizzenbl\u00e4ttern. Einige von ihnen waren sehr umfangreich, besonders dick das Buch \u201eMendelssohn 15\u201c, fast ausschlie\u00dflich mit Skizzen zu Beethovens einziger Oper \u201eLeonore\u201c bzw. \u201eFidelio\u201c auf 173 Bl\u00e4ttern.<\/p>\n<p>Der Komponist war 1798 dazu \u00fcbergegangen, seine Werke in selbst gebundenen Tischskizzenb\u00fcchern und Taschenskizzenheften zu skizzieren statt auf losen Bl\u00e4ttern. Diese B\u00fccher und Hefte sollten ihn zeit seines Lebens begleiten, er bewahrte sie bis zu seinem Tode auf, auch wenn die darin entworfenen Kompositionen l\u00e4ngst das Licht der Welt erblickt hatten. Denn h\u00e4ufig befanden sich darin auch Ideen und Notierungen, die unausgearbeitet waren und zu sp\u00e4terer Zeit vielleicht einmal einen Zweck erf\u00fcllen konnten. Aus demselben Grund bewahrte er auch die zahlreichen losen Bl\u00e4tter auf, die sich vor 1798 bei ihm angesammelt hatten.<\/p>\n<p>Bei der Nachlassversteigerung st\u00fcrzten sich nun Verlage, allen voran der Wiener Verlag von Domenico Artaria, auch auf dieses lose Material in der Hoffnung, vielleicht unbekannte Perlen darunter zu finden, die sich noch lukrativ ver\u00f6ffentlichen lie\u00dfen. Doch die Ausbeute war gering. Werfen wir einen Blick in das wohl ber\u00fchmteste B\u00fcndel an losen Bl\u00e4ttern, den sogenannten \u201eKafka Miscellany\u201c (oder \u201eKafka Skizzenkonvolut\u201c), die sich heute in der British Library in London befinden. Dieser \u201eGemischtwarenladen\u201c an Manuskripten, immerhin 124 Bl\u00e4tter stark, stammt aus dem Fundus der Verlags Artaria und beinhaltet nur sehr wenige vollst\u00e4ndige Werkniederschriften.<\/p>\n<div id=\"attachment_4364\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-62v-Abb.1.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4364\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4364\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-62v-Abb.1.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"455\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-62v-Abb.1.jpg 1666w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-62v-Abb.1-300x220.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-62v-Abb.1-1024x751.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4364\" class=\"wp-caption-text\">Autograph des Chorlieds &quot;O care selve, oh cara&quot; WoO 119 im Kafka-Skizzenkonvolut, Blatt 62v, British Library, London<\/p><\/div>\n<p>Immerhin finden sich z.B. eine Sonatine aus dem Jahr 1786 f\u00fcr Mandoline und Cembalo WoO 43a, ein Trinklied \u201eErhebt das Glas mit froher Hand\u201c WoO 109 von 1791\/92, ein nur 20 Takte langes Lied \u201eDer freie Mann\u201c WoO 117, das in zwei vollst\u00e4ndigen Fassungen aus den Jahren 1792 und 1794\/95 notiert ist, oder ein 28 Takte langes Chorlied \u201eO care selve, oh cara\u201c WoO 119 (siehe die Abbildung oben), ebenfalls aus 1794\/95. Aus dieser fr\u00fchen Wiener Zeit stammt auch eine dreistimmige Fuge f\u00fcr Klavier WoO 215.<\/p>\n<p>Eine vielleicht interessantere Gruppe von Niederschriften betrifft jedoch die von Beethoven unvollst\u00e4ndig hinterlassenen Werke. Nicht immer ist hierbei festzustellen, ob diese Kompositionen tats\u00e4chlich nie fertig komponiert wurden oder ob uns heute einfach nur Teile dieser vollst\u00e4ndigen Niederschriften verloren gegangen sind.<\/p>\n<p>Ein inzwischen recht ber\u00fchmtes Beispiel einer solchen unvollst\u00e4ndigen \u00dcberlieferung, in diesem Fall vielleicht wirklich ein unvollendetes Werk, ist das \u201eDuo mit zwei obligaten Augengl\u00e4sern\u201c f\u00fcr Viola und Violoncello <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Duett+mit+zwei+obligaten+Augengl%C3%A4sern+Es-dur+WoO+32+f%C3%BCr+Viola+und+Violoncello+_944\" target=\"_blank\">WoO 32<\/a>. Es besteht aus zwei S\u00e4tzen, einem schnellen Sonatensatz und einem Menuett, die Beethoven an unterschiedlichen Stellen im \u201eKafka-Konvolut\u201c niederschrieb. Obwohl neben der ungew\u00f6hnlichen Besetzung auch vorhandenes Skizzenmaterial den Verdacht erh\u00e4rten, dass beide St\u00fccke zusammengeh\u00f6ren, ist bis heute unklar, was es mit den von Beethoven notierten 23 Takten eines weiteren St\u00fccks auf sich hat, die er im Anschluss an den 1. Satz notierte. War dieses St\u00fcck als Ersatz f\u00fcr das Menuett gedacht? Oder als zus\u00e4tzliches St\u00fcck, um vielleicht aus den drei S\u00e4tzen eine Sonate zusammenzustellen? Ist die Einheit aus den zwei vollst\u00e4ndig erhaltenen St\u00fccken in einem \u201eDuo\u201c also eigentlich von Beethoven so gewollt?<\/p>\n<div id=\"attachment_4365\" style=\"width: 621px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-137v-Abb.-2.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4365\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4365\" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-137v-Abb.-2.jpg\" alt=\"\" width=\"611\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-137v-Abb.-2.jpg 1597w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-137v-Abb.-2-300x220.jpg 300w, https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/01\/Beethoven-f.-137v-Abb.-2-1024x752.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 611px) 100vw, 611px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4365\" class=\"wp-caption-text\">Fragment von 23 Takten f\u00fcr Viola und Violoncello, vermutlich zum Duo WoO 32 geh\u00f6rend, Kafka-Skizzenkonvolut, Blatt 137v, British Library, London<\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend das Duo in einer auff\u00fchrbaren Version vorliegt, da ja beide S\u00e4tze vollst\u00e4ndig notiert wurden (wenn auch Dynamik gar nicht und Artikulation nur sporadisch gesetzt sind), fehlen anderen Kompositionen im Skizzenkonvolut entscheidende Teile. Das trifft auf die in ihrer Besetzung ebenfalls sehr ungew\u00f6hnliche <em>Romance cantabile<\/em> f\u00fcr Querfl\u00f6te, Fagott, Klavier und Orchester WoO 207 ebenso zu wie auf das <em>Duo<\/em> f\u00fcr Violine und Violoncello Unv 8 (Z\u00e4hlung nach dem neuen <a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Dorfm%C3%BCller%2FGertsch%2FRonge%3A+Ludwig+van+Beethoven_2207\" target=\"_blank\">Beethoven-Werkverzeichnis<\/a>). Die Romanze ist nur in einem 57 Takte langen Minore-Teil erhalten, w\u00e4hrend der folgende Maggiore-Teil nach vier Takten abbricht. Indizien sprechen daf\u00fcr, dass dieser Satz einmal vollst\u00e4ndig erhalten war, aber auch, dass er der Mittelsatz eines gr\u00f6\u00dferen ausgef\u00fchrten Werks war. So, wie die Romance heute vorliegt, ist sie ohne fremde Vervollst\u00e4ndigung jedenfalls noch nicht einmal als Konzertsatz auff\u00fchrbar.<\/p>\n<div id=\"attachment_4371\" style=\"width: 381px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/02\/HN_1265_A_Beethoven.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-4371\" decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"size-full wp-image-4371 \" src=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/files\/2015\/02\/HN_1265_A_Beethoven.jpg\" alt=\"\" width=\"371\" height=\"475\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4371\" class=\"wp-caption-text\">Eine Seite aus der neuen Urtextausgabe des Duos f\u00fcr Violine und Violoncello Unv 8<\/p><\/div>\n<p>Das Duo f\u00fcr Violine und Violoncello Unv 8 w\u00fcrde ein \u00e4hnliches Schicksal ereilen. Von dem Sonatensatz ist lediglich eine Exposition erhalten, die am Ende einer Seite abbricht und anschlie\u00dfend nirgendwo im Konvolut oder sonstwo eine Fortsetzung erf\u00e4hrt. Im Gegensatz zur Romance k\u00f6nnen wir hier nicht sicher sein, dass jemals ein vollst\u00e4ndiger Satz vorlag. Umso erfreulicher, dass wir dennoch als eine der ersten Ver\u00f6ffentlichungen des Jahres 2015 dieses Duo in einer auff\u00fchrbaren Fassung ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnen (<a href=\"http:\/\/www.henle.de\/de\/detail\/index.html?Titel=Duo+f%C3%BCr+Violine+und+Violoncello%2C+Fragment_1265\" target=\"_blank\">HN 1265<\/a>). Dies verdanken wir Robert Levin, der auf der Basis des Vorhandenen den Satz vervollst\u00e4ndigte und dem Duorepertoire f\u00fcr Violine und Violoncello somit ein kleines Juwel hinzuf\u00fcgte, das den Musikern hoffentlich Vergn\u00fcgen bereitet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ludwig van Beethoven geh\u00f6rt unter den Gro\u00dfmeistern zu denjenigen Komponisten, &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.henle.de\/de\/2015\/02\/02\/beethovens-%e2%80%9eunvollendete%e2%80%9c-kompositionen\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4364,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[293,501,499,3,24,500,502],"tags":[7,263,265,264],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4363"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4363"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4363\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4364"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4363"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4363"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.henle.de\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4363"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}